Viele der 278 Filme aus 80 Ländern, die in der diesjährigen Berlinale gezeigt wurden, bleiben auf der Ebene von persönlichen Beziehungen und Familiengeschichten, ohne die gesellschaftlichen Hintergründe aufscheinen zu lassen. Die Fragen von Gender, ethnischer Identität, queeren Problemen, die schon in den vergangenen Festivals präsent waren, wurden auch in diesem Jahr prominent herausgestellt.
Schon der Auftaktfilm „No good Men“ war ein negatives Beispiel. Die Tatsache, dass ein feministisches Thema – keine guten Männer, bis auf einen! – komplett den realen Hintergrund ausblendet, den Afghanistan-Krieg und das militärische Eingreifen der Bundeswehr an der Seite des US-Imperialismus, ja sogar die Bundeswehr als eine humane Kraft darstellt, die am Ende eine Frau und Kind vor den schlimmen muslimischen Männern der Taliban rettet, war für die Autorin dieses Artikels eine Zumutung.
Es gibt keinen Hinweis auf die Tatsache, dass die Bundesregierung bis heute afghanische Familien in Pakistan festsitzen lässt, denen sie ursprünglich die Einreise nach Deutschland versprochen hatte; noch gibt es einen Verweis auf das bis heute ungesühnte Massaker in Kundus mit über 100 zivilen Opfern, das ein Bundeswehroberst im September 2009 befohlen hatte, und dem der sehenswerte Film „Eine mörderische Entscheidung“ von Raymond Ley mit dem Hauptdarsteller Matthias Brandt im Jahr 2013 gewidmet war.
Allerdings stößt die Tendenz selbstbezogener, auf persönliche Empfindlichkeiten reduzierter Filmsujets zunehmend mit der gesellschaftlichen Realität zusammen. Und dies ist die positive Nachricht von der diesjährigen Berlinale: Es gibt vermehrt gesellschaftskritisches Kino und einen neuen engagierten Ton realistischer Filmkunst.
Eine wachsende Zahl jüngerer Filmschaffender wendet sich der Geschichte und den heutigen Bedrohungen der menschlichen Beziehungen durch Krieg, staatliche Repression, faschistische Gewalt und extreme Ausbeutung zu. Sie reagieren damit auch auf die wachsende, weltweite Rebellion von Jugendlichen und Arbeitern, die sie in der einen oder anderen Weise mit filmischen Mitteln und Metaphern andeuten und die sie anregt, über den pessimistischen Grundton vieler Filme der vergangenen Jahrzehnte hinauszugehen.
Dazu gehört Ilker Cataks Film „Gelbe Briefe“, der mit Recht den Goldenen Bären gewonnen hat, und der zugleich eine passende Antwort auf die medialen und politischen Versuche zu Beginn der Berlinale ist, Stellungnahmen zum Völkermord in Gaza zu unterdrücken. Ebenso ist Farat Shariats Spielfilm „Staatsschutz“, der den Publikumspreis der Sektion Panorama erhielt, ein hochaktueller Kommentar zum staatlichen Rechtsruck in Deutschland.
Auch einige sozialkritische Filme ragen heraus, wie „Ich verstehe Ihren Unmut“ über die extreme Ausbeutung im Reinigungsgewerbe mithilfe krimineller Subunternehmen, oder „Enjoy your stay“ über die Ausbeutung und den Missbrauch von philippinischen Frauen in einem luxuriösen Skiort in der Schweiz, der unwillkürlich die schreckliche, von kriminellen Profiteuren hervorgerufene Brandkatastrophe im Schweizer Skiort Crans-Montana ins Bewusstsein ruft. Die WSWS wird die genannten Filme und einige andere in kommenden Artikeln besprechen.
An dieser Stelle wollen wir auf ein bemerkenswertes Beispiel aus Chile eingehen, das Spielfilmdebüt „Hangar rojo – The Red Hangar“ (Der Rote Hangar) des jungen chilenischen Regisseurs Juan Pablo Sallato, das in der Berlinale-Sektion „Perspektives“ seine Weltpremiere gefeiert hat. Anfang März wird es auf dem 29. Festival de Málaga in Andalusien gezeigt und danach in die spanischen sowie im Herbst in die chilenischen Kinos kommen.
Das kurze, nur knapp eineinhalb-stündige Drama, eine Koproduktion aus Chile, Argentinien und Italien, holt die Erinnerung an den faschistischen Militärputsch in Chile 1973 in die Gegenwart und vermittelt die Botschaft an die Zuschauer, dass sie den Kampf gegen Diktatur, Krieg und Faschismus rechtzeitig aufnehmen müssen, bevor es zu spät ist.
Der im Zentrum stehende Charakter ist eine reale Figur – Hauptmann Jorge Silva (hervorragend gespielt von Nicolás Zárate), ein Unterstützer der gestürzten Regierung von Salvador Allende, ehemals Leiter des Luftwaffengeheimdiensts und bis zum Putsch Chef der Luftwaffenakademie, in der er Kadetten ausbildete. Er starb 2024 in London, wohin er mit seiner Frau Rosa geflüchtet war, nachdem er zwei Jahre im Foltergefängnis der faschistischen Pinochet-Diktatur verbracht hatte.
Das Drehbuch des Films von Luis Emilio Guzmàn basiert auf dem autobiographischen Buch von Fernando Villagrán: Disparen a la bandada. Crónica secreta de los crímenes en la FACH contra Bachelet y otros (Schießt die Herde ab. Geheime Chronik der Verbrechen in der FACH [Chilenische Luftwaffe] gegen Bachelet und andere). Villagrán gehörte selbst zu den Verhafteten am Tag des Putschs und war einer von zwei Aktivisten, die Jorge Silva verhört hatte, letztlich aber rettete.
Der Film ist kein Dokudrama im Sinne einer Beschreibung der einzelnen historischen Etappen, als General Pinochet die parlamentarische Regierung von Salvador Allende stürzte, dessen Tod herbeiführte, alle demokratischen Rechte abschaffte und Hunderttausende Menschen, vor allem Jugendliche und Arbeiter einkerkern, foltern und ermorden ließ.
Doch gelingt es dem Regieteam, das Ereignis dem heutigen Publikum erschreckend nahe zu bringen. In Schwarz-Weiß gedreht und ohne Soundtrack folgt die Kamera hautnah und mit großer Tiefenschärfe dem Gesichtsausdruck, der Kopfhaltung und den militärisch disziplinierten Bewegungen von Jorge Silva. Im Hintergrund nimmt der Zuschauer verwackelte Szenen wahr, Massenverhaftungen, Schreie, Gewaltszenen.
Juan Pablo Sallato, der an einer Kunsthochschule studiert hat, nutzt Elemente der expressionistischen Malerei und erklärte dazu selbst im Interview, für ihn seien „Schwarz-Weiß, Hell-Dunkel, der Kontrast, die Graustufen“ visuelle Metaphern für das moralische Dilemma, das im Mittelpunkt der Geschichte steht.
„Hangar rojo“ konzentriert sich auf die ersten Stunden des Putschs und verfolgt Silvas erste Reaktionen, der die faschistische Gefahr nicht wahrhaben will, als am Vorabend des 11. September ein Armeefreund anruft und über verdächtige Militäraktivitäten berichtet. Er zeigt seine Unterordnung im Namen von Disziplin und militärischer Pflicht am nächsten Morgen, als der neue faschistische Befehlshaber der Akademie, Colonel Jahn (Marcial Tagle) ihn in den Terror gegen die Verhafteten hineinzieht; und zuletzt seine späte Entscheidung zum Widerstand, als er auf einem Transport der Gefangenen zum Stadion von Santiago zwei junge linke Aktivisten vor Folter und Hinrichtung rettet.
Immer wieder ruht die Kamera auf Jorge Silvas feinen, kontrollierten Gesichtszügen, die sich scharf vom ebenfalls in Nahaufnahme gezeigten brutalen Gesicht des neuen Akademiechefs Colonel Jahn (Marcial Tagle) abheben und glaubwürdig sein Dilemma zwischen militärischer Disziplin und Abscheu vor den Putschisten verdeutlichen.
Triumphierend erklärt Jahn, er sei gerade aus Amerika gekommen. Diese Bemerkung verweist nicht nur auf die Tatsache, dass die CIA den chilenischen Putsch 1973 maßgeblich organisiert hat. Indirekt spiegelt sie auch die heutige bedrohliche Situation in Lateinamerika nach dem Machtantritt von Donald Trump im Weißen Haus wider, die sich mit den militärischen Provokationen gegen Venezuela, Mexiko, Kuba gerade in diesen Tagen zuspitzt.
Colonel Jahn führt Jorge Silva zum Flugzeughangar, den dieser am Vorabend noch als menschenleere, stille Halle verlassen hatte. Diesen werde er ab sofort „Roter Hangar“ nennen, sagt Jahn hämisch grinsend. Denn er müsse jetzt als Haft- und Folterzentrum für die „Roten“, für „Marxisten“, „Kommunisten und Sozialisten“ dienen, die endlich „ein für allemal ausgelöscht“ werden sollen.
„Zu Befehl“, sagt Jorge Silva mit erstarrtem Gesicht. Er beteiligt sich an der Inhaftierung einer Ladung junger Menschen, die in diesem Moment mit einem LKW eintreffen, und die später gefesselt den Boden bedecken. Zugleich stützt er einen jungen Kadetten, der den LKW gefahren hat und der sich übergeben muss, als ein fliehender Junge von hinten erschossen wird.
Jorge Silva unternimmt auch nichts gegen die Verhaftung und Folter von anderen Allende-Unterstützern der Armee, wie von General Bachelet, dem Vater der späteren chilenischen Präsidentin Michelle Bachelet, und schließlich akzeptiert er sogar den Befehl, junge Aktivisten einer linken Gruppierung zu verhören, deren Folter und Hinrichtung schon geplant ist. Einer davon ist Fernando Villagrán, der Silva ins Gesicht sagt, er werde nicht mit einem Verräter kooperieren.
Die letzte Szene zeigt Silva mit zitternder Hand bei seiner Frau Rosa, die er den ganzen Tag vorher nicht erreicht und die als Universitätsdozentin für Geschichte den Terror in ihrem Studentenseminar miterlebt hat. Ihre Bitte zu flüchten, schlägt Silva aus. Er geht wieder in die Akademie, wo er bald darauf als Verhafteter durch das Tor in den Roten Hangar geführt wird.
Die Botschaft seines Films erklärt Regisseur Sallato in einem Interview mit dem Magazin Hollywoodreporter mit den Worten: „In vielen Teilen der Welt erleben wir die Aushöhlung von Menschenrechten und internationalen Abkommen mit einer alarmierenden Normalisierung. Unweigerlich erinnert uns das an einige der dunkelsten Momente des 20. Jahrhunderts.“
Für ihn sei es in einer solchen Situation des Umbruchs, in der jemand unter enormen Druck gerät, „wichtig zu fragen, wie weit unsere eigene Verantwortung reicht. Ich hoffe, dass der Film diese Frage beim Zuschauer aufwirft: Was würde jeder von uns in einer ähnlichen Situation tun?“
Dieser wichtige Appell an die individuelle Verantwortung, sich rechtzeitig für den Kampf gegen die faschistische Bedrohung zu entscheiden, hinterlässt jedoch ein Fragezeichen. Die Tatsache, dass Jorge Silva letztlich Widerstand leistet, zwei Verhaftete rettet und sein eigenes Leben dabei riskiert, war zwar ein Zeichen von Humanität inmitten der Barbarei, konnte jedoch die faschistische Diktatur nicht beenden, die noch 17 Jahre lang die chilenische Bevölkerung unterdrückt hat. Und, wie Sallato selbst bemerkt, heute kehrt die faschistische Gefahr zurück.
Die persönliche Entscheidung für Widerstand erforderte auch eine realistische Perspektive, um die Ursachen dieser Gefahr, das kapitalistische System insgesamt zu bekämpfen. Die Lehre aus dem Putsch in Chile 1973 und aus dem Wiederaufstieg heutiger Putschisten, wie der rechten Clique von Donald Trump, ist auch, dass ein bürgerlich-demokratisches Parlament wie unter Salvador Allende keinen Schutz vor Diktatur bieten kann. Allendes „Regierung der Volkseinheit“, die sich auf das Wahlbündnis Unidad Popular (UP), ein Bündnis von reformistischen Parteien und der stalinistischen Kommunistischen Partei, stützte, wiegte die Bevölkerung in dem irrigen Glauben, dass die Armee die Demokratie schützen würde, und ermöglichte damit die Katastrophe.
Dies ist auch die Erfahrung der „dunkelsten Momente des 20. Jahrhunderts“ in Deutschland 1933 und in Spanien 1936. Die bürgerliche Demokratie macht dem Faschismus Platz, wenn der Kapitalismus in eine tödliche Krise gerät, weil hinter ihr die gleichen kapitalistischen Interessen stehen. In Deutschland wurde Hitler bekanntermaßen 1933 auf Grundlage der Weimarer Verfassung zum Kanzler ernannt. Und in Spanien lieferte die Volksfrontregierung die revolutionären Arbeiter dem Diktator General Franco aus.
Der Film „Hangar rojo“ ist hochaktuell und eine Warnung in der gegenwärtigen Weltsituation, in der ein amerikanischer Präsident mit Gestapo-ähnlichen Methoden die Bevölkerung terrorisiert, demokratische Rechte zerstört und mit kriminellen Methoden gegen Nachbarstaaten und ehemalige Verbündete vorgeht, und in der auch in anderen, sich demokratisch nennenden Staaten Europas und der ganzen Welt die Errichtung von Diktaturen droht.
