Alan Gelfand, der in einem Gerichtsverfahren gegen die US-Regierung hochrangige Agenten des FBI und der sowjetischen Geheimpolizei in der Socialist Workers Party enttarnte, ist am 29. Oktober 2025 in Los Angeles verstorben. Er wurde 76 Jahre alt.
Alan starb an Krebs. 1986 war bei ihm ein Non-Hodgkin-Lymphom diagnostiziert worden, das durch eine intensive Strahlentherapie geheilt wurde. Aufgrund der Langzeitfolgen der Bestrahlung kehrte der Krebs jedoch Anfang dieses Jahres zurück. Alans Gesundheitszustand verschlechterte sich, und einige Tage vor seinem Tod bat er darum, alle lebensverlängernden Maßnahmen einzustellen.
Bis zu seinen letzten Stunden blieb Alan bei klarem Verstand. Er sah seinem herannahenden Tod ruhig und gefasst entgegen und äußerte Zufriedenheit mit dem Verlauf seines Lebens, das er 50 Jahre lang dem Kampf für den Sozialismus gewidmet hatte. Alans Abscheu gegen jede Ungerechtigkeit und sein konsequenter Einsatz für demokratische Rechte und Gleichheit prägten nicht nur seine Politik, sondern auch seine berufliche Laufbahn. Als Pflichtverteidiger in Los Angeles hat Alan unzählige Angeklagte vor einem ungerechten Schuldspruch bewahrt. Als leidenschaftlicher Gegner der Todesstrafe hat er keinen einzigen Angeklagten an die Henker des Staates Kalifornien verloren.
Das Gerichtsverfahren, das als „Gelfand Case“ bekannt wurde, begann mit einer Klage, die Alan im Juli 1979 einreichte. Er wehrte sich damit gegen seinen Ausschluss aus der Socialist Workers Party (SWP) im Januar desselben Jahres. Alan war aus der SWP hinausgeworfen worden, nachdem er Antworten auf seine Fragen zum Verhalten von Joseph Hansen verlangt hatte. Denn es gab Beweise dafür, dass sich dieser langjährige Führer der Partei 1938 heimlich mit der sowjetischen Geheimpolizei (GPU) getroffen hatte und nach der Ermordung Trotzkis 1940 auch mit dem amerikanischen Inlandsgeheimdienst FBI Kontakt aufnahm. Außerdem forderte Gelfand eine Erklärung, warum Hansen und die SWP Sylvia Franklin (geborene Callen, Parteiname Caldwell), die persönliche Sekretärin des Parteigründers James P. Cannon, vehement verteidigten, obwohl es überwältigende Beweise dafür gab, dass sie eine Agentin der GPU war.
Gelfand hatte sich 1976 der SWP angeschlossen und spielte eine führende Rolle in deren Ortsgruppe im Südosten von Los Angeles. Er brachte seine Bedenken gegenüber der Parteiführung (einschließlich des nationalen Sekretärs Jack Barnes) erstmals im August 1977 zur Sprache. Auslöser waren Dokumente, die von der Workers League, der US-Sektion des Internationalen Komitees der Vierten Internationale (IKVI), auf dem Parteitag der SWP in Oberlin verteilt worden waren. Das IKVI war auf diese Dokumente gestoßen, als es Untersuchungen über die Ermordung Leo Trotzkis und die Unterwanderung der Vierten Internationale durch die GPU anstellte. Obwohl Barnes zugesichert hatte, dass Gelfand Antworten auf seine Fragen erhalten würde, schwieg sich die SWP-Führung aus.
Am 23. Januar 1978 versuchte Gelfand, seine Anliegen auf einer Sitzung seines Ortsverbands vorzutragen, wurde aber unter dem Vorwurf ordnungswidrigen Verhaltens sofort zum Schweigen gebracht, noch bevor er den ersten Satz seines vorbereiteten Beitrags vorgetragen hatte. Sechs Tage später schickte Gelfand einen Brief an Barnes und das Politische Komitee der SWP, in dem er sich gegen die Zensur durch die Führung des Ortsverbands und den Organisator und wichtigsten Vertreter der SWP in Los Angeles, Peter Camejo, verwahrte.
Da er auf diesen und einen zweiten Brief an das Politische Komitee keine Antwort erhielt, richtete Gelfand am 26. März 1978 einen Brief an das SWP-Nationalkomitee. Er begann mit den Worten:
Ich betrachte diesen Brief als die wichtigste Aufgabe, die ich je in meinem Leben übernommen habe. Er ist das Ergebnis einer intensiven und gründlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte und den Grundsätzen unserer Bewegung. Dieses Studium wurde ursprünglich durch eine Reihe von Ereignissen ausgelöst, die auf unserem Kongress in Oberlin im Sommer begannen.
Auf diesem Kongress war ich höchst beunruhigt über staatliche Dokumente, die in der Ausgabe des Bulletins vom 5. August 1977 abgedruckt waren, das von der Workers League verteilt wurde. Aus diesen Dokumenten geht hervor, dass Joseph Hansen eine vertrauliche Zusammenarbeit mit dem FBI beantragt hatte und ihm diese zugesagt worden war.
Gelfand schilderte dann chronologisch, wie Barnes’ Zusage, seine Fragen zu beantworten, von der SWP-Führung nicht eingehalten worden war. Er beanstandete auch die Haltung von Camejo, der auf Gelfands Fragen mit dem wiederholten Ausruf „Wen interessiert das schon?“ („Who cares, who cares?“) reagiert hatte.
Gelfand schrieb:
Nun, Genossen, sowohl aus der Länge des Briefes als auch aus den Recherchen, die ich angestellt habe, geht hervor, dass es mich sehr wohl interessiert. Mir ist die GPU-Mordmaschinerie nicht gleichgültig, die Trotzkisten in der ganzen Welt abgeschlachtet hat und heute noch ihre konterrevolutionäre Rolle ausübt, indem sie die Dissidenten in der Sowjetunion und in Osteuropa unterdrückt …
Mich interessiert auch das FBI. Das FBI hat in den 1940er Jahren 18 unserer führenden Genossen verhaftet und ins Gefängnis gesperrt. Das FBI, das jede fortschrittliche Bewegung in diesem Land unterwandert hat, einschließlich unserer eigenen, und das auch aktiv an der Ermordung von Malcolm X, Martin Luther King und zahlreichen Black Panthers beteiligt war.
In seinem Schreiben forderte Gelfand Antworten auf die folgenden Fragen: 1) „War Sylvia Franklin, persönliche Sekretärin von James P. Cannon, eine GPU-Agentin?“ 2) „War Joseph Hansen von der SWP autorisiert, 1938 persönlichen Kontakt mit der GPU zu unterhalten?“ 3) „War Joseph Hansen von der SWP autorisiert, sich 1940 mit dem FBI zu treffen?“
Gelfand war ein hervorragender Pflichtverteidiger, der in Los Angeles für seine Akribie bekannt und geachtet war. Entsprechend unterlegte er seine Fragen mit einer detaillierten Analyse der Dokumente und der übrigen Beweise, die durch die Untersuchung „Sicherheit und die Vierte Internationale“ aufgedeckt worden waren. In seinem Fazit schrieb Gelfand:
Ich vertraue darauf, dass man bei einer objektiven Lektüre meines Schreibens zu dem Schluss kommen wird, dass Sylvia Franklin eine GPU-Agentin war und dass Joseph Hansens Beziehungen zur GPU und zum FBI zumindest höchst fragwürdig waren und einer sofortigen und gründlichen Untersuchung bedürfen.
Wer Hansens „Antworten“ auf diese Vorwürfe liest, muss zu dem Schluss kommen, dass sie von Ausflüchten, Verdrehungen und Falschdarstellungen durchsetzt sind.
In einem Schreiben vom 7. April 1978 beantwortete Larry Seigle als Vertreter des Politischen Komitees der SWP keine einzige von Gelfands Fragen. Stattdessen schickte er eine Warnung und eine Drohung:
Du hast uns um eine Stellungnahme dazu gebeten, wie du vorgehen kannst, um deine Vorwürfe gegen Joe Hansen voranzutreiben. Die Antwort auf diese Frage ist einfach. Die Partei kann und wird keine Agentenhatz in ihren Reihen dulden. Wir werden es nicht hinnehmen, dass du die Verleumdungen der Healyisten abermals wiederholst …
Wir wiederholen: Jeder weitere Schritt deinerseits, um Verleumdungen gegen Joe Hansen oder ein anderes Parteimitglied in Umlauf zu bringen, wäre ein Verstoß gegen die Organisationsprinzipien der Partei und wird nicht geduldet.
Zu dieser Zeit führte die SWP einen Prozess, der in erster Linie dazu diente, in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit zu erregen und Entschädigungsgelder zu erhalten. Gegenstand dieses Prozesses war die massive Einschleusung von Agenten und Informanten durch das FBI während des COINTELPRO-Programms in den 1960er und frühen 1970er Jahren . Die SWP hat dabei nicht gefordert oder erwirkt, dass auch nur ein einziger Agent identifiziert wurde.
Gelfand reichte am 18. Dezember 1978 einen Amicus-Curiae-Schriftsatz zur Unterstützung der Klage der SWP ein. (Mit einem solchen Schriftsatz kann eine nicht unmittelbar am Prozess beteiligte, aber interessierte Partei eine Stellungnahme abgeben.) Im Gegensatz zu der nachlässigen und rein propagandistischen Herangehensweise der SWP forderte Gelfand in seinem Schriftsatz das Berufungsgericht auf, den Generalstaatsanwalt der USA zu zwingen, „die Namen aller Informanten der SWP, sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart, offenzulegen“.
Der SWP-Vorsitzende Jack Barnes reagierte wutentbrannt auf Gelfands Forderung, die US-Regierung solle ihre Agenten in seiner Partei identifizieren, und forderte am 5. Januar 1979 in der Parteiführung offiziell den Ausschluss Gelfands. Eine Woche später, am 11. Januar, schloss das Politische Komitee Gelfand aus. An der Sitzung nahm auch Joseph Hansen teil, nur eine Woche vor seinem Tod. Gelfand wurde keine Gelegenheit gegeben, vor dem Politischen Komitee zu erscheinen und sich zu verteidigen.
Gelfand reagierte mit einem Schreiben an das Politische Komitee vom 29. Januar 1979, in dem er erklärte, dass es sich „nicht um einen Ausschluss, sondern um eine Säuberung handelt, und dass diese Maßnahme vom Staat und nicht von der SWP getroffen wurde“.
Am 18. Juli 1979 reichte Gelfand eine Bürgerrechtsklage bei einem US-Bezirksgericht in Los Angeles ein. Beklagte waren der Justizminister der USA, das FBI, die National Security Agency und die SWP-Führung. Gelfand erhob den Vorwurf, dass US-Regierungsbeamte ihn unter Verletzung seines verfassungsmäßigen Rechts auf freie Meinungsäußerung und politische Vereinigung aus der SWP ausgeschlossen hätten.
Die SWP beantragte umgehend, die Klage ohne Verfahren abzuweisen. Daraufhin erläuterte Gelfand in einer Anhörung am 19. November 1979 vor der US-Bezirksrichterin Mariana R. Pfaelzer die Rechtsgrundlage seiner Klage:
Ich behaupte, dass die Regierung durch ihre Unterwanderung nicht nur versucht hat, das zu verfälschen, was durch diese politische Partei vertreten wird. Wenn Mitglieder wie ich versuchen, Fragen über die Unterwanderung durch den Staat zu stellen, wird uns gesagt, wir sollen den Mund halten und Ruhe geben, und wenn wir uns nicht beugen, werden wir hinausgeworfen. Wir haben keine Möglichkeit, innerhalb unserer Partei für unsere politischen Standpunkte zu werben, weil die Regierung uns durch ihre Agenten daran hindert, und das ist im Wesentlichen die Stoßrichtung meiner Argumentation mit Bezug auf den Ersten Verfassungszusatz [der die Meinungsfreiheit garantiert].
Sieben Monate später, am 27. Juni 1980, erließ Richterin Pfaelzer eine Verfügung, mit der sie den Antrag der SWP auf die Abweisung des Falls ablehnte. In ihrer ausführlichen Begründung, die Gelfands zentrales rechtliches Argument bestätigte, schrieb Pfaelzer, dass „es klar ist, dass die Manipulation und Übernahme der politischen Partei des Klägers durch den Staat eine drastische Verletzung der Vereinigungsrechte ihrer Anhänger darstellt und nicht mit der Verfassung vereinbar ist“.
Im Widerspruch zu den falschen Behauptungen der SWP, Gelfand wolle dem Staat die Entscheidung darüber übertragen, wer Mitglied der Partei sein dürfe, schrieb Pfaelzer: „Der Staat darf ein Mitglied weder direkt noch indirekt aus der politischen Partei seiner Wahl ausschließen.“
Pfaelzer schloss ihre Verfügung mit der Warnung: „Wenn Gelfand nicht in der Lage ist, seine Vorwürfe über staatliche Einmischung und Kontrolle zu belegen, wird seine Klage einem Antrag auf ein Schnellverfahren nicht standhalten“. Mit anderen Worten, die Sache würde nicht zur Verhandlung kommen, falls Gelfand im Laufe der Ermittlungen keine faktischen Beweise für seine Behauptungen beibringen könne.
In den folgenden 18 Monaten versuchte die SWP, Gelfand am Sammeln von Beweisen zu hindern. Noch bevor Gelfand die gerichtliche Genehmigung erhalten hatte, die rechtlichen Möglichkeiten der Beweiserhebung auszuschöpfen, beantragte die SWP mehrfach ein Schnellverfahren.
Am 1. Februar 1982 gewährte Pfaelzer Gelfand schließlich eine Frist von 90 Tagen, um eigene Ermittlungen anzustellen und Zeugen zu befragen. Für den 12. Juli 1982 setzte sie eine abschließende Anhörung zu der Frage an, ob ein Schnellverfahren zur Anwendung kommt, d.h. ob ohne Hauptverhandlung und ohne weitere Beweiserhebung entschieden wird. In den folgenden drei Monaten führten Gelfand und seine Anwälte intensive Ermittlungen durch und vernahmen zahlreiche Zeugen. Neben dem nationalen Sekretär der SWP, Jack Barnes, befragten sie führende und einfache Mitglieder, die in den späten 1930er und frühen 1940er Jahren aktiv gewesen waren.
Gelfand bemühte sich auch, den GPU-Agenten Mark Zborowski vorzuladen, der in den Jahren 1937 und 1938 eine Schlüsselrolle bei der Ermordung führender Mitglieder der Vierten Internationale gespielt hatte, darunter Trotzkis Sohn Leon Sedow. Und tatsächlich wurde Zborowski im April 1982 in einen Vernehmungsraum geführt. Doch es gelang Zborowski, die Aussage zu verweigern, indem er sich auf das kurz zuvor verabschiedete Gesetz zum Schutz der Identität von Geheimdienstmitarbeitern (Intelligence Identities Protection Act) berief. Die SWP und die Vertreter der US-Regierung unterstützten seine Argumentation in bestem Einvernehmen.
Doch auch ohne Zborowskis Aussage konnte Gelfand den Vorwurf der staatlichen Kontrolle über die SWP untermauern. Er fasste die Beweise, die er im Laufe seiner 90-tägigen Ermittlungen gesammelt hatte, in einem Schriftsatz zusammen und reichte diesen am 28. Juni 1982 ein, um dem Antrag der SWP auf ein Schnellverfahren zu widersprechen. Die Zeugenaussagen von Mitgliedern der SWP – darunter auch Personen, die zum Zeitpunkt der Ermordung Trotzkis führende Positionen in der Partei innehatten – ergaben eindeutig, dass weder Hansens Treffen mit der GPU noch seine Zusammenkünfte mit dem FBI bekannt gewesen oder genehmigt worden waren. Hansens Rechtfertigungen erwiesen sich als Lügen. Auch die Behauptungen von Barnes und anderen SWP-Führern, Gelfands Fragen seien beantwortet worden, entsprachen nachweislich nicht der Wahrheit.
Der Schriftsatz gegen das Schnellverfahren begann mit den Worten:
Aussagekräftige Beweise aus neunzig Tagen intensiver Ermittlungen bestätigen Alan Gelfands Auffassung, dass die Führung der Socialist Workers Party ihn deshalb kurzerhand aus der SWP ausschloss, weil sie bestrebt war, ihre geheimen Verbindungen zur Regierung der Vereinigten Staaten aufrechtzuerhalten. Seine hartnäckigen Fragen über die Unterwanderung der Partei durch den Staat führten zu einer Krise innerhalb der Parteiführung und zwangen sie, in einer Weise zu handeln, die mit ihrer Pose als konsequente Verteidigerin der Parteistatuten und treue Verfechterin sozialistischer Traditionen von Grund auf unvereinbar war.
In dem Schriftsatz heißt es weiter:
Agenten können ihre Doppelzüngigkeit vielleicht lange Zeit verbergen, aber wenn sie eine direkte Bedrohung ihrer Rolle spüren, wird die Maske unweigerlich fallen. Daher kommt es in diesem Fall darauf an, die Vorgehensweise der Beklagten sehr genau zu untersuchen. Ihr Verhalten sollte nicht als das Verhalten typischer Individuen interpretiert werden, sondern im Lichte dessen, was die Angeklagten vorgeben zu sein – ergebene Befürworter und Anhänger von Trotzkis prinzipientreuer Politik. Einer legitimen Führung hätte es keine Schwierigkeiten bereitet, die Fragen des Klägers entsprechend der Satzung der SWP und der stolzen Traditionen, die sie zu vertreten vorgibt, zu beantworten. Die Fragen wären ohne Umschweife und so umfassend wie möglich beantwortet worden. Stattdessen führten die hartnäckigen, aber berechtigten Fragen des Klägers mit Bezug auf Angelegenheiten, die die Sicherheit der Partei betrafen, zu einer Krise unter den Agenten und zwangen sie, Farbe zu bekennen.
Am 12. Juli 1982 lehnte Richterin Pfaelzer den Antrag der SWP auf ein Urteil im Schnellverfahren ab und ließ den Fall zur Verhandlung zu, wenn sie auch über den Umfang und die Intensität von Gelfands Ermittlungen sichtlich verärgert und verblüfft war.
In den nächsten Monaten, von der Ablehnung des Schnellverfahrens bis zur Verhandlung im März 1983, kämpften Gelfand und seine Anwälte weiter um den Zugang zu Dokumenten, die Joseph Hansens Beziehung zur GPU und die wahre Rolle von Cannons persönlicher Sekretärin Sylvia Callen (alias Caldwell oder Franklin) betrafen.
In den Wochen vor Verhandlungsbeginn beantragte Gelfand beim Bundesgericht in New York die Freigabe der Aussagen, die Callen als Zeugin vor Bundesgerichten 1954 und 1958 gemacht hatte. Normalerweise wären diese Dokumente erst nach 75 Jahren freigegeben worden. Auf Gelfands Antrag hin ordnete das Bundesgericht in New York an, dass die Abschriften an Pfaelzer geschickt wurden, die dann über ihre Freigabe entscheiden sollte.
Die Verhandlung begann am 2. März 1983 und dauerte eine Woche. Als die Zeugenaussagen die Darstellung der Angeklagten eindeutig widerlegten, bat Pfaelzer alle Anwälte zu einer Besprechung in ihr Arbeitszimmer. Dort trug sie eine Auslegung des Begriffs „Überwiegen der Beweise“ vor, die keinerlei rechtliche Grundlage hatte. Das Überwiegen der Beweise („preponderance of evidence“) bedeutet im Kontext von Zivilprozessen, dass eine Behauptung rechtlich als bewiesen gilt. Die Partei, deren Darstellung auf Grundlage der Tatsachen glaubwürdiger ist, setzt sich im Gerichtsverfahren durch. Bei der Abwägung der Beweise muss die Instanz, die in der Sache entscheidet – in diesem Fall die Richterin – feststellen, in welche Richtung die Waage kippt: in Richtung des Klägers oder des Beklagten.
Pfaelzer erklärte jedoch, sie könne Gelfand nicht einfach deshalb recht geben, weil seine Erklärung für die Entscheidung der SWP-Führung, ihn auszuschließen, glaubwürdiger war als die der Beklagten. Solange die SWP Erklärungen für ihr Verhalten anführen könne – und seien sie noch so absurd und haltlos – würden Gelfands Beweise nicht „überwiegen“. Pfaelzer verstieg sich gegenüber Gelfand und seinen Anwälten zu folgenden erstaunlichen Ausführungen: „Man kann nicht allein aufgrund der Tatsache, dass sich die Anschuldigungen als wahr erwiesen haben, von einem Überwiegen der Beweise sprechen.“
Im Laufe des einwöchigen Gerichtsverfahrens forderten Gelfands Anwälte Pfaelzer wiederholt auf, die Abschriften der Zeugenaussagen von Sylvia Callen freizugeben. Die Richterin reagierte nicht. Doch am letzten Prozesstag hielt Jack Barnes eine Lobrede auf Sylvia Caldwell und betonte, dass es keinerlei Gründe für den Verdacht gebe, sie sei von der GPU in die SWP eingeschleust worden. Er erklärte:
Nicht nur ihr gesamtes Verhalten während ihrer Mitgliedschaft, sondern auch alles, was seit ihrem Weggang geschah, zeigt, dass sie das ist, was sie immer war: ein loyales, fleißiges und vorbildliches Mitglied unserer Bewegung. [1]
Auf die Frage von Gelfands Anwalt, ob er an dieser Meinung festhalte, wurde Barnes noch deutlicher.
Nach der Drangsalierung und nach allem, was sie in den letzten Jahren durchgemacht hat, zähle ich sie heute zu meinen Heldinnen. [2]
Noch am selben Tag, nachdem alle Zeugen ausgesagt hatten, gab Richterin Pfaelzer endlich die Protokolle von 1954 und 1958 frei. Und in ihrer beeidigten Aussage hatte Sylvia Callen damals zugegeben, dass sie als Agentin der GPU innerhalb der SWP gearbeitet hatte.
Es gab noch ein weiteres wichtiges Beweisstück, das bei der Verhandlung freigegeben wurde. Es handelte sich um einen an Hansen adressierten Brief, in dem ein langjähriges SWP-Mitglied und enger Freund berichtete, dass Hansen als GPU-Agent identifiziert worden war.
Richterin Pfaelzer entschied schließlich mit mehrjähriger Verzögerung gegen Gelfand. Ihr langes Schweigen kam einem stillschweigenden Eingeständnis gleich, dass die Art und Weise, wie sie das Verfahren leitete, von Erwägungen der nationalen Sicherheit im Zusammenhang mit dem Schutz geheimdienstlicher Agenten diktiert wurde. Darüber hinaus hat Pfaelzer nie der Forderung der SWP entsprochen, dass Gelfand die Kosten des Verfahrens übernimmt oder eine anders geartete finanzielle Entschädigung leistet.
Von 1977, als Alan Gelfand erstmals seine Fragen stellte, bis zum Abschluss des Verfahrens im März 1983 vergingen fast sechs Jahre. Weitere sechs Jahre vergingen, bevor die SWP schließlich im Mai 1989 ihre Versuche aufgab, Gelfand die Kosten des Verfahrens aufzuerlegen. Der langwierige und zermürbende Prozess setzte Alan einem immensen Druck aus. Außerdem arbeitete er parallel dazu in Vollzeit als Pflichtverteidiger in Los Angeles und vertrat Angeklagte in äußerst schwierigen Fällen.
Es steht außer Frage, dass die körperliche, geistige und emotionale Belastung durch die beruflichen und politischen Aufgaben zu der Erkrankung beitrug, die sich im Frühjahr 1986 bei Alan bemerkbar machte und schließlich als Non-Hodgkin-Lymphom diagnostiziert wurde. Alan erhielt eine intensive Strahlentherapie am Stanford University Medical Center. Die Krebszellen wurden zerstört. Trotz der Vorsichtsmaßnahmen der Radiologen litt Alan allerdings immer wieder unter Nebenwirkungen der Behandlung. Dennoch setzte er seine berufliche Tätigkeit mit unvermindertem Engagement und großer Energie fort.
Noch während Alan sich von den schweren Nachwirkungen der Bestrahlung erholte, war er mit den Angriffen der Workers Revolutionary Party konfrontiert. Nach ihrer Spaltung vom Internationalen Komitee im Februar 1986 sagte sich die WRP von der Untersuchung „Sicherheit und die Vierte Internationale“ und dem Gelfand Case los. In einem Offenen Brief an Cliff Slaughter, den Führer der WRP, vom 22. Februar 1987 schrieb Alan:
Genosse Slaughter, mit Sicherheit und die Vierte Internationale sind Sie bestens vertraut; aus Publikationen der WRP und des IK geht hervor, dass Sie von Anfang an eng an der Untersuchung mitgearbeitet haben. Gerade wegen Ihres umfassenden Wissens und Verständnisses grundlegender Sicherheitsfragen wurden Sie mit Ihrer ausdrücklichen Zustimmung in meine Zeugenliste aufgenommen, die beim Bundesgericht in Los Angeles eingereicht wurde. Demgemäß sollten Sie als Experte über die politische und historische Bedeutung des von mir zusammengetragenen Materials aussagen.
Gelfand fuhr fort:
Aber jetzt haben Sie, ohne irgendeine politische oder faktische Erklärung, und ohne mich von Ihren neuen Bedenken über den Fall zu unterrichten, praktisch Wort für Wort die Linie der von Agenten beherrschten SWP übernommen. Ich kann nicht verstehen, weshalb Sie, wenn Führer der WRP Zweifel an dem Fall hatten, nie vorgeschlagen haben, mit mir Kontakt aufzunehmen. Schließlich habe ich doch unter beträchtlichem persönlichen Risiko Jahre meines Lebens dieser Untersuchung gewidmet …
Nachdem ich mein Leben und mein politisches Ansehen damit verbunden habe, die Tatsachen über den Mord an Leo Trotzki und die Durchsetzung der Vierten Internationale mit Agenten des Imperialismus und Stalinismus aufzudecken – und mich damit hinter das stellte, was Sie und andere in der WRP über viele Jahre hinweg zur Frage der Sicherheit geschrieben hatten –, fallen mir plötzlich die in den Rücken, mit denen ich eng zusammengearbeitet hatte, um die historische Wahrheit festzustellen.
Ich spreche diese Fragen nicht aus persönlichen Gründen an, oder um mich zu beklagen. Ich bereue absolut nichts. Selbst wenn ich die Explosionen in der WRP und Ihre eigene Entwicklung hätte voraussehen können, hätte es mich nicht davon abbringen können, den Kampf in der SWP aufzunehmen und nach meinem Ausschluss meine demokratischen Rechte wahrzunehmen, um im Interesse der Arbeiterbewegung eine gefährliche Verschwörung aufzudecken. Aber Ihr abgebrühter Missbrauch politischen Vertrauens bringt eine wichtige Klassenfrage auf. Von welchem Arbeiter, der bei Sinnen ist, könnte man verlangen, er solle Vertrauen in eine Organisation setzen, deren Führer derart ihre Positionen ändern und bereit sind, ihm zugunsten unmittelbarer fraktioneller Vorteile in den Rücken zu fallen? [3]
Slaughter, der damals politisch und theoretisch vollständig mit dem Trotzkismus, Marxismus und revolutionären Sozialismus brach, hat Alans Brief nie beantwortet.
Das Gerichtsverfahren, das nach Alan Gelfand benannt ist, steht natürlich im Mittelpunkt jedes Rückblicks auf sein Leben und seine Rolle in der sozialistischen Politik. Es muss jedoch betont werden, dass sein Beitrag zum Kampf für den Sozialismus nicht mit dem Gelfand Case endete. In den fast vierzig Jahren, die ihm noch blieben, kämpfte Alan unermüdlich für den Aufbau der trotzkistischen Bewegung. Seine tägliche politische Arbeit konzentrierte sich auf Los Angeles, wo er weiterhin als Anwalt tätig war. Darüber hinaus war Alans bemerkenswerte Objektivität und sein Urteilsvermögen eine intellektuelle Ressource von unermesslicher Bedeutung für die Socialist Equality Party. Auf dem letzten nationalen Kongress der SEP wurde er in die Kontrollkommission gewählt, die für parteiinterne Untersuchungen zuständig ist.
Er leistete einen bedeutenden Beitrag zur World Socialist Web Site. Alan verfasste weit über 100 Artikel. Unter dem Pseudonym Alan Gilman schrieb er über eine Vielzahl von Themen, vor allem über Sportthemen, über die er ein geradezu enzyklopädisches Wissen besaß.
Sein vorletzter Artikel, vom 9. Mai 2025, erschien unter der Überschrift: „Trump schlägt vor, Alcatraz und Amerikas Guantanamo wieder zu öffnen“. Alan bezeichnete den Plan als „ebenso widerwärtig wie bezeichnend“.
Er würde dazu dienen, den Bau von Haftanstalten nach Art von Konzentrationslagern im ganzen Land zu normalisieren. Außerdem zeigt sich, dass nicht nur Trump, sondern die gesamte herrschende Klasse von einem geradezu sadistischen Trieb besessen ist, die Krise des amerikanischen Kapitalismus durch gewaltsame Unterdrückung zu lösen.
In seiner politischen Arbeit und seiner beruflichen Tätigkeit als Jurist bewies Alan außergewöhnliche Objektivität und analytische Fähigkeiten. Seine großen intellektuellen Fähigkeiten verbanden sich mit einer zutiefst humanen Persönlichkeit. Als Pflichtverteidiger kämpfte Alan leidenschaftlich für den Freispruch all jener, die zu Unrecht angeklagt waren. Er war jedoch nicht weniger entschlossen, die demokratischen Rechte derjenigen Angeklagten zu wahren, gegen die erdrückende Beweise vorlagen. Alan bewahrte sich eine zutiefst einfühlsame Haltung und betrachtete diese Angeklagten nicht als „Monster“, sondern als Opfer einer feindseligen und unterdrückerischen Gesellschaft, die in eine soziale Tragödie verstrickt waren.
In den späteren Phasen seiner langen beruflichen Laufbahn wurde Alan mit der Vertretung von Angeklagten betraut, denen die Todesstrafe drohte. In all diesen Fällen litten die Angeklagten unter schweren psychischen Störungen. Die Verbrechen, derer sie beschuldigt wurden, waren schrecklich. Doch Alan war empört darüber, dass der Staat Kalifornien die irrationale Tat eines Geisteskranken mit der Todesstrafe ahnden wollte. Er kämpfte unermüdlich um das Leben der Angeklagten, und er war stolz darauf, dass er in jedem Fall, mit dem er betraut wurde, gegen den Blutdurst der Staatsanwaltschaft die Oberhand behielt.
Trotz der Belastungen aufgrund seiner politischen und juristischen Arbeit führte Alan ein erfülltes Privatleben. Seine Lebensgefährtin Roseanna, mit der er 37 Jahre zusammen war, brachte viel Freude in sein Leben. Roseanne lernte die SEP zwar über Alan kennen, wurde jedoch aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen und Überzeugungen Mitglied der Partei.
Alans letztes Lebensjahr war von ständig wiederkehrenden gesundheitlichen Krisen und körperlichen Schmerzen geprägt. Trotzdem bewahrte er sich eine optimistische Sicht auf das Leben. Er war überzeugt von der Zukunft der Sache, der er sein Leben gewidmet hatte. Alan nahm an der internationalen Online-Sommerschulung 2025 der Socialist Equality Party teil, die dem Thema „Sicherheit und die Vierte Internationale“ gewidmet war.
Am 15. Juli, zwei Wochen vor Beginn der Schulung, schrieb ich an Alan:
Ich weiß, dass du mit großem Interesse die Vorbereitungen der Partei auf die internationale Sommerschulung verfolgst, die einem intensiven Studium von ‚Sicherheit und die Vierte Internationale‘ gewidmet sein wird. In mehreren Sitzungen wird das Gerichtsverfahren, das deinen Namen trägt, ausführlich erläutert werden. Durch den Gelfand Case konnte die Untersuchung, mit der das Internationale Komitee die Verschwörung zur Ermordung Trotzkis und den kombinierten stalinistisch-imperialistischen Angriff auf die Vierte Internationale aufdeckte, überprüft und bestätigt werden. Dieser historisch einmalige Prozess in der feindlichen Umgebung eines Bundesbezirksgerichts wäre ohne deinen Mut, deine Entschlossenheit und deinen unnachgiebigen Einsatz für die historische Wahrheit nicht möglich gewesen.
Fast 50 Jahre sind vergangen, seit du die Führung der Socialist Workers Party zum ersten Mal mit schicksalhaften Fragen konfrontiert und Rechenschaft für ihr Versäumnis gefordert hast, zu den Beweisen für Hansens Beziehungen zur GPU und zum FBI Stellung zu nehmen. Im Laufe der Zeit hat sich die weitreichende Bedeutung deines Handelns bestätigt. Fast alle Teilnehmer der bevorstehenden internationalen Schulung wurden Jahre und sogar ein oder zwei Jahrzehnte nach dem Gelfand Case vom März 1983 geboren. Das Studium des Kampfs, in dem du eine so zentrale Rolle gespielt hast, ist und bleibt eine Quelle von unverzichtbarem Wissen und Inspiration für die neue und aufstrebende Generation revolutionärer Arbeiter und Jugendlicher.
Alan, du hast ein Leben von großer und bleibender Bedeutung geführt. Du hast jedes Recht, mit Befriedigung auf dein Leben und deine Leistungen zurückzublicken.
Ich für meinen Teil, Alan, bin stolz darauf, so viele Jahre lang dein Freund und Genosse gewesen zu sein.
Nur wenige Wochen vor seinem Tod schrieb Alan an Joseph Kishore, den nationalen Sekretär der SEP:
Politisch gesehen haben wir heute eine sehr intensive und spannende Zeit. Das Einzige, was ich bedauere, ist, dass ich mitten in der Verwirklichung der größten Errungenschaft der Menschheit, der sozialistischen Weltrevolution, abtreten muss, aber es ist beruhigend zu wissen, dass du und so viele andere diese Aufgabe übernehmen werden.
In seinen letzten Worten an einen Genossen und engen Freund sagte Alan: „Es ist schwer, sich zu verabschieden. Aber ich habe Freude im Herzen, ein Lächeln auf den Lippen und Vertrauen in die Bewegung und in meine Genossen.“
Alan Gelfand wird nie vergessen werden. Sein Platz in der Geschichte der Vierten Internationale und in den Herzen seiner Genossen ist ihm sicher.
Eric London, Agenten. Das FBI und die GPU in der trotzkistischen Bewegung, Mehring Verlag: Essen 2020, S. 132.
Ebd.
Vierte Internationale, Jg. 14, Nr. 2, Sommer 1987, S. 67 f.
