Eine wichtige Studie über Faschismus und den Zweiten Weltkrieg

Jochen Hellbecks Buch „Ein Krieg wie kein anderer. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion“

Der deutsch-amerikanische Historiker Jochen Hellbeck hat ein wichtiges Buch geschrieben. In klarer und fesselnder Sprache und mit großem Einfühlungsvermögen für die Sowjetbevölkerung widersetzt er sich bewusst den Versuchen, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu verharmlosen und den entscheidenden Beitrag der Roten Armee und der Sowjetbevölkerung beim Sieg über Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg herunterzuspielen. Im Mittelpunkt von Hellbecks Analyse steht der Zusammenhang zwischen dem Antisemitismus und dem Antikommunismus der Nationalsozialisten.

Soldaten der Roten Armee in der Schlacht von Stalingrad [Photo by Bundesarchiv, Bild 183-E0406-0022-001 / CC BY-SA 3.0]

Hellbeck ist ein angesehener Professor an der Rutgers University im US-Bundesstaat New Jersey und ein renommierter Experte für sowjetische Geschichte. Er hat sich vor allem durch seine Arbeit in russischen Archiven einen Namen gemacht, wo er die Tagebucheinträge gewöhnlicher Arbeiter und Soldaten untersucht hat. Eine seiner Studien, die in mehrere Sprachen übersetzt wurde, beschäftigt sich mit der Schlacht von Stalingrad. Er war auch an der Entdeckung und Erstveröffentlichung der Originalfassung von Wassili Grossmans bahnbrechendem Roman Stalingrad beteiligt.

Hellbecks neues Buch erschien zuerst 2025 in deutscher Sprache unter dem Titel Ein Krieg wie kein anderer. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Eine Revision. Die englische Ausgabe hat einen anderen, aussagekräftigeren Titel: World Enemy Number 1, Nazi Germany, Soviet Russia, and the Fate of the Jews (Weltfeind Nr. 1, Nazideutschland, Sowjetrussland und das Schicksal der Juden). Hellbecks zentrale These lautet, dass der Bolschewismus der Hauptfeind der Nazis war und dass der Antikommunismus die treibende Kraft hinter ihrem Kreuzzug gegen die Sowjetunion und die jüdische Bevölkerung Europas war.

Das Cover von Hellbecks Buch

Hitler entwickelte seinen fanatischen Hass auf die Juden und den Kommunismus in Reaktion auf die Oktoberrevolution und die deutsche Revolution von 1918. Hellbeck schreibt:

Hitler war schon früh ein erbitterter Antisemit, aber erst unter dem Einfluss des nach dem Ersten Weltkrieg kursierenden antibolschewistischen Gedankenguts entwickelte sich sein Judenhass zu einer Ideologie. In seinen Augen stellte der Bolschewismus nichts anderes als den heimtückischen Versuch der Juden dar, mit Hilfe der von ihnen geschaffenen marxistischen Ideologie und des von ihnen gelenkten Kremls Deutschland und ganz Europa zu erobern. (S. 13; alle Zitate beziehen sich auf: Jochen Hellbeck, Ein Krieg wie kein anderer. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, S. Fischer: Frankfurt a. M. 2025).

Seine Analyse deckt sich hier mit der Einschätzung des frühen Hitler-Biografen Konrad Heiden: „Nicht der Kapitalist Rothschild, sondern der Sozialist Karl Marx schürte Adolf Hitlers Antisemitismus.“

Gegen Geschichtsfälschung und Kriegspropaganda

Hellbecks Buch ist heute besonders relevant. Es erscheint im vierten Jahr des Kriegs in der Ukraine, der von der NATO und insbesondere der deutschen Regierung für eine beispiellose militärische Aufrüstung und Kriegspropaganda genutzt wird. Wie im Ersten und Zweiten Weltkrieg beschwören die westlichen Mächte eine vermeintliche Bedrohung aus dem Osten herauf, um die gesamte Gesellschaft auf einen Krieg gegen Russland vorzubereiten. So postete der Europa-Abgeordnete Dennis Radtke (CDU) auf X: „Der Russe steht ante portas. Die richtige Entscheidung wäre Wehrpflicht für alle.“

Hellbeck selbst stellt sein Buch in diesen politischen Kontext und erklärt, dass die historische Wahrheit zum Opfer des Kriegs geworden ist.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 begann die Europäische Union, die meisten osteuropäischen Staaten und einige ehemalige Sowjetrepubliken aufzunehmen. Die EU, mit Deutschland an der Spitze, übernahm bewusst den Antikommunismus der herrschenden Eliten der neuen EU-Mitglieder, um ihre eigenen Machtinteressen durchzusetzen. Für Deutschland war es besonders bequem, sich hinter der „nationalen Erinnerung“ der kleinen Staaten Osteuropas zu verstecken, die sich selbst als Opfer der Sowjetunion darstellten. Gleichzeitig konnte die Bourgeoisie der Ukraine, Polens, der baltischen Staaten und Finnlands ihre eigene Rolle bei der Ermordung der Juden an der Seite der Nazis herunterspielen oder völlig leugnen.

Hellbeck merkt kritisch an, dass die EU 2019 anlässlich des 80. Jahrestags des Zweiten Weltkriegs eine Resolution verabschiedet hat, die einen zweiten Nürnberger Prozess fordert – „diesmal zur Untersuchung der historischen Verbrechen der Sowjetunion“! (S. 515) Bereits in den Vorjahren hatte die EU einen „Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus“ eingeführt, der am 23. August, dem Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts, begangen wird. Das politische Ziel dieses Gedenktags besteht darin, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs umzuschreiben, indem der Holocaust relativiert und die Kriegsverbrechen der Sowjetunion angelastet werden.

Insbesondere die deutsche Regierung griff diese Linie gerne auf, da sie eine Verharmlosung der NS-Verbrechen ermöglicht. Ein aktuelles Beispiel für diesen Prozess ist die Tatsache, dass der Bundestag im Jahr 2025 die Botschafter von Russland und Belarus von der zentralen Gedenkfeier zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai in Deutschland ausgeschlossen hatte.

In seinem Schlusswort betont Hellbeck:

Die historische Wahrheit ist nicht verhandelbar. Historiker dürfen sich nicht dem politischen Druck der Gegenwart beugen. Nur dann kann die Geschichtsschreibung zu einer Grundlage für sinnvolle Diskussionen und Dialoge in der Welt von morgen werden. (Dieses Zitat findet sich nur in der englischen Ausgabe, S. 425)

Diese prinzipielle Haltung unterscheidet Hellbeck von der Mehrheit der Akademiker, die die Geschichtswissenschaft dominieren. Professoren wie Timothy Snyder von der Yale University, der Autor von Bloodlands, nutzen ihren akademischen Ruf, um die Kriegspropaganda durch Geschichtsfälschung zu unterstützen. In Deutschland schreiben Historiker wie Jörg Baberowski von der Berliner Humboldt-Universität die Geschichte des Faschismus und des Zweiten Weltkriegs um. Entweder machen sie die Sowjetunion ebenso für den Krieg verantwortlich wie Deutschland oder sie knüpfen an die Thesen des diskreditierten Historikers Ernst Nolte aus den 1980er Jahren an, indem sie die Verbrechen des Faschismus als verständliche und gerechtfertigte Reaktion auf den Kommunismus darstellen.

Wie Hellbeck in einem Interview sagte, „stellt er Nolte auf den Kopf“. Anstatt die Verbindung zwischen Faschismus und Kommunismus zu leugnen – die historisch natürlich existierte –, zeigt er, wie das Nazi-Regime seine schlimmsten Verbrechen plante und verübte, um die kommunistische Bewegung und das Erbe der Oktoberrevolution auszulöschen.

Der Feldzug der Nazis gegen den Kommunismus

Der englische Titel von Hellbecks Buch basiert auf einer Nazi-Ausstellung aus dem Jahr 1936 mit dem Titel „Weltfeind Nr. 1 – Der Bolschewismus“. Die Ausstellung versuchte, die Bolschewiki als sadistische Untermenschen darzustellen, und wurde nach dem Parteitag in nicht weniger als 64 deutschen Städten gezeigt.

Laut Hellbeck war die treibende Kraft hinter dem Einmarsch der Nazis in die Sowjetunion nicht der Antisemitismus als solcher, sondern der Antikommunismus und der wirtschaftliche Drang, sich „Lebensraum“ im Osten zu verschaffen, wie in Hitlers Mein Kampf beschrieben. Er unterstreicht diesen Punkt, indem er die Richtlinien zitiert, die den deutschen Truppen am 21. Juni 1941, am Vorabend des Überfalls auf die Sowjetunion, von ihren Kompaniechefs vorgelesen wurden:

Der Bolschewismus ist der Todfeind des nationalsozialistischen deutschen Volkes. Dieser zersetzenden Weltanschauung und ihren Trägern gilt Deutschlands Kampf. Dieser Kampf verlangt rücksichtsloses und energisches Durchgreifen gegen bolschewistische Hetzer, Freischärler, Saboteure, Juden und restlose Beseitigung jedes aktiven oder passiven Widerstandes. (zitiert nach: S. 154)

In Kapitel um Kapitel beschreibt Hellbeck die monströse Brutalität, mit der die Wehrmacht „jüdische Bolschewiken“ in der Sowjetunion jagte und ermordete.

Wehrmachtssoldaten auf dem Vormarsch während des Unternehmens Barbarossa

Hellbeck zitiert beispielsweise aus einem Brief von Walter Mattner, einem 36-jährigen Polizeibeamten, vom 5. Oktober 1941:

Bei den ersten Wagen hat mir etwas die Hand gezittert, als ich geschossen habe, aber man gewöhnt (sich an) das. Beim zehnten Wagen zielte ich schon ruhig und schoss sicher auf die vielen Frauen, Kinder und Säuglinge. […] Säuglinge flogen in großem Bogen durch die Luft, und wir knallten sie schon im Fliegen ab, bevor sie in die Grube und ins Wasser flogen. Nur weg mit dieser Brut, die ganz Europa in den Krieg gestürzt hat und jetzt auch noch in Amerika schürt, bis es auch dieses in den Krieg hineingezerrt hat. (S. 174f)

Hellbeck beschreibt auch, wie sich ein Mitarbeiter der Propagandaabteilung, der das „Unternehmen Cottbus“ begleitet hatte, dem Codenamen für die Unterdrückung von Partisanen und Zivilisten im sowjetischen Weißrussland, bei seinem Vorgesetzten beschwerte. Was ihn wütend machte, war nicht der Massenmord an Zivilisten, die als mutmaßliche Partisanen identifiziert worden waren, sondern vielmehr die Spur der Verwüstung, die Soldaten hinterlassen hatten, die die Höfe und Grundstücke ihrer Opfer geplündert hatten. Er klagte: „Das sinnlose Töten von Vieh ist höchst verwerflich und muss strengstens getadelt werden.“ (S. 351)

Das Vorrücken der Wehrmacht an der Ostfront im Jahr 1941 [Photo by Gdr / CC BY-SA 3.0]

Diese feigen Gewalttaten wurden von den höchsten Stellen der NSDAP nicht nur geduldet, sondern sogar angeordnet. Tatsächlich planten die Nazis bewusst, „die slawische Bevölkerung um dreißig Millionen Menschen zu verringern“.

Die militärische Verteidigung der Sowjetunion gegen Nazi-Deutschland

Auf der Grundlage einer Vielzahl von Originaldokumenten – vor allem, aber nicht nur aus russischen Quellenbeständen – beleuchtet Hellbeck den in der Forschung meist vernachlässigten Standpunkt der sowjetischen Soldaten und Zivilisten, die gegen die Nazis gekämpft haben. Hellbecks Schlussfolgerungen, die auf seinen intensiven Recherchen in russischen und deutschen Archiven basieren, widerlegen die Argumente all jener, die Kommunismus und Faschismus gleichsetzen wollen.

Am stärksten sind die Passagen in Hellbecks Buch, die zeigen, wie der aufopfernde Widerstand der sowjetischen Bevölkerung und der mutige Kampf der Roten Armee von den Idealen und Zielen der Oktoberrevolution genährt wurden. Trotz des Großen Terrors und der Zwangskollektivierung vor dem Krieg machte die sowjetische Bevölkerung in Windeseile mobil, um die Errungenschaften der Revolution zu verteidigen. Der Sieg über die Wehrmacht war nur möglich aufgrund dieser tief verwurzelten Überzeugungen in der Sowjetunion und eines faktischen Wiederauflebens des revolutionären Kampfs von 1917 bis 1921.

Stalin hatte sich geweigert, die vielen Warnungen vor einem bevorstehenden Überfall der Nazis ernstzunehmen, sodass die Sowjetunion am 22. Juni 1941 unvorbereitet war. Trotzdem meldeten sich innerhalb weniger Tage Hunderttausende, ja sogar Millionen von Arbeitern freiwillig zur Armee. In Leningrad, das Zentrum der Oktoberrevolution, hatten sich bis zum Nachmittag des 23. Juni 100.000 Männer als Freiwillige gemeldet. Bis zum Ende der Woche hatte sich diese Zahl verdoppelt, und eine Million Einwohner – mehr als ein Drittel der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter – bauten im Juli die Befestigungsanlagen der Stadt. (S. 271–73)

Hellbeck legt ein besonderes Augenmerk auf den Kampf der Partisanenbewegung. In Minsk, der Hauptstadt von Belarus, organisierten kommunistische Partisanen beispielsweise gemeinsam mit dem Untergrund des Ghettos die größte und erfolgreichste Rettungsaktion von Juden aus einem Ghetto im gesamten besetzten Europa.

Maria Bruskina und zwei ihrer Genossen werden am 26. Oktober 1941 vor ihrer öffentlichen Hinrichtung von deutschen Soldaten durch Minsk geführt. Bruskina trägt ein Schild mit der Aufschrift auf Deutsch und Russisch: „Wir sind Partisanen und haben auf deutsche Soldaten geschossen“ [Photo by Bundesarchiv Bild 146-1972-026-43 / CC BY-SA 3.0]

In einer besonders eindringlichen Passage geht er auf die Bedeutung und die Auswirkungen der Ermordung der jungen Partisanin Maria Bruskina durch die Nazis ein. Die überzeugte Kommunistin gehörte zur ersten Generation, die nach 1917 geboren wurde. Sie wurde am 26. Oktober 1941 zusammen mit ihren Genossen hingerichtet. Hellbeck merkt an:

Mit ihrem außergewöhnlichen Mut steht Maria Bruskina für viele junge Sowjetbürger, die sich entschlossen hatten, Widerstand gegen die deutschen Besatzer zu leisten, und vor den damit verbundenen Opfern nicht zurückscheuten. Erzogen in einem sowjetisch-humanistischen Geist, verstanden sie ihr Handeln als die Verteidigung der Menschlichkeit gegen die unmenschlichen Handlungen der Invasoren. Die Deutschen hängten Frauen, die als Partisaninnen hingerichtet wurden, Plakate um den Hals. Sie filmten und fotografierten sie, um sie als gefühllose, aller Weiblichkeit beraubte „Bolschewistinnen“ darzustellen. Doch an Maria Bruskina scheiterte die Inszenierung. Auf den Fotos sieht man sie erhobenen Hauptes in den Straßen von Minsk. Anstatt die junge Frau zu erniedrigen, dokumentieren die Aufnahmen ungewollt ihre menschliche Würde und Selbstbeherrschung im Angesicht des Todes. Die Nachricht von Maria Bruskinas Tod wurde für viele zum Weckruf. (S. 258f.)

Inspiriert durch den Sieg der Roten Armee in Stalingrad Anfang 1943 begannen sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in deutschen Konzentrationslagern, sich zu vernetzen und Streiks und andere Sabotageakte zu organisieren. Der Sieg in Stalingrad ermutigte auch Arbeiter in Großbritannien und anderen Ländern. Obwohl diese Tatsache heute weitgehend ignoriert wird, waren im Winter 1942–1943 die Augen aller klassenbewussten Arbeiter in Großbritannien und den USA auf Stalingrad gerichtet. Die Begeisterung und Aufmerksamkeit für den sowjetischen Kampf war so groß, dass Winston Churchill befürchtete, die Briten könnten „die Gefahren des Kommunismus vergessen“. (zitiert nach: S. 309)

Das Zentrum von Stalingrad nach der Befreiung von der deutschen Besatzung

Antikommunismus und das Umschreiben der Geschichte

Die gegenwärtigen Versuche, den Beitrag der Sowjetunion zum Sieg über den Nationalsozialismus herunterzuspielen, führt Hellbeck auf eine jahrzehntelange Geschichte des Antikommunismus zurück. Viele Jahre lang kümmerten sich Großbritannien, Frankreich und die USA wenig um Hitlers Kriegsdrohungen, solange sich diese gegen die Sowjetunion richteten. Noch im Herbst 1941 neigten sie eher dazu, der Propaganda von Goebbels zu glauben als den sowjetischen Berichten über die Gräueltaten der Nazis in der Sowjetunion. Auch wenn es Hellbeck nicht offen ausspricht, so ist es klar, dass sie die brutale Feindseligkeit der Nazis gegenüber der Oktoberrevolution und der sozialistischen Arbeiterbewegung im Grunde teilten.

Hellbeck dokumentiert die frühen Spannungen zwischen den Alliierten – den USA, Frankreich und Großbritannien auf der einen Seite und der Sowjetunion auf der anderen –, als sich der Krieg dem Ende zuneigte. Bezeichnenderweise griff Churchill mit seiner Metapher vom „Eisernen Vorhang“ in einer Rede, die er zeitgleich zu den Nürnberger Prozessen hielt, einen Gedanken von Joseph Goebbels aus dem Frühjahr 1945 auf. Noch kurz vor Kriegsende hatte der Propagandaminister versucht, die westlichen Alliierten zur Unterstützung Nazi-Deutschlands gegen die Sowjetunion zu mobilisieren. Mit Beginn des Kalten Krieges wurde die entscheidende Rolle der Sowjetunion im Krieg zunehmend geleugnet. Selbst die zentrale Bedeutung der UdSSR in den Nürnberger Prozessen, für die die sowjetische Seite die mit Abstand größte Menge an Beweismaterial zusammengetragen hatte, wurde heruntergespielt. Die sowjetische Anklagebehörde war die einzige, die jüdische Zeugen ausdrücklich als jüdische Überlebende der NS-Vernichtungspolitik in den Zeugenstand rief. Sie bestand auch als einzige darauf, dass der gesamte deutsche Staatsapparat und die Wehrmacht als kriminelle Organisationen angeklagt werden sollen.

Ab den 1960er und 1970er Jahren wurde dem vorsätzlichen Völkermord an den Juden – wenn auch sehr verspätet – mehr Aufmerksamkeit geschenkt, doch selbst dann beeinträchtigte der vorherrschende Antikommunismus dieses Forschungsgebiet. Hellbeck kritisiert zu Recht, dass die Holocaustforschung in ihren Anfängen größtenteils ignorierte – oder sogar bestritt –, wie zentral der Antikommunismus für den Antisemitismus der Nazis und ihre gesamte Weltanschauung war. Es wurde systematisch kleingeredet, dass Sowjetrussland und die Kommunisten Hauptziele der Nationalsozialisten waren. Als Beispiel führt Hellbeck den bekannten Text des deutschen Theologen Martin Niemöller an:

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Jude.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte. (S. 23)

Wie Hellbeck erläutert, stammt dieses Zitat aus den Reden Niemöllers in der Nachkriegszeit, in denen er seine Landsleute eindringlich aufforderte, ihre kollektive Schuld für die Verbrechen des Nationalsozialismus anzuerkennen. Es gibt verschiedene Versionen dieser Rede, aber in jeder einzelnen nannte er die Kommunisten an erster Stelle. Heute wird diese Tatsache jedoch oft ignoriert, insbesondere in den USA.

Mehrere US-Politiker sowie eine Enzyklopädie des Holocausts berufen sich auf das Bekenntnis des Theologen, haben jedoch die Juden vom letzten auf den ersten Platz gerückt: „First they came for the Jews“. (S. 23)

Die aktuelle Website des United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) bestätigt Hellbecks Kritik. Im Vorspann steht: „Für die Nazis waren Juden ihr Hauptfeind.“ In der Auflistung der verfolgten Gruppen steht an siebter Stelle: „Politische Gegner und Andersdenkende“. Erst wenn man zu diesem Abschnitt scrollt, findet man einen Hinweis auf Kommunisten und Sozialdemokraten.

Stalinismus, Kommunismus und der Zweite Weltkrieg

An dieser Stelle ist eine Einschränkung zu Hellbecks Arbeit notwendig. Während seine Betonung des Antikommunismus und der Ideologie der Nazis wichtig ist, erwähnt er nur am Rande, was die wirtschaftlichen Motive der Nazis in ihrem Eroberungsfeldzug gegen die Sowjetunion waren. Ebenso kommt der Begriff „Kapitalismus“ im Grunde nicht vor, obwohl Hellbeck die zentrale Bedeutung des Antikommunismus hervorhebt. Auch wenn er seine Konzeption des Faschismus nicht ausdrücklich darlegt, lehnt er eindeutig die marxistische, materialistische Analyse ab, wonach der Faschismus aus der Krise des Kapitalismus erwächst.

Die grundlegendste Schwachstelle seines Werks ist jedoch die falsche Gleichsetzung des stalinistischen Regimes mit den Zielen der Oktoberrevolution und des Kommunismus. Hellbeck befasst sich zwar mit Stalins Rolle als Initiator der Moskauer Prozesse im Großen Terror und der Säuberungen der Roten Armee mit ihren katastrophalen Folgen für den Kampf gegen den Hitlerfaschismus. Doch er tendiert dazu, herunterzuspielen, was die Rolle Stalins dabei war, den Weg in die Katastrophe des Faschismus zu ebnen. Er erwähnt Leo Trotzki, den sozialistischen Hauptgegner Stalins, nur zweimal beiläufig und stellt die Differenzen zwischen Stalin und Trotzki ziemlich leichtfertig als einen Konflikt zwischen zwei Persönlichkeiten dar. Seine einzigen Verweise in diesen Passagen beziehen sich auf Werke von Stephen Kotkin, dessen Stalin-Biografie gut dokumentierte, eklatante Fehler enthält.

Hellbeck zeigt ein aufrichtiges Mitgefühl für den heldenhaften Kampf und das Leiden des sowjetischen Volks, greift aber manchmal zu Formulierungen, die dazu dienen, die Verbrechen des Stalinismus zu verharmlosen und dessen Argumentationslinie zu übernehmen. Hellbecks falsche Gleichsetzung des Stalinismus mit Kommunismus und Internationalismus schwächt seine Darstellung an wichtigen Stellen erheblich, vor allem da, wo er die sowjetische Kriegspropaganda und die Rolle des sowjetischen Journalisten Ilja Ehrenburg thematisiert.

Ehrenburg war neben Wassili Grossman der wichtigste Kriegskorrespondent der Roten Armee. Seine Berichte wurden von Millionen gelesen und auch von Stalin aufmerksam verfolgt. Sie unterstützten die sowjetische Kriegsführung und trugen zur ersten Dokumentation der Kriegsverbrechen der Nazis, einschließlich des Holocaust, bei. Ehrenburgs Rolle ist oft vernachlässigt worden – nicht zuletzt, weil er vor allem mit einer sehr einflussreichen Broschüre in Verbindung gebracht wird, in der er die Rotarmisten ausdrücklich dazu aufrief, Rache an „den Deutschen“ zu nehmen und jeden Deutschen zu töten, den sie sahen.

Ilja Ehrenburg mit Soldaten der Roten Armee, 1942

Hellbecks Darstellung Ehrenburgs ist nuanciert und äußerst aufschlussreich. Seine Erklärung sowohl für Ehrenburgs Racheaufrufe als auch für die allgemeine Rachepolitik des Kremls wird jedoch durch seinen generellen Ansatz getrübt. Gegen Versuche von Autoren wie Timothy Snyder, die Angriffe auf deutsche Zivilisten, darunter Vergewaltigungen von Frauen, für rechte Propaganda zu instrumentalisieren, argumentiert Hellbeck, dass die Erfahrungen mit den Schrecken des deutschen Faschismus eine bedeutende Rolle dabei spielten, die Soldaten der Roten Armee auf ihrem Vormarsch nach Berlin zu Rache anzuspornen.

Das war zweifellos der Fall, und Hellbecks implizite Kritik an einer politischen Instrumentalisierung dieser Angriffe für rechte Propaganda ist zu begrüßen. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die bewusste Förderung einer Politik der „Rache“ durch die sowjetische Regierung vom Standpunkt des Marxismus und der Klassenpolitik gegen die grundlegendsten Prinzipien des Internationalismus der Arbeiterklasse verstieß. Hellbeck ignoriert diesen Punkt und beharrt an vielen Stellen darauf, dass die sowjetische Regierung während des gesamten Krieges eine „internationalistische“ Linie verfolgt habe. Dabei lässt er weitgehend außer Acht, dass der Krieg auch mit der Verherrlichung von Generälen aus der Zarenzeit und der Rehabilitierung der orthodoxen Kirche einherging.

Darüber hinaus beschreibt er die Politik der „Rache“ weitgehend als Reaktion auf die Stimmung in der Bevölkerung, ignoriert dabei aber, dass die politischen Beweggründe des Kremls einen anderen Charakter hatten. Für die Bürokratie war die Behauptung von der „Kollektivschuld“ der „Deutschen“ und der Notwendigkeit der „Rache“ auch ein Mittel, um von ihrer eigenen Rolle in der Katastrophe von 1933 abzulenken und diese zu vertuschen: Wie Trotzki scharf analysiert hatte, erwies sich die stalinistische Linie als fatal für die Arbeiterklasse Deutschlands und ganz Europas. Die KPD unter stalinistischer Führung hatte alle Kräfte auf den Kampf gegen den „Sozialfaschismus“, also die SPD, gerichtet, anstatt eine Einheitsfront mit den sozialdemokratischen Arbeitern gegen Hitler zu bilden. Außerdem sorgte die stalinistische Bürokratie dafür, die Arbeiter sowohl auf sowjetischer als auch auf deutscher Seite zu spalten und zu demobilisieren – besonders in den Jahren 1944–1945, als der Vormarsch der Roten Armee mit wachsenden sozialen Kämpfen in ganz Europa einherging.

Als die Rote Armee in Deutschland einmarschierte, orientierte sich der Kreml immer noch auf ein Bündnis mit den imperialistischen Mächten. Er befürchtete, dass der im Wesentlichen revolutionäre Kampf der Roten Armee zur Verteidigung der Errungenschaften der Oktoberrevolution seine Herrschaft im eigenen Land gefährden und eine revolutionäre Mobilisierung der Arbeiter in Europa fördern würde. Genau das geschah dann auch, unter anderem in Deutschland. Die stalinistische Bürokratie reagierte darauf, indem sie die Initiative der Arbeiterklasse so weit wie möglich erstickte und einschränkte.

Fazit

Trotz dieser Vorbehalte stellt Hellbecks Buch eine wichtige intellektuelle Errungenschaft dar und verdient eine breite Leserschaft. US-Präsident Donald Trump, der sich offen in die Tradition der faschistischen Ideologie stellt und häufig gegen Kommunismus und Marxismus wettert, mobilisiert faschistische Schläger gegen eingewanderte und einheimische Arbeiter in Minnesota und anderen Bundesstaaten. Die Demokratische Partei reagiert darauf, indem sie sich fügt und alles tut, um die Wut der Bevölkerung einzudämmen. Unter diesen Umständen ist es für die Arbeiterklasse von unschätzbarem Wert, dass Hellbeck nicht nur den faschistischen Antikommunismus detailliert darstellt, sondern auch den Antikommunismus der Liberalen, der dazu dient, wichtige Aspekte der Verbrechen des Nationalsozialismus zu verschleiern, zu verharmlosen und zu verzerren.

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