Am Sonntag, den 1. Februar, starb in einem Zürcher Krankenhaus das 41. Opfer der Brandkatastrophe von Crans-Montana: Es war ein 18-jähriger Junge, der hier seinen Brandverletzungen erlag.
Die Brandkatastrophe von Crans-Montana vor einem Monat, am frühen Neujahrsmorgen, war nicht einfach eine unvorhersehbare Tragödie. Sie war das Produkt bewusster Vernachlässigung durch Betreiber, Behörden und Politik. Sie haben schnelle Profite im Tourismus- und Immobiliengeschäft über die Sicherheit und den Schutz der Bevölkerung gestellt.
Die unmittelbaren Ursachen der Katastrophe – die Entzündung von Partyfontänen in einer Kellerbar, die entflammbare Deckenverkleidung, die fehlenden und viel zu engen Fluchtwege und der Mangel an geschultem Personal – all dies enthüllt eine Gleichgültigkeit, Rücksichtslosigkeit und Profitgier, die ihresgleichen sucht.
Dennoch halten einflussreiche Freunde die Hand über das Betreiberehepaar der Bar „Le Constellation“. Am Freitag wurde Jacques Moretti aus der Haft entlassen, da ein Freund, ein millionenschwerer Erbe einer Uhrendynastie aus Genf, für ihn die Kaution von 200.000 CHF (215.000 Euro) gestellt haben soll. Moretti war erst am 9. Januar inhaftiert worden, seine Ehefrau Jessica Moretti überhaupt nicht. Ihre Handys wurden eine Woche lang nicht konfisziert.
Fast alle Enthüllungen werden auf Betreiben der Opferanwälte aufgedeckt, und nicht der Walliser Staatsanwaltschaft, die die Verantwortlichen offenbar mit Samthandschuhen anfasst. Ein Opferanwalt hat zum Beispiel Beweise dafür vorgebracht, dass es in derselben Bar im Jahr 2024 schon einmal einen Brand gegeben hatte, der auf genau dieselbe Weise, durch hochgehaltene Wunderkerzen, ausgelöst worden sein soll.
Mit welch krimineller Schlampigkeit Moretti in seinem Partykeller ans Werk ging, hat vor kurzem einer seiner Kellner im französischsprachigen Schweizer Sender RTS enthüllt. Dieser Kellner hat selbst den Brand nur mit großem Glück überlebt. Wie er berichtete, ließ Moretti gut zwei Wochen vor der Katastrophe herunterhängende Schaumstofffetzen mit einem Leim hochkleben, der mit Sicherheit nicht feuerfest war.
Der Kellner wies ein Video vor, das er damals an Moretti schickte, auf dem die notdürftig reparierte Decke zu sehen ist: Bis der Leim getrocknet ist, wird sie mit Hilfe von Billard-Queues und Serviettenpäckchen hochgepresst. Man hört Morettis Stimme (zum Kellner): „Versuch mal, einen [Billardstab] wegzunehmen. Ich habe ja einen Leim verwendet, den ich nicht so kenne.“
15 Tage später entzündeten sich genau diese Schaummatten in Windeseile an den auf Champagnerflaschen hochgehobenen Partyfontänen. Innerhalb weniger Minuten kam es zum Flashover, einer schlagartigen Entzündung der sich ausbreitenden Gase, die den gesamten Kellerraum in eine bis zu tausend Grad heiße Feuerhölle verwandelten.
Ein Großteil der Besucher konnte den Raum nicht rechtzeitig verlassen, da der einzig sichtbare schmale Notausgang sofort verstopft war. Die Bar war mit 3 bis 400 Gästen völlig überbelegt. Wie die WSWS schrieb, war „die Bar ‚Le Constellation‘ eine leicht entzündbare Feuerfalle, in der niemals eine Silvesterfeier hätte stattfinden dürfen“.
Es gab zwar einen zweiten Notausgang, aber man hätte zwei weitere Kellerräume durchqueren müssen, um ihn zu erreichen, was zudem nicht sichtbar ausgeschildert war, und die Zugangstür war mit einem Stuhl verstellt. Ob sich Menschen durch diese Tür retten konnten, ist nicht bekannt.
Die meisten Toten wurden unten vor der zentralen Fluchttreppe gefunden, und auch im Erdgeschoss bildete sich ein dichter Stau, da die Zwischentür zum Ausgang der Veranda nur einen 90 Zentimeter breiten Durchgang ließ. Hier war ein Türflügel geschlossen, und die Tür war vorschriftswidrig nur nach innen zu öffnen. Um dem Feuer zu entkommen, schlugen Flüchtende auch ein Fenster ein. Andere wurden später hinter einer weiteren Fluchttüre gefunden, die jedoch verschlossen war.
Verantwortlich ist nicht allein das Ehepaar Moretti. Verantwortlich sind auch die Regierungsvertreter und Behörden, die der Bar trotz offensichtlicher Mängel beim Brandschutz die Betriebsgenehmigung erteilten. Hier wäscht eine Hand die andere.
Eigentlich gibt es klare Regeln, was den Brandschutz betrifft. Für bis zu 50 Personen reicht ein Fluchtweg; sind es mehr, braucht es mindestens einen zweiten Fluchtweg, und auch die Mindestbreiten sind zwingend vorgeschrieben. Ab 300 Personen kommen Brandmelder, Alarmsysteme und gekennzeichnete Fluchtwege hinzu. Praktisch alle diese Vorgaben wurden missachtet.
Erst eine Woche nach der Brandkatastrophe gab der Gemeindepräsident Nicolas Féraud zu, dass die Brandschutz-Kontrollen in der Bar seit sechs Jahren nicht mehr stattgefunden hatten. Sie müssten eigentlich jährlich durchgeführt und protokolliert werden.
Mittlerweile sind Protokolle der Brandschutzkontrollen aus den Jahren 2018 und 2019 bekannt, worüber NZZ und SRF berichteten. Demnach hatte der Sicherheitsbeauftragte der Gemeinde Crans-Montana Moretti im Januar 2018 aufgefordert, die Besucherzahl in seinem Lokal auf 100 Personen pro Etage zu begrenzen. Der Betreiber erhielt drei Monate Zeit, um anzugeben, wo sich die Feuerlöscher befinden. Auch Evakuierungspläne und eine entsprechende Schulung des Personals fehlten und sollten nachgewiesen werden.
Der Schaumstoff, der seit 2015 die Decke der Kellerbar verkleidete, war laut den Ermittlungsakten kein Thema. Und bei der Kontrolle im Mai 2019 wurden dieselben Forderungen wie 2018 erneut erhoben, da Moretti sie nicht erfüllt hatte. Einmal mehr erhielt er eine Frist von drei Monaten, um die Vorschriften zu erfüllen.
Seitdem wurde die Bar nicht mehr kontrolliert, und keiner fragte mehr danach. Und offenbar war das nicht einfach ein bedauerliches Versäumnis, sondern Methode. Denn mehr und mehr werden die staatlichen Kontrollen zurückgefahren und der Brandschutz der Privatinitiative der Eigentümer überlassen.
Die Schweiz ist gerade dabei, den kantonalen Brandschutz gesetzlich neu zu regeln. Bis 2027 ist eine Lockerung vorgesehen, welche die staatliche Kontrolle weiter zurückdrängen soll. Streng nach dem Motto: „Mehr Markt, weniger Staat“ sollen bestimmte Eigentümer künftig die behördlichen Kontrollen durch private Gutachten ersetzen können.
Besonders die Tourismusbranche begrüßte und betrieb diese Lockerung. Und im Wallis obliegt der Brandschutz den Gemeinden, deren Ratsmitglieder oft selbst die Betreiber der Hotels, Bars, Bergbahnen, Skilifte und Läden sind.
In Crans-Montana saß der Gemeindepräsident Nicolas Féraud gleichzeitig in mehreren Tourismus- und Wirtschaftsgremien: Im Verwaltungsrat der Bergbahnen (Vail Resorts), dem Stiftungsrat des Golfturniers, dem Verwaltungsrat des Casinos und mehreren Immobilien- und Tourismusstiftungen, wie die Publikation Republik auflistete. Im Organisationskomitee der Ski-WM 2027 saß Féraud zusammen mit dem Sicherheitsdirektor Stéphane Ganzer, der heute für die Ermittlungen über den Brand verantwortlich ist.
Vor über zehn Jahren, im Juni 2015, hatten sich vier Gemeinden – Chermignon, Mollens, Montana und Randogne – zur Großgemeinde Crans-Montana zusammengeschlossen. Fortan sollte alles dem touristischen Wirtschaftsaufschwung untergeordnet werden. Nicolas Féraud wurde der erste Gemeindepräsident der Großgemeinde.
Bis 2024 war eine einzige Person im Gemeinderat für Sicherheit zuständig, bei rund 100 Bars und Restaurants, die es zu kontrollieren gab. Diese Person war ein FDP-Parteifreund von Féraud, Kevin Barras. Ab 2025 gab es ein fünfköpfiges Team, doch es prahlte in einer Gemeinde-eigenen Publikation damit, dass die Kontrolleure bei Mängeln „nicht zu streng“ seien. Der Artikel ist seit dem Brand gelöscht worden.
Als der US-Konzern Vail Resort anbot, die Gemeinde Crans-Montana praktisch aufzukaufen, und 85 Prozent aller öffentlichen Einrichtungen, die Skilifte und Sesselbahnen, Luxushotels und Läden übernahm, wurde er mit offenen Armen aufgenommen. Dem Luxus-Tourismus-Aufschwung wurde alles andere untergeordnet.
Die Politiker aller Schweizer Parteien machen derzeit große Worte über „Sicherheit“, wenn es um Aufrüstung, Nationalismus, den Kauf von F-35-Kampfjets und die Militarisierung der Gesellschaft geht, aber in Wirklichkeit opfern sie Schutz und Sicherheit der Menschen dem Profit. Dafür ist Crans-Montana ein sprechendes Beispiel. Die World Socialist Web Site schrieb:
[Die Brandkatastrophe] reiht sich in eine Kette von Entwicklungen ein, bei denen Profit- oder Machtinteressen Vorrang vor Menschenleben haben – die Corona-Pandemie, die Zunahme tödlicher Arbeitsunfälle, den Genozid in Gaza, die Wiedereinführung der Wehrpflicht.
Schutz und Sicherheit der Bevölkerung wird so lange eine leere Formel bleiben, solange die arbeitende Bevölkerung sich nicht erhebt, um sich unabhängig von allen bürgerlichen Parteien und Gewerkschaften zu organisieren und eine demokratische Kontrolle über ihre Arbeits- und Lebensbedingungen zu errichten.
