Gewerkschaft bei M.A.N. in Norwegen lässt Arbeiter für Pseudo-Streik zahlen

M.A.N. Lkw & Buswerkstatt in Trondheim/Tiller

Fünf Wochen dauert schon ein Tarifkonflikt bei M.A.N. Truck & Bus in Trondheim (Norwegen). Das sogenannte „Dagsing“ der Gewerkschaft Fellesforbund, das am 8. Januar begann und noch andauert, ist eine üble Farce, die die Arbeiter mit empfindlichem Lohnverlust bezahlen. Es ist notwendig, daraus wichtige Schlussfolgerungen zu ziehen.

Zum Hintergrund: Das Arbeitsrecht in Norwegen schafft einen zweistufigen Rahmen für die Tarifverhandlungen zwischen Gewerkschafts- und Arbeitgeberverbänden. Alle zwei Jahre wird ein relativ niedriger nationaler Flächentarif ausgehandelt, der anschließend von örtlichen Betriebsleitungen und Betriebsräten durch eine Zusatzlohnvereinbarung an lokale Unternehmensgewinne und Lebenshaltungskosten angepasst werden soll. Dies räumt den Unternehmern maximale Flexibilität ein, um etwa in einem wirtschaftlich heruntergekommenen Fischerort in Nordnorwegen geringere Löhne zu zahlen als in der boomenden Öl- und Gasindustriestadt Stavanger.

Die lokalen Zusatzverhandlungen fallen dabei allerdings in die Zeit der Friedenspflicht der Flächentarifverhandlungen. Ein lokaler Streik wird durch diesen rechtlichen Rahmen also praktisch unterdrückt. Das wirksamste Druckmittel der Arbeiter, der Streik, steht den lokalen Betriebsräten dafür gar nicht zur Verfügung, und so ist der Begriff „Lokale Zusatzverhandlung“ nur ein schönes Wort für „lokale Bettelveranstaltung“. Im Grunde können die Unternehmer die lokale Lohnzulage nach eigenem Gutdünken festlegen.

Die M.A.N. tut in Norwegen bisher genau das: Nach jeder Tarifrunde legt das Münchner Unternehmen kurzerhand eine zentrale Zusatzlohnerhöhung für alle seine norwegischen LKW- und Buswerkstätten fest und erspart sich so die Lohnverhandlungen mit den örtlichen Betriebsräten. Auch nutzt der Konzern den geringen Flächentarif, um insgesamt geringere Löhne zu zahlen als Konkurrenten wie etwa Volvo oder Scania. Das hat schon in der Vergangenheit dazu geführt, dass Mechaniker in den wirtschaftlich starken Städten oft zu den Konkurrenten wechseln, um die höheren Preise dort bezahlen zu können.

Spätestens seit 2022 werden nun die Kosten für Weltwirtschaftskrise und Krieg auch in Norwegen an die Arbeiterklasse durchgereicht - in Form von heftigen Preissteigerungen bei Lebensmitteln, Energie und Wohnen. Durch diese zusätzliche Reallohnkürzung hat sich die Abwanderung der Facharbeiter von M.A.N. verstärkt und zum echten Problem entwickelt. Zu einem Problem freilich, das die norwegische Regierung und die Gewerkschaften mit den vereinbarten Tarifgesetzen, sowie die M.A.N. mit ihrer Lohnpolitik selbst verantworten.

Im wirtschaftlich starken Trondheim versucht nun der größte Gewerkschaftsverband der Privatunternehmen, der „Fellesforbund“, sich als rettender Unterhändler einzubringen, nachdem die gleiche Gewerkschaft den miserablen Flächentarif zu verantworten hat: Die Regionalabteilung 12 des „Fellesforbund“ führt mit ihrem Betriebsrat in der Trondheimer Filiale „M.A.N. trukk og buss Tiller“ seit dem 8. Januar 2026 einen lokalen „Arbeitskampf“, um überhaupt erstmal örtliche Lohnzusatzverhandlungen durchzusetzen. Bei Erfolg will der Betriebsrat dann 5 Prozent Ortszulage fordern anstelle der von M.A.N. angebotenen nationalen Pauschalzulage von 1,21 Prozent. Das Ergebnis würde voraussichtlich bei einer Ortszulage von schätzungsweise 2 Prozent liegen, was die seit Jahren erlittene Reallohnsenkung nicht ansatzweise kompensieren würde.

Mit seinem lokalen „Arbeitskampf“ stößt der „Fellesforbund“ jedoch auf die nächste, den Arbeitern im nationalen Streikrecht gestellte Falle: Die zweijährige Friedenspflicht der Flächentarifparteien, die den Streik lokal als Kampfmittel verhindert. Der „Fellesforbund“ versucht sich daher mit der Kampfform der „dagsing-“ oder „gaa-sakte-aksjon“ zu behelfen, dem „Tagelöhner-“ oder „Bummelstreik“. „Dagsing“ gilt nach norwegischem Recht nicht als Streik und darf daher während der Friedenspflicht angewendet werden.

Bei voller Anwesenheitszeit der Arbeiter im umkämpften Betrieb wird die Tagesarbeitsleistung dabei auf 45 Prozent reduziert – allerdings auch der Lohn! Diese Streikform verhindert das Zusammenkommen der Kollegen außerhalb des Betriebs und per se auch jede Mobilisierung breiterer Solidaritätsaktionen von Kollegen im Land und international. Gleichzeitig wird der „Unstreik“ weder den organisierten Arbeitern aus der gewerkschaftlichen Streikkasse kompensiert, noch den unorganisierten Arbeitern von der Arbeitsagentur „NAV“. Obwohl im Streikrecht schriftlich geregelt, ist „dagsing“ in Norwegen selten und wenig bekannt. Kein Wunder angesichts der Tatsache, dass Arbeiter damit vor allem sich selbst und ihren Familien schaden.

Die lokale Online-Zeitung Nidaros brachte die Unzufriedenheit der Arbeiter in einem Artikel zum Ausdruck („Große Konflikte und Kündigungen: Das ist im Grunde ‚Selbstmord‘ für die Angestellten“). Den Betriebsratsvorsitzenden Jon Olav Bergem zitiert sie mit der entlarvenden Aussage, der „dagsing“ sei „ein starkes Kampfmittel, das sowohl für Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmer Konsequenzen hat“. Ein Arbeiter wird mit den Worten zitiert: „Wir hatten jetzt schon einen Monat, wo die Leute ihr Erspartes aufgebraucht haben, um die Kosten zu decken. Nächsten Monat werden die meisten ihre Schulden nicht abzahlen können, und die meisten haben ja Kinder zu versorgen“. Der Arbeiter kommentierte: „Die Aktion zerstört das Leben der Leute, und keiner spricht darüber.“ Ein anderer sagt: „Die Solidarität am Arbeitsplatz ist jetzt komplett zerstört.“

Das nun fünf Wochen andauernde „dagsing“ kostet die Mitarbeiter bei M.A.N. in Trondheim schon fast den Lohn von drei Wochen – über 4% ihres Jahresgehalts, also etwa so viel ,wie sie durch eine zweiprozentige Erhöhung innerhalb von zwei Jahren mehr bekommen würden. Die finanzielle Nebenwirkung dieser entmutigenden Farce eines Arbeitskampfs wurde ihnen von Gewerkschaft und Betriebsratsleiter dann auch im Vorfeld bewusst verschwiegen. Sie wurden erst nach Beginn der Aktion am 8. Januar informiert. Der Gewerkschaftsverband täuscht also die Arbeiter, hält die Streikkasse mit ihren Mitgliedsbeiträgen für seine Bürokraten zurück und schickt sie in ein finanzielles Massaker anstelle eines starken Arbeitskampfs – in einem rechtlichen Rahmen, den er auf nationaler Ebene selbst mit organisiert hat. Die Wirkung auf Stimmung, Zusammenhalt und Kampfmoral der Arbeiter bei M.A.N. in Trondheim ist verheerend.

Und dies ist kein Zufall. Die Versuche des Fellesforbund, den Kampf der Arbeiter bei M.A.N. zu unterdrücken, sind Ausdruck seiner Unterstützung für die norwegische „Arbeiderpartiet“-Regierung (Arbeiterpartei, AP). Mit etwa 175.000 Mitgliedern ist der Fellesforbund der zweitgrößte Verband im norwegischen Gewerkschaftsbund „Landsorganisasjonen“ (LO). Dieser unterstützt finanziell und politisch die AP, deren Vorsitzender, Jonas Gahr Støre, auch Ministerpräsident Norwegens ist. Finanzminister ist Jens Stoltenberg (AP), der vormalige Nato-Generalsekretär.

Seit Støre 2021 an die Macht kam, hat die AP-Regierung die Militärausgaben drastisch erhöht, Nato-Übungen und Manöver in Norwegen gegen Russland mitorganisiert und Milliarden für den imperialistischen Krieg in der Ukraine bereitgestellt. Seine jetzige Minderheitsregierung kann ihre rechte Politik nur dank einer Vereinbarung mit einigen sogenannten „linken“ Parteien durchsetzen, zu denen die Sozialistische Linke, die Grünen und Rot zählen. Wie in anderen Ländern haben die norwegischen Sozialdemokraten längst ihre nationalreformistische Politik aufgegeben und sich in die aggressivsten Kriegstreiber und offene Gegner der Arbeiterklasse verwandelt.

Die Arbeiterklasse muss sich daher unabhängig von diesen Organisationen und international organisieren mit dem Ziel, selbst die politische Macht zu übernehmen. Nur so können die Arbeiter ihre Interessen verteidigen. Das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) hat deshalb die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC) ins Leben gerufen, um den Aufbau unabhängiger Aktionskomitees in allen Betrieben zu unterstützen und ihre Zusammenarbeit zu organisieren. Jeder, der sich für den Aufbau der unabhängigen Aktionskomitees interessiert, sollte sich in das untenstehende Formular eintragen, um sich an die World Socialist Web Site und die IWA-RFC zu wenden!

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