Mehr als 100 Demonstrationen fanden am Samstag, den 28. Februar, in ganz Griechenland statt, um der Eisenbahnkatastrophe von Tempi zu gedenken. An diesem Tag jährte sich die Havarie vom 28. Februar 2023 zum dritten Mal, bei der 57 überwiegend jugendliche Fahrgäste ums Leben gekommen waren. Dutzende weitere Proteste gab es in Städten in ganz Europa, den USA und Australien.
Die schrecklichen Todesfälle in Folge des Zusammenstoßes zwischen einem Güter- und einem Personenzug waren ein Verbrechen des Kapitalismus, verursacht durch ein unsicheres Bahnnetz wegen der jahrelangen Kürzungen mehrerer aufeinanderfolgender Regierungen. Eine davon war auch die Syriza-Regierung (Koalition der Radikalen Linken) von 2015 bis 2019, die für die Privatisierung der Eisenbahn im Jahr 2017 verantwortlich war.
Zeitgleich mit den Kundgebungen fand ein 24-stündiger Streik statt, zu dem der Gewerkschaftsbund des öffentlichen Dienstes ADEDY aufgerufen hatte. Auch Eisenbahner und Seeleute beteiligten sich, womit sie den Bahn- und Fährverkehr des Landes lahmlegten. In Athen beeinträchtigten die Arbeitsniederlegungen das elektrische Eisenbahn- und Straßenbahnnetz der Stadt. In Athen, Piräus, Thessaloniki und weiteren Städten streikten auch die Gewerkschaften, die dem Gewerkschaftsbund des Privatsektors GSEE angehören.
Die rechte Regierung der Nea Dimokratia organisierte einen massiven Polizeieinsatz gegen die Demonstrationen. In Athen, Thessaloniki und Heraklion, der Hauptstadt der größten griechischen Insel Kreta, kam es zu Angriffen der Polizei. Alleine in Athen wurden 174 Menschen inhaftiert und elf davon später angeklagt.

Wie der staatliche Sender ERT in seiner Live-Berichterstattung über die Demonstration festhielt, kam es zu Angriffen auf Journalisten und Reporter. Auf den Aufnahmen ist zu sehen, wie eine Einheit der Bereitschaftspolizei eine Gruppe von acht Fotojournalisten attackiert. Der Mega Channel berichtete, dass ihr Kameramann bei der Live-Berichterstattung direkt von einer Blendgranate getroffen.

Der Journalist Chris Avramidis filmte, wie die Polizei Thodoris Eleftheriadis einschüchterte, als er auf dem Weg zur Demonstration in Athen war, wo er eine Rede halten sollte. Eleftheriadis, der bei dem Unglück in Tempi seine Mutter verlor, wurde von der Polizei angehalten und mit Festnahme bedroht, nachdem er eine Durchsuchung seiner Sachen ablehnte. Laut Avramidis ließ ihn die Polizei erst gehen, nachdem sich Rechtsbeobachter und andere Angehörige der Opfer von Tempi einschalteten und Kameras anwesend waren.
Reporter der WSWS sprachen in London, Manchester und Edinburgh sowie auch in Stuttgart mit Demonstrierenden darüber, wie sie den Vorfall drei Jahre später einschätzen.
London
In London demonstrierten etwa 300 Menschen vor der griechischen Botschaft im Holland Park. Sie skandierten u.a.: „Sie sprechen von Gewinnen und Verlusten. Wir sprechen von Menschenleben!“ (Siehe Video)
Despoina, eine Dozentin für Finanzwesen, erklärte: „Es ist sehr frustrierend und enttäuschend und macht wütend, dass wir drei Jahre nach dem kriminellen Vorfall noch keinen Fortschritt in Bezug auf Gerechtigkeit erlebt haben.“ Sie wies auf „all die Hindernisse“ hin, vor denen Überlebende und Angehörige stehen und fügte hinzu: „Alle beteiligten Politiker gehen völlig straffrei aus... Alle in höheren Positionen scheinen buchstäblich mit Mord davonzukommen.“
Sie machte die Privatisierung verantwortlich: „Wenn die Eisenbahn privatisiert wird, kommt es hinterher zu tödlichen Unfällen, weil die Verantwortung so stark verteilt ist... Die Unternehmen, die die Gewinne einfahren, werden nicht wirklich zur Verantwortung gezogen.“ Zudem, so Despoina, ist „die Demokratie in Griechenland sehr stark im Niedergang begriffen. Es gibt nicht genug freie Presse. Es gibt keine unabhängigen Justizbehörden“, und die Minister genössen „Straffreiheit“.
Zu den Massenprotesten im letzten Jahr und dem 23-tägigen Hungerstreik des Vaters eines der Opfer von Tempi vor dem griechischen Parlament erklärte Despoina, die anhaltende „Vertuschung“ gebe den Menschen „ein Gefühl der Machtlosigkeit“. Auf die Frage nach ihrer Meinung zu den Gewerkschaften, die durch ihre Zusammenarbeit mit den Sparkursen mehrerer Regierungen die Kürzungen bei der Bahn möglich gemacht haben, antwortete sie: „Das Problem mit den Gewerkschaften ist, dass der Fisch vom Kopf her fault. ... [Die Arbeiter] müssen sich zusammenschließen, andernfalls haben wir keine Möglichkeit, mit einem Zug lebend an unserem Ziel anzukommen.“
Georgios, ein ehemaliger Physiotherapeut, der jetzt als Sicherheitsbeamter tätig ist, erklärte: „Vor drei Jahren ist etwas Schreckliches passiert, meiner Meinung nach war es Mord.“ Es war Mord, „weil die Verantwortlichen... nicht die notwendigen Maßnahmen ergriffen haben, um die Sicherheit der Menschen zu gewährleisten.“ Die Protestveranstaltung sei „eine Hommage an diese Menschen“ und „eine Stimme dafür, dass sich vielleicht etwas im politischen Leben von Griechenland ändert“.
Da mehrere aufeinanderfolgende Regierungen die Demokratie und die Unabhängigkeit der Justiz untergraben hätten, gebe es „keine Demokratie und keine Gerechtigkeit mehr, weil sie von der Regierung kontrolliert werden“. Es habe „viel Vertuschung“ gegeben. Die Untersuchung bezeichnete er als „lächerlich“, denn „zunächst einmal wurde niemand dafür zur Rechenschaft gezogen“. Eine erste Kommission habe „viele Leute eingeladen, aber keines der Opfer, keine Angehörigen, keine Überlebenden“. Selbst als der Fall vor Gericht kam, seien keine Zeugen angehört worden.
Stavroula erklärte: „Es ist wichtig, gegen alle Missstände, die passieren, zu protestieren... und unsere Probleme und Bedenken zu äußern.“ Der Unfall sei „etwas sehr Ernstes gewesen, das in Griechenland passiert ist“, es gab „Vorwürfe, [an Bord des Güterzugs, der mit dem Personenzug zusammengestoßen ist] habe es illegalen… Treibstoff… gegeben, und die [ND-] Regierung habe versucht, es zu vertuschen“.
Sie erklärte weiter: „Früher waren die Züge in öffentlicher Hand, aber jetzt sind sie in Privatbesitz.“ Sie erinnerte daran, dass die Eisenbahner schon lange ein sicheres Schienennetz gefordert hatten: „Sie haben deswegen protestiert... seit ich mich daran erinnern kann, seit 2014. Niemand hat sie wirklich ernst genommen.“ Sie erinnerte sich an Zugpannen und sogar an Brände: „Einmal brannte das Dach... es musste passieren, das wusste jeder, und niemand hat etwas dagegen unternommen.“
Ihrer Meinung nach „ist die Regierung verantwortlich“, und sie beschuldigen einen Signalwärter, weil sie „nicht selbst die Verantwortung übernehmen will“. Sie betonte: „Das Unternehmen muss zur Rechenschaft gezogen werden.“ Außerdem müsse die Eisenbahn „wieder in die öffentliche Hand übergehen. Dafür zahlen wir Steuern.“
Der IT-Mitarbeiter Ilias nahm mit seiner Frau Glykeria, einer Pflegerin, an der Demonstration teil. Ilias erklärte: „Wir sind Eltern und wir wollen für die Zukunft unserer Kinder sorgen.“ Glykeria fügte hinzu: „Eines meiner Kinder hätte in diesem Zug sein können“, und nach drei Jahren habe sich „nicht viel geändert“. Im Rückblick stimmten beide zu, dass sich in mehr als zehn Jahren unter vielen Regierungen unterschiedlicher politischer Couleur „nichts geändert hat“.
Über den derzeitigen Unterschlagungsskandal in Greiechenland, in den die GSEE verttrickt ist, erklärten sie: „Eine Gewerkschaft, die von der Regierung dafür bezahlt wird, das zu tun, was die Regierung von ihr verlangt, ist keine Gewerkschaft.“
Manchester
Georgios und Yiannis beteiligten sich an einer Demonstration von etwa 50 Menschen auf dem St Peter's Square.
Georgios erklärte gegenüber der WSWS, die Katastrophe sei ein „staatliches Verbrechen“, das auf jahrelange Austerität, Privatisierungen und Vernachlässigung zurückgehe. Es sei nicht „vom Himmel gefallen“, sondern das Ergebnis einer Politik, in deren Rahmen öffentliche Ausgaben gekürzt und Profite priorisiert wurden.
Yiannis stellte einen Zusammenhang zwischen dem Tempi-Unglück und den weit verbreiteten Sicherheitsmängeln im Schienenverkehr, der Luftfahrt und der Industrie her, darunter auch die jüngste Explosion in einer Keksfabrik in Griechenland, bei der fünf Arbeiter ums Leben kamen: „Es scheint einen grundlegenden Zusammenhang zwischen der Gier der Konzerne, der Gewinnsucht und dem Wohlergehen der Bevölkerung zu geben... und das hat bereits auf die Regierungen übergegriffen.“
Sie wiesen auf die Angriffe der USA und Israels auf den Iran an diesem Tag sowie die Tatsache hin, dass die griechische Regierung ihnen die Nutzung ihrer Militärbasen erlaubt, und erklärten, dass zwar Milliarden für Krieg da seien, aber nicht für öffentliche Dienstleistungen. Georgios erklärte, der Kampf um Gerechtigkeit für Tempi sei „ein internationaler Kampf“ – nicht um eine Tragödie, sondern um die Verteidigung der öffentlichen Sicherheit, den Kampf gegen Privatisierung und das Eintreten für „eine bessere Welt für alle“.
Ein anderer Demonstrant erklärte: „Womit die Arbeiter jeden Tag konfrontiert sind, ist das Profitsystem. Es geht immer um Arbeiter gegen Profit. Es ist wirklich gut, dass das [auf eurer Website] international verbreitet wird. Das eigentliche Thema ist, dass die Arbeiter überall auf der Welt dieses System loswerden müssen.“
Edinburgh
In der Princes Street im Zentrum von Edinburgh demonstrierten etwa 25 Menschen, einige mit selbst gemachten Plakaten, darunter eines mit den Namen aller 57 Opfer. Elpida hatte ein Plakat, das die Justitia mit einer Waage zeigt, die sich auf der einen Seite mit einem Bündel Geldscheinen nach unten neigt und auf der anderen Seite ein blutgetränkter Zugwaggon. Darunter steht: „Sieht das für Sie nach Gerechtigkeit aus?“
Auf die umfassendere Frage nach dem Thema Sicherheit, nicht nur bei der Bahn, sondern auch in Betrieben in Griechenland – wie die tödliche Explosion in einer Keksfabrik gezeigt hat – erklärte Elpida: „Das alles verdeutlicht, dass so etwas passiert, wenn ein System nichts für den Schutz seiner Bürger tut. Ich weiß nicht, ob das extrem klingt, aber wir müssen große Änderungen machen, keine kleinen. Die Bedürfnisse der Menschen, nicht diejenigen der Unternehmer, müssen im Mittelpunkt stehen.“
Stuttgart
In Stuttgart versammelten sich etwa 100 Menschen. Ein Flugblatt, das die griechische Gemeinde der Stadt verteilte, stellte einen Zusammenhang zwischen dem Unfall in Tempi und den Eisenbahnunfällen in Deutschland her, und erklärte, diese seien Teil eines Systems, in dem Geld Vorrang vor Menschenleben hat.
Spiros, der Organisator der Veranstaltung, erklärte: „Es geht nicht nur um diesen Unfall. Wir haben ein Problem, nicht nur mit dieser Regierung, sondern mit dem gesamten politischen System in Griechenland. Niemand vertritt die Gesellschaft.“
Er erklärte: „Der ,Unfall‘ von Tempi ist in Wirklichkeit ein Verbrechen, das sich aus unserem politischen System ergibt, nicht nur aus dieser Regierung. Es gibt eine riesige Oligarchie. In Griechenland kontrollieren fünf Unternehmen das politische System. Der Unfall ist eine Folge davon.“
Sein Kollege fügte hinzu: „Das größte Problem im System hier, und auf der ganzen Welt, ist, dass nur Geld zählt. Wir wollen deutlich machen, dass wir auch ein Leben haben. Wir wollen, dass das Geld für die Bevölkerung ausgegeben wird, nicht für Kriege wie in der Ukraine oder im Nahen Osten. Wir wollen, dass wir, die Bevölkerung, im Mittelpunkt stehen, nicht das Geld und nicht irgendwelche globale Konzerne, die das ganze Geld kontrollieren.“
Auf die Frage nach seiner Meinung zur Rolle der pseudolinken Syriza erklärte er: „Es ist immer das Gleiche, egal welche Partei in der Regierung ist. Wir hatten in Griechenland alle möglichen Regierungen, die ,links‘ oder rechts waren. Aber die Probleme blieben die gleichen. Das Einzige, was für das System zählt, ist Geld, sonst nichts. Das sieht man überall auf der Welt: in Venezuela, heute im Iran mit den Bombenangriffen und die letzten vier Jahre in der Ukraine.“
Giorgos, der zusammen mit Vasiliki teilnahm, erklärte, in Bezug auf Tempi gäbe es „zwei Aspekte. Viele Leute haben kein Geld für Sicherheit und Schutz ausgegeben, und die Richtlinien wurden völlig ignorierte. Das macht die Leute wütend, weil der Unfall gar nicht erst hätte passieren dürfen. Der zweite Aspekt ist die Vertuschung, dass sie [die Regierung] gegen die Staatsanwaltschaft vorgegangen ist und so weiter. Das bedeutet, dass es noch einiges gibt, was nicht ans Licht gekommen ist. Es gibt Korruption in der Regierung, und Tempi war nur ein Ausdruck davon.
„Der Grund, warum in Griechenland viel privatisiert wird, ist der, dass die Regierung versucht, Geld aufzutreiben. Die Privatisierung, die Unterfinanzierung und die Vertuschung passen gut ins Bild einer Regierung, die versucht, auf Kosten des Wohlergehens der Bevölkerung Geld zu machen.“
Über die Bedeutung der globalen Proteste wegen Tempi erklärte Giorgos: „Meiner Meinung nach hätten sie nicht nur einen Tag dauern sollen. Wir hätten immer wieder protestieren sollen, jede Woche, bis was passiert. Nicht nur einmal im Jahr.“
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