Allein im ersten Quartal 2026 traten Soldaten der Bundeswehr bundesweit 2.013 Mal an Schulen und 20 Mal an Hochschulen auf – weitere Besuche sind bereits geplant. Das geht aus der Antwort des Bundesverteidigungsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor. Spitzenreiter war Bayern mit 562 Auftritten allein in diesen drei Monaten, gefolgt von Nordrhein-Westfalen (291), Niedersachsen (269) und Baden-Württemberg (219).
Die Schulen und Hochschulen werden zunehmend zu Instrumenten der Kriegsvorbereitung umfunktioniert. Die Bundesregierung und die Landesregierungen versuchen, eine ganze Generation ideologisch auf Aufrüstung, Wehrpflicht und Krieg einzustimmen. Die herrschende Klasse Deutschlands bereitet sich auf Krieg vor – und dazu braucht sie die Jugend. Zwischen 2021 und 2024 hat sich die Zahl der Bundeswehrauftritte an Schulen mehr als verdoppelt – von 2.558 auf 6.137. Auch 2025 blieb sie mit 5.529 Auftritten auf hohem Niveau.
Was Jugendoffiziere in Schulen konkret tun
Die Bundeswehr unterhält ein Korps sogenannter Jugendoffiziere, die im Auftrag des Verteidigungsministeriums an Schulen auftreten. Formal gelten sie nicht als Werber; die offene Rekrutierung obliegt den Karriereberatern. Der tatsächliche Inhalt ihrer Arbeit widerlegt diese Unterscheidung jedoch.
Sie treten in den Fächern Politik/Sozialkunde, Geschichte und Ethik auf, also genau in den Fächern, in denen sich Schülerinnen und Schüler kritisch mit Politik auseinandersetzen sollen. Ihre Themen sind „Auftrag und Aufgaben der Bundeswehr“, „Landes- und Bündnisverteidigung“, „kollektive Sicherheit“ – und seit 2022 vor allem der Ukraine-Krieg und die angebliche Gefahr aus Russland.
Im Jahr 2022 registrierte der Jahresbericht der Jugendoffiziere 4.308 Vorträge mit 123.928 erreichten Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden – gegenüber 83.320 im Jahr 2019.
Das aufschlussreichste Format ist das mehrtägige Planspiel „POL&IS“ (Politik und Internationale Sicherheit). Die Welt wird dabei in 13 Regionen aufgeteilt; Schüler übernehmen Rollen von Regierungschefs, Wirtschaftsvertretern und Medien, während Jugendoffiziere die Veranstaltung leiten. Zielgruppe ist die gymnasiale Oberstufe, also genau jene Jahrgänge, die kurz vor dem Wehrdienstalter stehen. In den Bundestagsunterlagen für das erste Quartal 2026 sind zahlreiche POL&IS-Veranstaltungen in Berlin, Göttingen, Soest, Aachen, Teterow und vielen weiteren Städten dokumentiert.
Dass der Trennungsstrich zwischen „Bildung“ und „Werbung“ in der Praxis nicht existiert, belegt eine vom Verteidigungsministerium selbst in Auftrag gegebene Studie. Demnach hatten 24 Prozent der an einer Tätigkeit bei der Bundeswehr interessierten jungen Männer zuvor Kontakt zu einem Jugendoffizier. Gleichzeitig wurde das Budget für die Nachwuchswerbung von 35,3 Millionen Euro im Jahr 2023 auf 58 Millionen Euro im Jahr 2024 erhöht.
Hamburg und Berlin: Institutionalisierung der Militarisierung
Im April 2026 unterzeichneten Hamburgs SPD-Schulsenatorin Ksenija Bekeris und Landeskommandeur Kapitän zur See Kurt Leonards im Hamburger Rathaus eine siebenseitige Kooperationsvereinbarung. Sie gilt ab dem Schuljahr 2026/27 und soll die bestehende Zusammenarbeit „unterstützen, fördern und verstetigen“.
Hamburg ist damit das jüngste von mindestens zehn Bundesländern mit entsprechenden Vereinbarungen. Die ältesten datieren auf das Jahr 2008. Die Infrastruktur für die schulische Militarisierung wurde also lange vor dem Ukraine-Krieg aufgebaut; die „Zeitenwende“ hat ihre Umsetzung massiv beschleunigt.
Die Kooperationsvereinbarung beschränkt sich nicht auf gelegentliche Besuche von Soldaten. Sie sieht einen regelmäßigen Austausch zwischen Schulbehörde und Bundeswehr vor und erleichtert den Zugang der Jugendoffiziere zu Schulen. Zudem sollen Informationsangebote und Fortbildungen ausgebaut werden. Die Bundeswehr wird damit faktisch als institutioneller Akteur der politischen Bildung anerkannt.
Bekeris begründete den Schritt damit, die Bundeswehr bringe „externe Expertise“ ein und fördere „mündige, kritisch denkende junge Menschen“. Uniformierte Soldaten, die im Auftrag des Verteidigungsministeriums für Aufrüstung und NATO-Kriegspolitik werben, sind keine neutralen Bildungsträger. Sie sind Propagandisten des deutschen Militarismus.
Auch Berlin hat inzwischen ein entsprechendes Kooperationsabkommen mit der Bundeswehr geschlossen. Am 8. Juni unterzeichneten Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) und Vertreter der Bundeswehr eine Kooperationsvereinbarung, die die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Bundeswehr institutionell verankert und den Zugang der Jugendoffiziere zu Berliner Schulen weiter ausbaut. Laut Senatsverwaltung soll die Bundeswehr künftig als Partner der politischen Bildung auftreten und ihre Angebote an Berliner Schulen ausbauen. Damit verfügt nun auch die Hauptstadt über eine formalisierte Zusammenarbeit zwischen Bildungsverwaltung und Militär.
Die Kooperationsvereinbarungen in Hamburg und Berlin unterstreichen, dass die Militarisierung des Bildungswesens kein regionales Phänomen, sondern Bestandteil einer bundesweiten Strategie ist.
Und es ist kein Zufall, dass die Vereinbarungen von Parteien unterzeichnet werden, die gleichzeitig die Aufrüstungspolitik vorantreiben. Die SPD rief unter dem damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz die „Zeitenwende“ aus und organisierte das 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr. Die CDU/CSU-SPD-Bundesregierung unter Friedrich Merz treibt inzwischen ein Aufrüstungsprogramm voran, das nur mit dem Rüstungswahnsinn am Vorabend der beiden Weltkriege vergleichbar ist. Die Pläne wurden auch von den nominell „linken“ Oppositionsparteien im Bundestag (Grüne) und Bundesrat (Linkspartei) unterstützt.
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat „Kriegstüchtigkeit“ zum Leitbegriff seiner Politik gemacht – nicht nur für die Streitkräfte, sondern für die gesamte Gesellschaft. Der Begriff knüpft nicht nur rhetorisch, sondern auch historisch an die dunkelsten Traditionen des deutschen Militarismus an. Die von Pistorius im Frühjahr 2026 vorgelegte Militärstrategie erklärt die Vorbereitung der gesamten Gesellschaft auf militärische Konflikte ausdrücklich zur strategischen Aufgabe.
Bereits im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD heißt es folgerichtig: „Wir verankern unsere Bundeswehr noch stärker im öffentlichen Leben und setzen uns für die Stärkung der Rolle der Jugendoffiziere ein, die an den Schulen einen wichtigen Bildungsauftrag erfüllen.“ Der deutsche Imperialismus benötigt für seine Kriegspläne nicht nur Waffen und Milliardeninvestitionen, sondern auch neues Kanonenfutter.
Hochschulen: Forschung für den Krieg
Das im Juli 2024 in Bayern beschlossene „Gesetz zur Förderung der Bundeswehr“ macht die Hochschulen zu einem zentralen Bestandteil der militärischen Aufrüstung. Es fördert die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr insbesondere in Bereichen wie Künstlicher Intelligenz, Robotik und Cyberkrieg und verbietet zugleich Zivilklauseln, die Forschung ausschließlich friedlichen Zwecken verpflichten. Es schafft die rechtlichen Voraussetzungen dafür, dass Forschungsergebnisse verstärkt für militärische Zwecke genutzt und im Rahmen der NATO-Kooperation verfügbar gemacht werden.
Zivilklauseln – Selbstverpflichtungen zu ausschließlich friedlicher Forschung – werden ausdrücklich verboten. Das Gesetz ist ein massiver Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit und dient als Blaupause für weitere Bundesländer. Bundesweit verfügen rund 70 Hochschulen über Zivilklauseln; in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen wurden sie bereits abgeschafft.
Das 2020 gegründete Zentrum für Digitalisierungs- und Technologieforschung der Bundeswehr (dtec.bw) bündelt die Rüstungsforschung an den Bundeswehruniversitäten München und Hamburg. Sein erklärtes Ziel ist es, „den nationalen Sicherheitsgedanken in der breiten Gesellschaft“ zu verankern.
Bezeichnend ist auch das Beispiel Bad Arolsen. Die Universität Kassel beendete aufgrund ihrer Zivilklausel eine fast zwanzigjährige Kooperation mit Rüstungsunternehmen. Rheinmetall und Krauss-Maffei Wegmann verlagerten ihre Zusammenarbeit daraufhin an die Technische Hochschule Mittelhessen, die über keine entsprechende Klausel verfügt. Wo friedliche Forschung im Weg steht, wird sie umgangen oder abgeschafft.
Seit dem ersten Golfkrieg 1990–1991 führen die Vereinigten Staaten ununterbrochen Krieg. Gestützt auf ein marxistisches Verständnis der Widersprüche des US- und des Weltimperialismus analysiert David North die Militärinterventionen und geopolitischen Krisen der letzten 30 Jahre.
Die Rolle der GEW und des DGB
Die GEW kritisiert die Kooperationsvereinbarungen mit der Bundeswehr. So erklärte etwa ihr Vorsitzender in Hamburg, Sven Quiring: „Die politische Bildung gehört in die Hände pädagogisch ausgebildeter Fachkräfte, nicht in die von Angehörigen der Bundeswehr.“
Diese Kritik dient dazu, die weit verbreitete Opposition unter Lehrern und Schülern gegen die Präsenz der Bundeswehr an den Schulen aufzufangen und gleichzeitig die wirkliche Rolle der Gewerkschaften in der Kriegspolitik zu verschleiern. Der DGB, in dem die GEW organisiert ist, unterstützt die Aufrüstungspolitik grundsätzlich. Als Olaf Scholz 2022 das 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen ankündigte, unterstützten die DGB-Gewerkschaften diesen Schritt offen. Am 1. September 2025 erklärte der DGB ausdrücklich, man sehe die Notwendigkeit, die „Verteidigungsfähigkeit“ Deutschlands und Europas zu stärken.
Führende Gewerkschaftsfunktionäre verbreiten dieselbe Propaganda wie Bundesregierung und Militärführung: dass massive Aufrüstung und Kriegsvorbereitung angeblich dem Frieden dienten. Die GEW kritisiert lediglich die sichtbarsten Erscheinungsformen der Militarisierung an den Schulen, während ihre Dachorganisation deren politische Grundlage unterstützt.
Wachsende Opposition gegen Militarisierung und Wehrpflicht
Gegen diese Entwicklung gibt es jedoch eine wachsende Opposition.
Ein 16-jähriger Schüler in Leipzig wurde 2024 mit Schulausschluss bedroht, nachdem er gegen einen Bundeswehrbesuch protestiert hatte. Der 19-jährige Bentik aus Freiburg wurde wegen satirischer Kritik an einem Jugendoffiziersbesuch kriminalisiert. Als der Stadtrat von Zwickau 2025 ein Werbeverbot für Bundeswehr und Rüstungskonzerne auf städtischen Flächen beschloss, wurde dieses durch die Kommunalaufsicht wieder aufgehoben.
Im Dezember 2025 gingen Zehntausende Schülerinnen und Schüler in über 90 Städten gegen Wehrpflicht, Aufrüstung und Krieg auf die Straße. Am 8. Mai 2026, dem Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus, beteiligten sich erneut rund 45.000 Jugendliche an bundesweiten Protesten.
Die herrschende Klasse weiß, dass ihre Kriegspolitik in der Bevölkerung und insbesondere unter jungen Menschen auf breite Ablehnung stößt. Gerade die massenhaften Schulstreiks gegen die Wehrpflicht haben gezeigt, dass sich eine ganze Generation gegen Aufrüstung, Militarismus und Krieg zu radikalisieren beginnt. Gerade deshalb versucht die herrschende Klasse, die Schulen und Hochschulen systematisch in Instrumente militärischer und ideologischer Vorbereitung zu verwandeln. Die Jugendoffiziere in den Schulen, die Kooperationsvereinbarungen mit der Bundeswehr, die Militarisierung der Hochschulforschung und die Wiedereinführung der Wehrpflicht sind Bestandteile einer umfassenden politischen Kriegsstrategie.
Die entscheidende Aufgabe besteht darin, die wachsende Opposition unter Jugendlichen mit den Kämpfen der Arbeiterklasse zu verbinden. Die Angriffe auf Bildung, soziale Rechte und demokratische Freiheiten sind untrennbar mit der Kriegspolitik verbunden. Während Hunderte Milliarden Euro für Aufrüstung bereitgestellt werden, werden Schulen, Universitäten und soziale Einrichtungen kaputtgespart.
Die International Youth and Students for Social Equality (IYSSE) kämpfen dafür, die Opposition gegen Wehrpflicht, Militarismus und Krieg auf die Arbeiterklasse zu orientieren und mit einer sozialistischen Perspektive zu bewaffnen. Der Kampf gegen die Militarisierung der Bildung kann nur als Teil einer internationalen Bewegung der Arbeiterklasse erfolgreich sein – gegen Krieg, Aufrüstung und den Kapitalismus selbst.
