Seit Ende Mai erlebt Albanien die größte Protestbewegung seit dem Ende des stalinistischen Regimes Anfang der 1990er Jahre. Was als lokaler Widerstand einiger Anwohner und Umweltschützer an der südlichen Adriaküste begann, hat sich binnen weniger Wochen zu landesweiten Massendemonstrationen ausgeweitet, die sich gegen die rechte Regierung von Ministerpräsident Edi Rama, gegen die grassierende Korruption und gegen den Ausverkauf des Landes an reiche in- und ausländische Investoren richten. Am 20. Juni gingen in der Hauptstadt Tirana nach Schätzungen albanischer Medien mehr als 250.000 Menschen auf die Straße. Am 27. Juni fanden erneut Massenproteste statt.
Unmittelbarer Anlass der Proteste ist ein Tourismusprojekt von rund 1,4 Milliarden Euro auf der unbewohnten Insel Sazan und an der Küste bei Zvërnec, angrenzend an die Lagune von Narta. Geplant sind dort Hotels, Villen, Apartments und ein Jachthafen. Hauptinvestor ist der US-amerikanische Geschäftsmann Jared Kushner, Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump. Kushner und Trumps Tochter Ivanka hatten die Insel nach eigenen Angaben bei einer Bootsfahrt „entdeckt“ und beschlossen, sie zu kaufen.
Die Lagune von Narta gehört zu den artenreichsten und letzten weitgehend unberührten Küstenökosystemen des Mittelmeers. Sie ist Rastplatz für rund 200 Vogelarten, darunter Flamingos, die zum Symbol der Bewegung wurden.
Die Regierung verlieh dem Vorhaben den Status einer „strategischen Investition“ und genehmigte damit die Bebauung eines geschützten Naturgebiets. Am 23. Mai begannen im Dorf Zvërnec die ersten Proteste, nachdem die Küste abgesperrt worden war. Als am 30. Mai privates Sicherheitspersonal Demonstranten angriff und die anwesende Polizei nicht eingriff, schlug die lokale Auseinandersetzung in eine landesweite Bewegung um. Einen Tag später erreichten die Proteste Tirana, wo sich die Demonstrationen seither auf den zentralen Skanderbeg-Platz und das Büro des Ministerpräsidenten konzentrieren. Weitere Kundgebungen folgten im Kosovo und auch in anderen europäischen Städten.
Die Proteste richten sich gleichermaßen gegen die skrupellosen US-Investoren wie gegen die albanische politische Klasse, die korrupt bis ins Mark ist und nicht selten offen kriminell agiert. Offiziell werden die Proteste von keiner Partei getragen. Kleinere Parteien wie Movement Together (Lëvizja Bashkë), ein Sammelbecken pseudolinker und EU-freundlicher Kräfte, versuchen, aus der weitverbreiteten Ablehnung gegen die etablierten Parteien Kapital zu schlagen.
Parteien jeder Couleur haben die soziale Lage in den letzten Jahrzehnten immer weiter verschlimmert und ein tiefes Misstrauen gegen den offiziellen Politikbetrieb erzeugt. Die Oppositionsparteien können von dem Protest gegen Rama nicht profitieren. Der frühere Ministerpräsident Sali Berisha hatte das Resort-Projekt zunächst ausdrücklich unterstützt und sich erst dagegen ausgesprochen, nachdem die Proteste immer größer wurden. Daher wird er von vielen – berechtigterweise – als Komplize Ramas wahrgenommen.
Besonders junge Menschen beteiligen sich an den Protesten. Wie schon bei den sogenannten Gen-Z-Protesten in zahlreichen anderen Ländern ist vor allem die junge Generation mit einer sozialen, politischen und ökonomischen Katastrophe konfrontiert.
Die Wut über ein geplantes Luxusresort für die Oligarchen-Familie des Gangsters aus dem Weißen Haus ist mittlerweile zum Ausdruck der tiefen sozialen Gegensätze geworden. Albanien zählt nach wie vor zu den ärmsten Ländern Europas. Mehr als ein Fünftel der Bevölkerung gilt offiziell als arm. Zum 1. Januar dieses Jahres hob die Regierung den monatlichen Mindestlohn um ein Viertel auf umgerechnet 520 Euro an – was zeigt, wie niedrig das Lohnniveau zuvor war. Die offizielle Arbeitslosenquote lag im dritten Quartal 2025 bei rund 8 Prozent, unter jungen Menschen jedoch fast doppelt so hoch. Dabei spiegeln diese offiziellen Zahlen die Realität kaum wider.
Die Folge ist eine seit vielen Jahren anhaltende Massenauswanderung vor allem qualifizierter und junger Arbeitskräfte, die selbst Regierung und EU-Kommission inzwischen als Wachstumsbremse bezeichnen. Während die Jugend das Land verlässt, wird die Wirtschaft mehr und mehr auf den Tourismus ausgerichtet, der schon jetzt mehr als ein Viertel der Wirtschaftsleistung erbringt. 2025 zählte das Land rund 15 Millionen ausländische Gäste und Einnahmen von etwa 5 Milliarden Euro. Dieses Modell verwandelt die Küste in eine Ware. Strände, Buchten und Naturschutzgebiete werden an Investoren vergeben, während die Bevölkerung von den Profiten ausgeschlossen und – wie in Zvërnec – buchstäblich vom eigenen Strand ausgesperrt wird.
Die regierende Sozialistische Partei Ramas, seit 2013 an der Macht und 2025 zum vierten Mal in Folge im Amt bestätigt, betreibt diese Politik im Namen ausländischer Direktinvestitionen und der EU-Integration. Hinter den Vorwürfen der „Korruption“ und „Intransparenz“ steht ein System, in dem öffentliche Güter privatisiert und an einheimische Oligarchen sowie an internationale Investoren verschoben werden.
Rama verteidigte das Projekt als wichtige Auslandsinvestition, spielte die Größe der Proteste herunter und denunzierte Teile der Bewegung als „hybriden Krieg“, von Desinformation und ausländischen Interessen gesteuert. Gegen 15 Demonstranten wurde ein Strafverfahren eingeleitet, drei Personen wurden festgenommen.
Am 3. Juni sperrte die Polizei Zugangsstraßen in die Hauptstadt, um Proteste zu unterbinden. Unter dem Vorwand, Sicherheitsvorkehrungen für ein Fußballspiel zu treffen, setzte die Polizei Wasserwerfer gegen friedliche Demonstranten ein, die teilweise mit Kindern vor Ort waren. Doch die Einschüchterung ging nicht auf. Am nächsten Tag versammelten sich noch mehr Menschen zum Protest.
Rama steht unter enormem Druck, marktwirtschaftliche Reformen und Privatisierungen in Rekordtempo durchzusetzen, um den angestrebten EU-Beitritt des Landes bis 2030 zu ermöglichen. Der Ministerpräsident bezeichnete sich jüngst als „EU-Fanatiker“. Daher verwundert es kaum, dass die EU-Kommission das Bauprojekt unterstützte und lapidar erklärte, die albanische Regierung habe eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt.
Die „Flamingo-Revolution“ selbst ist dabei kein isoliertes Ereignis, sondern Teil einer Reihe von Protesten, die die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens und Teile des Balkans erfasst haben.
In Serbien löste der Einsturz des frisch renovierten Bahnhofsvordachs in Novi Sad im November 2024, bei dem 16 Menschen starben, die größte Protestbewegung seit Jahrzehnten aus. Studentisch geführte Demonstrationen erfassten Hunderte Städte; am 15. März 2025 versammelten sich allein in Belgrad über 300.000 Menschen. Im Zentrum der Kritik standen das Klientelsystem von Präsident Aleksandar Vučić, undurchsichtige Großprojekte wie die „Belgrade Waterfront“ und Rohstoffdeals mit Konzernen wie Rio Tinto. Am 27. Juni 2026 kündigte Vučić seinen Rücktritt und vorgezogene Neuwahlen an, um seinem Sturz zuvorzukommen.
In Nordmazedonien kamen im März letzten Jahres beim Brand eines illegal betriebenen Nachtclubs in Kočani 59 überwiegend junge Menschen ums Leben, fast 200 wurden verletzt. Die Betriebslizenz war durch Bestechung erteilt worden. Tausende demonstrierten in Skopje und Kočani unter dem Motto „Wer ist der Nächste?“. In Bosnien-Herzegowina protestierten in der Hauptstadt Sarajevo Tausende mehrere Tage lang. Auslöser war ein Straßenbahnunfall, bei dem ein Mensch getötet wurde. Anschließend kochte die Wut über die marode Infrastruktur, mangelnde Sicherheitsvorkehrungen und die Gleichgültigkeit der korrupten Eliten über.
Die albanische Protestbewegung bringt eine berechtigte und tiefe soziale Wut zum Ausdruck. Doch um eine Besserung der immer unerträglicheren Lebensbedingungen zu erreichen, ist die politische Mobilisierung breiter Schichten auf der Basis eines internationalen, sozialistischen Programms erforderlich. Die Verteidigung der Natur, öffentlicher Güter und sozialer Rechte erfordert die Enteignung der kapitalistischen Oligarchen, den Sturz ihrer politischen Handlanger sowie die Vereinigung der Arbeiter und Jugendlichen auf dem Balkan, in ganz Europa und weltweit.
