Volkswagen-Konzernchef Oliver Blume hat auf der Jahrespressekonferenz am Dienstag die Geschäftszahlen zum abgelaufenen Jahr vorgelegt und eine Intensivierung des laufenden Arbeitsplatzmassakers angekündigt. Die Vorsitzende des Gesamt- und Konzernbetriebsrats bei VW, Daniela Cavallo, hat ihm sofort die Unterstützung des Gewerkschaftsapparates zugesagt.
Blume kündigte in einer Mitteilung an die Aktionäre an, 50.000 Stellen allein in Deutschland abzubauen, darunter 35.000 Stellen bei der Kernmarke VW, 7.500 bei Audi, 1.900 bei Porsche und 1.600 bei der Software-Tochter Cariad.
Schon vor etwa drei Wochen hatte das manager magazin berichtet, die Kosten sollten im Gesamtkonzern bis Ende 2028 um 20 Prozent gesenkt werden. Das entspräche einem jährlichen Volumen von 60 Milliarden Euro. Auch die Stilllegung ganzer Werke sei vorgesehen.
Nun gehen Management und IG Metall an die Ausarbeitung weiterer Programme zum Stellenabbau. Zwar seien die Kosten in den drei größten Fahrzeugwerken schon jetzt um ein Fünftel gesunken, lobte Blume am Dienstag. Aber dabei soll es nicht bleiben. „Die Richtung stimmt, aber wir müssen massiv weiterarbeiten. Wir werden jeden Stein umdrehen”, drohte er.
In einer Sonderausgabe des von Cavallo herausgegebenen Betriebsrats-Flugblatts stimmt sie in diesen Chor ein. Über die drohende Erhöhung des Arbeitsplatzabbaus verliert sie nicht ein einziges Wort. Im Flugblatt geht es ausschließlich um die Konzern-Bilanz, die Cavallo und die Gewerkschafts-Apparatschicks mit demselben Blick betrachten wie Blume, der Vorstand und die Aktionäre.
„Die Konzern-Bilanz beginnt gar nicht schlecht“, schreiben Cavallos Redakteure. Die Auslieferungen lägen 2025 stabil bei 9 Millionen Fahrzeugen, der Umsatz stagniere bei 322 Milliarden Euro. „Doch dann die Einschläge: Der Gewinn aus dem laufenden Geschäft (EBIT) halbierte sich gegenüber Vorjahr um 53 Prozent auf nur noch knapp 9 Milliarden Euro.“ Das sei der schlechteste Wert seit dem Dieselgate-Einbruch 2015/2016. Dass der Nettogewinn nicht ganz so stark fiel, um 44 % auf 6,9 Mrd. Euro, fällt bei der IGM unter den Tisch.
Die Intention ist einfach: Der dramatisierte „Gewinneinbruch“ wird von Blume und Cavallo als Rechtfertigung für die kommenden massiven Angriffe auf die Belegschaften aller Konzerntöchter genutzt.
Dabei ist der „Gewinneinbruch“ das Resultat sowohl von Management-Entscheidungen als auch von globalen politischen Entwicklungen. Blume und Cavallo nennen das „Sondereffekte“. Den größten Teil der fast „9 Milliarden Euro Sondereffekte“ falle bei Porsche an. Der bis Ende vergangenen Jahres ebenfalls von Oliver Blume geführte Konzern „belastete die Bilanz mit fast 5 Milliarden Euro“, behauptet der IGM-Betriebsrat. Das ist exakt die Sicht des Managements. In Wirklichkeit kostet Porsches Rückzug von der Elektrifizierung seiner Flotte speziell für den US-Markt, d. h., die Wiedereinführung der Produktion von Verbrenner-Motoren, rund 5 Milliarden Euro. Porsche macht aber trotzdem keinen Verlust, sondern „nur“ knapp 100 Millionen Euro Gewinn, 5 Milliarden Euro weniger als im Vorjahr.
Die US-Einfuhrzölle würden mit rund 3 Milliarden Euro zu Buche schlagen. Zudem summierten sich „die großen Restrukturierungsvorhaben“ auf eine gute Milliarde Euro. Der IGM-Betriebsrat meint damit die Kosten für Abfindungen und Altersteilzeitregelungen, um den schon beschlossenen Abbau von weit über 40.000 Stellen durchzusetzen.
Neben den US-Zöllen ist der Wolfsburger Konzern in China durch die dortige Konkurrenz insbesondere bei Elektroautos unter Druck, Ähnliches gilt für Europa. Der aktuelle Krieg gegen den Iran werde Blume zufolge auf die Nachfrage nach Luxusautos drücken.
Der Konzern macht also unter schwierigen Bedingungen 9 Milliarden Euro Gewinn, fast 7 Milliarden nach Steuern. Die Dividende auf die Stammaktien wird 5,20 Euro pro Aktie betragen, der Porsche-Piëch-Clan als Hauptaktionär wird demnach allein hierfür 800 Millionen Euro einstreichen.
Und dennoch wird geklagt. Denn die Rendite sei viel zu gering. Sie lag 2025 bei 2,8 %, soll aber wieder auf bis zu 5,5 % steigen. Die Eigentümerfamilien (geschätztes Vermögen rund 40 Milliarden Euro) verlangen nicht 0,8, sondern 1,5 Milliarden Euro Dividende!
Mit anderen Worten: Die Beschäftigten – also diejenigen, die mit ihrer Arbeit die gesamten Werte schaffen – sollen mit ihren Arbeitsplätzen und ihren Löhnen für Handelskrieg und Krieg, Managementfehler und die Gier der Aktionäre zahlen. Daniela Cavallo und der gesamte IG Metall-Apparat unterstützen uneingeschränkt diesen drohenden Kahlschlag. Sie fordern, die brutalen Kürzungen, die sie bei der Kernmarke VW durchgesetzt haben, auf Porsche, Audi und weiter Marken und Konzernteile auszuweiten.
Ihre unverhohlene Freude über die erhöhte Rendite bei VW und Škoda erklärt sich nur so. „Umso erfreulicher ist es, dass die Markengruppe Core [VW und Škoda] zur Stabilisierung der Kennzahlen im Konzern beigetragen hat“, heißt es im Flugblatt des Betriebsrats. Grund sei die „gute Kostenarbeit aller Beteiligten“. „Ohne Kostendisziplin und Sparprogramme wäre die Lage noch dramatischer. Es ist also gut und richtig, dass insbesondere die VW-Kernmarke das Ruder herumgerissen hat“, jubelt der IGM-Betriebsrat weiter. „Ihre Gewinnkraft erreichte trotz des Gegenwinds 3 Prozent“, freuen sich die hochdotierten Betriebsräte. „Die Markengruppe Core kommt insgesamt auf knapp 5 Prozent Rendite, liefert knapp 7 Milliarden Euro Gewinn ab!“
Die 120.000 Beschäftigten der Kernmarke VW wissen, was Cavallo mit „guter Kostenarbeit“, „Kostendisziplin und Sparprogrammen“ meint: das so genannte „Weihnachtswunder von Hannover“ im Dezember 2024. Damals hatten Cavallo für den Betriebsrat und Thorsten Gröger für die IG Metall gemeinsam mit dem VW-Management nicht nur die Vernichtung von 35.000 der 120.000 Arbeitsplätze vereinbart, sondern auch Lohn- und Gehaltskürzungen von bis zu 20 Prozent.
Die Früchte tragen die Aktionäre und auch die Manager, was Cavallo und IGM versuchen zu vertuschen. Sie beenden ihr Flugblatt mit dem Hinweis, dass der Konzernvorstand, „wie 2024 beschlossen“, für 2025 auf 11 Prozent seiner Grundvergütung verzichte, was 3,4 Millionen Euro ausmache. Sie verschweigen die Boni, die die Vorstände dafür im Gegenzug einstreichen. So erhielt Blume einschließlich Altersvorsorge und variabler Vergütung für mehrere Jahre im vergangenen Jahr 7,4 Millionen Euro. Das ist nur von der Warte seiner Vergütung in 2024 „wenig“. Da hatte er nämlich über 10 Millionen Euro erhalten.
Dass die Gehaltseinbrüche beim Vorstand nicht den Gewinneinbrüchen folgen, liegt an dem Ende 2025 „plötzlich“ aufgetauchten 6 Milliarden Euro hohen Cashflow. Massive Einsparungen insbesondere bei Entwicklungsaufwendungen, Investitionen und Lagerbeständen sorgten dafür. Ausschlaggebend war aber insbesondere die Weitergabe von Forderungen des Konzerns an seine Händler für Autos, die noch gar nicht in deren Verkaufsräumen stehen.
Allein Blume erhält durch diesen „Taschenspielertrick“ oder „Kunstgriff“, wie Finanzexperten es nannten, rund zwei Millionen Euro. Die übrigen Vorstandsmitglieder erhalten Jahresboni wie im Vorjahr. Insgesamt streicht sich der VW-Vorstand für 2025 Boni von rund 13,6 Millionen Euro ein.
Die Aktionäre, die Vorstände und die Betriebsräte bekommen nicht genug: Schneller und schneller dreht sich das Karussell aus Jobvernichtung und Lohnsenkungen.
Neben dem massiven Sparkurs, dem weitere viele Tausend Jobs und womöglich ganze Werke zum Opfer fallen, soll die Rendite außerdem durch enge Kooperation mit der Rüstungsindustrie erhöht werden. Porsche SE, die Holding der Familien Porsche und Piëch, hatte schon im Sommer letzten Jahres angekündigt, in die Rüstungsbranche einzusteigen. Zuerst soll eine Investitionsplattform für Defense-Tech-Start-ups (Satelliten, Drohnen, Cybersicherheit) aufgebaut werden, an der sich die Holding später mit 500 Millionen Euro direkt beteiligen will.
An VW-Standorten wie Dresden oder Osnabrück, wo die Produktion ziviler Fahrzeuge ausgelaufen ist bzw. im nächsten Jahr ausläuft, sind die Verhandlungen mit der Rüstungsindustrie in vollem Gange. Erst kürzlich stellten Entwickler in Osnabrück zwei Prototypen für Militärfahrzeuge auf Basis der Modelle Amarok und Crafter vor. Auch die LKW-Tochter MAN steht in engem Kontakt mit Deutschlands zweitgrößtem Rüstungskonzern Rheinmetall.
Volkswagen würde so zu den alten Traditionen zurückkehren. VW wurde 1937 vom NS-Regime gegründet – nicht nur für den KdF-„Volkswagen“, sondern primär als Rüstungsbetrieb. In Wolfsburg entstanden lediglich wenige Hundert KdF-Wagen, hingegen zehntausende Militärfahrzeuge, Minen und Raketen, produziert von rund 20.000 Zwangsarbeitern. Profiteure waren damals wie heute die Familien Porsche und Piëch.
Betriebsratschefin Cavallo hatte Ende letzter Woche auch dafür ihre Zustimmung signalisiert. „Ich bin der Meinung, dass Deutschland und Europa unabhängiger werden müssen im Bereich Verteidigung“, sagte sie im Interview mit der dpa. Vor allem für das Werk Osnabrück könne das eine Perspektive sein. „Wir prüfen alle Möglichkeiten, um den Standort Osnabrück zukunftsfest aufzustellen“, sagte Cavallo. Rüstung sei hier eine Option.
Der Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze und gegen die Überführung von VW in die Kriegsmaschinerie darf nicht der IG Metall und ihren Betriebsräten überlassen werden. Sie sind Handlanger des Vorstands und unterstützen die Kriegspolitik der Bundesregierung.
Deshalb muss sich die Belegschaft an allen Standorten und in allen Marken dringend neu organisieren und neu orientieren. Sie muss unabhängige Aktionskomitees aufbauen, die von vertrauenswürdigen Kolleginnen und Kollegen geleitet werden, demokratisch organisiert sind und den Widerstand leiten sowie international koordinieren.
Die Kampagne, die der Autoarbeiter Will Lehman in den USA derzeit in der Autoarbeitergewerkschaft UAW führt, ist dabei von großer Bedeutung und sehr lehrreich. Lehman kandidiert um das Amt des UAW-Präsidenten, der von den Mitgliedern gewählt wird. Er tritt für die Entmachtung des Gewerkschaftsapparats und die Übertragung der Macht auf die Arbeiter in den Betrieben ein. Zu diesem Zweck setzt er sich für den Aufbau eines Netzwerks von Aktionskomitees ein, lehnt die Klassenzusammenarbeit mit den Konzernen ab und kämpft gegen den Nationalismus, der Arbeiter unterschiedlicher Länder gegeneinander aufhetzt.
Er verfolgt das Ziel, die wirtschaftliche Macht der Arbeiter zu mobilisieren und die Verteidigung der Arbeitsplätze mit dem Kampf gegen Militarismus und Krieg zu verbinden. Lehmans Kampagne hat bereits große Resonanz gefunden und wird von Arbeitern aus verschiedenen Branchen und Ländern unterstützt.
Die Beschäftigten von VW sollten Will Lehmans Kampagne ebenfalls unterstützen und eigene Aktionskomitees aufbauen. Nehmt Kontakt mit uns auf, um jetzt aktiv zu werden. Schreibt uns eine Nachricht über WhatsApp an die +491633378340 und registriert euch über das Formular.
