Kasachstan reißt historische Stätte ab, in der Trotzki wohnte

Die Stadt Almaty in Kasachstan reißt derzeit das Haus ab, in dem Leo Trotzki mehrere Wochen in seiner Verbannung durch die stalinistische Bürokratie verbracht hat. Der Abriss löscht ein wichtiges Zeugnis der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung aus dem öffentlichen Raum. An seiner Statt soll ein Luxushotel errichtet werden.

Das Haus „Zhetysu“ in Almaty [Photo by zveryagina_almaty / instagram]

Schon seit einem Erdbeben 2022 stand das Gebäude leer, ohne repariert zu werden. 2025 wurde das Haus bei einer Untersuchung für sanierungsunfähig erklärt, und Anfang Februar haben die Abrissarbeiten begonnen.

Das zweistöckige Haus „Zhetysu“ in der Gogol-Straße 45 ist in der Bevölkerung auch als „Haus Trotzkis“ bekannt. Es wurde bereits 1908 errichtet, als die heutige Millionenstadt Almaty (damals noch „Werny“) gerade einmal 37.000 Einwohner hatte. Neben Trotzki kamen auch verschiedene andere wichtige Persönlichkeiten in dem Haus unter, wie der sowjetisch-kasachische Komponist Jewgeni Brussilowski, der die erste kasachische Oper komponierte und die Hymne der Kasachischen SSR schrieb, der sowjetische Komponist Sergei Prokofjew und der Botaniker Nikolai Wawilow.

Trotzki selbst wurde im Januar 1928 nach Almaty (damals Alma-Ata) verbannt. Seine Verbannung war der damalige Höhepunkt des erbitterten Fraktionskampfes zwischen der Führung der Sowjetischen Kommunistischen Partei unter Joseph Stalin und der Linken Opposition, angeführt von Leo Trotzki.

In dem Kampf ging es um nicht weniger als das Überleben der marxistischen und sozialistischen Bewegung: Aufgrund der internationalen Isolation der Oktoberrevolution 1917 hatte sich innerhalb des Arbeiterstaates eine privilegierte Bürokratie entwickelt, die der sozialistischen Revolution zunehmend feindlich gegenüberstand. Offen zum Ausdruck gebracht wurde diese soziale und politische Haltung durch die Theorie vom „Sozialismus in einem Land“, die Joseph Stalin und Nikolai Bucharin Ende 1924 formulierten und mit der sie das Programm der sozialistischen Weltrevolution ablehnten.

Trotzki und andere führende Bolschewiki bildeten die Linke Opposition, um gegen diesen Verrat des Programms der Oktoberrevolution zu kämpfen. Doch verheerende Niederlagen der internationalen Arbeiterklasse beförderten die weitere Konsolidierung der Bürokratie. Von besonderer Bedeutung waren in den 1920er Jahren nach der verhinderten Revolution in Deutschland von 1923 der britische Generalstreik 1926 und die zweite chinesische Revolution 1925-1927, die beide durch die opportunistische Politik der stalinistischen Bürokratie verraten wurden und Niederlagen erlitten.

Die stalinistische Bürokratie reagierte auf die Folgen ihrer Politik und die Kritik der Linken Opposition, die vor diesen Niederlagen gewarnt hatte, jedoch nicht mit einem Kurswechsel, sondern indem sie Ende 1927 die Linke Opposition aus der Partei ausschloss. Anfang 1928 wurden Trotzki sowie zahlreiche andere Oppositionelle innerhalb der Sowjetunion verbannt und verhaftet.

Trotzkis Verbannung nach Kasachstan sollte ihn politisch isolieren. Alma-Ata war zu dem Zeitpunkt ein kleines abgelegenes Dorf, fast 4.000 Kilometer entfernt von Moskau. Im Winter wurden regelmäßig Temperaturen von bis zu -20 °C erreicht. Malaria und andere Krankheiten waren weit verbreitet und setzten auch Trotzki selbst und seiner Frau, Natalja Sedowa, schwer zu. Gleichzeitig waren die medizinische Versorgung und die Versorgung mit Lebensmitteln sehr mangelhaft. Auch die Strom- und Wasserversorgung wurden begrenzt.

Doch selbst unter diesen Bedingungen setzte Trotzki den Kampf fort. Im Exil führte er eine umfangreiche Korrespondenz mit Oppositionellen in der ganzen Sowjetunion und verfasste mehrere zentrale Schriften. Von besonderer Bedeutung waren dabei seine Kritik am Programm der Komintern 1928 oder seine Polemik gegen Karl Radek zur Frage der Permanenten Revolution, die die politischen und theoretischen Grundlagen für die Internationale Linke Opposition klärten.

Das Hotel „Zhetysu“ in Almaty wird in Trotzkis Autobiographie „Mein Leben“ namentlich erwähnt. Trotzki verbrachte dort drei Wochen, bevor er eine andere Wohnung in Almaty zugewiesen bekam. 1929 wurde er schließlich auch aus der Sowjetunion verbannt und seines Passes beraubt. Bis zu seiner Ermordung durch einen stalinistischen Agenten im August 1940 war Trotzki staatenlos und wurde unerbittlich verfolgt. Seine Genossen in der Sowjetunion wurden praktisch ausnahmslos im Großen Terror ermordet.

Das Hotel war bis 1933 das einzige Hotel in der ganzen Stadt. Im späteren Verlauf hat sich sein Gebrauch mehrfach geändert, zeitweise als Wohnraum und Wohnheim, später als Standort des sanitären und epidemologischen Dienstes und zuletzt als Polizeistation.

Trotz seines Alters und seiner Bedeutung wurde das Gebäude nie in die Liste der historischen und kulturellen Denkmäler aufgenommen und hat auch nie den Status eines historischen und kulturellen Erbes oder einen anderen Schutzstatus bekommen. Dies ist kein Zufall, sondern den gewaltsamen Versuchen der stalinistischen Bürokratie geschuldet, das Andenken an die Geschichte der Revolution und vor allem an die trotzkistische Opposition gegen den Stalinismus auszumerzen.

Die heute herrschende Klasse Kasachstans ist aus dieser Bürokratie hervorgegangen, die die Sowjetunion 1991 zerschlagen hat. Während die kapitalistische Restauration Millionen von Arbeitern in allen Sowjetrepubliken in Armut stürzte, rissen sich die stalinistischen Bürokraten die privatisierten Konzerne und Ressourcen unter den Nagel und entwickelten sich zu reichen Oligarchen, die das politische und wirtschaftliche Leben Kasachstans kontrollieren.

Der Abriss des Hotels, das eigentlich ein Museum sein müsste, und sein geplanter Ersatz durch ein Luxushotel stehen symbolisch für den Hass der kasachischen herrschenden Klasse auf die historische Wahrheit und für ihr Bestreben, alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens den Interessen der Super-Reichen unterzuordnen.

Wenn auch von besonderer Bedeutung, ist der Abriss des Haus Zhetysu kein Einzelfall. Das Haus in dem Trotzki einen Großteil seines Aufenthalts in Almaty verbrachte, wurde bereits Anfang der 2000er Jahre abgerissen.

Auch zahlreiche andere Gebäude von großem historischem, kulturellem oder architektonischem Wert wurden in den vergangenen Jahren abgerissen. 2006 wurde der Almatyer Palast der Schüler und Pioniere, ein außerschulisches Bildungs- und Kulturzentrum für Kinder und Jugendliche, trotz größerer Proteste abgerissen und durch ein Luxus-Hotel ersetzt. 2008 wurde der historische Busbahnhof Sayahat und im September letzten Jahres die älteste Entbindungsklinik der Stadt zerstört. Im Sommer 2024 entbrannte in der Stadt ein Skandal, als das historische Gebäude der Schule N°2 abgerissen werden sollte.

Diese kulturelle Barbarei ist Bestandteil systematischer Versuche der kasachischen Oligarchie, das historische Bewusstsein der Arbeiterklasse zu untergraben. Das zentralasiatische Land ist nicht nur reich an Rohstoffen, sondern hat auch eine riesige Arbeiterklasse, die vor allem in der Öl- und Gasindustrie, im Bergbau und der Metallurgie, in der Energieerzeugung und Schwerindustrie tätig ist. Von den 7,1 Millionen Angestellten in Kasachstan sind zwei Millionen Industriearbeiter. Insbesondere Almaty ist immer wieder Zentrum von Streiks und Protesten.

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