Mindestens 45 Menschen sind bei dem schrecklichen Zugunglück am Sonntagabend, den 18. Januar, in Spanien ums Leben gekommen, als nahe der Stadt Adamuz zwei Züge zusammenstießen. Unter Arbeitenden wächst die Wut, da sie seit langem gewarnt hatten, dass das Bahnprivatisierungsprogramm, das die spanische Regierung aus Sozialistischer Partei (PSOE) und Sumar betreibt, mit mangelhafter Wartung und Unterfinanzierung der Bahnsicherheit einhergeht. Lokführer rufen zu Streiks auf.
Der Unfall ereignete sich gegen 19:45 Uhr, als die hinteren Waggons eines Hochgeschwindigkeitszugs des italienischen Privatunternehmens Iryo auf der Strecke von Málaga nach Madrid auf einem geraden Streckenabschnitt entgleisten. Der Zug geriet auf ein Nachbargleis und prallte frontal mit einem Alvia-Zug der spanischen Staatsbahn Renfe zusammen, der von Madrid nach Huelva unterwegs war. Berichten zufolge fuhren beide Züge mit einer Geschwindigkeit von über 200 km/h, so dass die vorderen Waggons des Renfe-Zugs entgleisten und eine 4 Meter tiefe Böschung hinunterstürzten.
Unter Flutlicht suchten die Rettungskräfte in der hügeligen, ländlichen Gegend um Adamuz nach Überlebenden und bargen Leichen aus den Trümmern des Zuges. Über 150 Menschen wurden verletzt, 12 davon schwer, während am Montagabend noch immer Leichen geborgen wurden. Die Zahl der Todesopfer stieg bis am Donnerstag auf 45, unter ihnen der 28-jährige Lokführer des Renfe-Zuges.
Die Wut unter Eisenbahnern und in der gesamten Öffentlichkeit wuchs noch an, als sich schon am Dienstagabend ein weiterer Bahnunfall ereignete. Bei einer erneuten Entgleisung in Gelida, in der Nähe von Barcelona, kam ein angehender Zugführer ums Leben, als ein Nahverkehrszug in eine kaputte Stützmauer raste, die auf die Gleise gestürzt war.
Am Dienstagmorgen sah sich die spanische Lokführergewerkschaft SEMAF gezwungen, zu einem Streik aufzurufen. Sie kritisierte den „unaufhaltsamen Verfall des Zugmaterials“ und forderte, „die Sicherheit und Zuverlässigkeit des Schienennetzes zu gewährleisten“. Mit ihrem Streikaufruf wolle sie „der Mobilisierung der arbeitenden Bevölkerung eine rechtliche Grundlage geben“, und sie betonte die „strafrechtliche Verantwortung der Personen, die für die Sicherheit der Eisenbahninfrastruktur zuständig sind“.
Selbst wenn einzelne Beamte für die Katastrophe strafrechtlich haftbar sind, muss unmissverständlich erklärt werden, dass solche Verbrechen auf die rechtsgerichtete Politik der Regierungen von PSOE-Podemos und dann Podemos-Sumar zurückzuführen sind. Ununterbrochen kanalisieren sie die Finanzmittel des Landes in das Militär, die Bereicherung der kapitalistischen Oligarchie oder auf die Mühlen der Bahnprivatisierung und entziehen so den Eisenbahnen die notwendigen Mittel für die Instandhaltung. Damit schaffen sie die Voraussetzungen für Katastrophen wie die Kollision von Adamuz.
Premierminister Pedro Sanchez (PSOE) reiste nach Adamuz, wo er erklärte, seine Regierung werde die Öffentlichkeit ehrlich über die Ursachen des Unfalls informieren. „Wir alle fragen uns, wie das passieren konnte. Wir werden die Wahrheit herausfinden“, sagte er. „Wenn wir sie herausgefunden haben, werden wir die Öffentlichkeit in voller Transparenz informieren. Ich kann den Opfern garantieren, dass wir sie schützen und ihnen so lange wie nötig helfen werden.“
Podemos äußerte sich ähnlich. Podemos ist die stalinistisch-pablistische Partei, die vier Jahre lang im Bündnis mit der PSOE regierte und deren Sumar-Fraktion noch immer in der Regierung sitzt. Pablo Fernández, Organisationssekretär und nationaler Co-Sprecher von Podemos, dankte in einer kurzen Erklärung zur Zugkatastrophe in Adamuz den Rettungskräften für ihre „unermüdliche“ Arbeit und fügte hinzu: „Wir hoffen, dass die Ursachen dieses schrecklichen Unglücks so schnell wie möglich geklärt werden, und dass jederzeit die größtmögliche Transparenz herrscht.“
Doch trotz aller Versprechungen von „Transparenz“ seitens der PSOE und Podemos vertuschen sie die Ursachen der Katastrophe und ihre eigene Verantwortung dafür.
Am Montag erklärte Verkehrsminister Oscar Puente, der Unfall sei „seltsam, sehr seltsam, derzeit schwer zu erklären (…) Derzeit können wir nicht spekulieren, ob der Fehler beim Rollmaterial oder bei den Schienen liegt. Wir wissen es nicht.” Er fügte hinzu: „Konkret wurden die Arbeiten an den Weichen in diesem Abschnitt der Strecke im Mai abgeschlossen. Angesichts dessen ist der Unfall auf einem geraden Streckenabschnitt äußerst seltsam (…) Wir hoffen, dass die Untersuchung uns helfen kann, zu klären, was passiert ist.“
Puentes Argumente sind absurde Lügen, die bloß die Privatisierungsagenda seiner Regierung verteidigen sollen. Natürlich müssen sowohl die Züge als auch die Schieneninfrastruktur gründlich untersucht werden, allerdings haben Arbeiter wiederholt gewarnt, dass die Strecke, auf der sich der Unfall ereignete, schlecht gewartet und gefährlich sei.
Die Hochgeschwindigkeitsstrecke Madrid-Andalusien ist die älteste Spaniens und wurde 1992 in Betrieb genommen. Im Zuge der Privatisierung des Schienenverkehrs hat sie einen Anstieg des Verkehrsaufkommens verzeichnet, da Ouigo und Iryo (private Unternehmen, die sich teilweise im Besitz der französischen bzw. italienischen Staatsbahnen befinden) Teile dieses lukrativen Schienenkorridors vom spanischen Staatsbahnbetreiber Renfe übernommen haben. Sie führten jedoch die notwendigen Instandhaltungsmaßnahmen nicht durch, sondern beauftragten stattdessen die 2005 aus Renfe ausgegliederte staatliche Gesellschaft Adif mit der Instandhaltung der Gleise. Dabei flossen die Einnahmen aus deren Nutzung nicht in die Instandhaltung, sondern an die Taschen der Aktionäre privater Unternehmen wie Ouigo und Iryo.
Im Laufe des letzten Jahres wiesen Bahnmitarbeiter die Vorstandsmitglieder von Adif und die staatlichen Behörden auf die Gefahren im Gebiet von Adamuz hin. Adif war gezwungen, im vergangenen Jahr acht Berichte über Probleme mit der Signaltechnik, Schlaglöcher und Unebenheiten auf den Gleisen sowie Ungleichgewichte in den Oberleitungen in der Region zu veröffentlichen. Diese Berichte wurden mindestens bis Oktober fortgesetzt, also lange nachdem Puente behauptet hatte, die Gleise seien repariert worden.
Im August wurden die Beschwerden der Lokführer so gravierend, dass die Gewerkschaft SEMAF einen Brief an Adif schreiben musste, um vor „starker Abnutzung“ der Eisenbahninfrastruktur zu warnen. In dem Brief hieß es, dass die Lokführer „täglich“ Bedenken äußerten, aber keine Maßnahmen ergriffen worden seien.
Gestern zitierte die britische Zeitung Independent eine anonyme Quelle aus dem Umfeld der Ermittler mit den Worten: „Experten haben eine gebrochene Verbindung an den Schienen entdeckt. Techniker vor Ort stellten Verschleiß an der Verbindung zwischen den Schienenabschnitten fest, die als Lasche bezeichnet wird, und sagten, dass der Fehler bereits seit einiger Zeit bestanden habe.“ Die Quelle „wollte aufgrund der Sensibilität des Themas nicht genannt werden“.
Auch Techniker weisen auf mögliche Probleme mit dem Iryo-Zug hin. Jose Trigueros, Präsident des spanischen Verbandes der Straßenbauingenieure, untersuchte die von den spanischen Behörden veröffentlichten Bilder und warnte vor einem möglichen „Versagen des Untergestells der hinteren Einheiten“ des Iryo-Zugs.
Sicherlich müssen noch weitere Details zu den genauen Ursachen des Unfalls bekannt werden. Aber seine tiefere Ursache liegt offensichtlich in der Weigerung staatlicher Behörden und privater Unternehmen, die notwendigen Instandhaltungsmaßnahmen zu finanzieren. Eine solche Finanzierung erfolgt aber nicht, weil sie mit den reaktionären Prioritäten der PSOE-Podemos- und später der PSOE-Sumar-Regierungen nicht vereinbar ist. Im Zuge der Eisenbahnprivatisierung haben diese Regierungen EU-Gelder in Höhe von mehreren Dutzend Milliarden Euro an spanische Banken verteilt. Was die Militärausgaben betrifft, so haben sich diese seit dem Amtsantritt der PSOE-Podemos-Regierung im Jahr 2020 bis heute laut öffentlich bekanntgegebenen Zahlen von 18 auf 34 Milliarden Euro fast verdoppelt.
Im gleichen Zeitraum stiegen die Vermögen der spanischen Milliardäre massiv an: von 70 auf 110 Milliarden Euro für Ormancia Ortega, von 4 auf 8 Milliarden Euro für Rafael del Pino und von 5 auf 8 Milliarden Euro für Juan Roig.
Die beiden Zugunglücke in Spanien innerhalb von nur zwei Tagen unterstreichen, dass die Gesellschaft nicht funktionieren kann, wenn parasitäre kapitalistische Oligarchen, unterstützt von pseudolinken Mittelklasseparteien wie Podemos, einen so großen Reichtum monopolisieren.
Es ist notwendig, dass Arbeitende so breit wie möglich gegen die Privatisierungspolitik der PSOE-Sumar-Regierung mobilisiert werden. Arbeitende, die den Kampf aufnehmen wollen, dürfen auch Parteien wie Podemos, Sumar und den mit ihnen verbündeten Gewerkschaftsbürokratien nicht trauen. Diese verschleppen nicht nur alle notwendigen Maßnahmen zur Beendigung der Plünderung der Eisenbahnindustrie. Darüber hinaus haben die Gewerkschaftsbürokratien bei mehreren großen Streiks, zum Beispiel beim Metallerstreik 2021 in Cádiz oder dem spanischen Lkw-Fahrerstreik 2022, Abstimmungen manipuliert, um die Streiks zu beenden, während Podemos in der Regierung saß und die Bereitschaftspolizei losschickte, um die Streikenden anzugreifen. Sie werden auch heute bewusst versuchen, alle Streikmaßnahmen gegen ihre eigene Privatisierungspolitik zu unterbinden.
Wer gegen eine solche Politik den Arbeitskampf aufnehmen will, muss sich unabhängig organisieren und die Kontrolle über die Arbeitsbedingungen und die Sicherheit in die eigene Hand nehmen. Der Kampf für unabhängige Aktionskomitees muss als Teil eines umfassenderen sozialistischen Kampfs der Arbeiterklasse mit dem Ziel geführt werden, die kapitalistischen Oligarchen, die die Gesellschaft ausplündern, zu enteignen und den von der Arbeiterklasse geschaffenen Reichtum zur Befriedigung sozialer Bedürfnisse - und nicht für private Profite - zu nutzen.
