Im Vergleich zu den US-amerikanischen Golden Globes und Oscar-Verleihungen in Hollywood sind die European Film Awards (EFA), die am 17. Januar in Berlin zum 38. Mal stattfand, eine eher nüchterne Angelegenheit. Weniger bombastisch und kommerziell orientiert als jene, bieten sie etwas mehr Raum für politische und Gesellschaftskritik.
Der Termin der diesjährigen Verleihung wurde von Anfang Dezember auf Mitte Januar vorverlegt, offenbar in der Absicht, europäische Filme für die Oscar-Verleihung Mitte März besser zu positionieren.
Bezeichnenderweise wurde bei der diesjährigen Preisverleihung das Thema Iran aufgegriffen. Nach einer kurzen Eröffnungsansprache wurde die Bühne dem erfahrenen iranischen Regisseur Jafar Panahi überlassen, und er wurde mit Standing Ovations begrüßt. Panahi blickt auf eine lange Karriere zurück und hat in den 1990er und frühen 2000er Jahren eine Reihe bemerkenswerter Werke gedreht: Der weiße Ballon, Der Spiegel, Der Kreis, Purpurrot, Offside.
Zu den aktuellen Entwicklungen im Iran erklärte Panahi: „Wenn die Wahrheit an einem Ort unterdrückt wird, wird die Freiheit überall erstickt (...). Deshalb ist niemand auf der Welt sicher. Nicht im Iran. Nicht in Europa. Nicht in den Vereinigten Staaten. Nirgendwo auf diesem Planeten. Und genau deshalb ist unsere Aufgabe als Filmemacher und Künstler heute schwieriger denn je. Wenn wir von Politikern enttäuscht sind, müssen wir uns zumindest weigern, zu schweigen.“
Der 65-jährige Panahi hat bereits zwei Haftstrafen im Iran verbüßt und wurde kürzlich wegen Propaganda gegen das politische System zu einer dritten Haftstrafe von einem Jahr verurteilt. Panahis neuester Film It Was Just An Accident (der im Iran spielt, aber als französische Produktion klassifiziert ist) war bei der Preisverleihung nominiert und soll weiter unten besprochen werden.
Die iranische Filmemacherin Sara Rajaei gewann den Preis für den besten Kurzfilm für den iranisch-niederländischen Film City of Poets, der von einer fiktiven persischen Stadt erzählt, deren Straßen nach Dichtern benannt sind. Nach Ausbruch des Krieges entstehen neue Stadtviertel für Flüchtlinge, deren Straßen nach verstorbenen Kämpfern benannt sind. In ihrer Rede vor dem Publikum bei der Preisverleihung widmete Rajaei ihren Preis ihrem verstorbenen Bruder und erklärte, dass sie normalerweise gefeiert hätte, aber unter den gegenwärtigen Bedingungen im Iran könne sie nur ihren Schmerz zum Ausdruck bringen.
Im Gegensatz zu den Filmfestivals von Cannes und Venedig im letzten Jahr, wo es zu großen, wütenden Protesten gegen den Völkermord Israels in Gaza kam, war die Reaktion bei der EFA-Verleihung deutlich zurückhaltender. Sie beschränkte sich weitgehend auf einen Protest des Filmteams von The Voice of Hind Rajab, das auf dem roten Teppich der EFA ein Transparent trug mit der Aufschrift: „Von Berlin bis Gaza erheben wir uns gegen alle, die eine Ideologie des Todes verteidigen“.
Die beiden Filme, die sich mit der Situation in Gaza und im Nahen Osten befassen, With Hasan in Gaza (Kamal Aljafari) und The Voice of Hind Rajab (Kaouther Ben Hania), gingen ebenso wie Panahis Werk leer aus.
Panahi ist ein bedeutender Filmemacher und Kritiker des reaktionären iranischen Regimes, aber die Bereitschaft der EFA, ihm eine Bühne für seine Kommentare zu bieten, sollte zu denken geben. Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hat seine Unterstützung für einen von der Trump-Regierung orchestrierten Regimewechsel deutlich gemacht, und in einem kürzlichen Interview weigerte sich Panahi beschämenderweise, eine Rückkehr des Sohnes des verstorbenen Schahs, Reva Pahlavi, an die Macht zu kritisieren.
Es sei darauf hingewiesen, dass Panahi zwar Israel für seine massiven Bombardements des Iran im Juni 2025 kritisierte und die Intervention der Vereinten Nationen forderte, aber den zionistischen Völkermord in Gaza nicht öffentlich verurteilte. Panahis Empörung ist selektiv. Nach früheren Massenmobilisierungen gegen das Regime stellten sich Panahi und andere Dissidenten hinter die bürgerliche „grüne Bewegung“. Es besteht weiterhin die Gefahr, dass Panahi und gleichgesinnte Dissidenten nach der jüngsten Massenbewegung gegen das Regime entweder die Rückkehr des Sohnes des Schahs oder sogar eine von der Trump-Regierung organisierte Operation zum Regimewechsel unterstützen könnten.
Im Jahr 2011 schrieben wir in einer eindeutigen Verteidigung von Panahi und seinem Filmemacher-Kollegen Mohammad Rasoulof sowie anderen Opfern der „barbarischen Behandlung“ durch die iranische Regierung, man dürfe eine solche Verteidigung „jedoch nicht als Ausdruck der Zustimmung zu den Verfechtern der ‚grünen Bewegung‘ [von der oberen Mittelschicht] verstehen“.
Leider hat die allgemeine Perspektivlosigkeit der iranischen Filmkünstler sowie ihre relativ privilegierte soziale Stellung viele von ihnen anfällig für die Verlockungen der „grünen“ Kräfte gemacht. (...) Abstrakte und leere Forderungen nach „Demokratie“, ohne Bezugnahme auf die sozioökonomischen Bedingungen der arbeitenden Bevölkerung oder die imperialistischen Verschwörungen, werden nur allzu leicht als Teil einer Propagandakampagne aufgenommen, die den Interessen der Großmächte dient.
Wir fügten hinzu:
Das iranische Filmschaffen kann nur auf einer anderen Grundlage auf seinen bisherigen Errungenschaften aufbauen, zu der auch das Aufkommen einer linken Kritik an den islamistischen Elementen und eine offene Parteinahme für die Sache der Unterdrückten gehören müssen. Derzeit haben die Filmemacher nur sehr wenig, worauf sie aufbauen können.
Tatsächlich hat der bekannte iranische Drehbuchautor und Regisseur Mohsen Makhmalbaf (A Moment of Innocence, Gabbeh, The Silence, Kandahar) kürzlich einen Meinungsartikel verfasst, in dem er die Trump-Regierung zu einem entschlossenen Eingreifen im Iran auffordert und sogar behauptet,
wenn die USA nach den zahlreichen Berichten über blutige Unterdrückung nicht handeln, wird dies Teheran signalisieren, dass die Kosten der Gewalt weiterhin überschaubar sind.
Makhmalbaf forderte den amerikanischen Imperialismus auf,
eine entschlossene Reaktion zu zeigen, die sich gegen die Spitze der Macht und die wichtigsten Instrumente der Unterdrückung richtet – eine Option, die das Machtgleichgewicht deutlich zugunsten des Volkes verschieben könnte.
Makhmalbaf mag ein Extremfall sein, aber bei der Beurteilung zeitgenössischer iranischer Filme von anderen Persönlichkeiten wie Panahi, Rasoulof und Rakhshān Banietemad ist ebenfalls eine gewisse Vorsicht geboten. Inwieweit sind ihre Sorge um die einfachen Iraner und ihr Humanismus aufrichtig und von gutem Glauben? Was schlagen sie als Alternative zum reaktionären iranischen Regime vor?
Dennoch ist Panahis It Was Just An Accident zweifellos ein ernsthafter Versuch, sich mit bestimmten Aspekten der sozialen und politischen Realität im Iran auseinanderzusetzen. Der Film basiert auf seinen eigenen Erfahrungen als Häftling im gefürchteten Evin-Gefängnis in Teheran. Während seiner Haft wurde Panahi, wie andere Häftlinge auch, mit verbundenen Augen festgehalten und konnte das Gesicht seines Verhörers/Folterers nie sehen.
Sein neuester Film beginnt mit Vahid, einem Mechaniker und ehemaligen Gefangenen des klerikalen Regimes, der in seiner Autowerkstatt arbeitet. Als ein Kunde seine Werkstatt betritt, ist Vahid überzeugt, das unverwechselbare Geräusch des Holzbeins des Mannes zu hören, der ihn im Gefängnis gefoltert hat. Vahid will Rache. Er entführt den Mann, schlägt ihn bewusstlos und fährt ihn in die Wüste, um ihn lebendig zu begraben. Während Sand über seinen Körper geschüttet wird, beteuert der mutmaßliche Folterer seine Unschuld.
Von Zweifeln geplagt, zieht Vahid den Mann aus dem für ihn vorgesehenen Grab und begibt sich auf eine Reise durch die Stadt, um andere Opfer des Folterers aufzuspüren und seine Identität zu bestätigen. Wir lernen einen Querschnitt iranischer Männer und Frauen kennen, die sich gegen das verhasste Regime aufgelehnt haben und dafür schwer bestraft wurden.
Der Film enthält auch humorvolle Momente. Vahid und seine Komplizen erfahren, dass die Frau ihres Opfers kurz vor der Entbindung steht. Sie machen einen Umweg (mit dem mutmaßlichen Folterer, der immer noch gefesselt und in ihrem Lastwagen versteckt ist), um die werdende Mutter ins Krankenhaus zu bringen und für eine sichere Geburt zu sorgen – und teilen sich dann untereinander die Kuchen, die das Krankenhaus traditionell den nahen Verwandten der Familie schenkt.
Die letzten 15 Minuten des Films sind dem Geständnis des Mannes gewidmet, dass er tatsächlich ein Folterer war, der seine Arbeit mit der Notwendigkeit rechtfertigt, seine Familie ernähren zu müssen.
Panahis Film zeugt nach wie vor von humanitären Instinkten, die zweifellos von weiten Teilen der iranischen Bevölkerung geteilt werden. Unter Berücksichtigung der oben genannten Vorbehalte stach It Was Just An Accident im Vergleich zu den meisten EFA-Preisträgern positiv hervor.
Weitere Filme und Themen
Die norwegische Filmemacherin und Schauspielerin Liv Ullmann wurde für ihr Lebenswerk mit einem Preis ausgezeichnet und erklärte in ihrer Dankesrede, offensichtlich mit Blick auf US-Präsident Trump: „Ich bin Norwegerin, wir verleihen den Nobelpreis an jemanden, der ihn verdient, und dann geht er plötzlich an jemand anderen. Das ist so seltsam (...) und deshalb bin ich froh, dass wir Gesetze haben, die besagen, dass man den Nobelpreis wieder aberkennen kann, wenn er missbraucht wird. Jemand mit Macht in den USA mag enttäuscht sein. Er wird ihn verlieren, und ich bin froh darüber.“
In ihrer eher selbstgefälligen Erklärung versäumte Ullmann jedoch zu erwähnen, dass die eigentliche Preisträgerin des norwegischen Friedenspreises, die rechtsgerichtete venezolanische Kriegstreiberin und CIA-Handlangerin María Corina Machado, ebenso wenig für den Preis qualifiziert war wie der US-Präsident.
Neben dem Ausbleiben von Auszeichnungen für die oben genannten Filme blieben auch eine Reihe anderer öffentlich gut aufgenommener und eindringlicher deutscher Dokumentar- und Spielfilme bei der Verleihung ohne Anerkennung. Dies trifft auch auf Late Shift, Amrum und Riefenstahl zu.
Der Preis für den besten Film ging an Sentimental Value des norwegischen Regisseurs Joachim Trier. Im Mittelpunkt des Films steht der ältere, egozentrische norwegische Filmemacher Gustav (Stellan Skarsgård), der versucht, wieder eine Beziehung zu seinen erwachsenen Kindern aufzubauen, die er als Vater weitgehend vernachlässigt hat. Eine seiner Töchter, Nora, ist Schauspielerin.
Anstatt nach dem Tod seiner Ex-Frau und ihrer Mutter wirklich wieder eine Beziehung zu seinen Töchtern aufzubauen, versucht Gustav Nora zu überreden, die Hauptrolle in seinem neuen Film zu übernehmen. Nora lehnt das Angebot ab und erklärt, dass sie noch nicht bereit sei, mit ihrem Vater zusammenzuarbeiten.
In Sentimental Value werden wir mit einer Reihe von Szenen konfrontiert, die sich mit den inneren Abläufen sowohl der Theater- als auch der Filmindustrie befassen: den Belastungen und Spannungen hinter den Kulissen führender Theater- und Filmproduktionen. Dies kam bei den über 4.200 Filmfachleuten, die über die Vergabe der EFA-Preise entschieden, offensichtlich gut an.
Zwei kurze Szenen befassen sich mit den historischen Wurzeln der traumatisierten Familie. Die zweite Schwester, Agnes, entdeckt, dass ihre Großmutter von den Nazis gefoltert wurde, was das unberechenbare Verhalten von Agnes‘ Mutter und damit auch Gustavs Verhalten erklären könnte, der ja das Elternhaus verlassen hat. Eine weitere Szene enthüllt, dass Agnes als junges Mädchen in einem früheren Film ihres Vaters eine Rolle – ebenfalls in Konflikt mit den Nazis – gespielt hat.
In beiden Fällen werden Verweise auf die faschistische Vergangenheit Deutschlands herangezogen, um Anomalien und Probleme in den Beziehungen innerhalb dieser hermetisch abgeschotteten Mittelschichtfamilie zu erklären. Nach dieser Lesart ist der Nationalsozialismus lediglich ein Handlungsmittel, ein Relikt der Vergangenheit. Der Film enthält keinen Hinweis darauf, dass Faschismus und Rechtsextremismus, beispielsweise in Gestalt der immigrantenfeindlichen Sozialdemokraten in Norwegens Nachbarland Dänemark, heute eine reale Gefahr darstellt.
Wie auch anderen EFA-Preisträgern mangelt es dem Regisseur von Sentimental Value, Trier, an sozialem Bewusstsein – er steckt den Kopf in den Sand und ignoriert die Realität. Seine Betonung der Bedeutung von Zuhause, Familie und persönlicher Selbstverwirklichung ist bezeichnend für die Abkehr einiger Intellektueller von echtem sozialem Engagement, das in einer komplexen Welt, die mit Krisen an mehreren Fronten konfrontiert ist, notwendig ist.
Der zweitgrößte EFA-Preisträger war das apokalyptische Roadmovie Sirât des französischen Regisseurs Óliver Laxe. Sirât (nach islamischem Glauben der Weg zum Paradies) handelt von der Raver-Szene in Marokko, wo sich europäische Ausgestoßene versammeln, um dem Stress der modernen Gesellschaft zu entfliehen, indem sie mitten in der Wüste zu Trance-Musik tanzen.
Laxe gibt zu, dass einer seiner Inspirationsquellen für den Film der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche war: „Eine der ersten Ideen, die ich für diesen Film hatte, war ein Satz von Nietzsche: ‚Ich glaube nicht an einen Gott, der nicht tanzt.‘“
Einem Kritiker zufolge gab Laxe zu, dass „er nicht Jahre damit verbracht hat, das Drehbuch zu perfektionieren oder Dialoge zu schärfen. Vielmehr nahm er die Bilder, die ihm im Gedächtnis geblieben waren – Lastwagen, die mit dem Dröhnen ihrer eigenen Lautsprecheranlagen durch die staubige Wüste rasen – und brachte sie zu den ‚Free Parties‘, wo sich seine Darsteller auf der Tanzfläche zusammenfanden.“
Dies ist kein besonders vielversprechender Ansatz, weder für ein Werk, das sich mit einem Aspekt des Gesellschaftslebens befasst, noch für irgendeinen Film überhaupt.
Derselbe Kritiker, der von dem Film schwärmt, fährt fort: „Die Stimmung ist ausgelassen und anarchisch und passt sehr gut zum freudehungrigen Fatalismus der heutigen Zeit. (In diesem Zusammenhang: Ich habe gehört, dass die Clubszene in Tel Aviv und Kiew gerade richtig abgeht.)“
Vor dem Hintergrund von Krieg und Völkermord würdigt Laxes Film eine Gruppe von Menschen, die – wie der Regisseur sagt – eher nach „Transzendenz“ suchen, als sich mit der Realität auseinanderzusetzen.
Offenbar unentschlossen, wie er den Film beenden soll, lässt der leicht zu beeindruckende Laxe seine Trance suchende Gruppe mitten in einem Minenfeld landen, wo die Hälfte von ihnen ein grausames Ende findet: Es ist der Preis, den sie für das „Tanzen angesichts des Untergangs“ (um noch einmal den oben genannten Kritiker zu zitieren) bezahlen.
Abschließend sei noch der Film On Falling lobend erwähnt, der bei der Preisverleihung den Ehrenpreis gewann. Der Film der portugiesischen Regisseurin Laura Carreira, produziert von Ken Loach, handelt von der extremen Ausbeutung von Arbeitern in einem Amazon-ähnlichen Lagerhaus. Er spiegelt die Erfahrungen unzähliger Arbeiter auf der ganzen Welt wider.
