Dieser Artikel über die Geschichte des amerikanischen Imperialismus in Venezuela erschien ursprünglich am 29. und 30. Dezember 2025 als Zweiteiler in der englischen Ausgabe der WSWS. Wenige Tage nach der Veröffentlichung griffen die USA Venezuela an und entführten den Präsidenten des Landes, Nicolas Maduro, in die USA.
Seit mehreren Monaten eskaliert die Trump-Regierung ihre Kampagne imperialistischer Gewalt gegen Südamerika. Inzwischen ist dort die größte US-Flotte stationiert, die jemals vor den Küsten Südamerikas versammelt wurde. In einer unerbittlichen Mordserie wurden mehrere Fischerboote mit Raketen angegriffen. Weit über 100 unbewaffnete Zivilisten wurden dabei bisher getötet wurden. Begleitet wurde diese Eskalation von einem neuen Dokument zur Nationalen Sicherheitsstrategie, in dem stolz ein aktueller „Trump-Zusatz“ zur Monroe-Doktrin verkündet wird.
Venezuela und seine Ölreserven, die größten der Welt, sind das unmittelbare Ziel der räuberischen Operationen des US-Imperialismus. Trump hat dies in seinen Äußerungen gegenüber den Medien und mit seinem blindwütigen Social-Media-Gezeter deutlich gemacht. Er hat damit gedroht, dass die militärischen Angriffe der USA solange eskalieren würden, „bis sie all das Öl, Land und andere Vermögenswerte, die sie uns zuvor gestohlen haben, an die Vereinigten Staaten von Amerika zurückgegeben haben“. Diesen Drohungen ließ Washington Taten folgen und beschlagnahmte in Piratenmanier Öltanker auf hoher See und verhängte eine Blockade, was eine eindeutige Kriegshandlung ist, die darauf abzielt, Venezuela bis zur Unterwerfung auszuhungern.
Aber der sogenannte „Trump-Zusatz“ sowie die faschistischen und mafiösen Äußerungen seines Namensgebers im Weißen Haus machen deutlich, dass Washingtons Ziele weit über Venezuela hinausgehen. Sie kommen dem Versuch gleich, Lateinamerika wieder zu einer Kolonie zu machen und die ganze Region den Profitinteressen der USA sowie den Erfordernissen der Vorbereitung auf einen Weltkrieg unterzuordnen.
Diese Kampagne kommt konkret sowohl in Drohungen, Mexiko zu bombardieren, zum Ausdruck als auch in persönlichen Angriffen auf den kolumbianischen Präsidenten Gustavo Petro sowie der Verhängung von 50-prozentigen Zöllen gegen Brasilien zur Unterstützung des verurteilten Putschisten und faschistischen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro. Diese Maßnahmen wurden von Washingtons offener Einmischung in jüngste Wahlen begleitet. Dazu gehörten Drohungen mit wirtschaftlichen Strafmaßnahmen gegen die Bevölkerungen von Argentinien und Honduras, sollten sie nicht für Kandidaten stimmen, die auf Trump-Linie sind.
Ursprung und weitere Entwicklung des Eingreifens der USA in Venezuela
Bei der Herausbildung der imperialistischen Doktrin der USA gegenüber der westlichen Hemisphäre kam Venezuela eine historisch überragende Bedeutung zu. Zum Teil ist dies auf die enormen Ölvorkommen Venezuelas zurückzuführen. Aus ihnen stammten auf dem Höhepunkt des US-Ölriesen Standard Oil rund die Hälfte aller Profite, die amerikanische Kapitalisten aus Lateinamerika herauspressten.
Der US-Interventionismus in Venezuela begann jedoch bereits vor langer Zeit mit der sogenannten Venezuela-Krise von 1902–1903, die den ersten Schritten der später groß angelegten Ölförderung sogar noch etwas mehr als ein Jahrzehnt vorausging.
Auch damals lag eine Flotte von Kriegsschiffen vor der Küste Venezuelas. Schlachtschiffe bombardierten Häfen, töteten Dutzende Menschen, und ausländische Truppen übernahmen die Kontrolle über Zollämter.
Anders als heute waren es vor mehr als 120 Jahren aber Deutschland, Großbritannien und Italien, die diese Armada entsandten. Als Vorwand diente die Weigerung der venezolanischen Regierung unter dem damaligen Präsident Cipriano Castro, ihre Schulden zu bezahlen.
Castro war bereits 1899 an die Macht gekommen. Er sah sich jedoch rasch mit einer sogenannten „Befreiungsrevolution” konfrontiert, die von Venezuelas reichstem Mann, Antonio Matos, angeführt wurde. Unterstützt wurde diese „Revolution“ durch ausländisches Kapital, insbesondere von der US-amerikanischen New York and Bermudez Company, der von deutschen Konzernen dominierten Großen Venezuela-Eisenbahn (Gran Ferrocarril de Venezuela) und der französischen Société française des télégraphes sous-marins (Französische Gesellschaft für Unterseekabel).
Ein erbitterter Bürgerkrieg verwüstete die venezolanische Wirtschaft und leerte die Staatskassen. Danach weigerte sich Castro, den Forderungen der britischen Imperialisten nach Rückzahlung erheblicher Kreditsummen nachzukommen. Das gleiche galt für die Forderungen der deutschen Gläubiger, die im großen Stil in das Land investiert hatten, und auch die Ansprüchen ihres Juniorpartners Italien, dessen Bourgeoisie einen Großteil des venezolanischen Geschäfts- und Handelslebens dominierte, wies Castro zurück.
Die europäischen Mächte forderten hingegen die sofortige Begleichung der ausstehenden Schulden und eine Entschädigung für die Zerstörung ihres Eigentums im Bürgerkrieg, den sie selbst geschürt hatten. Sie waren entschlossen, ihren Willen mit Hilfe einer Seeblockade durchzusetzen. Castro ignorierte ihre Ultimaten und appellierte gleichzeitig an nationalistische Stimmungen in Teilen der Bevölkerung, was zu Ausschreitungen und zu Plünderungen bei ausländischen Unternehmen führte.
US-Präsident Theodore Roosevelt hatte als unverfrorener Imperialist grundsätzlich keine Einwände dagegen, dass die großen kapitalistischen Mächte mit Waffengewalt Reichtümer aus unterdrückten Ländern herausholten. Berichten zufolge erklärte er gegenüber einem deutschen Diplomaten: „Wenn sich ein südamerikanisches Land gegenüber einem europäischen Land schlecht benimmt, soll das europäische Land ihm den Hintern versohlen.“ Er fügte jedoch hinzu, dass „diese Bestrafung keinesfalls so aussehen darf, dass eine nicht-amerikanische Macht Gebiete erwirbt“.
Mit dieser Warnung bekräftigte er die Monroe-Doktrin, ein Grundpfeiler der US-Außenpolitik, die erstmals von US-Präsident James Monroe formuliert wurde. „Die amerikanischen Kontinente“, erklärte Monroe im Jahr 1823, „sind fortan nicht mehr als Gegenstand zukünftiger Kolonisation durch irgendwelche europäischen Mächte zu betrachten.“
Bis zum Ende des Jahrhunderts hatte sich diese antikoloniale und von demokratischen Prinzipien inspirierte Warnung an die gekrönten Häupter Europas bereits stetig gewandelt. Sie wurde von der US-Regierung beschworen, um die Annexion von Texas als Sklavenstaat und den Raub von mehr als der Hälfte des mexikanischen Territoriums durch militärische Gewalt im Jahr 1848 zu rechtfertigen. Dieser Prozess beschleunigte sich rapide mit dem Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898, der Eroberung spanischen Kolonialbesitzes durch die USA und dem Aufstieg der Vereinigten Staaten zur imperialistischen Großmacht auf der Weltbühne, die es inzwischen darauf anlegte, durch militärische Aggression die Kontrolle über Märkte, Rohstoffquellen und billige Arbeitskräfte zu erlangen.
In der Krise von 1902 appellierte die Castro-Regierung in Venezuela an Washington, in dem Konflikt um unbeglichene Schulden zu vermitteln. Roosevelt übernahm diese Rolle und forderte die britische und deutsche Regierung auf, sich zurückzuziehen. Während die Briten sich den USA fügten, war Kaiser Wilhelm II. entschlossen, dem deutschen Kapitalismus seinen „Platz an der Sonne“ zu sichern. Er hatte bereits den Aufstieg Deutschlands als Militärmacht mit der stärksten Armee der Welt und einer nur von Großbritannien übertroffenen Flotte in Gang gesetzt.
Präsident Roosevelt befürchtete, dass Deutschland die Venezuela-Krise nutzen würde, um wichtige Marinestützpunkte zu erobern. Damit, so die Befürchtung, wäre es Deutschland möglich, sowohl die Schifffahrtswege in der Karibik, insbesondere aber auch den Zugang zu einem geplanten strategischen Kanal zu kontrollieren, der Atlantik und Pazifik durch die schmale Landbrücke Mittelamerikas verbinden würde. Roosevelt stellte Deutschland deshalb ein Ultimatum, die Vermittlung durch die USA zu akzeptieren und seine Kriegsschiffe zurückzuziehen.
Der US-Präsident ließ den deutschen Botschafter wissen, dass Washington unter dem Kommando von Admiral George Dewey eine eigene Armada vor Puerto Rico zusammenzog. Dewey war 1898 durch den entscheidenden Schlag gegen die spanische Flotte in der Schlacht in der Bucht von Manila auf den Philippinen zu internationaler Berühmtheit gelangt. Angesichts der Aussicht auf einen Krieg mit den USA unter strategischen Bedingungen, in denen es schwierig sein würde, die eigene Flotte zu versorgen oder zu verstärken, zog sich Deutschland zurück.
Nach gescheiterter Blockade Venezuelas brachten die Europäer ihren Fall vor den Ständigen Schiedsgerichtshof in Den Haag. Der Konflikt um Venezuela erwies sich nun als entscheidend für die Ausgestaltung des sogenannten Roosevelt-Zusatzes zur Monroe-Doktrin, den der US-Präsident 1904 in seiner jährlichen Ansprache vor dem Kongress verkündete. Dieser Zusatz, der die imperialistischen Ambitionen der USA gegenüber Lateinamerika zum Ausdruck brachte, war in erheblichem Maße darauf zurückzuführen, dass die europäischen Mächte vom Haager Schiedsgericht zugesprochen bekamen, dass ihre Forderungen gegenüber denjenigen der USA bevorzugt behandelt werden sollten.
Roosevelts Rede vor dem Kongress war von imperialistischer Arroganz durchdrungen und ließ erkennen, dass lateinamerikanische Nationen, die sich „vernünftig und mit Kraft und Anstand“ verhielten, von den Vereinigten Staaten nichts zu befürchten hätten. Er fügte jedoch hinzu: „Ständiges Unrechttun oder ein Unvermögen, welches hinausläuft auf eine Lockerung der Bande der zivilisierten Gesellschaft, mag in Amerika wie anderswo schließlich die Intervention durch irgendeine zivilisierte Nation fordern.“
Roosevelt machte deutlich, dass sich der US-Imperialismus das exklusive Recht zur Ausübung „internationaler Polizeigewalt“ in der westlichen Hemisphäre anmaßte. Wenn es darum ginge, lateinamerikanischen Ländern „den Hintern zu versohlen“, ihre Häfen zu bombardieren, ihre Bürger zu massakrieren und ihre Zollämter zu beschlagnahmen, so würden die USA diese Aufgabe übernehmen, nicht ihre europäischen Rivalen.
Roosevelts Verkündung dieses weitreichenden Zusatzes zur Monroe-Doktrin wurde durch eine Welle von Interventionen, Invasionen und Besetzungen rasch umgesetzt. Dieser imperialistische Sturmlauf wurde 1935 von Smedley Butler, einem Generalmajor des US Marine Corps, prägnant zusammengefasst. Im Rückblick auf seine 33-jährige Karriere als Marine erklärte Butler:
Ich habe die meiste Zeit meines Lebens als hochklassiger Muskelmann für Großkonzerne, die Wall Street und die Banker verbracht. Kurz gesagt, ich war ein Halsabschneider, ein Gangster für den Kapitalismus. Ich habe 1914 geholfen, Mexiko, insbesondere Tampico, für amerikanische Ölinteressen sicher zu machen. Ich habe geholfen, Haiti und Kuba zu vernünftigen, einträglichen Geschäftsplätzen für die Jungs von der National City Bank zu machen. Ich habe geholfen, ein halbes Dutzend zentralamerikanischer Republiken zum Vorteil der Wall Street zu plündern. Ich habe 1902–1912 dabei geholfen, Nicaragua für das internationale Bankhaus Brown Brothers zu säubern. 1916 führte ich die Dominikanische Republik zum Licht – für die Interessen der amerikanischen Zuckerindustrie. 1903 half ich dabei, Honduras für die amerikanischen Obstunternehmen zurechtzurücken. In China sorgte ich 1927 dafür, dass Standard Oil ungestört seiner Wege gehen konnte. Rückblickend hätte ich Al Capone vielleicht ein paar Tipps geben können. Das Beste, wozu er in der Lage war, waren Gaunereien in drei Bezirken. Ich war auf drei Kontinenten tätig.
Venezuela blieb davon keineswegs verschont. Im Jahr 1908 half Washington dabei, Vorgänge zu inszenieren, die man heute als Regimewechsel-Operation bezeichnen würde. Die USA verhalfen Castros Vizepräsidenten und ehemaligem Mitstreiter Juan Vicente Gómez zur Macht im Präsidentenpalast, während Castro sich zur medizinischen Behandlung in Europa aufhielt.
Gómez, der Washington sofort dazu einlud, Kanonenboote zu entsenden, um die Lage zu „stabilisieren”, sollte bis zu seinem Tod 1935 als Diktator über das Land herrschen. Ebenso lud er Matos, den reichen Bankier, zurück nach Venezuela ein, um die Außenbeziehungen zu übernehmen. Dieser hatte an der Spitze der sogenannten „Befreiungsrevolution“ gestanden, die von ausländischem Kapital unterstützt wurde.
Die Diktatur von Gómez war bekannt für ihre brutale Unterdrückung. Dazu gehörte, dass die venezolanischen Universitäten als Vergeltungsmaßnahme für Studentenproteste für ein Jahrzehnt geschlossen wurden, sowie der systematische Einsatz von Mord, Entführungen und Foltermethoden, die von der spanischen Inquisition übernommen worden waren, um jegliche politische Opposition zu unterdrücken.
Politische Gegner wurden ohne Gerichtsverfahren inhaftiert und verhungerten in vielen Fällen im berüchtigten Gefängnis La Rotunda in Caracas langsam zu Tode. Tausende von ihnen wurden gezwungen, sich in Kolonnen – aneinander gekettet – zu Tode zu arbeiten. Sie wurden etwa zum Bau von Autobahnen und Eisenbahnlinien eingesetzt. Zehntausende weitere flohen ins Exil.
Gómez, der den Spitznamen „Der Wels“ trug, war weltweit berüchtigt. Das US-Magazin Time verglich seine Unterdrückung mit der von Hitler, Mussolini und Stalin: „Die Geheimpolizeien Deutschlands, Russlands und Italiens sind bemerkenswerte Organisationen. Doch sie verblassen vor denen des Diktators Gómez.“
In seinem 1941 erschienenen Werk „Inside Latin America“ zeichnete der amerikanische Autor und Journalist John Gunther ein erschreckendes Bild des venezolanischen Diktators: „Der Wels war ein mörderischer Schurke, da gibt es nichts zu beschönigen. Er wandte Foltermethoden von unvorstellbarer Brutalität an. Politische Gefangene, von denen es Tausende gab, fristeten ihr Dasein mit Fußfesseln (grillos), die sie zu dauerhaften Krüppeln machten, wenn sie nicht kopfüber – an den Hoden – aufgehängt wurden, bis sie starben. Andere endeten buchstäblich als menschlicher Schleim. Gómez war durchaus dazu fähig, aus einer Reihe von Menschen jeden Zehnten per Los auszuwählen und ihn aufzuhängen – mit Fleischerhaken durch die Kehle!“ (Hervorhebung im Original.)
Gómez’ brutale Unterdrückung, zusammen mit seinem vehementen Antikommunismus und seinem Hass auf Gewerkschaften, kam bei Washington und den US-Ölkonzernen gut an, die nach der Bohrung des ersten Ölbrunnens 1912 im Maracaibo-Becken zur dominierenden Kraft in Venezuela aufstiegen. Innerhalb von etwas mehr als einem Jahrzehnt entwickelte sich Venezuela zum weltweit größten Ölexporteur und zweitgrößten Ölproduzenten, übertroffen nur noch von den USA.
Gómez maßte sich das uneingeschränkte Recht an, Konzessionen für die Ölförderung an ausländische Unternehmen zu vergeben, darunter vor allem an Rockefellers Standard Oil, und überließ ihnen die Kontrolle über weite Teile des Landes. Er wurde schnell zum reichsten Mann Venezuelas, während er den Löwenanteil des Reichtums des Landes der Wall Street und den Ölkonzernen zum Plündern überließ und einen Teil seiner Schmiergelder dazu verwendete, sich die Loyalität seiner Anhänger und des Militärs zu sichern.
Venezuela und der amerikanische Imperialismus während des Kalten Krieges
Nach der Verstaatlichung der mexikanischen Ölindustrie durch Präsident Lázaro Cárdenas im Jahr 1938 gewann Venezuela für den US-Imperialismus und seine Profitinteressen noch größere strategische Bedeutung. Die Ölreserven des Landes befanden sich in den Händen US-amerikanischer und britisch-niederländischer Konzerne und Venezuela spielte eine entscheidende Rolle bei der Versorgung des amerikanischen Militärs während des Zweiten Weltkriegs sowie als treibender Faktor im Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit und beim eskalierenden Militarismus des Kalten Kriegs.
Nach dem Tod von Diktator Gómez übernahmen nacheinander zwei Generäle die Präsidentschaft. Sie bauten die Macht der Diktatur nach und nach ab, legalisierten schließlich die Kommunistische Partei und die Gewerkschaften und verabschiedeten 1943 das erste Erdölgesetz (Ley de Hidrocarburos) des Landes. Der Versuch, ohne Volkswahlen einen weiteren Präsidenten zu installieren, löste jedoch 1945 die sogenannte „Oktoberrevolution” aus. Sie wurde angeführt von der Acción Democrática (AD), der bürgerlich-demokratischen Partei von Rómulo Betancourt, und einer Gruppe jüngerer Militäroffiziere, die sich zu der militärischen Geheimorganisation Unión Militar Patriótica zusammengeschlossen hatten, und deren prominentestes Mitglied Marcos Pérez Jiménez war.
Die neue Regierung unter Betancourt leitete eine Reihe von Reformen ein, lehnte jedoch Forderungen nach einer Verstaatlichung der ausländischen Ölgesellschaften ab. 1947 fanden in Venezuela die ersten direkten und allgemeinen Wahlen statt, die der Kandidat der AD, der venezolanische Schriftsteller Rómulo Gallegos, mit überwältigender Mehrheit gewann. Zu seinen bemerkenswertesten Maßnahmen gehörte die Erhöhung der Steuer auf die Gewinne der ausländischen Ölgesellschaften von 43 auf 50 Prozent. Diese Regelung, die unter der Bezeichnung „Fifty-Fifty“ bekannt wurde, übernahmen später andere große Ölnationen, darunter Saudi-Arabien. Die Ölgesellschaften waren von Gallegos Maßnahmen wenig begeistert und er wurde kaum neun Monate nach seinem Amtsantritt vom Militär gestürzt.
Venezuela sollte ein weiteres Jahrzehnt brutaler Diktatur unter der Führung von Oberst Marcos Pérez Jiménez erleben. Die verhasste Geheimpolizei Dirección de Seguridad Nacional führte unter der Militärdiktatur eine Schreckensherrschaft ein, die von Mord, Verschleppung, Folter und der Inhaftierung Tausender politischer Gefangener in Konzentrationslagern und Gefängnissen geprägt war. Das Regime unterhielt beste Beziehungen zu den Ölgesellschaften und ausländischen Kapitalgebern, die eingeladen wurden, das Land und seine Ressourcen auszubeuten. Für seine Verdienste um die Unterdrückung der Massen und die Erleichterung des Profitflusses verlieh US-Präsident Dwight Eisenhower Pérez Jiménez die hohe militärische Auszeichung Legion of Merit.
Pérez Jiménez wurde durch einen weiteren „zivil-militärischen” Staatsstreich abgesetzt, der am 1. Januar 1958 begann. Er floh aus dem Land mit Hunderten Millionen Dollar, die er aus der Staatskasse gestohlen hatte, und fand zunächst in Miami Beach und später unter dem Schutz der Franco-Diktatur in Spanien ein komfortables Asyl.
Als Richard Nixon, damals noch US-Vizepräsident, am Ende einer Lateinamerikareise, kaum fünf Monate nach dem Sturz von Pérez Jiménez, Venezuela besuchte, entlud sich die rasende Wut der Bevölkerung gegen den US-Imperialismus, der stets die Diktatur unterstützt und das Land über Jahrzehnte ausgebeutet hatte. Nixon war kaum aus dem Flugzeug gestiegen, da wurde er bereits mit Müll beworfen und bespuckt. Er entkam nur knapp in einer Autokolonne, die kurz darauf erneut von Menschenmengen angegriffen wurde, die sein Auto umzingelten und dessen Scheiben mit Steinen, Rohren und Knüppeln zerschlugen. Dem US-Vizepräsident gelang es nur mit größter Mühe, einen seiner Secret-Service-Agenten zurückzuhalten, der seine Waffe gezogen hatte und „Holen wir uns ein paar von diesen Mistkerlen!“ brüllte.
Als die Nachricht in Washington ankam, wie Richard Nixon empfangen worden war, befahl Eisenhower die Entsendung von Marines und Fallschirmjägern zum US-Marinestützpunkt in Guantanamo Bay auf Kuba und schickte Kampfflugzeuge nach Curaçao, um den Vizepräsidenten zu retten. Die letztlich abgebrochene „Operation Poor Richard“, wie sie genannt wurde, erwies sich als Blamage für Nixon und löste in ganz Lateinamerika Empörung aus.
In den folgenden Jahren entwickelte sich die Regierung der Acción Democrática von Betancourt aus der Sicht Washingtons zum Modell für ein antikommunistisches, aber ziviles Regime. Es setzte sich für die Bewahrung des Privateigentums und die Interessen ausländischen Kapitals ein und unterdrückte gleichzeitig politische Bewegungen links von sich. Betancourt begrüßte Kennedys „Allianz für den Fortschritt“ und erklärte, es sei notwendig, „den Armen zu helfen, um die Reichen zu retten“. Während seiner häufigen Besuche in Washington knüpfte und pflegte Betancourt Beziehungen zur Führung des amerikanischen Gewerkschaftsdachverbands AFL-CIO, der ihn beim Aufbau eines antikommunistischen Gewerkschaftsapparats unterstützte, der der Regierung und den Ölgesellschaften loyal gegenüberstand.
Venezuela wurde als „vorbildliche Demokratie“ gepriesen, während zur gleichen Zeit in weiten Teilen Südamerikas brutale Diktaturen durch Militärputsche, die von der CIA unterstützt wurden, an die Macht kamen. Die Monroe-Doktrin war erneut überarbeitet worden, diesmal mit einem Kennan-Zusatz, benannt nach dem US-Diplomaten George F. Kennan, dem Architekten der Eindämmungspolitik („Containment“) gegenüber der Sowjetunion. Angewandt auf Lateinamerika, wurde dies zur Doktrin der „nationalen Sicherheit“, in der jede revolutionäre Bedrohung von unten als Ausdruck eines sowjetischen Expansionismus angesehen und rücksichtslos unterdrückt werden sollte.
In Wirklichkeit war die „Demokratie“ Venezuelas nicht weniger skrupellos als die Folterregime, die Washington anderswo auf dem Kontinent errichtet hatte. Die Regierung und ihre verhasste Geheimpolizei DISIP unterdrückten auf brutale Weise die noch jungen Guerillabewegungen sowie linke und Gewerkschaftsaktivisten. Laut Schätzungen, die von der Regierung selbst stammen, wurden fast 900 venezolanische Zivilisten von den repressiven Kräften unter den sogenannten „demokratischen“ Regimes entweder ermordet oder man ließ sie verschwinden.
Unter der Präsidentschaft von Carlos Andrés Pérez, einem engen Verbündeten von Betancourt und Mitbegründer der Acción Democrática, verstaatlichte die venezolanische Regierung 1976 inmitten der starken Preisanstiege, die mit den Energiekrisen dieser Zeit einhergingen, die Ölindustrie. Entgegen Trumps Behauptungen, Venezuela habe den USA Öl und Land „gestohlen”, wurden die Ölgesellschaften mit rund 1 Milliarde Dollar entschädigt. Davon abgesehen waren weder das Öl noch das Land überhaupt jemals Eigentum der USA. Standard Oil und andere Unternehmen plünderten einfach die Ressourcen im Rahmen jener großzügigen Konzessionen, die sie von aufeinanderfolgenden venezolanischen Regimes erhielten.
Öl als „die Ausscheidung des Teufels“
Die Verstaatlichungen unter einer kapitalistischen Regierung änderten nichts an den grundlegenden Klassenverhältnissen in Venezuela. Das Land blieb in Bezug auf seine Einnahmen vollständig von einem einzigen Rohstoff abhängig, nämlich Öl, das es überwiegend an die USA verkaufte und damit den Schwankungen des Marktes ausgeliefert war.
Die gleichen Strukturen blieben bestehen und sogar die gleichen venezolanischen Manager, die zuvor bei den ausländischen Unternehmen tätig waren, blieben in ihren Positionen. Die ausländischen Ölkonzerne setzten ihre Aktivitäten fort und erzielten ihre Profite unter neuen Namen als Tochtergesellschaften der staatlichen Erdölgesellschaft PDVSA. Die Regierung versuchte, die Wirtschaft zu diversifizieren, indem sie die Güter, die sie zuvor importierte, im eigenen Land selbst herstellte. Doch diese Versuche scheiterten, sodass Venezuela bei Lebensmitteln und dem Großteil seiner Industriegüter weiterhin zu 80 Prozent von Importen abhängig blieb.
Der prominente venezolanische Politiker Juan Pablo Pérez Alfonzo, der unter Betancourt Energieminister war, warnte vorausschauend: „In zehn, zwanzig Jahren werden Sie sehen: Das Öl wird uns ruinieren. Öl ist die Ausscheidung des Teufels.“ Das Land litt unter einem klassischen Fall der sogenannten „holländischen Krankheit“, bei der die Dominanz eines einzigen Exportsektors (Öl) zu einer Verkümmerung anderer Sektoren wie der Industrie und der Landwirtschaft führt, wodurch das Land bei fallenden Exportpreisen anfällig für schwere Krisen ist.
Im Wechsel herrschten die Acción Democrática und ihre befreundete Rivalin, die christdemokratische COPEI, über immer schärfere soziale Ungleichheit und grassierende Korruption, während die Schulden des Landes stetig stiegen. Nach seiner Rückkehr für eine zweite Amtszeit reagierte Carlos Andrés Pérez auf den starken Rückgang der Ölpreise, indem er die Ölfelder des Landes der Ausbeutung durch ausländische Konzerne weiter öffnete und ein drastisches, vom Internationalen Währungsfonds diktiertes „Schocktherapie“-Programm durchsetzte, das eine 100-prozentige Erhöhung der Kraftstoffpreise vorsah.
Die verarmten Massen Venezuelas reagierten auf diesen Angriff auf den Lebensstandard mit einem Aufstand, der als Caracazo bekannt wurde. Die Regierung übte Vergeltung, indem sie das Kriegsrecht verhängte und zu blutiger Unterdrückung griff, unbewaffnete Menschenmengen mit automatischen Waffen ins Visier nahm und Menschen aus ihren Häusern in Armenvierteln zerrte, um sie standrechtlich hinzurichten. In diesen Ereignissen zeigte sich der Zusammenbruch des vermeintlich liberalen antikommunistischen Konsenses, der nach dem Sturz von Pérez Jiménez vorherrschte.
Es folgten anhaltende Unruhen, die durch einen gescheiterten Putschversuch im Jahr 1992 unter der Führung eines jungen Offiziers namens Hugo Chávez gekennzeichnet waren. Chávez übernahm sechs Jahre später das Präsidentenamt nach einer Wahl, in der die AD und die COPEI eine vernichtende Niederlage einstecken mussten. Die beiden Parteien waren aufgrund ihrer Korruption und ihrer Verteidigung kapitalistischer Interessen auf Kosten der Masse der Bevölkerung weitgehend verhasst.
Die Chávez-Regierung nutzte die hohen Ölpreise, um Sozialprogramme zu finanzieren, die das Bildungs- und Gesundheitswesen verbesserten und gleichzeitig die Armut begrenzten. Damit gab sie den Startschuss für die sogenannte „rosa Welle” („pink tide“) in Lateinamerika. Auf diese ziemlich bescheidenen Reformen folgte eine Initiative der neuen Regierung, durch die sie die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu Kuba festigte. Gleichzeitig verurteilte sie die Invasion Afghanistans durch die USA, was zu wachsender Feindseligkeit seitens Washingtons führte.
Diese Spannungen gipfelten im April 2002 in einem von den USA unterstützten Putsch, bei dem Chávez kurzzeitig abgesetzt und inhaftiert wurde, bevor Massenproteste seine Wiedereinsetzung erzwangen. Unter den Militärs, Vertretern der Großindustrie und mit der AFL-CIO verbundenen Gewerkschaftsbürokraten, die den Putsch unterstützt hatten, befand sich auch Maria Corina Machado, jene rechte und von den USA finanzierte Politikerin, die für ihre Unterstützung eines gewaltsamen Regimewechsels durch die USA vor Kurzem mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.
Im Jahr 2007 führte die Chávez-Regierung eine weitere Runde von Verstaatlichungen durch und machte damit die zunehmende Privatisierung sowie die Übertragung operativer Tätigkeiten an in den USA ansässige Konzerne rückgängig, die im Laufe des vorangegangenen Jahrzehnts stattgefunden hatte. Die Chávez-Regierung ergriff diese Maßnahme erst, nachdem ExxonMobil und ConocoPhillips sich geweigert hatten, der Regierung im Rahmen neuer Konzessionsvereinbarungen die Übernahme von Mehrheitsanteilen zu gestatten.
Nach dem Tod von Chávez und unter seinem Nachfolger Nicolás Maduro im Jahr 2013 fielen weltweit die Ölpreise, was zu einem dramatischen Schrumpfen der dortigen Wirtschaft, zu Massenabwanderung und dem Einbruch des Lebensstandards führte. Erschwerend kamen die Wirtschaftssanktionen gegen Venezuela hinzu, die von der demokratischen Regierung unter Barack Obama verhängt und seither immer weiter verschärft wurden.
Die immer heftigeren Interventionen der USA kamen unter anderem in Putschverschwörungen, Attentatsversuchen und sogar durch die Landung von Söldnern an den Küsten Venezuelas zum Ausdruck. Die Trump-Regierung versuchte, ihren eigenen Präsidenten durchzusetzen, den nicht gewählten und weitgehend unbekannten rechten Abgeordneten Juan Guaidó. Dessen sogenannte „Übergangsregierung“ fand jedoch keine Unterstützung in der Bevölkerung und zeigte sich lediglich geschickt bei der Veruntreuung von US-Hilfsgelder in Millionenhöhe.
Der berühmte Schriftsteller, Humorist und Antiimperialist Mark Twain soll gesagt haben: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich oft.“ Der Einsatz ausländischer Kriegsflotten vor der Küste Venezuelas, der in gleich zwei Fällen – bloß mit einem Abstand von 123 Jahren – mit einer anschließenden Erweiterung der Monroe-Doktrin einhergeht, scheint Twains geflügelte Worte zu bestätigen.
Ein Unterschied ist jedoch, dass Theodore Roosevelt die Krise von 1902 nutzte, um die Monroe-Doktrin den räuberischen Interessen des US-Imperialismus als aufstrebende Weltmacht anzupassen. Mit seinem eigenen „Zusatz“ zur Monroe-Doktrin lehnt sich Trump zwar an Theodore Roosevelt an, doch zeigt sich darin heute die zunehmend unlösbare Krise, in der sich die USA befinden, sowie den Verlust ihrer globalen Vorherrschaft, den Washington verzweifelt mit Militarismus und Aggression zu überwinden versucht.
China hat die USA bereits als führender Handelspartner Südamerikas überholt und wird dies voraussichtlich bis 2035 auch in ganz Lateinamerika und der Karibik tun. China investiert im großen Stil in Infrastrukturprojekte, mit denen die USA nicht mithalten können – vom neuen Tiefwasserhafen in der peruanischen Küstenstadt Chancay bis zum Aufbau von 5G-Netzen. Unterdessen strebt auch die Europäische Union einen eigenen Zugang zu den strategisch wichtigen Rohstoffquellen der Region an.
Angesichts dieser Umstände heißt es in der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie der USA, die am 4. Dezember vom Weißen Haus veröffentlicht wurde:
Nach Jahren der Vernachlässigung werden die Vereinigten Staaten die Monroe-Doktrin wieder geltend machen und durchsetzen, um die Vorrangstellung Amerikas in der westlichen Hemisphäre wiederherzustellen und unser Heimatland sowie unseren Zugang zu wichtigen Gebieten in der gesamten Region zu schützen. Wir werden Wettbewerbern außerhalb der Hemisphäre die Möglichkeit verweigern, Streitkräfte oder andere bedrohliche Kapazitäten in unserer Hemisphäre zu positionieren oder strategisch wichtige Vermögenswerte zu besitzen oder zu kontrollieren. Dieser „Trump-Zusatz“ zur Monroe-Doktrin ist eine vernünftige und kraftvolle Wiederherstellung amerikanischer Macht und Prioritäten, die mit den Sicherheitsinteressen der USA im Einklang steht.
Den Kurs, den dieses neue Bekenntnis zur Monroe-Doktrin vorgibt, erscheint auf den ersten Blick weniger „vernünftig“ als vielmehr wahnhaft. Er bedeutet – mehr noch als an jedem anderen historischen Wendepunkt – den sicheren Weg in den Krieg. Die von der Trump-Regierung formulierten Ziele können nicht anders erreicht werden als durch Eroberungsfeldzüge und die direkte militärische Konfrontation mit den Atommächten China und Russland.
Gleichzeitig wird der Versuch, Lateinamerika neokoloniale Ketten anzulegen, unweigerlich einen gigantischen Ausbruch des Klassenkampfs in der gesamten westlichen Hemisphäre provozieren.
Die Alternativen, die sich aus dieser Situation ergeben, zeigten sich noch nie deutlicher. Auf dem amerikanischen Kontinent wie auch darüber hinaus muss die Arbeiterklasse ihre Kämpfe über nationale Grenzen hinweg vereinen, um dem Kapitalismus ein Ende zu setzen, oder dieses todgeweihte System wird die Menschheit in den Abgrund eines nuklearen Dritten Weltkriegs ziehen.
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