Am Mittwoch um 18:35 Uhr Ortszeit hob die NASA-Trägerrakete Space Launch System (SLS) mit dem Orion-Raumschiff und vier Astronauten an Bord vom Raketenstartplatz 39B des Kennedy Space Center in Florida ab und startete damit die Artemis-II-Mission – den ersten bemannten Flug in die Nähe des Monds seit der Apollo-17-Mission im Dezember 1972.
Artemis II ist eine gewaltige internationale Leistung, an der Tausende von qualifizierten Ingenieuren und Wissenschaftlern der NASA und ihrer diversen Vertragspartner beteiligt sind. Sie wurde seit Beginn des Constellation-Programms im Jahr 2005 in verschiedenen Formen entwickelt. Und auch die Crew beweist großen persönlichem Mut bei ihrer Reise durch Hochvakuum zum Mond und zurück.
Die Besatzung besteht aus den NASA-Astronauten Reid Wiseman (Kommandant), Victor Glover (Pilot) und Christina Koch (Missionsspezialistin) sowie Jeremy Hansen (Missionsspezialist) von der kanadischen Raumfahrtbehörde CSA. Wiseman ist Marineflieger und Testpilot. Im Jahr 2014 hatte er an der Expedition 40/41 an Bord der Internationalen Raumstation (ISS) teilgenommen und 165 Tage im All verbracht. Bevor er dieser Mission zugeteilt wurde, war er Leiter des Astronautenbüros. Glover, ebenfalls Militärpilot, flog 2020–21 im Rahmen der Expedition 64/65 mit der SpaceX-Crew-1-Dragon-Raumkapsel zur ISS.
Koch ist Elektroingenieurin mit Erfahrung in abgelegenen Forschungsstationen in der Antarktis und spezialisiert auf die Entwicklung von Instrumenten für extreme Umgebungen. In 2019–2020 verbrachte sie 328 Tage auf der ISS, von wo sie gemeinsam mit der Co-Astronautin Jessica Meir einen Ausflug ins All unternahm. Hansen, ein ehemaliger Kampfpilot der Royal Canadian Air Force, ist Neuling als Astronaut und der erste Astronaut seit Bill Anders von Apollo 8, dessen erster Weltraumflug ihn zum Mond führt.
Artemis II ist zudem eine willkommene Entwicklung in einer Welt, die von dem anhaltenden verbrecherischen Krieg der Trump-Regierung gegen den Iran, der Ermordung von Renee Good und Alex Pretti durch die faschistische ICE-Gestapo und das immense Anwachsen sozialer Ungleichheit und Diktatur unter dem Kapitalismus geprägt ist.
Gleichzeitig wird die Mission jedoch von genau diesen Entwicklungen weitgehend überschattet. Der Krieg im Iran, eine weitere Front in den vielen globalen Kriegen des amerikanischen Imperialismus, hat Tausende von Menschenleben gekostet und Zehntausende von Gebäuden zerstört, darunter Jahrtausende alte historische Stätten. Die Kosten für Benzin und andere Grundversorgungsgüter sind in die Höhe geschossen, da sich die Auswirkungen des Kriegs auf die Lieferketten verschärfen. Und die Entwicklung zur Diktatur in den USA wird immer offensichtlicher, wobei Trumps Einsatz der ICE an Flughäfen nur die jüngste in einer Reihe von Maßnahmen mit dem Ziel ist, den Widerstand der Bevölkerung gegen die faschistische Politik der Regierung zu unterdrücken.
Die zehntägige Mission beinhaltet keine Mondlandung, sondern dient als Testflug für die geplante Mondlandung der Artemis-IV-Mission, die aktuell für 2028 geplant ist. Auch wird bei der Artemis-III-Mission das Rendezvous und das Andocken mit dem SpaceX-Starship HLS und Blue Moon von Blue Origin, die sich beide noch in der Entwicklung befinden, sowie der neue Raumanzug Axiom getestet.
Statt einer Mondlandung, die mit dem Raumschiff Orion nicht möglich ist, hat die Besatzung eine Reihe von Tests der gesamten SLS begonnen. Zu den bisher aufgetretenen Fehlern gehören ein kurzer Kommunikationsausfall etwa 51 Minuten nach dem Start, eine Fehleranzeige an der Toilettenanlage (sie wurde später in Zusammenarbeit mit dem Kontrollzentrum gelöst), ein geschlossenes Überströmventil an den Wassertanks des Raumschiffs und der Ausfall eines einzelnen Strombegrenzers, ähnlich denen, die während der Artemis-I-Mission 2022 wiederholt beobachtet wurden. Keine dieser Anomalien behinderte den Fortgang der Mission.
Zu den aktuellen Meilensteinen gehören das Manöver zur Anhebung des Perigäums, das die Orion in eine hohe Erdumlaufbahn bringt, und der erfolgreiche Abschluss des entscheidenden Translunar-Triebwerkszündvorgangs, der die vier Astronauten in die Mondumlaufbahn befördert. Derzeit befinden sie sich auf Kurs, am sechsten Flugtag bis auf 6.000 Meilen an die Mondoberfläche heranzukommen, womit sie den von Apollo 13 im Jahr 1970 aufgestellten Distanzrekord für eine Notfallrückkehrbahn brechen würden. Das Raumschiff wird dann zur Erde zurückkehren und vor der Westküste der USA ins Meer fallen.
Angesichts der zahlreichen aufgeregten Medienberichte und der Aussagen der NASA selbst, die Umrundung würde die Menschen „weiter von der Erde wegbringen als je zuvor in der Geschichte“, sollte erwähnt werden, dass es sich dabei nicht um eine bedeutende technische Leistung handelt, da alle diese Missionen in etwa die gleiche Distanz zurücklegen und es nur geringfügige Variationen aufgrund der gewählten Umlaufbahn gibt. Die für Artemis II gewählte Umlaufbahn ist besonders konservativ und erfordert keine nennenswerten Manöver am Mond.
Die Tiefpunkte der Mission waren jedoch nicht technischer Natur, sondern die Litanei reaktionärer und nationalistischer Äußerungen rund um den Start. Trump postete auf Truth Social: „Amerika tritt nicht nur in einem Wettbewerb an, wir DOMINIEREN, und die ganze Welt schaut zu.“ Zahlreiche Medienkommentatoren stellen Identitätspolitik in den Vordergrund, indem sie sich ausschließlich darauf konzentrieren, dass Koch und Glover als erste Frau und erster Schwarzer in die Mondumlaufbahn eintreten. NASA-Chef Jared Isaacman, ein milliardenschwerer Unternehmer mit Beziehungen zu SpaceX, der von Trump ernannt wurde, stellte die Mission ausdrücklich in den Kontext der Konkurrenz mit China und erklärte: „Konkurrenz kann etwas Gutes sein. Wir haben jetzt definitiv Wettbewerb.“
Isaacmans Äußerungen entsprechen der zugrundeliegenden politischen Haltung des amerikanischen Staats in der Zeit der Apollo-Missionen, bei denen es in erster Linie nicht um Wissenschaft, sondern um Großmachtrivalitäten und die Schließung der „Raketenlücke“ ging. Wie die WSWS anlässlich des Artemis-1-Flugs im Jahr 2022 erklärte, entstand das US-Raumfahrtprogramm ursprünglich als Reaktion auf den sowjetischen Sputnik-Start 1957. Es bestand die dringende Notwendigkeit zu beweisen, dass der amerikanische Kapitalismus die Errungenschaften des durch die Oktoberrevolution 1917 entstandenen Arbeiterstaates – so degeneriert er auch gewesen sein mag – erreichen und auch übertreffen konnte.
Der große Unterschied zwischen damals und heute ist jedoch, dass sich der amerikanische Kapitalismus in den 1960er-Jahren auf dem Höhepunkt der Nachkriegszeit befand. Die US-amerikanische Industrie dominierte die Weltwirtschaft, und das Land konnte enorme Ressourcen in das Weltraumprogramm stecken. Der Wettlauf im All ging mit großen echten Innovationen und technischen Entwicklungen einher, die zu zahlreichen Verbesserungen im Alltagsleben führten.
Heute werden die Ziele des Raumfahrtprogramms ausschließlich von geopolitischen und wirtschaftlichen Konflikten bestimmt. Trump und Isaacman geht es vor allem darum, dass China seine Mond- und Weltraumforschungs-Programme ausweitet, u.a. die Raumstation Tiangong, Mondsonden und Marsrover. Entwicklungen in der Raketentechnik zielen hauptsächlich darauf ab, die Fähigkeiten der USA zum Abschuss von Atomwaffen zu modernisieren.
Zudem sind die enormen Kosten von 93 Milliarden Dollar hauptsächlich darauf ausgelegt, in die Wirtschaft zu fließen. Boeing und Lockheed Martin haben jeweils 15 Milliarden Dollar erhalten, Northrop Grumman etwa sechs Milliarden Dollar. Der Rest ging an ein Netzwerk von Vertragspartnern, die auf Basis von Kosten-Plus-Verträgen arbeiten, die Terminverzug und Kostenüberschreitungen belohnen.
Jeder SLS-Start kostet etwa vier Milliarden Dollar. Es wurden nur zwei Raketen gebaut, eine dritte ist in Arbeit, und das gesamte System wird mit ziemlicher Sicherheit zugunsten kommerziell produzierter Trägerraketen aufgegeben, vermutlich Elon Musks Starship, die immer noch anfällig ist für Explosionen während oder sogar vor dem Start.
Zudem ist das Space Launch System nichts technisch Bahnbrechendes. Es ist nur eine kleinere Saturn V mit Feststoffbooster und RS-25-Triebwerken aus ausgemusterten Space Shuttles. Die Orion-Kapsel ist ein größeres Apollo-Kommando-Modul. Der ganze Aufbau der Mission, einschließlich einer freien Rückkehrflugbahn zum Mond, auf die weitere bemannte Landungen mit einem anderen Landungsfahrzeug folgen sollen, sind eine direkte Nachahmung von Apollo. Die 14 Jahre, die für die Entwicklung dieses Systems benötigt wurden, sind fast zweimal so lange wie die Zeitspanne zwischen Alan Shepards suborbitalem Flug 1961 und der ersten Mondlandung 1969, als die gesamte Technologie von Grund auf erfunden werden musste. Darin kommt der bürokratische und profitorientierte Charakter des Programms zum Ausdruck, nicht die Erfordernisse echter wissenschaftlicher Forschung.
Ebenfalls Grund zur Sorge gibt das noch ungelöste Problem mit dem Hitzeschild, das schon in Artemis I auftrat. Während dieser Mission brachen Teile der Verkohlungsschicht des Orion-Hitzeschilds ab, statt wie geplant abzuschmelzen. Der Bericht des NASA-Generalinspekteurs von 2024 räumte dies ein und wies darauf hin, dass sich die NASA dazu verpflichtet hat, die Ursache herauszufinden. Doch statt das zugrunde liegende Problem vor dem bemannten Flug zu lösen, entschied sich die NASA jedoch, die Wiedereintrittsbahn zu ändern. Laut öffentlich zugänglichen Analysen führt diese Änderung dazu, dass der Hitzeschild über einen kürzeren Zeitraum einer höheren Gesamtbelastung ausgesetzt wird. Das Leben von vier Menschen hängt davon ab, wie gut der Hitzeschild funktioniert.
Das Projekt Artemis ist zudem Ausdruck der beschränkten Fokussierung der Bourgeoisie auf die Sicherung von menschlicher Präsenz im Weltraum als Teil der militärischen Aufrüstung gegen Russland und China. Zwar gab es Pro-Forma-Kommentare über die Ausweitung der Weltraumforschung, doch die tatsächlichen wissenschaftlichen Missionen der NASA werden zunehmend vernachlässigt. Das Nancy-Grace-Roman-Weltraumteleskop, das mittlerweile vollständig zusammengebaut ist und schon im Herbst 2026 gestartet werden kann, wird auf absehbare Zeit das letzte große astrophysische Observatorium sein.
Benannt nach der ersten NASA-Chefastronomin, wird Roman ein 100-mal größeres Sichtfeld haben als das Hubble-Teleskop. Es wird in der Lage sein, eine Milliarde Galaxien abzubilden und eine Bestandsaufnahme von Exoplaneten vorzunehmen. Es wird erwartet, dass es wissenschaftliche Daten zu dunkler Energie, dunkler Materie und planetaren Systemen liefern wird. Nach Roman ist nichts Weiteres geplant. Die nächste große astrophysikalische Mission, das Habitable Worlds Observatory, ist derzeit für 2040 geplant.
Dass Menschen auf den Mond zurückkehren, ist zu begrüßen. Allerdings hat es etwas Tragisches, dass unsere kollektive Fähigkeit, die Welt wissenschaftlich und rational gut genug zu verstehen, um die Erde zu verlassen, zu anderen Himmelskörpern zu reisen und sicher zurückzukehren, der nationalen Konkurrenz, militärischer Positionierung und privatem Profit untergeordnet wird.
