Es ist kein Zufall, dass die diesjährige Retrospektive der Berlinale den Titel „Lost in the 90s“ (Verloren in den 90ern) gewählt hat. Eine Gegenwart, die von völkermörderischen Kriegen und immer heftigerem sozialen Niedergang geprägt ist, ruft die Zeit unmittelbar nach dem Ende der sogenannten Kalten Kriegs in Erinnerung.
Die Wende und die Auflösung der Sowjetunion waren mit einem ohrenbetäubenden Triumphgeschrei über den angeblichen Sieg des Kapitalismus verbunden. Sozialismus und Klassenkampf wurden für tot erklärt, dem Kapitalismus dagegen eine friedliche, demokratische und soziale Entwicklung vorausgesagt. Dass ein faschistischer Politiker wie Donald Trump an die Spitze der Weltpolitik und ausgerechnet des Landes geraten könnte, das sich als Verkörperung von Freiheit und Demokratie darstellte, hätten sich damals nur wenige vorstellen können.
Der Rückblick auf die damaligen Filme lässt die 90er Jahre in anderem Licht erscheinen. Die Berlinale und ergänzend das Berliner Zeughaus hatten bereits 2009 eine Reihe von Wende-Filmen unter den Titeln „Winter ade“ und „Scheiden tut weh“ gezeigt. Während die damaligen Filme die Illusionen in einen demokratischen Kapitalismus widerspiegelten, ist die diesjährige Auswahl geprägt von Darstellungen, die eher die negativen Auswirkungen der Wendejahre zeigen – soziale Unsicherheit, Existenzangst oder auch Skepsis und Pessimismus in die Zukunft. Der Titel „Lost in the 90s“ lässt sich auch im Sinne von Verlust der Orientierung und Perspektive interpretieren.
Dass dies nicht nur die unmittelbar beteiligten Länder der Wende betraf, versuchte das diesjährige Programm durch einige internationale Filme jener Zeit zu unterstreichen. Beispielsweise greifen die amerikanischen Streifen „Party Girl“ (1995, Daisy von Scherler Mayer) oder „Slacker“ (1990, Richard Linklater) die Stimmung der Generation X auf, thematisieren der Klassiker des New Black Cinema „Boyz N the Hood (1991, John Singleton) und „Bamboozled“ (2000, Spike Lee) zunehmend rassistische Vorurteile und soziale Probleme von Schwarzen in New York.
Allemagne année 90 neuf zéro (Deutschland 90, Stunde Neu(n) Null, 1991) des 2022 verstorbenen Filmemachers Jean-Luc Godard ist von Bildern der Panik geprägt, als stehe jetzt in Deutschland das Vierte Reich unmittelbar bevor. Er legt einem Zimmermädchen eines Ostberliner Hotels zynisch die Nazi-Parole: „Arbeit macht frei“ in den Mund und zeigt Bilder von Auschwitz.
Der Dokumentarfilm Glocken aus der Tiefe – Glaube und Aberglaube in Russland (1993) von Werner Herzog zeigt, wie nach der Auflösung der UdSSR einige Menschen in religiöser Schicksalsergebenheit auf Knien um einen See rutschen, statt sich gegen die soziale Katastrophe zu erheben. Herzog bauscht solche tatsächlichen Entwicklungen maßlos auf und interpretiert sie als die „russische Seele“.
Der Dokumentarfilm Oranzhevye zhilety (Orange Westen) (1993, Regie: Jurij Chascewatskij, Buch: Ella Milova, Irina Pismennaja) schildert die katastrophale soziale Situation in der UdSSR kurz vor ihrer Auflösung, besonders von Arbeiterfrauen. Die Atmosphäre ist zum Zerreißen gespannt, am Rande des Bürgerkriegs. Zuvor hatte es in der UdSSR massive Proteste gegen die Perestroika gegeben, da sie die Situation von Arbeitern nicht verbesserte. Nach großen Bergarbeiterstreiks war Michail Gorbatschow zurückgetreten. Der Filmbrief an die Filmemacherin Helke Sander teilt am Ende die verbreiteten Illusionen in den Marktreformer Boris Jelzin.
Der Dokumentarfilm Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990 (1991, Konstanze Binder, Lilly Grote, Ulrike Herdin, Julia Kunert) zeigt den einst schwerbewachten Transitbahnhof. Angesichts der nicht mehr existierenden Fronten des Kalten Kriegs äußert eine Journalistin beiläufig, eigentlich wäre es schön, jetzt die Armeen aufzulösen – eine pazifistische Hoffnung auf immerwährenden Frieden.
Rückkehr des Nationalismus und jugoslawische Filme
Zwei Filme aus Jugoslawien befassen sich mit der Rückkehr des Nationalismus und dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens. Gorilla Bathes at Noon (1993, Dusan Makavejev) ist eine Satire über einen sowjetischen Major, der durch Berlin irrt, nachdem die Rote Armee abgezogen ist. Nicht er habe seine Armee verlassen, betont der Major an einer Stelle bitter, sondern die Rote Armee ihn. Indirekt sagt er damit, dass nun das Erbe der Oktoberrevolution endgültig von dem Moskauer Regime verraten wurde. Seinen Gedanken veranschaulicht der Film am Ende, wenn der Major auf einem LKW neben dem steinernen Kopf Lenins sitzt, der beim Abriss des Lenindenkmals 1991 abmontiert wurde, und überlegt, wo er ihn hinbringen soll.
Die Dokumentation Tito pro drugi put među Srbima (Tito Among the Serbs for the Second Time, 1994, Želimir Žilnik) zeigt einen Schauspieler, der mit der Maske von Tito durch die Straßen Belgrads läuft und mit Passanten über den Bürgerkrieg seit 1991 spricht.
Wie war das möglich, wir haben doch als Partisanen gemeinsam gegen die Nazis gekämpft und danach friedlich zusammengelebt, lautet immer wieder eine Frage an den verkleideten „Tito“? Ein Passant ruft, „die Deutschen“ seien verantwortlich, und verweist damit auf die Tatsache, dass im Jahr 1991 die deutsche SPD/FDP-Regierung trotz Warnungen vor den Folgen die Abspaltung Kroatiens und Sloweniens von Jugoslawien anerkannte.
„Im Glanze dieses Glückes“
Die deutsche Dokumentation Im Glanze dieses Glückes (1990, Helga Reidemeister, Johann Feindt, Jeanine Meerapfel, Dieter Schumann, Tamara Trampe) bringt die Verwirrung und Unsicherheit angesichts der kommenden Wiedervereinigung zum Ausdruck. Der Film besteht aus Interviews mit DDR-Bürgerinnen und -Bürgern vor der letzten Volkskammerwahl 1990, in denen viel von Moral und dem Ende der „sozialistischen Utopie“ die Rede ist. Ein Interview widmet sich ausgiebig der inneren Verfasstheit eines Ex-Stasi-Psychologen.
Als eine Filmemacherin zwei Arbeiter eines Autobetriebs interviewt und fast vorwurfsvoll fragt, warum sie noch weiterarbeiten und nicht schon eher Widerstand gegen die SED-Diktatur geleistet hätten, bemerkt einer von ihnen bedrückt, er habe sich immer für Sozialismus eingesetzt. Aber die DDR habe keine höhere Arbeitsproduktivität gegenüber der kapitalistischen Umgebung erreicht, von deren Notwendigkeit bereits Marx gesprochen habe.
Er spricht hier eine Frage an, die tatsächlich dem Ende der DDR zugrunde lag: die Tatsache, dass die Globalisierung der Produktion den Versuch einer national beschränkten Planwirtschaft gestützt auf Verstaatlichungen zunichte gemacht hat. Die Rolle des Stalinismus und dessen nationalistischer Politik, die sowohl vom SED-Regime als auch in Moskau und den osteuropäischen Staaten verfolgt wurde und sich gegen den internationalen Sozialismus von Marx richtete, kommt in dem Film nicht auf.
„So schnell es geht nach Istanbul“
Andreas Dresen („In Liebe, eure Hilde“) gehört zur letzten Filmregie-Generation der DDR und wählte schon an der Hochschule Stoffe, die das Alltagsleben der DDR-Bevölkerung betrafen. So im Kurzfilm „Was jeder muss …“ (1988) über den Armeedienst in der DDR. Der Retrospektive-Film So schnell es geht nach Istanbul (1991) ist sein Abschlussfilm, der, unter Verwendung von Motiven einer Erzählung von Jurek Becker, mit pragmatischem Humor auf den Mauerfall reagiert. Was bedeutet die offene Grenze im Alltag?
Der 43-minütige Film greift das Phänomen der Grenzgänger auf, das 1961 die Schließung der Grenze zu Westberlin mit bewirkt hatte. Sie wohnten im billigen Osten und arbeiteten für harte Währung im Westen. Durch den inoffiziellen Wechselkurs verfügten sie über ein Einkommen, dass das eines DDR-Durchschnittsarbeiters weit überstieg und laut SED dem „Sozialismus schweren Schaden“ zufügte. Als die SED 1989 selbst die Mauer öffnen ließ, waren die Grenzgänger wieder da.
Im Frühjahr 1990 will der junge türkische Imbiss-Verkäufer Niyazi aus Westberlin die Gunst der Stunde nutzen: Jetzt reich werden, das ersehnte Haus in der Türkei kaufen und dann zurück in die Heimat, nicht wie Vater dafür siebzehn Jahre schuften. Eine Bekannte vermittelt ihm die introvertierte junge Ostberliner Krankenschwester Klara. Sie ist einsam, auch neugierig und nimmt ihn nach einem Essen im Hotel zögerlich in ihre Wohnung mit. Sie ahnt nichts von seinen Plänen.
Der Sunny-Boy und die wortkarge junge Frau mit negativen Männererfahrungen können zunächst nichts miteinander anfangen. Er schwärmt von den niedrigen Mieten im Osten. Klara hat das bunte Westberlin nur kurz beeindruckt. Ohne Geld käme sie sich wie eine Bettlerin vor. Sie fragt Niyazi nach seiner Familie in der Türkei Wie die meisten DDR-Bürger will Klara vor allem die Welt kennenlernen. Über ihrem Bett hängt ein romantisches Poster mit Meer, Segelboot und Sonnenuntergang.
Trotz ihrer gegensätzlichen Charaktere und der Tatsache, dass Niyazi sich für Klara eigentlich nicht interessiert, ist zwischen beiden Respekt: Leute wie sie müssen auf beiden Seiten der Grenze für ihr mageres Auskommen hart arbeiten. Letztlich verwahrt Klara sein umgetauschtes Geld. Niyazi vertraut ihr.
Regisseur Dresen weist hier in seinem Film mit Sympathie auf die Wiedervereinigung von unten. Das Tor zur Welt ist aufgestoßen – Istanbul beginnt in Berlin. Es geht um Zusammenhalt im Kleinen, denn die großen Entscheidungen treffen schließlich doch andere. Im Sommer (das zeigt der Film nicht mehr) beendet die Einführung der gesamtdeutschen D-Mark die Aktivität der Grenzgänger.
„Der Kontrolleur“
Bereits kurze Zeit nach der Wiedervereinigung grassierte die Arbeitslosigkeit in der Ex-DDR. Der Kontrolleur ist ein düsterer Film (Stefan Trampe, 1995) über den arbeitslosen DDR-Zollbeamten Hermann. Während sein Kollege Rolf Staubsauger verkauft, geht er nach wie vor auf das stillgelegte Gelände, täglich der alten Arbeit nach, dreht seine Runden, notiert besondere Vorkommnisse und notwendige Reparaturen (sie nehmen zu). Nach der „Arbeit“ kehrt er manchmal in einer Kneipe ein, deren rothaarige Bedienung Inge ihn an seine verstorbene Frau erinnert.
Eines Tages kommt sie neugierig mit, er zeigt ihr stolz den alten Kinosaal, wo sie alte Ausbildungsfilme sehen und sich betrinken. Am nächsten Morgen verhaftet und verhört er sie plötzlich. Einen jungen Mann, der mit dem Auto wegen eines Motorschadens hält, verhaftet er ebenfalls mit gezogener Pistole. Offenbar ist er psychisch gestört. Am Ende verbrennt er seine Uniform und mauert sich selbst in seiner alten Arbeitsstelle ein.
Der überzeugendste Darsteller des Films ist die verlassene, zerstörte Umgebung, die einmal seine Arbeitsstelle gewesen war. Es ist eine originale ehemalige Grenzanlage. Die Bilder wecken Assoziationen an Betriebsruinen der großen DDR-Industrieanlagen, die plötzlich stillgelegt wurden und verrotteten. Jahrzehnte hatten Arbeiter hier verbracht, eine nützliche Arbeit verrichtet. Innerhalb kürzester Zeit zerfiel alles, was ihr Leben ausgemacht hatte, zu wertlosen Schrott. So ist der Film auch ein Dokument der damaligen Fassungslosigkeit.
„Sunny Point“
Die Satire von Wolf Vogel entstand 1995 mit wenig Geld durch ost- und westdeutsche Filmenthusiasten. Sie kritisiert die eigennützigen Profitinteressen hinter der „Hilfe“ für die ostdeutschen „Brüder und Schwestern“ und widerspricht der offiziellen Mär von der „Friedlichen Revolution“. Nach seiner Premiere verschwand der Film für Jahrzehnte in einem Archiv.
Die Handlung spielt im Jahr des Mauerfalls 1989. Victors Werbefirma „Sunny Point“ in Westberlin steht vor dem Ruin. Da beschließt der ehemalige DDR-Flüchtling, noch einmal in den Westen zu fliehen, um unter anderem Namen (seinem richtigen), die Gläubiger loszuwerden und einen Neustart zu versuchen. Leider wählte er den Tag des Mauerfalls und erntet Gelächter, als er nach Durchquerung der Spree tropfnass in einer Westberliner Kneipe als „Flüchtling“ auftaucht. Pech hat er auch mit den Finanzbetrügereien, mit denen er die Mitarbeiter ausbooten und sich absetzen will. Am Ende muss er froh sein, nicht ins Gefängnis zu kommen.
Die sarkastischen Schilderungen des Überlebenskampfs der kleinen Werbefirma sind am überzeugendsten. Die Mitarbeiter, die lieber Filmkünstler wären, müssen täglich die erniedrigende Behandlung durch geizig-dreiste Kunden und die Bank ertragen. In der Freiheit der Marktwirtschaft ist Victor nicht freier als in der DDR. Als er einmal frustriert auf das Grundgesetz verweist, bemerkt ein Bekannter, belustigt über Victors Naivität, das Grundgesetz sei eine Illusion, real seien nur Verträge.
Nach dieser kapitalistischen Lehre lacht Victor hämisch über die Illusion der DDR-Bürger, die vielleicht wirklich glaubten, sie hätten die Mauer selbst eingerissen. Überall lauern „Sonderangebote“, deren Wucherpreise gerade den hundert D-Mark Begrüßungsgeld entsprechen. Ostberliner, die zu Hause alles stehen gelassen haben, fahren mit dem Taxi erwartungsvoll in die „Freiheit“. Dort warten auf die Neubürger jedoch nur primitive Notunterkünfte in Turnhallen.
Die Idee zum Film, so Wolf Vogel im Publikumsgespräch, sei kurz nach der Wende entstanden, als er in der DDR seine Arbeit am Theater verlor. Die Erfahrungen der Werbefirma seien wesentlich die eigenen gewesen, die im Film verwendeten Werbespots die realen von damals. Das Besondere an dem Film sei, dass er auf den Osten und Westen gleichermaßen einschlage und die offizielle Euphorie über den Fall der Mauer nicht teile.
Mit dem hyperaktiven Glücksritter Victor aus der „sozialistischen“ DDR, der dem Westen zeigen will, was ein richtiger Kapitalist ist, und der scheitert, hat Vogel einen Zeitcharakter aufgegriffen, über den sich der Film lustig macht, ihn aber leider nicht näher untersucht. So gleitet der Film mit der sehr schnell sprechenden Hauptfigur mitunter in reine Blödelei ab.
Eine Szene, die in Erinnerung bleibt, zeigt Ex DDR-Bürger Victor, wie er auf die „Zonis“ aus dem Osten schimpft. Sie würden wie Heuschrecken über die Westberliner Warenhäuser herfallen und Mangel verursachen. Verächtlich spricht er über die Massen, die sich in der DDR dem Kollektiv untergeordnet und nur gejammert hätten, statt etwas zu ändern.
Hier spürt man die reaktionäre ideologische Atmosphäre der 90er Jahre, in der sozialistische Ideen und die Klassensolidarität unter Arbeitern abgewertet, dagegen Individualismus, Selbstherrlichkeit und Eigensucht in den Mittelpunkt gerückt wurden.
Die Grundlage lieferte die jahrzehntelange Behauptung, Stalinismus sei dasselbe wie Sozialismus. Diese Lüge vertrat auch die DDR-Opposition, die mit schwammigen demokratischen Phrasen die Wiedereinführung der kapitalistischen Marktwirtschaft unterstützte. In den diesjährigen Filmen zur Wende fehlt allerdings ein kritischer Blick auf diese sogenannte Bürgerbewegung, deren Illusionen von vielen Künstlern geteilt wurden.
Einem Victor, der sich erfolglos bemüht, der lachende Dritte in der kapitalistischen deutschen Wiedervereinigung zu sein, würde angesichts der heutigen Entwicklung von Krieg, Faschismus und der Zerstörung des Sozialstaats das hämische Lachen im Hals steckenbleiben.
