Warnung vor der Diktatur – Hauptpreis der Berlinale für „Gelbe Briefe“

Die deutsch-türkisch-französische Koproduktion „Gelbe Briefe“ von Ilker Çatak („Das Lehrerzimmer“, 2023) erhielt den Hauptpreis der diesjährigen Berlinale, den Goldenen Bären. Der Film warnt eindringlich vor Zensur und staatlicher Unterdrückung auch in Deutschland und anderen Ländern.

Tansu Biçer und Özgü Namal in "Gelbe Briefe" [Photo by Ella Knorz / ifProductions / Alamode Film]

Derya (Özgü Namal) ist eine etablierte Schauspielerin am Staatstheater Ankara, die ihren Beruf mit Hingabe ausübt. Als während einer Vorstellung mehrmals penetrant das Handy eines Politikers klingelt, lehnt sie dessen Bitte nach einem gemeinsamen Foto ab und lässt sich auch vom Chef des Theaters nicht umstimmen.

Die Lage im Land ist gespannt, an der Grenze bekämpft die Armee angebliche Terroristen der kurdischen Minderheit. Kritische Stimmen werden als Unterstützer des Terrorismus denunziert. Dennoch findet eine Friedensdemonstration viel Zulauf. Deryas Mann Aziz (Tamsu Biçer), Wissenschaftler, Dozent und Verfasser von Theaterstücken, stellt den wenigen Studenten, die zur Vorlesung kommen, frei zu gehen. Mitunter lerne man außerhalb des Hörsaals mehr.

Kurze Zeit später werden er und eine Reihe Kollegen unter fadenscheinigen Gründen entlassen. Auch sein Stück am Staatstheater, wo es unter anderem um kurdische Identität geht, wird abgesetzt. Schauspielkollegen machen Derya verantwortlich, da sie das Politiker-Foto abgelehnt habe. Nun folgt Schlag auf Schlag.

Der Wohnungsvermieter taucht auf und teilt ihnen seine Sorge um seinen Ruf mit. Die Polizei habe sich wegen terroristischer Aktivitäten im Haus erkundigt. Später erhält Derya einen „gelben Brief“, in dem ihr das Theater mitteilt, dass es ihrem Wunsch auf Kündigung entspricht (sie hatte nie gekündigt). Gegen Aziz reicht die Universität eine Klage ein. Schwierigkeiten gibt es auch mit dem Bankkredit. In kurzer Zeit ist die Familie isoliert und mittellos.

Um der halbwüchsigen Tochter Ezgi den bevorstehenden Wechsel auf eine höhere Schule trotzdem zu ermöglichen, zieht die Familie nach Istanbul zu Aziz‘ Mutter. Auch hier ist es unruhig. Gleich am ersten Schultag gibt es eine Unterschriftenkampagne von Schülern, die Aziz sofort unterschreibt. Ezgi will damit jedoch nichts zu tun haben.

Der Gerichtstermin ist erst in sieben Monaten angesetzt. Der atheistische Aziz folgt seinem Bruder zum Freitagsgebet in die Moschee, der ihn dort einem Taxiunternehmer vermittelt. Auf einer seiner Touren landet Aziz vor einem Off-Theater und fasst dort Fuß. Derya übernimmt die Hauptrolle in Aziz‘ neuem Stück „Gelbe Briefe“, das die Ereignisse der letzten Monate verarbeitet.

Das Gerichtsurteil ist ein Schock. Es verurteilt Aziz wegen angeblicher Verbreitung von terroristischer Ideologie zu acht Jahren Gefängnis. Die Verteidigung geht in Berufung. Bis zum neuen Termin muss die Familie weiter um ihre Existenz kämpfen. Kurz vor der Premiere des Stücks sagt Derya plötzlich ab.

Sie hat sich für die tragende Rolle in einer Fernseh-Seifenopern-Serie beworben, dafür auch einige frühere kritische Posts in den sozialen Medien gelöscht. Es handelt sich ausgerechnet um den konservativen Sender, der früher ihre Theaterarbeit in Ankara mit schlechten Kritiken bedacht hat. Aziz wirft seiner Frau Verrat an ihren Idealen vor. Die Tochter hält die Spannungen in der Familie nicht mehr aus und flüchtet zu einem befreundeten Musiker.

Regisseur İlker Çatak [Photo by Florian Mag]

Die Sensibilität gegenüber den Konflikten und Gewissensfragen bis zur Frage „Was vermag Kunst?“ zeugen von starker Empathie. Zirka 2000 Künstler und Wissenschaftler, so Çatak über staatliche Säuberungen in der Türkei, seien zwischen 2016 und 2019 nach der Unterzeichnung einer Friedenspetition suspendiert und vor Gericht gestellt worden. Zu den Unterzeichnern gehört Emin Alper, dessen Film „Kurtulus“ auf der Berlinale den Silbernen Bären gewann.

„Gelbe Briefe“ ist ein nachdenklicher Film ohne Pathos aber auch ohne dunklen Fatalismus. Die von der Situation überforderte Tochter ist stolz auf die Maxime der Eltern, ein Künstler müsse im Leben stehen. Deryas angeblicher „Verrat“ ist ein hilfloser Versuch, die Zukunft ihrer Tochter zu schützen. Die Schule muss bezahlt werden.

Auf den Vorwurf ihres Mannes, sie „verrate“ ihre Ideale, kontert sie, Aziz würde sich hinter seinen pseudointellektuellen, pseudofeministischen Stücken verstecken. Am Ende übernimmt er ihre Rolle bei der Premiere. In der Szene, wo sich Derya beim Durchgang durch eine Sicherheitsschleuse nackt ausziehen muss – sie soll die besondere Unterdrückung der Frauen darstellen –, ist er nackt von hinten zu sehen.

Ein kritischer Ton klingt auch gegenüber Protestaktionen an, die allein ausgerichtet sind auf Flagge zeigen und Durchhalten. Ein entlassener Kollege wirft Aziz Verrat vor, weil er sich nicht an der Protestaktion „Universität auf der Straße“ beteiligt. Dass gegen Aziz ein Prozess mit schwerwiegender Anklage läuft, scheint den Kollegen mit radikalem Rauschebart und ständig aufgeregter Empörung im Gesicht nicht zu tangieren.

Am Ende treffen sich Aziz, Derya und ihre Tochter Ezgi im Filmteam-Wagen und verabreden sich zum gemeinsamen Abendessen. Derya, die ihrer Kritik an der seichten Unterhaltungsserie über eine Ehekrise Luft macht, sagt der Familie mit bedeutungsvollem Blick, sie müsse erst noch ihre blonde Perücke loswerden. Aziz wartet auf sie und legt sich mit dem Rücken auf die Liege des Wagens. Er starrt an die Decke und denkt nach. Dieser Schluss ist offen und stellt die Frage in den Raum, wie künftig ein ernsthafter Kampf gegen staatliche Zensur und Unterdrückung, der über bloßen Protest hinausgeht, geführt werden kann.

Vor zwei Jahren warnte auf der Berlinale Andreas Dresens Film „In Liebe, Eure Hilde“ über die von den Nazis hingerichtete linke Widerstandskämpferin Hilde Coppi vor der Gefahr einer rechten Diktatur in Deutschland. Der weitgehende Verzicht auf Nazifahnen, -uniformen und die üblichen Naziklischees verlieh dem Film eine eindringliche Gegenwärtigkeit. In „Gelbe Briefe“ geschieht etwas Ähnliches.

Die Filmhandlung spielt in der Türkei. Als Drehorte wurden jedoch bewusst die deutschen Städte Berlin und Hamburg gewählt und dem Publikum als Titel der zwei Orte des Geschehens demonstriert: Berlin ist Ankara, Hamburg ist Istanbul. Deutsche Bezeichnungen wie „Taxi“ tauchen auf, ein deutsches Polizeiauto sowie eine Demonstration, auf denen auch deutsche Schilder zu sehen sind. Der deutsche Regisseur Ilker Çatak, Sohn türkischer Migranten, erklärte, man habe im Vorfeld über die Verfremdungen bei Brecht diskutiert.

Er betonte weiter: „Wenn Sie sich unsere globalisierte Welt anschauen, dann ist ‚ein Problem von drüben‘ selten tatsächlich nur das Problem von ‚drüben‘. … Trump startete seinen Feldzug gegen die Universitäten, und an der Israel-Palästina Debatte zeigte sich, dass man auch bei uns als Akademiker*in und Künstler*in aufpassen muss, was man sagt. Mit einem Mal war ‚Gelbe Briefe‘ keine Geschichte mehr, die nur da drüben stattfindet.“

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