Aldi DX: Mehr als jeder dritte Job wird abgebaut

Am Montag übertraf die Aldi-DX-Geschäftsführung die schlimmsten Befürchtungen der Belegschaft. Via Online-Meeting informierte sie darüber, dass bei der IT-Tochter von Aldi Süd in Mülheim an der Ruhr insgesamt mehr als jeder dritte Arbeitsplatz wegrationalisiert wird. Nachdem bereits im letzten Jahr innerhalb kurzer Zeit 400 Beschäftigte ihren Job verloren hatten, sollen nun weitere 1150 Stellen gestrichen werden. Von den einst 4300 Beschäftigten sollen bis Ende 2027 nur noch 2750 übrigbleiben.

Beschäftigte von Aldi-DX am 31. März vor der Gruga-Halle in Essen, wo 2000 einen Wahlvorstand für die Betriebsratswahl wählten.

In den letzten Wochen hatten die Beschäftigten, die die Software für 7500 Aldi-Süd-Filialen auf vier Kontinenten entwickeln, bewiesen, dass sie gewillt sind, der Geschäftsleitung entgegenzutreten. Am 31. März wählten über 2000 von ihnen einen Wahlvorstand, der erstmals die Wahl eines Betriebsrats vorbereiten soll.

In unserem letzten Artikel haben wir die Kampfbereitschaft der Belegschaft unterstützt und gleichzeitig gewarnt, sich nicht auf die Wahl eines Betriebsrats zu verlassen, sondern gleichzeitig ein Aktionskomitee zu gründen, das an der Betriebsratswahl teilnimmt und den Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze aufnimmt.

Im zukünftigen Betriebsrat werden mit Sicherheit auch Vertreter von Listen sitzen, die getreu dem Betriebsverfassungsgesetz den drastischen Stellenabbau regeln wollen – per Sozialplan und „Vermittlungsbörsen“, wie dies Mülheims Oberbürgermeister Marc Buchholz (CDU) bereits vorgeschlagen hat. Das hieße, den Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze aufzugeben, bevor er überhaupt begonnen hat.

Was wäre die Folge? Viele der meist jüngeren Beschäftigten haben gerade erst Familien gegründet, Wohneigentum erworben, sprich: ihre Zukunft mit dem Job bei Aldi DX verbunden. Und das in gutem Glauben, denn die IT-Tochter hatte erst vor wenigen Jahren expandiert und mit relativ guten Arbeitsbedingungen die damals begehrten IT-Experten und Fachkräfte aus aller Welt angeworben.

Nun soll damit Schluss sein. Das ist für alle Betroffenen ein Schlag, für die internationalen Kolleginnen und Kollegen ist es ein doppelter. Ihre Aufenthaltserlaubnis in Deutschland ist meist mit ihrem Arbeitsplatz verbunden, häufig sind sie im Besitz einer sogenannten Bluecard oder „Blauen Karte EU“. Wenn sie nicht innerhalb von drei bis sechs Monaten einen anderen, gutbezahlten Job finden, erlischt die Aufenthaltsgenehmigung.

Anders als noch vor zwei Jahren ist es heute jedoch deutlich schwieriger, in der IT‑Branche sofort eine angemessene, gleichwertige Stelle zu finden. Nachdem KI und Digitalisierung einfache Tätigkeiten übernommen haben und dort Beschäftigte verdrängen, wird zunehmend auch der Tech‑Bereich selbst Opfer des Einsatzes von KI.

Seit Jahresbeginn bis Ende April 2026 wurden weltweit bereits rund 100.000 Stellenstreichungen gemeldet, der Großteil entfällt dabei auf die USA. Oracle streicht bis zu 30.000 Jobs, Amazon rund 16.000, Meta 8000, Microsoft bis zu 9000, Snap und Disney jeweils rund 1.000. Aber auch in Deutschland ist Aldi DX kein Einzelfall. So hat das Versicherungsunternehmen Ergo, eine Tochter von Munich RE, den Abbau von 1000 Stellen wegen dem Einsatz von KI angekündigt.

Mittlerweile übernimmt die KI große Teile der Softwareentwicklung und Programmierung – ohne Pausen, Ruhezeiten oder Urlaub. Die KI generiert so Unmengen an Code, der anschließend von nur wenigen Experten überprüft und nachbearbeitet werden muss. Für sie erhöht sich spürbar der Arbeitsdruck, während der Rest in die Wüste geschickt wird.

Das scheint zumindest der Plan von Aldi Süd zu sein. Viele Aufgaben sollen ausgelagert werden, etwa nach Ungarn und Indien. Wie uns Beschäftigte berichteten, sind aber auch schon Auslagerungen nach Bulgarien in vollem Gange.

Das soll Kosten senken. Die Nachricht der Geschäftsführung, dass im Zuge einer allgemeinen „Verschlankung von Führungsstrukturen“ auch etwa 40 Prozent der Direktoren und 30 Prozent der Manager Aldi DX verlassen sollen, dient vor allem taktischen Zielen. Es soll suggerieren, dass „alle“ zur Kostensenkung beitragen müssen.

In Wirklichkeit zahlt das Gros der Beschäftigten mit ihren Arbeitsplätzen für die Gewinnsteigerung des weltweit tätigen Discounters. Die regional erscheinende Westdeutsche Allgemeine Zeitung zitiert „einen leitenden Mitarbeiter, der anonym bleiben will“. Er erklärt, „Aldi Süd wolle nicht aus ‚einer akuten wirtschaftlichen Notlage heraus‘ die Kosten senken, ‚sondern mit dem Ziel einer weiteren Margen- und Gewinnoptimierung‘.“

Ein Beschäftigter brachte das gegenüber der WSWS auf den Punkt: „Auch hier ziehen nun amerikanische Verhältnisse ein.“

Am Montag war die Stimmung der Beschäftigten unmittelbar nach der Hiobsbotschaft auf einem Tiefpunkt. Viele, mit denen wir sprachen, waren geschockt und bestürzt.

Aldi DX hat zwar versichert, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden, auch um Kosten zu sparen. Den Beschäftigten, die gehen sollen, würden individuelle Abfindungsangebote unterbreitet. Unter Druck werden auch diejenigen stehen, die aufgrund der bis zum Herbst letzten Jahres gültigen 100-prozentigen Home-Office-Regelung gar nicht im Ruhrgebiet wohnen. Sie müssen seit Monaten aus München, Berlin, Hamburg und anderen Städten bundesweit für zwei Tage in der Woche ins Office nach Mülheim kommen.

Offensichtlich will der Konzern vollendete Tatsachen schaffen, bevor sich der neue Betriebsrat konstituiert. Doch selbst wenn der Betriebsrat seine Arbeit vorher aufnehmen sollte: „Seine erste Aufgabe müsste die Aushandlung eines Sozialplans und Interessenausgleichs für die Beschäftigten sein“, schreibt die WAZ.

Ein Konzernsprecher hatte schon zuvor erklärt, man werde „selbstverständlich eng und vertrauensvoll“ mit dem Betriebsrat zusammenarbeiten. „Wir sind davon überzeugt, dass dauerhafter unternehmerischer Erfolg durch einen wertschätzenden Umgang mit den Mitarbeitenden erreicht werden kann“, so das Unternehmen.

Es ist offensichtlich, dass die Initiative zur Wahl eines Betriebsrates Ausdruck der Kampfbereitschaft der Belegschaft ist. Doch Betriebsräte sind gesetzlich verpflichtet, aktiv zum Erhalt des Betriebsfriedens beizutragen und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Arbeitgeber zu pflegen. Tun sie das nicht, droht ihnen Abmahnung oder Entlassung. Selbst wenn sich im Betriebsrat kampfbereite Kolleginnen und Kollegen finden, sind ihnen also Hände und Füße gebunden.

Wir schlagen deshalb den Aufbau eines Aktionskomitees vor, das in der Tradition der Arbeiterräte steht, alle Beschäftigten von Aldi Nord und Aldi Süd einschließlich der Tochterfirmen mobilisiert und den Rahmen für einen gemeinsamen Kampf schafft.

Denn die Angriffe auf die IT‑Beschäftigten bei Aldi sind das Ergebnis einer globalen Krise des kapitalistischen Systems, in der KI systematisch eingesetzt wird, um Arbeitsplätze zu zerstören, die Ausbeutung zu verschärfen und die Profite zu steigern.

An der Spitze der Gesellschaft wachsen die Macht und die Vermögen einer superreichen Finanzaristokratie, während die herrschende Klasse überall mit aggressiven Mitteln gegen die Arbeiterklasse vorgeht. Betriebliche Auseinandersetzungen müssen folglich eng mit dem Kampf gegen das kapitalistische Profitsystem verbunden werden.

Die US-Regierung unter Donald Trump und die deutsche Regierung unter Friedrich Merz reagieren auf die Krise des Kapitalismus mit einer aggressiven Aufrüstungs- und Kriegspolitik. Deutschland rüstet auf wie seit Hitler nicht mehr, finanziert den Krieg gegen Russland in der Ukraine und bereitet sich auf neue Kriege vor.

Diese Politik wird durch Jobvernichtung und Sozialabbau finanziert. Die Verteidigung von Arbeitsplätzen und Sozialstandards bei Aldi DX muss in diesem Zusammenhang gesehen werden. So wie die herrschende Klasse an ihre reaktionären Traditionen anknüpft, muss die Arbeiterklasse an ihre revolutionären, sozialistischen Traditionen anknüpfen und ihre Interessen der Profitmaximierung der Kapitaleigner entgegenstellen.

Ein Aktionskomitee, das den Kampf gegen die Entlassungen organisiert und mit einer eigenen Liste an der Betriebsratswahl teilnimmt, muss – wie wir bereits im letzten Artikel geschrieben haben – folgende Prinzipien vertreten:

1. Die Bedürfnisse der Beschäftigten stehen höher als die Profitinteressen der Unternehmensleitung und der Kapitalbesitzer, des Aldi-Süd-Clans um Karl Albrecht und Beate Heister, deren Vermögen 2025 vom Manager Magazin auf 27,7 Mrd. Euro geschätzt wurde. Das heißt konkret:

  • Einsatz von KI zur Erleichterung der Arbeit, nicht zum Jobabbau und zur Steigerung der Arbeitshetze.
  • Offenlegung der Gewinne von Aldi Süd: Der Konzern hat allein in Deutschland einen Umsatz von 20, international von 124 Milliarden Euro. Wieviel des Ertrags der Arbeit von Hundertausenden landet auf den Konten der Albrecht-Familie?

2. Gegen die Spaltung der Kolleginnen und Kollegen nach Betrieben, Branchen und Nationen. Konkret:

  • Nehmt Kontakt zu anderen Firmen der Aldi-Süd- und auch der Aldi-Nord-Gruppe auf. Weltweit arbeiten 155.000 Beschäftigte für Aldi Süd, auch in den USA, China und Australien, und fast 90.000 für Aldi-Nord in acht europäischen Ländern. Überall werden Arbeitsplätze abgebaut.
  • Bezieht die Kolleginnen und Kollegen der Dienstleister wie die indische TCS mit ein. Sie sind Verbündete im Kampf gegen den Aldi-Konzern. Nehmt zusätzlich Kontakt mit anderen IT-Firmen auf. Macht euren Kampf zum Ausgangspunkt der IT-Beschäftigten aller Welt gegen die Auswirkungen der KI auf Arbeitsplätze und -bedingungen.
  • Die Belegschaft von Aldi DX ist international. Sorgt euch um die internationalen Kolleginnen und Kollegen, die mit einer Blue Card hier sind.

An alle, die mit dieser Ausrichtung übereinstimmen: Nehmt Kontakt mit uns auf, um diese Aufgaben zu diskutieren und zu organisieren. Füllt das Formular aus, schreibt eine Nachricht über WhatsApp oder per Signal an die +491633378340.

Loading