76. Internationale Filmfestspiele Berlin – Teil 3

Deutsche Regierung: „keine Politik“ auf der Berlinale … außer, es handelt sich um Regierungspolitik

Zwar ist der ursprüngliche Plan von Bundeskulturminister Wolfram Weimer, die Direktorin der Internationalen Filmfestspiele Berlin („Berlinale“) über den Aufsichtsrat zu entlassen, vorerst gescheitert, und Tricia Tuttle bleibt weiterhin im Amt. Aber die politische Kampagne der Regierung und der pro-israelischen Springerpresse ist damit nicht beendet.

Laut Weimer soll es zukünftig ein „beratendes Forum“ für die Berlinale geben. Ein „Verhaltenskodex“ für Kulturveranstaltungen des Bundes sei ebenfalls geplant. Das bedeutet einen weiteren Schritt in Richtung Zensur bei der Berlinale und im Kulturbereich insgesamt.

Regisseur Abdallah Al-Khatib (links) und Taqiyeddine Issaad mit Palästinaflagge, nachdem sie bei der Preisverleihung der Berlinale für ihren Film Chronicles from the Siege den GWFF-Preis für den besten Debütfilm erhalten hatten, 21. Februar 2026 [AP Photo/Ebrahim Noroozi]

Jüngst sind weitere Details bekanntgeworden, wie die Bundesregierung bereits in diesem Jahr versuchte, politischen Einfluss auf die Berlinale auszuüben.

So traf sich Weimer schon Mitte Januar mit Berlinale-Direktorin Tuttle, und das einzige Detail, das aus dem Treffen bekannt wurde, war ein kurzer X-Post: „Das Festival ist die Stimme des internationalen Kinos, mutig und relevant. Eins ist auch klar: Antisemitismus hat hier keinen Platz.“ Nach der Logik der Regierung war dies als „kein Platz für Kritik am israelischen Völkermord in Gaza“ zu verstehen.

Die Heuchelei der deutschen Regierung in Bezug auf die Berlinale ist grenzenlos. Sie droht damit, die staatliche Förderung des Festivals zu streichen, weil auf der Berlinale politische Unterstützung für die Sache der Palästinenser gezeigt wurde. (Das eigentliche Problem der Regierung ist dabei nicht die Festivalleitung, sondern die unruhestiftenden Filmemacher, die sich weiterhin mit Ungerechtigkeit und Massenmord beschäftigen!)

Vor drei Jahren hatte die deutsche Regierung kein Problem damit, dass die Berlinale mit einer Videobotschaft des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj eröffnet wurde, in der er um Unterstützung für den von der NATO geführten Krieg gegen Russland bat.

Bei dieser Gelegenheit verteilte das Festival eigene Solidaritätsanstecker für die Ukraine, und die damalige deutsche Kulturministerin Claudia Roth (Grüne) lobte den politischen Charakter der Berlinale. Wie wir 2023 schrieben: „Für Roth und ihre Grünen bedeutet eine ‚politische Berlinale‘ das Bekenntnis zur Identitätspolitik und die vollständige Unterordnung des Festivals unter die Kriegspolitik der Bundesregierung und der Nato in ihrem ‚Krieg gegen Russland‘“.

Nicht nur die Reden auf der Bühne der jüngsten Berlinale sind unter Beschuss geraten. Pro-zionistische Gruppen übten auch heftige Kritik an einigen der auf dem Festival gezeigten Filme, weil sie es wagten, die Rechte des palästinensischen Volkes zu verteidigen.

Tricia Tuttle

Die pro-zionistische Gruppe „Artists Against Antisemitism“ (Künstler gegen Antisemitismus) veröffentlichte eine Erklärung, in der sie sich den Kommentaren Tuttles und anderer anschloss, wonach die Situation im Nahen Osten zu „komplex“ sei und daher jede Verurteilung des Völkermords in Gaza ungerechtfertigt sei. In dieser reaktionären Erklärung wurde das Festival sogar dafür kritisiert, dass es den Film Chronicles from the Siege gezeigt hatte, der einen wichtigen Preis beim Festival gewonnen hatte.

Wir werden diesen Film in einem späteren Artikel rezensieren, aber es gab noch einige andere Dokumentar- und Spielfilme auf dem Festival, die eindeutig Partei für die Palästinenser ergriffen und Licht auf Jahrzehnte zionistischer Gewalt und Kriminalität warfen.

Who Killed Alex Odeh?

Der Dokumentarfilm Who Killed Alex Odeh? (Wer tötete Alex Odeh?) von Jason Osder und William Lafi Youmans zeichnet die Geschichte der Diskriminierung arabischer und muslimischer Menschen in Amerika nach, die insbesondere durch zionistische Terroristengruppen, toleriert oder gar unterstützt von der Regierung, angeheizt wurde.

Alex Odeh war Lehrer und westlicher Regionaldirektor des American-Arab Anti-Discrimination Committee. Im Jahr 1985 gab er ein Fernsehinterview, in dem er sich zur Entführung des italienischen Kreuzfahrtschiffs Achille Lauro durch Mitglieder der Palästinensischen Befreiungsfront (PLF) äußerte. Odeh verurteilte die Entführung, wies aber gleichzeitig auf die Notlage der Palästinenser hin, die der repressiven Politik des israelischen Regimes mit Unterstützung der USA ausgeliefert sind.

Who Killed Alex Odeh

Odeh hatte sich stets für friedliche Beziehungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen eingesetzt, aber allein die Tatsache, dass er in dem Interview die Probleme der Palästinenser ansprach, reichte einigen US-Medien aus, um Odeh als Terroristen zu brandmarken. Tage später wurde er durch eine Bombe getötet, die an der Tür seines Büros in Südkalifornien angebracht worden war.

Neben Odehs Witwe Norma und seiner Tochter Helena ist der israelische Journalist David Sheen einer der Hauptdarsteller des Films. Er identifiziert die Verdächtigen des Bombenanschlags, alle drei aus dem Umfeld der Jewish Defense League (JDL), einer extremistischen zionistischen Organisation, die 1968 vom radikalen Rabbi Meir Kahane gegründet wurde.

Der Film nennt drei Verdächtige: Robert Manning, Andy Green und Keith „Israel“ Fuchs. Ein zum Zeitpunkt des Mordes aktiver Polizist bestätigt, dass das FBI, das die JDL als terroristische Vereinigung eingestuft hatte, kurz nach dem Attentat Kenntnis von den Verdächtigen hatte. Das FBI unternahm jedoch nichts und ließ die Männer in israelische Siedlungen im Westjordanland fliehen. Die US-Regierung hätte immer noch die Auslieferung der drei Männer nach Amerika verlangen können, tat dies jedoch nicht.

Nachdem Kahane zu gewalttätigen rassistischen Angriffen in den USA aufgerufen hatte, zog er 1971 nach Israel und gründete die extrem anti-arabische Kach-Partei. Kahane setzte seine Kampagne des wahnhaften Rassismus bis zu seiner Ermordung im Jahr 1990 fort. Heute ist ein ehemaliges Mitglied der Kach-Partei, Itamar Ben-Gvir, Minister für nationale Sicherheit in der Koalitionsregierung von Benjamin Netanjahu und einer der Hauptarchitekten des Völkermords in Gaza.

Manning, ein Mitglied der JDL und einer der drei Verdächtigen im Mordfall Odeh, wurde 1993 wegen eines anderen Bombenanschlags verurteilt, aber nie für seine Rolle bei dem Anschlag von 1985 zur Rechenschaft gezogen. Die beiden anderen von Sheen aufgespürten Verdächtigen konnten unter dem vollständigen Schutz des Regimes in Tel Aviv in Israel ein komfortables Leben führen.

Der Dokumentarfilm unterstreicht die Tatsache, dass die derzeitige faschistische Koalition in Israel keineswegs eine Anomalie ist. Im Gegenteil ist sie das Endergebnis einer langwierigen Kampagne terroristischer Gewalt gegen Araber, nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in Amerika – mit stillschweigender Unterstützung der US-Behörden.

Effondrement

Der Dokumentarfilm Effondrement (Zusammenbruch) beginnt mit einem Zitat des ungarischen Schriftstellers und Holocaust-Überlebenden Imre Kertész: „Und doch betrachteten wir all dies mit Gleichgültigkeit.“ Im Hintergrund sehen wir, wie eine Bombe der israelischen Streitkräfte explodiert und in Gaza Verwüstungen anrichtet. Die Regisseurin des Films, die Israelin Anat Even, wuchs im Kibbuz Nir Oz an der Grenze zu Gaza auf, den die Hamas am 7. Oktober angriff und aus dem sie Geiseln nahm.

Effondrement

Bei dem Angriff verlor die Regisseurin Freunde und Bekannte im Kibbuz, die ihr „Geschichte und Film“ beigebracht hatten. Ihre Sympathien gelten jedoch nicht nur ihren israelischen Freunden, sondern auch ihren wehrlosen arabischen Nachbarn auf der anderen Seite der von Israel errichteten Grenze von Mauern und Stacheldraht – in dem, was der Film als „diesen großen Rachekrieg“ gegen das palästinensische Volk bezeichnet. Der Film besteht aus einer Reihe von Schnappschüssen, die Even von den Aktivitäten der IDF entlang der Grenze zu Gaza gemacht hat, unterbrochen von ihrer Korrespondenz mit einem Freund und Kollegen in Frankreich (Ariel Cypel, im Abspann als Co-Autor des Drehbuchs aufgeführt).

Even versucht, die Zerstörung in Gaza zu filmen, wird jedoch immer wieder von den arroganten IDF-Soldaten, die die Grenze patrouillieren, abgewiesen. Wir sehen eine Versammlung israelischer Familien, bei der Frauen von einer Bühne herab zu einem Publikum vor ihnen sprechen. Die Rednerinnen freuen sich über die Aussicht, das Gebiet von Gaza nach der Vertreibung der Palästinenser zu übernehmen. „Besetzen, vertreiben, besiedeln“, steht auf einem großen Banner bei der Veranstaltung. Ein angehender Siedler schwadroniert über die Notwendigkeit, das palästinensische Gebiet zu „judaisieren“. Ein anderer Redner bezeichnet die Bewohner Gazas als „Ratten“, denen nach ihrer Vertreibung die Rückkehr in ihre Häuser verwehrt werden müsse.

Eine andere Szene zeigt Touristen, die im Rahmen der Propagandaoffensive der israelischen Regierung zur Rechtfertigung ihres mörderischen Angriffs auf Gaza durch das Kibbuz Nir Oz geführt werden. Wir sehen auch einen Propagandabesuch Netanjahus in den Überresten des Kibbuz, umgeben von Leibwächtern, Kameras und Journalisten. Ein Demonstrant ruft beim Vorbeigehen des Premierministers: „Zerstörer Israels!“ Andere Szenen zeigen kleine Gruppen israelischer Aktivisten mit Protestplakaten, die tapfer, aber erfolglos gegen die Gräueltaten des marodierenden israelischen Militärs demonstrieren.

Unterdessen geht das Leben in der Region weiter, mit Erntehelfern, die auf der israelischen Seite Getreide ernten, während im Hintergrund die Zerstörung Gazas fortgesetzt wird. Der Film widerlegt die Vorstellung, dass der Völkermordkrieg der Regierung in Tel Aviv von der gesamten israelischen Bevölkerung einstimmig unterstützt werde. Was jedoch fehlt, ist eine politische Perspektive, wie man den zionistischen Nationalismus und die israelische Kriegsmaschinerie bekämpfen und sich mit den unterdrückten palästinensischen und arabischen Massen vereinen kann.

Where to?

Der Spielfilm Where to? (Wohin?) von Assaf Machnes dreht sich um zwei Figuren: Hassan (Ehab Salami), einen palästinensischen Uber-Fahrer, der seit vielen Jahren in Berlin lebt und arbeitet, und einen jungen Israeli, Amir (Ido Tako).

Der Film beginnt im Jahr 2022, als Hassan Amir und seinen deutschen Freund vom Flughafen abholt und sie ins Zentrum von Berlin fährt. Als Hassan den Namen seines Fahrgastes erfährt, fragt er Amir, ob er tatsächlich Araber sei. Amir war sich nicht bewusst, dass sein Name sowohl jüdisch als auch arabisch sein könnte. Der junge, schwule Amir hat die erstickende Atmosphäre in Israel hinter sich gelassen, um das Leben in Berlin zu genießen.

Where to?

Durch einen Zufall gerät Amir erneut in Hassans Taxi, und ihre Unterhaltung entwickelt sich weiter. Nachdem Hassan Amir gefragt hat, wo in Israel er gelebt habe, kommt er zum Schluss, dass sie „Nachbarn“ mit Wurzeln in Galiläa sind. Hassans eigene Eltern stammten ursprünglich aus Galiläa, bevor sie nach Jenin zogen.

Amir findet Gefallen an Hassan, sucht den Taxifahrer für seine zukünftigen Fahrten auf und erzählt ihm von den Höhen und Tiefen seines Liebes- und Soziallebens in Berlin. Die Stimmung ändert sich, nachdem Israel im Oktober 2023 einen umfassenden Krieg gegen Gaza beginnt. Amir fragt Hassan, warum er eines Tages in seine Heimat zurückkehren möchte. Hassan antwortet, dass es ihm schwerfällt, diese Frage – von jemandem gestellt, der in der Region aufwuchs, die seinen Eltern genommen wurde – zu beantworten.

Der Film basiert auf den eigenen Erfahrungen des israelischen Regisseurs, der einmal mit einem palästinensischen Taxifahrer unterwegs war. In einem Interview auf der Berlinale erklärte Assaf Machnes das Konzept hinter seinem Film: „Wenn man Israel oder Palästina verlässt, verlässt man eine Idee – man verlässt nicht nur einen ‚Ort‘ (…) Da beide ihre Heimat verlassen haben, wird es zu einer Erzählung über Menschen, die von ihrer Identität losgelöst sind, egal ob Palästinenser oder Israelis.“

Alle oben besprochenen Filme sind Gemeinschaftsprojekte israelischer und arabischer Filmemacher und Schauspieler, die sich mit den katastrophalen Folgen der Unterdrückung des palästinensischen Volkes durch Israel auseinandersetzen. In dieser Hinsicht haben sie Gemeinsamkeiten mit dem preisgekrönten Film No Other Land, ebenfalls ein Gemeinschaftsprojekt israelischer und arabischer Filmemacher.

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