Diese Rede hielt Thomas Scripps, stellvertretender nationaler Sekretär der Socialist Equality Party (Großbritannien), auf der Online-Kundgebung zum 1. Mai 2026, die von der WSWS und dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale organisiert wurde.
Vor fast genau hundert Jahren mündete eine tiefe wirtschaftliche und politische Krise des britischen Imperialismus in den Generalstreik von 1926.
Dieser historische Kampf – dessen unmittelbarer Auslöser die Frage war, wer über das Schicksal des britischen Bergbaus entscheiden sollte: die Arbeiter oder die Kapitalisten – stellte eine direkte und revolutionäre Bedrohung für den kapitalistischen Staat im Herzen des größten Imperiums dar, das die Welt je gesehen hatte.
Doch der Generalstreik wurde bereits nach neun Tagen von den Gewerkschaftsführern und der Labour-Partei verraten.
Aus der entscheidenden Perspektive der revolutionären politischen Führung war es die stalinistische Bürokratie in der Sowjetunion, die für die Niederlage von 1926 verantwortlich war: Sie hatte den Kampf für die sozialistische Weltrevolution durch die Suche nach opportunistischen Bündnissen zur Erhaltung des „Sozialismus in einem Land“ ersetzt.
Die Folgen waren verheerend: Die chinesische Revolution von 1927 wurde blutig niedergeschlagen. Innerhalb von vier Jahren nach der Niederlage des Generalstreiks stürzte die Welt in die Große Depression. Innerhalb von sieben Jahren war die NSDAP in Deutschland an der Macht. Innerhalb von 14 Jahren war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen.
Heute stehen wir vor im Grunde denselben Problemen, die sich nur mit weitaus größerer Dringlichkeit stellen. Schon werden die ersten Konflikte eines dritten Weltkriegs ausgetragen. Die hochverschuldete Weltwirtschaft steht am Rande eines Zusammenbruchs. In einem Land nach dem anderen gelangen die Rechtsextremen an die Macht oder stellen die aussichtsreichsten Herausforderer bei den Wahlen.
Großbritannien gleicht einem Schiff, das in diesem Sturm hin und her geworfen wird. Hin- und hergerissen zwischen den USA und Europa verliert es an Bedeutung auf der internationalen Bühne. Um ihre Position zu stabilisieren, sucht die britische herrschende Klasse nach Erfolgen im Ausland. Damit zieht sie das Land in den Strudel des Krieges gegen Russland und in den Wirbelsturm des Krieges gegen den Iran, Libanon und Gaza hinein, in der Hoffnung auf einen Anteil an der Beute.
Dabei kann die imperiale Nostalgie für die in der Vergangenheit in diesen Regionen verübte Gewalt die verlorene wirtschaftliche und militärische Macht des britischen Kapitalismus nicht ersetzen. Dies muss stattdessen durch einen Angriff auf den Lebensstandard der Arbeiterklasse ausgeglichen werden, und dieser ist in seiner Brutalität beispiellos.
„Sozialausgaben in Kriegsausgaben umwandeln!“ Das ist der Schlachtruf der herrschenden Klasse. Er wird auf immer heftigeren Widerstand stoßen.
Der Skandal um den eingefleischten Blair-Anhänger Peter Mandelson – ein Freund von Jeffrey Epstein, den Keir Starmer’s Labour-Regierung protegiert hat – hat der ohnehin schon weithin anerkannten Tatsache ein Gesicht gegeben: Kapitalistische Politik, basierend auf Ungleichheit, Geheimhaltung und der unkontrollierten Macht einer Finanzoligarchie, ist bis ins Mark verdorben. Sie driftet immer weiter nach rechts, exemplarisch verkörpert durch den Aufstieg von Nigel Farages „Reform UK“, diese von den Milliardären unterstützte Partei.
Keine der prokapitalistischen Parteien, die sich selbst als „links“ bezeichnen, und auch keine der Protestbewegungen, die sich an sie binden, ist in der Lage, die Arbeiterklasse zu verteidigen.
Die „Your Party“ des ehemaligen Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn ist kaum noch funktionsfähig, und Corbyn selbst hat sich als jämmerlicher, antisozialistischer Hexenjäger entlarvt. Zack Polanskis „Greens“ sind höchstens noch ein blasser Abklatsch von Corbyn.
Unterdessen predigt die offizielle Antikriegsbewegung weiterhin jene Art von leerem Pazifismus, wie ihn Lenin angeprangert hatte, weil er die Arbeiterklasse zum Spielball in der Geheimdiplomatie der kriegführenden Länder mache – in diesem Fall der sich rasch wieder aufrüstenden europäischen Mächte.
Seit dem ersten Golfkrieg 1990–1991 führen die Vereinigten Staaten ununterbrochen Krieg. Gestützt auf ein marxistisches Verständnis der Widersprüche des US- und des Weltimperialismus analysiert David North die Militärinterventionen und geopolitischen Krisen der letzten 30 Jahre.
Die bürgerliche und pseudolinke Politik – ihre Fähigkeit, die Aktivität der Arbeiterklasse zu unterdrücken – war noch nie schwächer. Deshalb haben konservative und Labour-Regierungen in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Gesetzen gegen Proteste, kritischen Journalismus und politische Aktivitäten erlassen.
Die herrschende Klasse weiß sehr wohl, dass die Ausbreitung eines globalen Krieges das Wachstum des globalen Klassenkampfs bedeutet. Er ist der einzige wirkliche Weg zum Frieden.
Die zentrale Lehre aus dem Generalstreik von 1926 ist die unersetzliche Rolle einer marxistischen Partei bei der Bereitstellung einer revolutionären Führung für diesen Kampf. Ohne sie kann er nicht erfolgreich sein.
Leo Trotzki warnte in seinem meisterhaften Buch Wohin geht Großbritannien?, in dem er gegen die stalinistische Politik kämpfte, im Vorfeld des Streiks zu Recht, dass die Kommunistische Partei in Großbritannien „die Führung der Arbeiterklasse nur insoweit übernehmen könne, wie sie in einen unversöhnlichen Konflikt mit der konservativen Bürokratie in den Gewerkschaften und der Labour-Partei trete“.
Sie könne sich „auf die führende Rolle nur durch eine schonungslose Kritik an der gesamten Führungsriege der britischen Arbeiterbewegung“ vorbereiten, und „nur durch die tägliche Entlarvung ihrer konservativen, antiproletarischen, imperialistischen, monarchistischen und lakaienhaften Rolle in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und der Klassenbewegung“ (aus dem Englischen).
Trotzkis Ideen sind der unverzichtbare Leitfaden für die kommenden entscheidenden Schlachten unserer Zeit.
Indem Arbeiter in Großbritannien sich dem Trotzkismus zuwenden, den das Internationale Komitee der Vierten Internationale und die Socialist Equality Party verkörpern, werden sie die Höhen von 1926 erreichen und übertreffen und der blutigen Herrschaft des britischen Imperialismus ein für alle Mal ein Ende setzen.
