Die World Socialist Web Site veröffentlicht hier einen Abschnitt aus Leo Trotzkis Kritik am Programmentwurf der Kommunistischen Internationale aus dem Jahr 1928. Diese ist hier unter dem Titel »Die Dritte Internationale nach Lenin« im Mehring Verlag erhältlich. Wir empfehlen diese Lektüre als ergänzenden Text zu dem Vortrag, den Chris Marsden auf der Summer School 2025 der Socialist Equality Party (US) gehalten hat. Im Rahmen dieser Reihe werden wir weitere wichtige Schriften von Leo Trotzki und Dokumente des Internationalen Komitees der Vierten Internationale veröffentlichen, insbesondere im Zusammenhang mit der Untersuchung »Sicherheit und die Vierte Internationale«.
Die Periode des rechtszentristischen Abgleitens
Die Politik der wichtigsten Kommunistischen Parteien, die in Einklang mit dem 5. Kongress gebracht worden war, erwies sich sehr bald als völlig unzulänglich. Die Fehler der pseudolinken Politik, die die Entwicklung der Kommunistischen Parteien behinderten, gaben später den Anstoß zu neuen empirischen Zickzacks, insbesondere zu einem beschleunigten Abgleiten nach rechts. Gebranntes Kind scheut das Feuer. Die »linken« Zentralkomitees einer ganzen Reihe von Parteien wurden ebenso gewaltsam gestürzt, wie sie vor dem 5. Kongress eingesetzt worden waren.[1] Die abenteuerliche linke Politik machte einem offenen Opportunismus des rechtszentristischen Typs Platz. Um den Charakter und das Tempo dieser organisatorischen Rechtswendung zu verstehen, muss man daran erinnern, dass Stalin, der Initiator dieser Wende, noch im September 1924 den Übergang der Parteiführung an Arkadi Maslow, Ruth Fischer, Albert Treint, Suzanne Girault u. a. als Ausdruck der Bolschewisierung der Parteien und als Antwort auf die Forderungen der bolschewistischen Arbeiter, die auf dem Marsch zur Revolution auch »revolutionäre Führer haben wollen«, bezeichnet hatte.
Stalin schrieb:
Das letzte halbe Jahr ist insofern bemerkenswert, als es einen radikalen Wendepunkt im Leben der Kommunistischen Parteien des Westens brachte, und zwar in dem Sinne, dass die sozialdemokratischen Überbleibsel entschieden liquidiert, die Parteikader bolschewisiert und die opportunistischen Elemente isoliert wurden.[2]
Zehn Monate später aber wurden die wahren »Bolschewiki« und »revolutionären Führer« zu Sozialdemokraten und Renegaten erklärt, aus der Führung beseitigt und aus der Partei geworfen.
Trotz des panikartigen Charakters der Austauschs der Führer, der oft durch grobe und illoyale, mechanische Maßnahmen des Apparats vollzogen wurde, kann man im ideologischen Bereich keine strikte Grenzlinie zwischen der Phase der ultralinken Politik und der ihr folgenden Periode des opportunistischen Abgleitens ziehen.
Hinsichtlich der Fragen der Industrie und der Bauern in der UdSSR, der kolonialen Bourgeoisie, der »Bauernparteien« in den kapitalistischen Ländern, des Sozialismus in einem Land und der Rolle der Partei in der proletarischen Revolution standen die revisionistischen Tendenzen bereits 1924/25 in vollster Blüte; gehüllt in das Banner des Kampfs gegen den »Trotzkismus« fanden sie ihren klarsten opportunistischen Ausdruck in den Resolutionen der Konferenz der KPdSU vom April 1925.
Als Ganzes genommen war der Rechtskurs der Versuch einer halbblinden, rein empirischen und verspäteten Anpassung an die Verzögerung der revolutionären Entwicklung, die durch die Niederlage von 1923 verursacht worden war. Bucharins ursprüngliche Haltung hatte, wie bereits erwähnt, auf der »permanenten« Entwicklung der Revolution beruht, und zwar im ganz buchstäblichen, rein mechanischen Sinne des Wortes. Bucharin duldete keinerlei »Atempausen«, Unterbrechungen oder Rückzüge; er hielt es für eine revolutionäre Pflicht, die »Offensive« unter allen Umständen fortzusetzen.
Der oben zitierte Artikel Stalins »Zur internationalen Lage«, der eine Art Programm und Stalins Debüt in internationalen Fragen darstellt, zeigt, dass auch der zweite Verfasser des Programmentwurfs in der Anfangsphase des Kampfes gegen den »Trotzkismus« dieselbe, rein mechanische »linke« Konzeption vertrat. Für diese Konzeption gab es immer und unveränderlich nur den »Zerfall« der Sozialdemokratie, die »Radikalisierung« der Arbeiter, das »Wachstum« der Kommunistischen Parteien und das »Nahen« der Revolution. Wer aber um sich sah und differenzierte, der war und ist ein »Liquidator«.
Diese »Tendenz« hat anderthalb Jahre gebraucht, um nach dem Umschwung der Lage in Europa im Jahr 1923 etwas Neues zu bemerken, und sich daraufhin panikartig in ihr Gegenteil verwandelt. Die Führung orientierte sich ohne jedes zusammenhängende Verständnis unserer Epoche und der ihr innewohnenden Tendenzen nur durch Umhertasten (Stalin) und ergänzte die so erhaltenen bruchstückhaften Schlussfolgerungen durch jeweils erneuerte scholastische Schemata (Bucharin). Insgesamt besteht die politische Linie daher aus einer Abfolge von Zickzackkurven. Die ideologische Linie ist ein Kaleidoskop von Schemata, die dazu tendieren, jedes Teilstück des stalinistischen Zickzacks bis zur Absurdität zu treiben.
Der 6. Kongress würde richtig handeln, wenn er eine eigens zu diesem Zweck gewählte Kommission beauftragen würde, all die Theorien zusammenzustellen, die von Bucharin, beispielsweise nur zur Begründung der verschiedenen Etappen des anglo-russischen Komitees, geschaffen worden sind. Diese Theorien müssten chronologisch geordnet und in ein System gebracht werden, um nach Möglichkeit eine Fieberkurve der darin enthaltenen Ideen zu zeichnen. Das würde ein äußerst lehrreiches strategisches Diagramm ergeben. Dasselbe gilt für die chinesische Revolution, die wirtschaftliche Entwicklung der UdSSR und alle anderen weniger bedeutenden Fragen. Blinder Empirismus multipliziert mit Scholastik, so sieht der Kurs aus, dessen gnadenlose Verurteilung immer noch ansteht.
Am fatalsten hat sich dieser Kurs in den drei wichtigsten Fragen ausgewirkt: in der inneren Politik der UdSSR, in der chinesischen Revolution und beim anglo-russischen Komitee. In dieselbe Richtung, wenn auch weniger offenkundig und mit nicht so mörderischen unmittelbaren Folgen wirkte er allgemein in sämtlichen Fragen der Politik der Komintern.
Was die inneren Fragen der UdSSR angeht, so gibt die Plattform der Bolschewiki-Leninisten (Opposition) eine hinreichend ausführliche Charakterisierung der Politik des Abgleitens.[3] Wir müssen uns hier mit dem Hinweis auf diese Plattform begnügen. Die Plattform erhält zur Zeit eine augenscheinlich höchst unerwartete Bestätigung, indem alle Versuche der gegenwärtigen Führung der KPdSU, den Folgen der Politik aus den Jahren 1923 bis 1928 zu entgehen, auf fast wörtlichen Zitaten aus dieser Plattform basieren, deren Verfasser und Anhänger in den Gefängnissen und in der Verbannung verstreut sind. Die Tatsache jedoch, dass die gegenwärtigen Führer zur Plattform nur in einzelnen Abschnitten und Teilen Zuflucht nehmen, ohne eins und eins zusammenzuzählen, macht die neue Linkswende äußerst unbeständig und unsicher. Gleichzeitig verleiht sie aber der Plattform, als dem verallgemeinerten Ausdruck eines wirklich leninistischen Kurses, größeren Wert als jemals zuvor.
Die Frage der chinesischen Revolution wird in der Plattform unzureichend, unvollständig und teilweise direkt falsch behandelt, was auf Sinowjew zurückgeht. Wegen der entscheidenden Bedeutung dieser Frage für die Komintern sind wir verpflichtet, sie in einem gesonderten Kapitel einer ausführlicheren Untersuchung zu unterwerfen.
Was das anglo-russische Komitee, die drittwichtigste Frage aus den strategischen Erfahrungen der Komintern in den vergangenen Jahren angeht, so brauchen wir nach all dem, was die Opposition in einer ganzen Serie von Artikeln, Reden und Thesen bereits gesagt hat, nur noch ein kurze Bilanz zu ziehen.
Der Ausgangspunkt des anglo-russischen Komitees war, wie wir bereits gesehen haben, das ungeduldige Bestreben, die junge und sich zu langsam entwickelnde Kommunistische Partei zu überspringen. Diese Tatsache verlieh dem ganzen Experiment schon vor dem Generalstreik einen falschen Charakter.
Das anglo-russische Komitee wurde nicht als rein episodischer Block der Spitzen angesehen, der wieder aufgelöst werden musste und bei der ersten ernsten Probe unausweichlich und demonstrativ aufgelöst werden würde, um den Generalrat zu kompromittieren. Nein, nicht nur Stalin, Bucharin, Tomski und andere, sondern auch Sinowjew sahen in ihm eine dauerhafte »Freundschaft«, ein Instrument zur systematischen Revolutionierung der englischen Arbeitermassen, und wenn schon nicht das Tor selbst, dann doch wenigstens die Schwelle zu dem Tor, durch das die Revolution des englischen Proletariats schreiten würde. Je länger es bestand, desto mehr verwandelte sich das anglo-russische Komitee aus einem vorübergehenden Bündnis in ein unverletzbares Prinzip, das über dem realen Klassenkampf steht. Das trat zur Zeit des Generalstreiks offen zutage.
Der Übergang der Massenbewegung in die offen revolutionäre Phase warf die eben etwas links gewordenen liberalen Labour-Politiker in das Lager der bürgerlichen Reaktion zurück. Sie verrieten offen und bewusst den Generalstreik und untergruben und verrieten dann auch den Bergarbeiterstreik. Im Reformismus steckt immer die Möglichkeit des Verrats. Das bedeutet aber nicht, dass Reformismus und Verrat in jedem Augenblick ein und dasselbe sind. Nicht ganz. Man kann mit Reformisten vorübergehende Übereinkünfte treffen, wenn sie einen Schritt vorwärts machen. Aber einen Block mit ihnen beizubehalten, wenn sie, erschrocken über die Entwicklung einer Bewegung, Verrat üben, ist verbrecherisch. Es bedeutet die Schonung der Verräter und die Verschleierung des Verrats.
Der Generalstreik sollte mit der Macht von fünf Millionen Arbeitern einen vereinten Druck auf die Unternehmer und den Staat ausüben, denn die Frage des Bergbaus war zur wichtigsten Frage der Staatspolitik geworden. Dank dem Verrat der Führung wurde der Streik bereits im ersten Stadium abgewürgt. Es war eine sehr große Illusion, danach weiterhin zu glauben, dass ein isolierter ökonomischer Streikkampf der Bergarbeiter allein erreichen könnte, was der Generalstreik nicht erreicht hatte. Gerade darin lag die Kraft des Generalrats. Er führte mit kalter Berechnung die Niederlage der Bergarbeiter herbei, in deren Folge beträchtliche Teile der Arbeiter von der »Richtigkeit« und »Vernunft« der Judasanweisungen des Generalrats überzeugt sein würden.
Die Aufrechterhaltung des freundschaftlichen Blocks mit dem Generalrat bei gleichzeitiger Unterstützung des langwierigen und isolierten ökonomischen Streiks der Bergarbeiter, gegen den der Generalrat auftrat, schien von vornherein darauf angelegt zu sein, den Führern der Gewerkschaften die Möglichkeit zu verschaffen, mit möglichst geringen Verlusten aus dieser schwersten Prüfung herauszukommen.
Die Rolle der russischen Gewerkschaften war hierbei vom revolutionären Standpunkt aus sehr abträglich und ausnehmend erbärmlich. Gewiss war die Unterstützung eines ökonomischen Streiks, selbst eines isolierten, unbedingt notwendig. Darüber kann es unter Revolutionären keine zwei Meinungen geben. Doch diese Unterstützung hätte nicht nur einen finanziellen, sondern auch einen revolutionär-politischen Charakter tragen müssen. Der Allrussische Zentralrat der Gewerkschaften hätte der englischen Bergarbeitergewerkschaft und der gesamten englischen Arbeiterklasse offen erklären müssen, dass der Bergarbeiterstreik nur dann ernsthaft mit Erfolg rechnen könne, wenn er durch seine Hartnäckigkeit, seine Ausdauer und seinen Umfang einem neuen Ausbruch des Generalstreiks den Weg bereiten würde. Das hätte aber nur durch einen offenen und direkten Kampf gegen den Generalrat, die Agentur der Regierung und der Bergbauunternehmer, erreicht werden können. Der Kampf um die Verwandlung des ökonomischen Streiks in einen politischen Streik hätte deshalb einen harten politischen und organisatorischen Krieg gegen den Generalrat bedeutet. Der erste Schritt in einem solchen Krieg hätte der Bruch mit dem anglo-russischen Komitee sein müssen, das zu einem reaktionären Hindernis, zu einer Kette an den Füßen der Arbeiterklasse geworden war.
Kein Revolutionär, der seine Worte abwägt, wird behaupten, dass der Sieg bei diesem Vorgehen sicher gewesen wäre. Aber nur auf diesem Wege war er überhaupt möglich. Und selbst eine Niederlage auf einem Weg, der später zum Sieg führen kann, erzieht, d. h. stärkt die revolutionären Ideen in der Arbeiterklasse. Dagegen war die bloße finanzielle Unterstützung des langwierigen und ausweglosen Streiks einer einzelnen Gewerkschaft (Gewerkschaftsstreik – nach seinen Methoden, revolutionär-politisch – nach seinen Zielen) nur Wasser auf die Mühlen des Generalrats, der ruhig abwartete, bis der Streik an Aushungerung zugrunde ging und damit bewiesen war, dass er »recht hatte«. Natürlich war es für den Generalrat nicht leicht, in der Rolle des offenen Streikbrechers mehrere Monate lang auszuharren. Gerade in dieser sehr kritischen Periode brauchte der Generalrat das anglo-russische Komitee als politische Deckung gegenüber den Massen. Auf diese Weise wurden die Fragen des tödlichen Klassenkampfs zwischen dem englischen Kapital und dem Proletariat, zwischen dem Generalrat und den Bergarbeitern, gleichsam in Fragen einer freundschaftlichen Diskussion zwischen Verbündeten desselben Blocks verwandelt. Der englische Generalrat und der Allrussische Zentralrat der Gewerkschaften debattierten, welcher Weg im Moment der bessere sei: der Weg einer Einigung oder der Weg eines isolierten ökonomischen Kampfs. Der Streik endete unausweichlich mit einer Einigung, entschied also auf tragische Weise die freundschaftliche »Diskussion« zugunsten des Generalrats.
Die gesamte Politik des anglo-russischen Komitees war infolge ihrer falschen Linie von Anfang bis Ende nur eine Hilfe, Stütze und Festigung für den Generalrat. Sogar die Tatsache, dass der Streik aufgrund der großen Opferbereitschaft der russischen Arbeiterklasse lange finanziell unterstützt wurde, nützte nicht den Bergarbeitern oder der englischen Kommunistischen Partei, sondern nur demselben Generalrat. Als Ergebnis dieser größten revolutionären Bewegung in England seit den Tagen des Chartismus ist die englische Kommunistische Partei kaum gewachsen, während der Generalrat noch fester als vor dem Generalstreik im Sattel sitzt.
Das sind die Ergebnisse dieses einzigartigen »strategischen Manövers«.
Die Hartnäckigkeit, die man bei der Beibehaltung des Blocks mit dem Generalrat an den Tag legte und auf der schändlichen Berliner Tagung im April 1927 bis zur direkten Kriecherei trieb, wurde mit dem stets gleichen Hinweis auf die »Stabilisierung« begründet. Wenn sich die Entwicklung der Revolution verzögert, ist man halt gezwungen, sich an Purcell zu klammern. Dieses Argument, das einem Sowjetfunktionär oder einem Gewerkschafter vom Typ eines Melnytschanski sehr überzeugend zu sein schien, ist in Wirklichkeit ein vollendetes Beispiel für blinden, überdies mit Scholastik verwässerten Empirismus.
Was bedeutete die »Stabilisierung«, besonders in den Jahren 1926/27, für die englische Wirtschaft und Politik? Die Entwicklung der Produktivkräfte? Die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation? Bessere Aussichten für die Zukunft? Verhältnismäßige Zufriedenheit und Beruhigung der Arbeitermassen? Keineswegs. Die ganze sogenannte Stabilisierung des englischen Kapitalismus hält sich nur mit Hilfe der konservativen Kraft der alten Arbeiterorganisationen mit all ihren Strömungen und Schattierungen angesichts der Schwäche und Unentschlossenheit der englischen Kommunistischen Partei. Auf dem Gebiet der wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen in England ist die Revolution bereits vollständig herangereift. Die Frage stellt sich rein politisch. Die Eckpfeiler der Stabilisierung sind die Führer der Labour Party und der Gewerkschaften, die in England eine Einheit bilden, aber eine Arbeitsteilung praktizieren.
Wenn sich die arbeitenden Massen in einem solchen Zustand befinden, wie ihn der Generalstreik offenbarte, nehmen in der Mechanik der kapitalistischen Stabilisierung nicht mehr MacDonald und Thomas den höchsten Rang ein, sondern Pugh, Purcell, Cook und Co. Sie erledigen die Sache und Thomas legt letzte Hand an. Ohne Purcell würde Thomas in der Luft hängen, und zusammen mit Thomas auch Baldwin. Die falsche, diplomatische, »linke« Maskerade Purcells, der sich bald der Reihe nach, bald gleichzeitig mit Kirchendienern und Bolschewiki verbrüdert und stets nicht nur zu Rückzügen, sondern auch zum Verrat bereit ist, bildet die eigentliche Hauptbremse der englischen Revolution. Stabilisierung ist Purcellismus. Da sieht man, was für ein theoretischer Unsinn und blinder Opportunismus der Hinweis auf die »Stabilisierung« als Rechtfertigung für den politischen Block mit Purcell ist. Denn um die »Stabilisierung« zu erschüttern, müsste zunächst der Purcellismus vernichtet werden. In einer solchen Situation war selbst der Schatten einer Solidarität mit dem Generalrat das größte Verbrechen und die größte Niedertracht gegenüber den arbeitenden Massen.
Selbst die richtigste Strategie kann allein nicht immer zum Sieg führen. Die Richtigkeit eines strategischen Plans wird danach beurteilt, ob er der Linie der wirklichen Entwicklung der Klassenkräfte folgt und deren Elemente realistisch einschätzt. Die schwerste, schmachvollste und für die Bewegung folgenschwerste Niederlage ist die typisch menschewistische, die auf einer Fehleinschätzung der Klassen, einer Unterschätzung der revolutionären Faktoren und einer Idealisierung der feindlichen Kräfte beruht. Von dieser Art waren unsere Niederlagen in China und in England.
Was hatte man vom anglo-russischen Komitee für die UdSSR erwartet?
Im Juli 1926 belehrte uns Stalin auf der gemeinsamen Plenartagung des Zentralkomitees und der Zentralen Kontrollkommission:
Die zweite Aufgabe dieses Blocks besteht in der Organisierung einer breiten Bewegung der Arbeiterklasse gegen neue imperialistische Kriege im Allgemeinen und gegen eine Intervention (ganz besonders) der stärksten imperialistischen Macht Europas, Englands, gegen unser Land im Besonderen.[4]
Nachdem er uns, die Oppositionellen, belehrt hatte, dass man »sich die Verteidigung der ersten Sowjetrepublik der Welt gegen eine Intervention angelegen sein lassen« müsse (wir wussten das natürlich noch nicht), fügte Stalin hinzu:
Und wenn die reaktionären Gewerkschaften Englands bereit sind, mit den revolutionären Gewerkschaften unseres Landes einen Block gegen die konterrevolutionären Imperialisten ihres Landes zu bilden – warum sollte man diesen Block nicht begrüßen?[5]
Wenn die »reaktionären Gewerkschaften« fähig wären, einen Kampf gegen die eigenen Imperialisten zu führen, dann wären sie nicht reaktionär. Stalin ist nicht mehr in der Lage, die Begriffe reaktionär und revolutionär zu unterscheiden. Er bezeichnet die englischen Gewerkschaften aus alter Gewohnheit als reaktionär, in Wirklichkeit hegt er armselige Illusionen über ihre revolutionäre Einstellung.
Nach Stalin unterwies auch das Moskauer Komitee unserer Partei die Moskauer Arbeiter:
Das anglo-russische Komitee kann, muss und wird zweifellos eine ungeheure Rolle im Kampf gegen alle möglichen Interventionen spielen, die gegen die UdSSR gerichtet werden. Es wird zum Organisationszentrum werden, das die internationalen Kräfte des Proletariats zum Kampf gegen jeden Versuch der internationalen Bourgeoisie, einen neuen Krieg anzuzetteln, vereinen wird.[6]
Was hat die Opposition erwidert?
Je stärker sich die internationale Lage zuspitzen wird, umso mehr wird sich das anglo-russische Komitee in eine Waffe des britischen und internationalen Imperialismus verwandeln.
Diese Kritik an den stalinistischen Hoffnungen auf Purcell als Schutzengel des Arbeiterstaats wurde von Stalin auf demselben Plenum als eine Abweichung »vom Leninismus zum Trotzkismus« bezeichnet.
Woroschilow: »Richtig.«
Eine Stimme: »Woroschilow hat sein Siegel darunter gesetzt.«
Trotzki: »Zum Glück wird das alles im stenographischen Protokoll stehen.«
Ja, all das ist im Sitzungsprotokoll des Juliplenums enthalten, auf dem die blinden, grobschlächtigen und illoyalen Opportunisten es gewagt haben, die Opposition des »Defätismus« zu beschuldigen.
Dieser Dialog, den ich aus meinem früheren Artikel »Was wir erwartet und was wir erhalten haben« kurz zitieren musste, ist als strategische Lehre weit nützlicher als das ganze Erstsemester-Kapitel über die Strategie im Programmentwurf.[7] Die Frage, Was haben wir erwartet und was haben wir erhalten?, bildet das grundsätzliche Kriterium der Strategie überhaupt. Es muss auf dem 6. Kongress auf alle Fragen angewandt werden, die in den letzten Jahren auf der Tagesordnung standen. Dann wird sich unfehlbar zeigen, dass die Strategie des EKKI, besonders seit dem Jahre 1926, eine Strategie der imaginären Größen, der falschen Berechnungen, der Illusionen in Bezug auf den Feind und der Verfolgung der zuverlässigsten und standhaftesten Kämpfer war. Mit einem Wort, es war die faule Strategie des rechten Zentrismus.
Kurz nach der Eröffnung des Kampfes gegen den »Trotzkismus« wurden den wichtigsten europäischen Parteien neue Zentralkomitees aufgezwungen. In Frankreich wurde die Führung unter Boris Souvarine und Alfred Rosmer, die starke Sympathien für die russische Opposition geäußert hatte, durch eine »linke« Führung unter Albert Treint und Suzanne Girault ersetzt, die Sinowjew unterstützten. In Deutschland wurde die Brandler-Thalheimer-Führung, die »fehlgeleitete Sympathien« (Trotzki) für die russische Opposition hegte, durch die Sinowjew-Anhänger unter Ruth Fischer und Arkadi Maslow ersetzt. Trotzki hatte sich dagegen gewandt, Brandler und Thalheimer zu den alleinigen Sündenböcken für das deutsche Debakel zu machen. In Polen wurde die Warski-Führung durch die »Linke« unter Domski abgelöst. Keine dieser Führungen, die auf dem 5. Plenum der Komintern 1925 abgesegnet wurden, hatte mehr als ein Jahr Bestand. Als Stalin und Bucharin die Absetzung Sinowjews von der Führung insbesondere der Komintern vorbereiteten und sich dessen Zusammenschluss mit Trotzki immer deutlicher abzeichnete, wurden die »linken« Führungen aus der Periode nach dem 5. Kongress genauso willkürlich wieder abgesetzt, wie sie zuvor eingesetzt worden waren. Die Domski-Gruppe wurde von der Warski-Kostrzewa-Führung abgelöst und schließlich ausgeschlossen; Treint und Girault wurden ihrer Posten enthoben, ausgeschlossen und durch die Gruppe um Doriot, Barb und Thorez ersetzt. Die ausgeschlossenen »linken« Führungen unterzogen ihre bisherigen Positionen einer Überprüfung und unterstützten alle für eine gewisse Zeit die trotzkistische Opposition. Ihre Absetzung war natürlich mit dem beginnenden Rechtsschwenk in der Politik der Komintern verbunden.
Prawda, 20. September 1924.
Die Plattform der Bolschewiki-Leninisten (Opposition) erschien 1927 in der Diskussionsperiode vor dem 15. Kongress der KPdSU. Unterzeichner waren Trotzki, Radek, Pjatakow, Rakowski, Sinowjew, Kamenew, Jewdokimow, Peterson, Bakajew und eine Reihe weiterer Mitglieder des Zentralkomitees und der Zentralen Kontrollkommission. Die erste deutsche Ausgabe erschien 1928 unter dem Titel »Die wirkliche Lage in Russland« in Leipzig. Die stalinistische Bürokratie bezeichnete die Plattform als »parteifeindliches Dokument« und untersagte ihre Veröffentlichung in der russischen Parteipresse. Mehrere führende Mitglieder der Opposition, die sie vervielfältigt und verbreitet hatten, darunter Preobraschenski, Serebrjakow und andere, wurden aus der Partei ausgeschlossen. Kurz darauf erfolgte der Massenausschluss der gesamten Opposition.
J. W. Stalin, Werke Bd. 8, Berlin 1952, S. 164.
Ebd., S. 165.
Thesen des Moskauer Komitees.
Wie die meisten Artikel von Vertretern der Opposition in jener Periode wurde auch dieser nicht zur Veröffentlichung in der russischen Parteipresse zugelassen und ging in vervielfältigter Form von Hand zu Hand.
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