Andrews Verhaftung, die britische Monarchie und die internationale Oligarchie

Die Verhaftung und die anhaltenden Ermittlungen gegen den ehemaligen Prinzen Andrew Mountbatten-Windsor haben die bisher schwerste Krise der britischen konstitutionellen Monarchie ausgelöst.

Ungeachtet aller Versuche, dies ausschließlich als Problem des in Ungnade gefallenen Ex-Herzogs von York darzustellen, drohen der gesamten königlichen Familie und mehreren aufeinanderfolgenden britischen Regierungen verheerende Enthüllungen über ihr Wissen um Andrews schmutzige Geschäfte mit dem milliardenschweren pädophilen Sexhändler Jeffrey Epstein.

Andrew (Mitte) mit der königlichen Familie bei der Militärparade zum Geburtstag der Queen, Buckingham Palace, London, Juni 2006 [Photo by S Pakhrin from DC, USA - P1110402 / CC BY 2.0]

Es geht nicht nur um ihr Wissen über Andrews Verbrechen, sondern auch um Enthüllungen über ihre eigenen Beziehungen. Der noch andauernde Skandal um den Labour-Party-Prominenten Peter Mandelson (den Keir Starmer zum Botschafter in den USA ernannt hatte) hat deutlich gemacht, dass alle weiteren Ermittlungen zu den in den USA veröffentlichten Epstein-Dokumenten weitaus umfassendere Geschäftsbeziehungen mit der britischen Monarchie und der herrschenden Elite ans Tageslicht bringen könnten.

Die Ereignisse vom 19. Februar waren außergewöhnlich. Andrew wurde an seinem Wohnsitz Wood Farm auf dem königlichen Anwesen in Sandringham verhaftet, gerade als sein Geburtstagsfrühstück abgeräumt wurde. Er wurde zwölf Stunden lang auf einer Polizeiwache festgehalten, wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch befragt und freigelassen, während die Ermittlungen andauern. Ein Foto, das ihn geduckt auf dem Rücksitz seines Autos zeigt, ist beispielhaft für die Angst, die wohl auch König Charles III. und den Rest der Königsfamilie erfasst haben dürfte.

Die gegen Andrew erhobenen Vorwürfe sind verheerend. Zu den Beschreibungen seiner Teilnahme an Sexpartys, Besuche auf Epsteins privater Karibikinsel und Besuche in seinen kostenlosen Dienstunterkünften in New York kamen Berichte über Besuche von Epsteins Callgirls im Buckingham Palace – der Hauptresidenz der Royals – und Bilder hinzu, die Andrew rittlings auf einer jungen Frau zeigen.

Laut Richard Scorer, dem Leiter der Abteilung für Missbrauchsfälle bei Slater and Gordon, könnten Fragen zum sexuellen Missbrauch Teil der Ermittlungen wegen Amtsmissbrauch werden. Er erklärte gegenüber dem Guardian: „Wenn die Staatsanwaltschaft die Geschworenen davon überzeugt, dass Andrew seine Position missbraucht hat, um Sex mit jungen Frauen zu haben, könnte er meiner Meinung nach auf dieser Grundlage angeklagt werden.“

Dazu kommt die Tatsache, dass Andrew – in seiner Position als britischer Handelsgesandter zwischen 2001 und 2011 – vertrauliche Details über anstehende offizielle Reisen nach Singapur, Vietnam, Shenzhen (China) und Hongkong an Epstein geschickt hat, bei denen er von weiteren Geschäftspartnern des Mädchenhändlers begleitet wurde. An Epstein gingen Berichte über die Ergebnisse dieser Treffen, sowie auch über die Möglichkeiten, in Afghanistan in Gold und Uran zu investieren.

Während dieser Zeit erhielt Andrew umfangreiche Spesen aus Steuergeldern – vier Millionen Pfund über neun Jahre. Daneben nutzte er seine Position und seinen Status als Angehöriger des Königshauses auch, um mit dem kasachischen Diktator Nursultan Nasarbajew gesellschaftlich eng zu verkehren, der Andrews Anwesen Sunninghill Park für 15 Millionen Pfund kaufte – drei Millionen mehr als der Angebotspreis. Weitere Geschäftspartner waren u.a. der milliardenschwere Sohn des tunesischen Diktators Ben Ali.

Daher wundert es kaum, dass König Charles in seiner ersten Reaktion auf die Verhaftung Andrew den Wölfen zum Fraß vorwarf und erklärte: „Das Gesetz muss seinen Lauf nehmen.“ Er versprach außerdem seine „volle und uneingeschränkte Unterstützung und Zusammenarbeit“ bei den Ermittlungen. Ähnlich Erklärungen gaben der Labour-Premierminister Starmer und Justizminister David Lammy ab.

Doch die Versuche, sich von Andrew zu distanzieren, werden einer genauen Überprüfung nicht standhalten. Der damalige Prinz wurde vom Königshaus immer in Schutz genommen, vor allem von der verstorbenen Queen Elizabeth II. Weder Epstein noch seine Opfer hätten den Palast besuchen können, ohne dass die Königin und ihr Personal davon wussten. Als die ersten Gerüchte auftauchten, reagierte sie, indem sie Andrew zum Ritter des Großkreuzes des Königlich Viktorianischen Ordens erhob – die höchste Auszeichnung, die sie verleihen konnte.

Erst nachdem alle Versuche Andrews, seine Beziehungen zu Epstein und vor allem zur verstorbenen Virginia Giuffre zu leugnen, gescheitert waren – nach seinem katastrophalen BBC-Interview und der Veröffentlichung der Epstein-Dokumente im letzten Jahr –, musste er seine Titel abgeben und sein Anwesen im Royal Lodge auf dem Gelände von Windsor Castle in Berkshire räumen. Anschließend zog er in ein kleines Bauernhaus auf dem Anwesen Sandringham in Norfolk.

Dass er weiterhin auf dem privaten Grundbesitz von König Charles untergebracht ist, zeugt weniger von familiärer Verbundenheit, sondern vielmehr davon, dass Andrew vermutlich genauso viel gegen seine Familie in der Hand hat, wie die Presse nun gegen ihn.

Ein Anzeichen für das beispiellose Ausmaß der Krise ist die Tatsache, dass fast überall an die letzte Verhaftung eines hohen Mitglieds der Königsfamilie erinnert wird – die Verhaftung von Karl I. durch Oliver Cromwell während des Englischen Bürgerkriegs. Karl I. wurde später wegen Hochverrats angeklagt und 1649 hingerichtet.

Heute droht niemandem ein ähnliches Schicksal, doch die lange Periode der konstitutionellen Monarchie, die nach Cromwells Protektorat mit der Wiedereinsetzung von Karl II. und später mit der Einsetzung von Wilhelm von Oranien in der „Glorious Revolution“ begann, neigt sich endlich dem Ende zu.

Dies hat weitreichende Auswirkungen auf den britischen Imperialismus. Die Monarchie ist nicht nur ein Symbol. Sie spielt eine wichtige Rolle im System der Klassenherrschaft in Großbritannien. Ihre jüngste und ausgedehnte Krise steht in engem Zusammenhang mit dem Krebsgeschwür der globalen Finanzoligarchie, verkörpert durch Epstein.

Die immer engeren Beziehungen zu dieser Oligarchie und die Vermischung des alten und neuen Adels haben den öffentlichen Fall der Königsfamilie beschleunigt und sie von ihrer angestammten Position distanzierter Korrektheit in die Gosse bürgerlicher Politik und Korruption herabgestoßen.

Die Verbitterung über die Trennung des damaligen Prinzen Charles von Diana und der dadurch entstandene Schaden wurden maßgeblich durch Dianas Fähigkeit verstärkt, die Unterstützung von Vertretern der globalen Superreichen – vor allem in den USA und später von Mohamed Al-Fayed – zu erlangen, als der Palast gegen sie vorging. Die Zustimmung zur Monarchie sank damals auf einen historischen Tiefststand von 26 Prozent.

Andrew folgte in vielerlei Hinsicht Dianas Vorbild. Und als die Beziehungen der Königsfamilie zu Dianas Sohn Prinz Harry aufgrund seiner Heirat mit Meghan Markle zerbrachen, wandte auch Harry sich den amerikanischen Superreichen zu, um eine neue Machtbasis und Quelle für fortwährendes Einkommen und Privilegien zu erhalten.

Alle Versuche, das königliche Flaggschiff trotz dieser Krisen über Wasser zu halten, sind am Ende an den Klippen von Epsteins Insel gescheitert.

Sollte es zu einem Strafverfahren kommen, und sollte weiterhin gelten, was alle - von König Charles und Starmer bis zum Generalstaatsanwalt - sagen, dass „niemand über dem Gesetz steht“, stellt sich die Frage: Wer wird noch alles vernommen – weitere Mitglieder des Königshauses, hohe Regierungsvertreter? Eine Verhaftung, ein Untersuchungsverfahren und eine Anklage gegen Mandelson würde sofort die Aufmerksamkeit auf die düsteren Geheimnisse der Labour-Regierungen von Tony Blair bis Starmer richten.

Es gibt einen konzentrierten Versuch, eine Anklage Andrews wegen Amtsmissbrauchs als undurchführbar hinzustellen. Es geht um ein Delikt, das auf dem Richterrecht, nicht auf Gesetzesrecht, beruht. Zwischen 2014 und 2024 sind nur vier Menschen in hohen Positionen verurteilt worden. Allerdings ist niemand, weder in Großbritannien noch im Rest der Welt, wirklich optimistisch hinsichtlich der damit verbundenen Gefahren.

Schon die Möglichkeit einer Anklage gegen Andrew hat sofort Fragen aufgeworfen, warum das US-Justizministerium jegliche Strafverfolgung in Amerika ausschließt. Giuffres Bruder, Skye Roberts, kommentierte: „In Wirklichkeit tut Großbritannien viel mehr (...) Hier in den USA hat unser Präsident noch nicht einmal annähernd das gleiche getan. Betroffene und die Bevölkerung sind darüber sehr enttäuscht.“

Wie um Salz in die Wunde zu streuen, antwortete Trump auf die Fragen der Journalisten nach Andrews Verhaftung, diese sei „sehr traurig“, und er fügte hinzu: „Ich bin da sozusagen Experte, weil ich vollständig entlastet wurde.“

Der letzte vergleichbare Korruptionsskandal in Großbritannien war die Profumo-Affäre (1961–1963), die mit dem Sturz der Macmillan-Regierung endete. Der Epstein-Skandal löst mit seinen internationalen Dimensionen schon jetzt Erschütterungen aus, die weit jenseits der britischen Küsten widerhallen, und seine Auswirkungen werden sich in der kommenden Zeit noch verstärken.

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