Der Dokumentarfilm „Szenario“ von Marie Wilke, der auf der diesjährigen Berlinale im Forum-Programm gezeigt wurde, ist ein Dokument der Normalisierung des deutschen Militarismus – und zwar in einem Sinne, den seine Regisseurin wohl nicht beabsichtigt hat.
Der Film begleitet die Bundeswehr auf dem Truppenübungsplatz Altmark in der Colbitz-Letzlinger Heide in Sachsen-Anhalt – einem 232 Quadratkilometer großen Areal, das zu den größten Truppenübungsplätzen Deutschlands zählt. Im Norden des Geländes liegt Schnöggersburg, Europas größtes Übungszentrum für Häuserkampf: eine Geisterstadt aus Sichtbeton, mit Checkpoints, Hotels, einem Elendsviertel, einer U-Bahn-Station und einem Sakralbau.
Der Film ist dabei, wenn die Bundeswehr Schüler auf Führungen einlädt, Vereidigungen abhält, Straßenfeste für die Lokalbevölkerung veranstaltet und Pressetermine inszeniert. Die Kamera beobachtet, kommentiert nicht, wertet nicht. Wilke selbst beschreibt das im Presseheft der Berlinale so: „Der Film versucht nicht, eine Aussage zu treffen oder eine Erzählung zu konstruieren. Er besteht aus Fragmenten, die Szenen stehen für sich. Mich hat interessiert, was in der Sprache der Menschen über das Verhältnis von Deutschland zum Krieg sichtbar wird.“
Das Ergebnis ist ein Film, der die Bundeswehr so zeigt, wie sie gesehen werden möchte – nicht, weil Wilke das beabsichtigt, sondern weil die Entscheidung, fast ausschließlich die Bundeswehr sprechen zu lassen, genau diese Wirkung erzeugt.
„Szenario“ entstand nach der von Scholz ausgerufenen „Zeitenwende“. Die Bundesregierung und alle im Bundestag vertretenen Parteien sind entschlossen, die deutsche Armee kriegsfähig zu machen. Das größte Hindernis dabei sind nicht Ausrüstung oder Budget – es ist die unwillige Bevölkerung.
Ein Gast bei einer Führung für Politiker bringt es auf den Punkt: „Ich sehe lieber deutsche Panzer, niederländische Panzer als Russen-Panzer. Da müssen wir uns ein Stück mal wieder aus der Wohlfühlzone rausbewegen. Sicherheit gibt es nicht ohne Beeinträchtigungen – und das müssen wir in die Bevölkerung tragen. Wer das alles nicht möchte: Der überwiegende Teil muss damit klarkommen, und die anderen haben dann mal ein Stück Pech.“
Der Film erzeugt teilweise eine beunruhigende Stimmung. Das schiere Ausmaß des „Szenarios“ in Schnöggersburg macht deutlich, dass hier etwas Ernstes vorbereitet wird, das Konsequenzen hat. Dass Deutschland sich auf Krieg vorbereitet, dass Menschen sterben werden und dass die ganze Maschinerie – die Übungen, die PR, die Wehrpflicht – darauf ausgerichtet ist, eine Bevölkerung, die das bisher nicht akzeptiert, dahin zu bringen, es zu tun.
Da der Film aber auf jede Kritik und Kontextualisierung des Gezeigten verzichtet, bietet er der Bundeswehr auch eine Bühne. Sie wird in gewisser Hinsicht nahbarer durch den Film: Sie erscheint als eine Institution wie andere auch – mit ihren Eigenheiten, ihrer Bürokratie, ihrer selbst erklärten notwendigen Funktion als „Versicherung“ des Landes. Das Militär wird von seiner menschlichen Seite gezeigt.
Die Bundeswehr ist keine Kriegsmaschine, die die Interessen des deutschen Kapitalismus und Imperialismus notfalls mit brutaler Gewalt nach außen und auch im Inneren gegen die eigene Bevölkerung durchsetzt. Die Soldaten sind Fachleute, Erklärer, Auszubildende – Menschen, die nur ihren Job machen. Die Führungen durch Schnöggersburg wirken wie Stadtführungen durch ein Freiluftmuseum – sachlich, informativ und zugänglich. Das ist es, was in den Köpfen bleibt.
Der Film wirbt nicht plakativ für die Bundeswehr, sondern lässt sie als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft erscheinen. Wie sehr das der Bundeswehr gelegen kommt, lässt sich an seinem Zustandekommen ablesen. Im Berlinale-Interview beschreibt Wilke, wie sie dem Presseoffizier erklärte, wie sie den Film drehen möchte. Sie habe „klargemacht“, dass sie „das völlig unabhängig mache“ und sich „nicht beeinflussen lasse“. Dass der Presseoffizier sich Wilkes frühere Filme ansah und diese – nach eigenem Bekunden – „interessant“ fand, zeigt, dass er genau verstand, was er bekommen würde.
Im Berlinale-Interview sagt Wilke, sie interessiere sich weniger für einen „investigativen Anspruch“, sondern mehr für „die Selbstrepräsentation, die Präsentation oder auch Simulation, das Spiel, wo für mich die Realität manchmal fast greifbarer wird, als wenn ich hinter die Kulissen blicke“. Sie lässt die Institution bewusst sich selbst zeigen.
In einer Zeit, in der die Bundeswehr das „Mindset der Bevölkerung“ als eine ihrer größten Herausforderungen benennt, ist das keine neutrale Entscheidung. Laut einer Forsa-Umfrage vom August 2025 wären nur 16 Prozent der Deutschen bereit, ihr Land im Kriegsfall mit der Waffe zu verteidigen. Die Wehrpflicht stößt bei den 18- bis 29-Jährigen mehrheitlich auf massive Ablehnung. Normalisierung ist kein kulturelles Begleitphänomen der „Zeitenwende“. Sie ist ihre Voraussetzung.
Jahrzehntelang wurden Vereidigungen aus Angst vor Protesten ins Verborgene verlegt. Heute finden sie wieder öffentlich statt – auf dem Marktplatz, mit Familien und Kinderfotos. In einer Szene im Film stellt eine Frau ihr kleines Kind vor einen der Soldaten und macht ein Foto. Die Bundeswehr ist wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wer den historischen Kontext kennt, sieht die Bedrohung: Bilder wie dieses erinnern an die Zeit vor 1945 – als Familien sich ablichten ließen, bevor ihre Söhne eingezogen wurden, um Europa in Schutt und Asche zu legen.
Im Film sieht man deutsche Zivilisten, die als Flüchtlinge durch das Gelände laufen und an Checkpoints von Bundeswehrsoldaten gefragt werden, ob sie im nahegelegenen Dorf unterkommen wollen oder weiterziehen. Man sieht Statisten mit simulierten Verletzungen. Schießübungen im digitalen Dschungel. Szenen, die Krieg nicht abstrakt lassen – sondern ihn üben, Schritt für Schritt. Aber natürlich immer nur, um sich zu „verteidigen“.
Aber Häuserkampf – das Eindringen in und Kämpfen in fremden Städten – ist keine defensive Kapazität. Es ist eine Offensivkapazität. Bereits 2017 sagte Generalleutnant Leidenberger bei der Übergabe von Schnöggersburg: „Die Einsätze der Vergangenheit haben uns gelehrt, dass das Umfeld, in dem wir gegebenenfalls kämpfen müssen, nicht mehr die freie Fläche ist, sondern der urbane Raum.“ Ein Offizier sagt es bei einer Führung offen: Der Sakralbau auf dem Gelände stellt je nach Einsatzgebiet etwas anderes dar. Auslandseinsätze werden hier explizit mitgeübt.
Und die Bundeswehr trainiert nicht nur für Einsätze im Ausland. Die Geschichte des deutschen Militärs – von den Freikorps der Weimarer Republik bis zur SA – ist auch eine Geschichte des Einsatzes gegen die eigene Bevölkerung. In Schnöggersburg bereitet die herrschende Klasse die Bundeswehr auch auf die unweigerlich bevorstehenden revolutionären Auseinandersetzungen in Deutschland selbst vor.
Dass die Übungsstadt nach europäischen Normen gebaut ist – sechsstöckige Gebäude, Regierungsviertel, Botschaftsgebäude, U-Bahn – spricht für sich. Schnöggersburg wurde 2012 begonnen – lange bevor der Ukraine-Krieg als Begründungsrahmen zur Verfügung stand. Das 100-Milliarden-Sondervermögen, die Aussetzung der Schuldenbremse zur Finanzierung der jüngsten Kriegskredite in Höhe von einer Billion, die geplante Wiedereinführung der Wehrpflicht sind nicht Reaktionen auf eine akute Bedrohung, sondern die Realisierung einer lange hinter den Kulissen ausgearbeiteten Agenda, Deutschland wieder zur militärischen Großmacht hochzurüsten.
Aufschlussreich ist, was Wilke selbst über die Finanzierungsgeschichte des Films sagt. Im Arsenal-Interview berichtet sie, dass das Projekt 2015 „nicht zu finanzieren“ gewesen sei: „Es gibt keinen Aufhänger und kein Interesse.“ Jetzt, nach der „Zeitenwende“, habe es aber „ziemlich schnell geklappt mit den Förderungen“. Besonders auffallend ist die Förderung durch die Beauftragte für Kultur und Medien der Bundesregierung (BKM) – ein Staat, der aufrüstet, fördert auch die Kultur, die dafür den Boden bereiten soll.
„Szenario“ verschweigt die braune Geschichte des Geländes nicht. Rekruten werden von ihren Vorgesetzten nüchtern belehrt: Die Wehrmacht errichtete hier ihr Testgelände, die Dörfer wurden zwangsgeräumt – aber die Wehrmacht sei kein Teil der Bundeswehr-Identität. Das ist die offizielle Propaganda. Und der Film stellt nicht die Frage, die sich daran anschließen müsste: Was bedeutet es, dass auf demselben Boden heute mit Rheinmetall – demselben Konzern, der die Wehrmacht belieferte – eine neue Übungsinfrastruktur errichtet worden ist?
Die Methode des Films, einfach nur zu zeigen, statt auch einmal „hinter die Kulissen zu blicken“, erlaubt das nicht. Die Bundeswehr hat gelernt, die Geschichte zu benennen, ohne ihre eigenen Verbindungen zu ihr offenzulegen. Als einziges historisches Vorbild fällt im Film ein Name: Friedrich der Große, der sich als „erster Diener des Staats“ verstanden habe. Die tatsächliche Verbindung der Wehrmacht zur Bundeswehr kommt nicht vor – weder als Warnung noch als Erbe.
Ein Dokument von 2024, über das die WSWS berichtet hat, könnte die Lücke füllen. Die „Ergänzenden Hinweise zu den Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege der Bundeswehr“ bezeichnen Wehrmacht-Generäle ausdrücklich als „traditionsstiftend“. Und auch der jüngste Skandal beim Fallschirmjägerregiment 26 in Zweibrücken zeigt, wie diese Kontinuität gelebt wird: rechtsextreme Netzwerke, antisemitische Rituale, NS-Symbolik, sexualisierte Gewalt – über 200 Einzeldelikte, 55 Beschuldigte, die Führung offenbar informiert und schweigend. Kein Ausreißer. Strukturell.
Die wohl kritischste Stimme im ganzen Film kommt nicht von einem Experten oder Journalisten – sondern von einem älteren Mann an einem Informationsstand beim Straßenfest. Während der Soldat mehreren Passanten anhand einer Landkarte erklärt, dass Konflikte kompliziert sind und es kein einfaches Gut und Böse gibt, lässt sich der Mann auf die Simulation gar nicht erst ein: „Für was? Für was eigentlich? Für irgendwelche, die da Einfluss haben wollen und die daran Profit machen. So sind ja die Konflikte entstanden. So ist es beim Adolf gewesen. Die Industrie hat gesagt, ja, mach den Konflikt. Krupp und Thyssen haben sich die dicke Tasche daran verdient. Das ist das Interesse daran. So ist das heute auch noch.“
Der Soldat zeigt auf die Landkarte: „Wer sind denn jetzt hier in dem Szenario die Bösen?“ Der Mann antwortet nicht auf die Frage. Er bleibt bei seiner Analyse: Die Bevölkerung werde durch Medien in den Glauben versetzt, bedroht zu sein. „Man verdient am Krieg.“
Aber auch diese Szene verhallt. Der Film läuft weiter. Die Botschaft ist: Das ist eine Meinung unter vielen. Der alte Mann wirkt, zusammengeschnitten mit den ausländerfeindlichen Aussagen anderer Passanten, fast wie ein Spinner.
Marie Wilke hat diesen Film mit ehrlicher Neugier und handwerklicher Sorgfalt gemacht. Aber ehrliche Neugier ist kein politischer Schutz. Wenn Wilke sagt, sie habe beim Drehen „echte Kriegsbilder im Kopf“ gehabt und frage sich, „in welchem Kontext ich es sehe“ – dann ist „Kontext“ genau das, was in ihrem Film fehlt.
100 Milliarden Sondervermögen, zusätzliche Kriegskredite von bis zu einer Billion, 140 Millionen allein für Schnöggersburg, Wehrpflicht, Rheinmetall als Staatspartner, der erneute Drang des deutschen Imperialismus nach Osten und die globale Rückkehr des deutschen Militarismus. Eine Politik, die von allen etablierten Parteien unterstützt, aber von der großen Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt wird – und die deshalb jede Form von Zustimmung oder vermeintlich neutraler Beobachtung dankbar annimmt, die sie bekommen kann.
