Die Stimme von Hind Rajab: Erschütternder Bericht über die Ermordung eines palästinensischen Kindes

Das bewegende Dokudrama Die Stimme von Hind Rajab (The Voice of Hind Rajab) der tunesischen Filmemacherin Kaouther Ben Hania (Drehbuch und Regie) handelt von der Reaktion des Palästinensischen Roten Halbmonds (PRCS) auf die verzweifelten Handy-Notrufe des fünfjährigen Palästinensermädchens Hind.

Im Januar 2024 gerät Hind unter israelischen Beschuss, während sie im Gazastreifen eingeschlossen ist. Das Mädchen stirbt schließlich zusammen mit sechs Familienmitgliedern und zwei Sanitätern des Roten Halbmonds im tödlichem Feuer der israelischen Streitkräfte (IDF).

Saja Kilani in Die Stimme von Hind Rajab

Der Film wurde für den 98. Academy Award in der Kategorie „Bester internationaler Spielfilm” nominiert (die Oscar-Verleihung findet am 15. März statt) und läuft derzeit in ausgewählten Kinos in den USA und weltweit. Die digitale Veröffentlichung ist für den 24. Februar geplant.

Der Fall ist inzwischen zu trauriger Berühmtheit gelangt. Studierende, die im April 2024 die Hamilton Hall der Columbia University besetzten, um gegen den Massenmord in Gaza zu protestieren, benannten das Gebäude zu Ehren des ermordeten Mädchens in „Hind's Hall“ um. Der amerikanische Rapper Macklemore veröffentlichte im Mai 2024 einen Protestsong mit dem Titel „Hind’s Hall“. Auch Frankfurter Studierende der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität nannten ihr Protestcamp im Sommer 2024 „Hind‘s Garden“.

Das Massaker an der völlig schutzlosen Hind und ihrer Familie ist für zig Millionen Menschen zum Sinnbild für den völkermörderisch-faschistischen Charakter des andauernden zionistischen Angriffs geworden.

Die tragische Episode begann, als der schwarze Kia Picanto, in dem Hind und ihre Familie aus Gaza-Stadt in eine vermeintliche „sichere Zone“ zu fliehen versuchten, unter Beschuss geriet. Ihr Onkel, ihre Tante und drei Cousins wurden sofort getötet. Hind und eine weitere Cousine überlebten zunächst, waren aber im Wrack des Fahrzeugs gefangen.

Hind und ihre 15-jährige Cousine Layan Hamada sind die einzigen Überlebenden im Auto, als eine IDF-Einheit das Feuer eröffnet. Layan setzt einen verzweifelten Notruf beim Roten Halbmond ab und erklärt, dass sie ins Visier genommen werden, dass ein Panzer näherkommt und dass außer Hind und ihr selbst alle im Auto tot sind. Sekunden später sind erneut Schüsse zu hören; Layans Schreie brechen jäh ab.

Hind ist nun die einzige Überlebende im Fahrzeug, schwer verletzt und allein. Der Palästinensische Rote Halbmond (PRCS) hält Kontakt zu ihr, während die Helfer die IDF um Genehmigung anflehen, Sanitäter zur Rettung zu entsenden. Der Film dramatisiert die Szenen im Büro des Roten Halbmonds, verwendet jedoch die tatsächliche Audioaufnahme von Hinds Telefonanruf – daher rührt auch sein Titel.

Gegen 18 Uhr am 29. Januar verlassen die PRCS-Sanitäter Yusuf al-Zeino und Ahmed al-Madhoun das Al-Ahli-Krankenhaus in einem Krankenwagen, um Hind zu retten. Nachdem sie am Standort des Wagens eingetroffen sind, bricht jeder Kontakt ab. Das Letzte, was in einem Telefonat zwischen den Sanitätern und dem PRCS- Kommunikationsteam aufgezeichnet wird, ist eine Explosion. Zwei Wochen nach dem Angriff, als die IDF das Gebiet schließlich räumte, wurden die verwesenden Leichen von Hind, Layan und ihren Familienmitgliedern entdeckt. Wenige Meter entfernt fand man den ausgebrannten Krankenwagen zusammen mit den sterblichen Überresten der Sanitäter Yusuf und Ahmed.

Ben Hanias Drehbuch entstand auf der Grundlage ausführlicher Interviews mit den PRCS-Freiwilligen, die die Anrufe entgegengenommen hatten. Die Dialoge wurzeln in diesen Zeugenaussagen und fangen die Gebete, die Trostworte und die verzweifelten, hektischen internen Debatten des Personals ein, während es versucht, die komplexen militärischen und bürokratischen Hürden zu überwinden, um einen Krankenwagen zu entsenden. Der Film konzentriert sich auf die „unsichtbaren” Elemente der Tragödie: das Warten, das Schweigen und das qualvolle Bemühen um eine militärische Freigabe.

Die Erzählung folgt dem chronologischen Ablauf der Ereignisse, beginnend mit dem ersten Notruf von Hinds Cousine, bis hin zum jähen Abreißen des Kontakts zu dem Kind und den zu seiner Rettung ausgesandten Sanitätern.

Wie bereits erwähnt, verwendet der Film etwa 70 Minuten der Originalaufnahmen von Hinds Anrufen bei der Zentrale des Roten Halbmonds. Ihre Stimme ist durchgehend als körperlose Präsenz zu hören, und die Protagonisten reagieren darauf.

Hind Rajab bei ihrer Abschlussfeier im Kindergarten

Der Film versetzt das Publikum direkt in das Call Center des Roten Halbmonds. Dort versuchen die Mitarbeiter, Hind ruhig und bei Bewusstsein zu halten , während sie mit den israelischen Behörden verhandeln.

Der bemerkenswerteste „Dialog“ in Die Stimme von Hind Rajab findet in Form des Notrufs zwischen Hind und den Mitarbeitern des Roten Halbmonds statt. Die Worte drehen sich um ihre Verzweiflung („Ich habe solche Angst, bitte kommt“) und ihre schmerzhaften Beschreibungen der Dunkelheit und der „schlafenden“ Verwandten um sie herum. Währenddessen versuchen die Mitarbeiter, Hind zu beruhigen, sie zum Reden zu bringen und Details über ihren Standort zu erfahren.

„Wenn wir auflegen, stirbt sie allein“ und „Was bedeutet ein Protokoll, wenn ein Kind in der Leitung ist?“ – so argumentieren die verzweifelten, traumatisierten Helfer.

Der Film verwandelt Hinds Situation in ein unter Zeitdruck stehendes Kammerspiel über Sanitäter an der Front, die versuchen – und letztlich daran scheitern –, ein Kind zu retten. Er verdeutlicht, was bei dem Überfall auf Gaza menschlich auf dem Spiel steht, und zeigt die Last derer, die Hind zu helfen versuchten.

Saja Kilani spielt Rana Hassan Faqih, eine Mitarbeiterin des Callcenters des Roten Halbmonds. Sie wird zur primären Stimme, die mit Hind spricht und versucht, sie zu beruhigen.

Motaz Malhees verkörpert Omar A. Alqam, einen Disponenten und Sanitäter, der maßgeblich an der Koordinierung und Durchführung der Rettungsmission beteiligt ist.

Clara Khoury ist Nisreen Jeries Qawas, eine weitere leitende Mitarbeiterin, deren Entscheidungen und emotionale Reaktionen die Dynamik im Callcenter prägen.

Amer Hlehel spielt Mahdi M. Aljamal, ein Mitglied des Roten-Halbmond-Teams, das mit der enormen operativen und moralischen Herausforderung konfrontiert ist, Hind unter ständigem Beschuss zu erreichen.

Die Szenen spielen sich in einem engen, funktionalen Kontrollraum ab, der mit Schreibtischen, mehreren Telefonleitungen, flackernden Bildschirmen mit Karten und GPS-Daten, Notizblöcken voller hastiger Kritzeleien und Kaffeebechern gefüllt ist – ein Sinnbild für ein Notfallzentrum, das unter der Last permanenter Hilferufe ächzt.

Deckenleuchten werfen harte Schatten; an den Wänden hängen Verfahrenstabellen und die Insignien des Roten Halbmonds, während in der Ferne Explosionen zu hören sind, was die Klaustrophobie verstärkt. Die Mitarbeiter jonglieren mit mehreren Krisen gleichzeitig.

Die Stimme von Hind Rajab

Das Chaos und der Terror steigern sich: Eine zunächst organisierte Reaktion – Erfassen von Details, Anfunken von Krankenwagen – schlägt in emotionale Überforderung um, als Hinds flüsternde Stimme („Ich habe Angst, kommt schnell“) über den Lautsprecher erschallt und alles im Raum gefrieren lässt.

Die Mitarbeiter hetzen auf und ab, streiten über Protokolle („Wir brauchen die Genehmigung der IDF“ – „Sie wird sterben, während sie wartet“), schwitzen unter gleißendem Leuchtstoffröhrenlicht, ihre Gesichter gebadet im kalten Schein der Bildschirme – gezeichnet von einer Mischung aus professioneller Pflicht und purem elterlichem Entsetzen.

Sie wägen die Gefahren (anhaltender Beschuss, jüngste Verluste des PRCS) gegen die koordinierte Genehmigung der Israelis und Hinds schwindendes Bewusstsein ab. Schließlich entscheiden sie, dass die Chance, sie zu retten, den Einsatz vom nahegelegenen Al-Ahli-Krankenhaus rechtfertigt, anstatt auf unbestimmte Zeit zu warten.

Der Fokus bleibt eng auf vier oder fünf Kernmitarbeitern wie Rana und Omar, die in Echtzeit auf Hinds Flehen reagieren. Es gibt keine Musik, nur ihre Stimme, Pieptöne und statisches Rauschen, was den Raum in einen Druckkessel der Ohnmacht verwandelt.

Während die Minuten sich zu Stunden dehnen, zeigt sich die Erschöpfung: Sie stützen die Köpfe in den Händen, führen dringende Flüstergespräche mit den Vorgesetzten. Schließlich schlägt es in Schweigen um, als der Kontakt jäh abbricht und die Mitarbeiter mit fassungslosen Gesichtern inmitten schrillender Leitungen zurückbleiben.

Hinds Stimme – wie sie sich selbst als allein, verängstigt und umgeben von „schlafenden“ Verwandten beschreibt – erzeugt einen unerträglichen emotionalen Druck. Mitarbeiter wie Rana betonen immer wieder gegenüber Vorgesetzten: „Sie ist doch nur ein kleines Mädchen, wir können sie nicht im Stich lassen“, und brandmarken damit Untätigkeit als faktische Aufgabe. Der PRCS hat bis Januar 2024 bereits Dutzende Mitarbeiter in Gaza verloren, setzt seine Arbeit jedoch unbeirrt fort. Sanitäter wie al-Zeino und al-Madhoun haben sich im Bewusstsein der Risiken freiwillig gemeldet, getrieben von beruflichem Engagement und der schmalen Hoffnung auf Erfolg.

Schließlich werden beide Sanitäter getötet, als ihr deutlich gekennzeichneter Krankenwagen getroffen wird. Der PRCS sowie mehrere Menschenrechts- und Untersuchungsgremien bestehen darauf, dass der Krankenwagen trotz vorheriger Koordination gezielt von israelischen Kräften vorsätzlich angegriffen wurde. Das zionistische Regime hat bis heute keine detaillierte öffentliche Erklärung vorgelegt, die auf diese konkreten Vorwürfe eingeht.

Um die Wirkung von Hinds Stimme in cineastischer Form zu übersetzen und ihre Wirksamkeit zu bewahren, wählte Ben Hania die hybride Dokumentar-Fiktionsstruktur. In einem Statement erklärte die Regisseurin, beim Hören von Hinds Stimme

habe ich unmittelbar eine Mischung aus Hilflosigkeit und überwältigender Trauer empfunden. Es war eine körperliche Reaktion, als ob der Boden unter mir wegrutscht. Ich konnte nicht wie geplant weitermachen. Ich kontaktierte den Roten Halbmond und bat darum, die vollständige Aufnahme hören zu dürfen. Nachdem ich sie gehört hatte, wusste ich ohne jeden Zweifel, dass ich alles andere stehen und liegen lassen musste. Ich musste diesen Film machen. Ich sprach ausführlich mit Hinds Mutter, mit den echten Menschen, die am anderen Ende der Leitung waren, mit denen, die versucht haben, ihr zu helfen. Ich hörte zu, ich weinte, ich schrieb. Dann webte ich eine Geschichte um ihre Aussagen herum, verwendete die echte Tonaufnahme von Hinds Stimme und schuf einen Film, der an einem einzigen Ort spielt und in dem die Gewalt nicht gezeigt wird.

Sie fuhr fort:

Im Kern dieses Films steht etwas sehr Einfaches, das aber schwer zu ertragen ist. Ich kann eine Welt nicht akzeptieren, in der ein Kind um Hilfe ruft und niemand kommt. Dieser Schmerz, dieses Versagen betrifft uns alle. Diese Geschichte handelt nicht nur von Gaza. Sie spricht von einer universellen Trauer. Und ich glaube, dass Fiktion – besonders, wenn sie auf verifizierten, schmerzhaften und realen Ereignissen beruht – das mächtigste Werkzeug des Kinos ist. Mächtiger als der Lärm der Eilmeldungen oder die Belanglosigkeit des Scrollens. Das Kino kann eine Erinnerung bewahren. Das Kino kann dem Vergessen widerstehen. Möge Hind Rajabs Stimme gehört werden.

Die Stimme von Hind Rajab

Hinds Mutter, Wissam Hamada, kommt im Film zu Wort und spricht über den Tod ihrer Tochter. Ihre Worte drücken überwältigende Trauer, Zorn und die Entschlossenheit aus, Gerechtigkeit zu erlangen, damit andere Kinder nicht dasselbe Schicksal erleiden. Sie beschreibt Hinds letzten Anruf und den Moment, als ihr klar wurde, dass ihre Tochter nicht gerettet werden konnte, als eine unerträgliche Tortur, die ihr und ihrem Sohn bis heute täglich vor Augen steht. Sie sagt, ihr Zuhause sei heute von der „lautesten Stille“ erfüllt.

Nachdem Hinds Leiche gefunden worden war, verurteilte Hinds Mutter öffentlich die israelischen Mörder und fragte: „Worauf wartet ihr, wie viele Mütter wollt ihr noch diesen Schmerz ertragen lassen? Wie viele Kinder wollt ihr noch töten?“ Womit sie die IDF direkt der Verantwortung beschuldigt.

Auch kritisierte sie, wie einige Medien Hind lediglich als „tot aufgefunden“ darstellten, anstatt klar das Netanjahu-Regime und dessen Militär, das sie ermordet hatte, beim Namen zu nennen. Diese ausweichende Formulierung sah sie als Teil eines umfassenden Versagens, dem Leben palästinensischer Kinder Wert beizumessen.

Sie äußerte die Hoffnung, dass der Film „dazu beitragen wird, diesen zerstörerischen Krieg zu stoppen und die anderen Kinder von Gaza zu retten“, und sieht darin eine Möglichkeit, Hinds Stimme weltweit Gehör zu verschaffen. In ihren eigenen Texten und Erklärungen sagte sie, ihre Trauer sei zu einer „Pflicht“ geworden, sicherzustellen, dass kein anderes Kind „ungehört bleibt“, und dass es nun im Zentrum ihres Lebens stehe, Hinds Geschichte am Leben zu erhalten.

Untersuchungen haben ergeben, dass die IDF-Einheit 335 Schüsse auf das Auto feuerte, in dem Hind und die anderen saßen. Die in London ansässige Organisation Forensic Architecture (FA) kam in einer akribischen Untersuchung zu dem Ergebnis, dass die bei dem Angriff eingesetzte Waffe „mit einer Kadenz von 750–900 Schuss pro Minute“ geschossen habe – ein Rate, welche die eines AK-Sturmgewehrs, wie es von palästinensischen Kämpfern in Gaza üblicherweise verwendet wird, übersteigt. (Die Israelis behaupteten natürlich zunächst, Hind sei durch palästinensisches Feuer getötet worden.)  „Diese Feuerrate entspricht den von der israelischen Armee ausgegebenen Waffen wie dem M4-Sturmgewehr oder dem FN MAG-Maschinengewehr auf einem Merkava-Panzer“, stellte die Untersuchung fest.

Die Untersuchung von FA, über die Middle East Eye berichtete, nutzte, „eine Kombination aus kinetischer Analyse, Satellitenbildern und Filmmaterial vom Ort des Geschehens“ und „kam zu dem Schluss, dass sich der israelische Panzer, der auf das Fahrzeug feuerte, in einer Entfernung von 13 bis 23 Metern befunden haben muss, als er Layan, Hinds 15-jährige Cousine, tötete“. FA kam zu dem Schluss: „Es ist nicht plausibel, dass der Schütze nicht hätte sehen können, dass das Auto mit Zivilisten, einschließlich Kindern, besetzt war.“

Ein Dokumentarfilm von Al Jazeera, der am 20. Oktober 2025 unter dem Titel „Tip of the Iceberg“ ausgestrahlt wurde, enthüllte den Namen der Einheit, die mutmaßlich für das Massaker verantwortlich ist, sowie die Namen der beteiligten IDF-Angehörigen. Am selben Tag reichte die Hind Rajab Foundation ein 120-seitiges Dossier beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ein.

Unter den ausführenden Produzenten von The Voice of Hind Rajab sind - was ihnen zur Ehre gereicht - prominente Persönlichkeiten wie Brad Pitt, Joaquin Phoenix, Rooney Mara, Alfonso Cuarón und Jonathan Glazer.

Den Film Die Stimme von Hind Rajab anzusehen, ist schmerzhaft, aber unerlässlich für das Verständnis des gegenwärtigen Zustands der Welt und der monströsen Verbrechen, die an den wehrlosesten Bevölkerungsteilen verübt werden.

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