Am letzten Sonntag war das zivile U-Boot Titan des Unternehmens OceanGate im Nordatlantik kurz nach dem Abtauchen implodiert, wobei alle fünf Menschen an Bord getötet wurden. Seither sind Details über die vielen Warnungen von Experten über den unsicheren Zustand des Tauchboots ans Licht gekommen.
Am Donnerstagmorgen wurden auf dem Meeresboden in etwa 480 Metern Entfernung vom Bug des Dampfers RMS Titanic große Trümmerteile des 6,70 Meter langen Titan-Tauchboots gefunden, darunter der Heckkonus. Die 1912 gesunkene Titanic war das Ziel der Expedition von OceanGate.
Das Trümmerfeld des OceanGate-U-Boots wurde von einem ferngesteuerten Unterwasserfahrzeug (ROV) entdeckt. Die Trümmer deuten laut Konteradmiral John Mauger von der US-Küstenwache auf einen „katastrophalen Verlust der Druckkammer“ hin.
Auf die Frage. ob die Opfer geborgen werden könnten, erklärte Admiral Mauger, er habe keine Antwort, fügte aber hinzu: „Das dort unten auf dem Meeresboden ist eine unglaublich unbarmherzige Umgebung.“
Nachdem die Küstenwache auf Twitter die Entdeckung durch das ROV bekanntgegeben hatte, veröffentlichte OceanGate eine Erklärung, in der es hieß, der Mitbegründer und CEO des Unternehmens, Stockton Rush (61), der pakistanische Geschäftsmann Shahzada Dawood (48), dessen Sohn Suleman Dawood (19), der britische Milliardär und Forscher Hamish Harding (58) und der Tiefseeforscher und Titanic-Experte Paul-Henri Nargeolet (77) seien „auf traurige Weise verstorben“.
Mit der Entdeckung der Trümmer endete eine fünftägige ununterbrochene internationale Rettungsoperation. An der Suche waren die US-Küstenwache, die US Navy, die kanadische Küstenwache und zahlreiche Privatunternehmen beteiligt. Sie suchten ein Seegebiet ab, das doppelt so groß war wie der US-Bundesstaat Connecticut und vier Kilometer tief.
Der Fernsehsender KPTV aus Portland (Oregon) berichtete, die Niederlassungen von OceanGate für den pazifischen Nordwesten in Everett (Washington) seien auf unbestimmte Zeit geschlossen worden, „während die Mitarbeiter den tragischen Verlust ihres Teammitglieds verarbeiten“.
Zwar haben weder die Küstenwache noch das Unternehmen Details über die Implosion des U-Boots veröffentlicht, doch Experten für die Erforschung der Tiefsee und für die Auswirkungen des Wasserdrucks in 3.800 Metern Tiefe, wo sich das Wrack der Titanic befindet, haben sich in den Medien über den wahrscheinlichen Ablauf der Ereignisse geäußert. In einer solchen Tiefe beträgt der Druck etwa 400 Atmosphären oder 2,5 Tonnen pro Quadratzoll.
Bob Ballard, Professor für Ozeanografie an der University of Rhode Island und Mitglied des Teams, das 1985 das Wrack der Titanic entdeckt hatte, erklärte gegenüber ABC News: „Ich glaube nicht, dass die Leute sich die unglaubliche Energie vorstellen können, die am Zerstörungsprozess bei einer Implosion beteiligt ist. Dabei wird buchstäblich alles zerstört und zerrissen.“
Eric Fusil, Direktor des Shipbuilding Hub an der Universität von Adelaide in Australien, erklärte gegenüber ABC, der Rumpf der Titan habe aus Verbundwerkstoff mit eingebauten Sensoren bestanden, der zwar dem hohem Druck in der Nähe des Meeresbodens standhalten könne, doch jeder Defekt könne in weniger als 40 Millisekunden eine „nahezu sofortige Implosion“ auslösen.
Es kamen Fragen nach der unkonventionellen zylinderförmigen Bauweise der Titan auf. Bei den meisten U-Booten dieser Art sind die Kabinen kugelförmig, was als perfekte Form für ein Tauchboot gilt, das dem immensen Wasserdruck standhalten muss, der auf alle Bereiche einwirkt. Bei einer länglichen Kabinenform erhöht sich die Druckbelastung auf den Mittelteil und fördert die Materialermüdung und Schichtablösung am Rumpfmaterial.
Zudem wurde die Verwendung von Carbonfaser mit Endkappen aus Titan bei der Konstruktion des Tauchboots, die es laut OceanGate „beweglicher macht als andere Tiefsee-U-Boote“, die komplett aus Titan oder anderen Metallen bestehen, als wesentliche Ursache für das Versagen der Konstruktion genannt.
Die New York Times berichtete am Dienstag, Experten innerhalb und außerhalb von OceanGate hätten schon im Januar 2018, als das Unternehmen sich darauf vorbereitete, die Titan ihrer Crew für erste Reisen zur Verfügung zu stellen, wegen Sicherheitsbedenken Alarm geschlagen.
Etwa zu dieser Zeit begann der Direktor für den Schiffsbetrieb bei OceanGate David Lockridge mit der Arbeit an einem Bericht, „in dem er erklärte, für das U-Boot seien weitere Tests notwendig, und die ,potenziellen Gefahren für Passagiere der Titan in extremen Tiefen‘ betonte“.
In einer Gegenklage gegen OceanGate erklärte Lockridge, er sei eingestellt worden, um die Sicherheit der Besatzung und der Kunden des Unternehmens während des Betriebs der Titan zu gewährleisten. Doch als er Bedenken wegen des U-Boot-Rumpfs äußerte, sei er entlassen worden.
Im März 2018 wurde OceanGate-Firmenchef Rush von einer Gruppe aus drei Dutzend Branchenexperten, Tiefseeforschern und Ozeanografen gewarnt, die experimentelle Herangehensweise des Unternehmens und die Entscheidung, auf die übliche Prüfung des U-Boots zu verzichten, könne potenziell katastrophale Folgen haben.
Die Marine Technology Society warf Rush in einem Brief vor, er halte sich nicht an die Sicherheitsstandards der Branche und behaupte gleichzeitig in Werbematerial für die Titan, das U-Boot entspreche den „Sicherheitsstandards der DNV-GL“.
Die Branchenvertreter schrieben: „Ihre Darstellung ist zumindest eine Irreführung der Öffentlichkeit und verstößt gegen den branchenweiten professionellen Verhaltenskodex, dessen Aufrechterhaltung wir anstreben... Es ist unsere einhellige Ansicht, dass dieser Validierungsprozess durch eine dritte Partei ein wichtiger Bestandteil der Sicherheitsvorkehrungen ist, die alle Insassen von Tauchbooten schützen.“
Am Freitag veröffentlichte die New York Times die Kommentare des U-Boot-Experten Karl Stanley, der im April 2019 zusammen mit OceanGate-Chef Rush vor der Küste der Bahamas als Passagier an Bord der Titan war.
Stanley erklärte, er habe während der zwei Stunden, die das U-Boot brauchte, um in mehr als 3.600 Meter Tiefe abzutauchen, ein knackendes Geräusch gehört, das immer lauter wurde. Einen Tag später forderte er Rush per E-Mail eindringlich auf, weitere Expeditionen des U-Boots abzusagen.
Der Experte schrieb: „Ein nützliches Gedankenspiel wäre es, die Variablen der Investoren wegfallen zu lassen, ebenso der eifrigen Missionswissenschaftler, ihres erfolgshungrigen Teams und der Pressemitteilungen, in denen bereits die Tauchpläne für diesen Sommer angekündigt werden... Stellen Sie sich vor, dieses Projekt wäre von Ihnen selbst finanziert und stünde unter Ihrem eigenen Zeitplan. Würden Sie es dann in Erwägung ziehen, Dutzende von anderen Menschen zur Titanic zu schicken, bevor Sie die Ursache dieser Geräusche wirklich kennen??“
Eine weitere Entwicklung, die Fragen darüber aufwirft, was die US-Regierung bereits früh über das Schicksal des OceanGate-Bootes wusste, war die Enthüllung der US Navy, dass ein streng geheimes militärisches Akustik-Detektorsystem Stunden nach Beginn der Fahrt des Tauchboots etwas wahrgenommen hat, von dem sie vermutete, dass es die Implosion der Titan war.
Ein anonymer Vertreter der Navy erklärte gegenüber dem Wall Street Journal: „Die US Navy hat eine Analyse von akustischen Daten durchgeführt und eine Anomalie entdeckt, die mit einer Implosion oder Explosion übereinstimmt, ungefähr in der Nähe des Bereichs, in dem die Titan unterwegs war, als die Kommunikation abriss.“
Weiter hieß es: „Diese Information war zwar nicht eindeutig, wurde jedoch sofort dem Incident Commander weitergegeben, um die laufende Such- und Rettungsaktion zu unterstützen.“ Das Journal berichtete weiter, die Navy habe darum gebeten, „das spezifische System, das benutzt wurde, aus Gründen der nationalen Sicherheit nicht beim Namen zu nennen. Es wird normalerweise benutzt, um feindliche U-Boote aufzuspüren.“
