Das Mittelmeer ist einer der weltweit gefährlichsten Orte für Migranten.
Am frühen Mittwochmorgen wurde ein weiterer Vorfall in einer langen Reihe tödlicher Zusammenstöße zwischen Migranten und dem Grenzschutz der Anrainerstaaten bekannt.
Ein Boot mit mutmaßlich 35 Personen, das von der türkischen Küste zur nahegelegenen Insel Chios unterwegs war, wurde von der griechischen Küstenwache gerammt. Mindestens 15 Menschen kamen dabei ums Leben. 26 Verletzte wurden in Krankenhäuser gebracht, darunter 12 Kinder. Zwei überlebende Frauen verloren ihre ungeborenen Kinder. Die Suche nach weiteren Vermissten war am Mittwoch noch nicht abgeschlossen.
Die genauen Umstände der Kollision sind bislang unklar. Nach Angaben der Küstenwache habe eine Patrouille das Boot mit den Migranten entdeckt und zur Umkehr aufgefordert. Anschließend sei es zu gefährlichen Manövern des Schnellboots gekommen; bei der darauffolgenden Verfolgungsjagd kollidierten die Boote. Diese Version ist bisher nicht verifizierbar. Zweifel sind angebracht, da die Grenzschützer immer wieder durch brutales, rechtswidriges und menschenverachtendes Vorgehen auffallen, das zum Tod von Flüchtlingen führt.
Im vergangenen Jahr gab es mehrere Fälle, in denen Flüchtlingsboote bei Verfolgungen durch die Küstenwache kenterten. Im Oktober 2025 kamen so vor der Insel Rhodos ein Mann und ein Junge ums Leben. Menschenrechts- und Seenotrettungsorganisationen werfen den griechischen Behörden regelmäßig vor, Migranten in internationalen Gewässern oder kurz nach dem Erreichen griechischer Gewässer ohne Prüfung ihres Asylrechts zurückzudrängen und sie dadurch in Seenot zu bringen.
Beim schlimmsten bekannten Unglück am 14. Juni 2023 starben Hunderte Menschen beim Untergang des Fischkutters „Adriana“. Zeugen beschuldigten die griechische Küstenwache, den völlig überfüllten Kutter mit bis zu 700 Menschen zum Kentern gebracht zu haben. Zudem seien notwendige Rettungsmaßnahmen bewusst unterlassen und keine Hilfe angefordert worden. 104 Menschen überlebten, 79 Leichen wurden geborgen. Hunderte weitere Menschen gingen mit dem Schiff unter – darunter laut Zeugenaussagen viele Frauen und Kinder im Schiffsbauch. Aufklärungsversuche wurden von den Behörden behindert. Nach internationalen Recherchen, u.a. von ARD, Arte, BBC und CNN, erhob die griechische Staatsanwaltschaft inzwischen Anklage gegen 17 Mitglieder der Küstenwache, darunter auch hochrangige Offiziere.
Zahlreiche weitere Vorwürfe sind dokumentiert: Migranten wurden mit Gewalt an Bord unsicherer Boote gezwungen, ohne Rettungswesten aufs Meer geschickt oder sogar ins Wasser gestoßen – vielfach mit tödlichem Ausgang. Die BBC dokumentierte auf Basis von Nachrichtenquellen und Zeugenaussagen mindestens 43 Todesfälle durch die griechische Küstenwache bei 15 Vorfällen zwischen 2020 und 2023.
Der Spiegel hatte bereits zuvor belegt, dass die Küstenwache Bootsflüchtlinge aufgreift und sie auf Rettungsinseln vor der türkischen Küste aussetzt – ihrem Schicksal überlassen.
All diese Praktiken verstoßen gegen Menschenrechte und völkerrechtliche Verpflichtungen zur Aufnahme von Asylsuchenden. Die griechische Küstenwache ist besonders berüchtigt, handelt jedoch im Wissen, dass ihre Methoden mit der Asyl- und Abschiebepolitik der EU-Staaten in Übereinstimmung stehen. Seit Jahrzehnten wird die „Festung Europa“ ausgebaut – mit tödlichen Folgen für Geflüchtete und Migranten, besonders im Mittelmeer. Die UN-Migrationsagentur IOM bezeichnet das zentrale Mittelmeer inzwischen als den „tödlichsten Migrationskorridor der Welt“. Allein im Januar 2026 seien Hunderte Menschen dort ertrunken oder an Unterkühlung gestorben.
Verantwortlich für diese tödlichen Migrationsrouten und das damit verbundene Elend sind die europäischen Staaten. Ihre Migrationspolitik ist darauf ausgerichtet, weltweit ausgebildete Fachkräfte zu rekrutieren, während Europa für Menschen ohne unmittelbaren „Wirtschaftsnutzen“ abgeriegelt wird.
Bei den Betroffenen des jüngsten Unglücks vor Chios handelt es sich überwiegend um Menschen aus Afghanistan – ein Land, das durch jahrelange Kriege, an denen auch europäische Mächte beteiligt waren, verwüstet wurde. Heute herrschen dort die islamistischen Taliban mit brutaler Willkür. Die Welthungerhilfe bezeichnet die Lage als „katastrophal“. Laut UN leben 97 Prozent der afghanischen Bevölkerung in Armut, über eine Million Kinder unter fünf Jahren sind schwer unterernährt. Das Bildungssystem ist zusammengebrochen, etwa zwei Drittel der Bevölkerung sind Analphabeten. Wer könnte schutzbedürftiger sein als Menschen aus Afghanistan?
Dennoch haben afghanische Flüchtlinge kaum Chancen auf Asyl in Europa. Zunehmend werden sie sogar in ihr Herkunftsland abgeschoben. Immer stärker übernehmen EU-Staaten das Programm der extremen Rechten und bereiten Maßnahmen vor, wie sie US-Präsident Trump in den Vereinigten Staaten umsetzt.
Erst letzte Woche kündigte die EU-Kommission eine weitere Verschärfung der Migrations- und Asylpolitik an. Der zuständige EU-Kommissar Magnus Brunner erklärte: „Wir müssen alle uns zur Verfügung stehenden Mittel nutzen, wenn wir entscheiden wollen, wer in die Europäische Union hinein darf und wer sie wieder verlassen muss.“ Das ist als klare Warnung zu verstehen. Geplant ist u.a. die Einrichtung von Abschiebezentren außerhalb des EU-Territoriums, um Asylrechte gezielt zu unterlaufen und Migranten abzuschrecken.
Zu dieser „Abschreckung“ zählt auch der staatlich organisierte Terror gegen Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer. Gewalt und Unrecht gegen Schutzsuchende sollen in den geplanten „Return Hubs“ außerhalb Europas institutionell gefestigt werden.
Die ständige Verschärfung der Maßnahmen gegen Flüchtlinge ist auch Teil des Aufbaus eines europäischen Polizeistaats. Die damit einhergehenden rechtlichen und moralischen Grenzverschiebungen betreffen nicht nur Migranten: Der Repressionsapparat kann schnell gegen die gesamte Arbeiterklasse eingesetzt werden, sobald der Widerstand gegen Sozialabbau und Kriegspolitik zunimmt – wie die aktuellen Entwicklungen in den USA deutlich zeigen.
Die Verteidigung der Grund- und Menschenrechte von Geflüchteten und Migranten ist nicht nur ein Akt notwendiger Solidarität – sie liegt im ureigenen Interesse der europäischen und internationalen Arbeiterklasse und ist ein zentraler Bestandteil des Kampf gegen Faschismus, Militarismus und Krieg.
