Diese Rede hielt Keith Jones, der nationale Sekretär der Socialist Equality Party (Kanada), bei der Online-Kundgebung zum 1. Mai 2026, die von der WSWS und dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale organisiert wurde.
Kanadas liberale Regierung zeichnete sich zu Beginn des Irankriegs dadurch aus, dass sie den illegalen, unprovozierten Angriff des US-Imperialismus uneingeschränkt unterstützte. Nur wenige Stunden, nachdem die ersten Bomben auf den Iran niedergegangen waren, beeilte sich Premierminister Mark Carney, Trumps lügnerische Rechtfertigung zu wiederholen, und bezeichnete den Iran als Bedrohung für den Frieden im gesamten Nahen Osten.
Die Komplizenschaft des kanadischen Imperialismus an diesem verbrecherischen Krieg hat in den vergangenen neun Wochen nur noch zugenommen. Ottawa versucht seit langem, seine räuberischen Handlungen und Ambitionen hinter der Rhetorik von „Menschenrechten“ und „Völkerrecht“ zu verbergen. Allerdings wahrt Kanada zu den massiven Kriegsverbrechen der USA und ihrer israelischen Handlanger ein auffälliges Stillschweigen. Trump droht damit, die iranische Zivilisation auszulöschen, und lässt Krankenhäuser und Wohnviertel nach dem Vorbild von Gaza bombardieren – aber die kanadische Regierung verurteilt jeden Schritt des Iran zur Selbstverteidigung.
Wie die europäischen Imperialisten unterstützt auch Kanada Washingtons Bestreben, dem Iran wieder jene Art neokolonialer Unterwerfung aufzuzwingen, die er unter dem Schah erdulden musste. Ottawas Vorbehalte betreffen lediglich die Art und Weise der Kriegsführung – angefangen bei Washingtons Ausschluss seiner NATO-Verbündeten aus der Planung und Durchführung des Krieges.
Obwohl der Krieg weltweit wirtschaftliche Verwüstungen anrichtet, arbeitet die Carney-Regierung mit Deutschland, Frankreich und Großbritannien zusammen, um gleichzeitig den von der NATO provozierten Krieg der Ukraine gegen Russland zu verschärfen. Kanada, das Russland als Rivalen um die Rohstoffreichtümer der Arktis betrachtet, ist seit 75 Jahren mit der ukrainischen extremen Rechten verbündet. Es hat der Ukraine seit 2022 pro Kopf mehr Waffen und Geld zur Verfügung gestellt als jeder andere G7-Staat. Es ist ein führendes Mitglied der von Berlin, London und Paris zusammengeschusterten „Koalition der Willigen“, die verhindern soll, dass Trump auf Kosten der anderen NATO-Mächte ein Abkommen mit Putin schließt.
Trumps rasendes Bestreben, unter dem Motto „America First“ die globale imperialistische Hegemonie der USA wiederzubeleben, hat Kanada kalt erwischt. Da die USA alle wirtschaftlichen und geostrategischen Beziehungen zu den ehemaligen imperialistischen Verbündeten in Frage stellen, sieht sich Kanada einer Flut von Zöllen und Drohungen des faschistischen US-Präsidenten gegenüber, der das Land mit wirtschaftlicher Gewalt zum 51. Bundesstaat der USA machen will. Als Reaktion darauf hat Kanada seine Vorbereitungen auf einen Weltkrieg drastisch beschleunigt und den Klassenkampf mit Angriffen auf die sozialen und demokratischen Rechte der Arbeiter verschärft.
Unter Carney, dem ehemaligen Zentralbanker und Top-Manager, der im März 2025 Justin Trudeau als Premierminister ablöste, wurde die liberale Bundesregierung im Sinne eines dramatischen Rechtsrucks umstrukturiert. Kernstück dieses Wandels ist die Neuausrichtung des kanadischen Kapitalismus auf einen Weltkrieg.
Innerhalb weniger Wochen nach seinem Amtsantritt erhöhte Carney die Militärausgaben für 2025–2026 um 17 Prozent. Seitdem hat sich die Regierung dazu verpflichtet, den Verteidigungshaushalt bis 2035 auf über 150 Milliarden Dollar pro Jahr zu verdreifachen. Sie gab grünes Licht für einen Plan zur Schaffung einer neuen, 300.000 Mann starken Reserve und stellte den Aufbau der militärisch-industriellen Basis des Landes in den Mittelpunkt ihrer Wirtschaftsstrategie.
Aufrüstung und Krieg sollen durch die Aushöhlung der verbleibenden öffentlichen Dienste und sozialen Sicherungssysteme finanziert werden. Um diese Angriffe durchzusetzen, greift die herrschende Klasse auf autoritäre Herrschaftsmethoden zurück: Sie schränkt das Streikrecht systematisch ein und fördert rechtsextreme Kräfte, unter anderem durch die Normalisierung von ausländerfeindlicher Hetze.
Im Januar hielt Carney auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos eine Rede, die in den herrschenden Kreisen international viel Beachtung fand. In dieser Ansprache räumte er ein, dass die von den USA angeführte globale kapitalistische Ordnung zusammengebrochen sei, und rief zu einem Bündnis der kleineren imperialistischen Mächte auf, um Trump entgegenzutreten. Die Medien berichteten überschwänglich, übergingen aber dabei die Ankündigung Carneys, dass der kanadische Imperialismus – um es mit seinen Worten zu sagen – nicht „auf der Speisekarte“ stehen werde, sondern sich stattdessen einen Platz am Tisch in der neuen Ära globaler strategischer Konflikte sichern werde.
Im Grunde verkündete Carney, dass die kanadische herrschende Klasse entschlossen sei, in dem neuen imperialistischen Bestreben, die Welt neu aufzuteilen, Jäger – nicht Gejagter – zu sein. Genau so war es schon in den beiden imperialistischen Weltkriegen des letzten Jahrhunderts. Der Platz, von dem Carney spricht – was die führenden Vertreter und Strategen der kanadischen herrschenden Klasse wiederholt zitierten –, ist ein Platz am imperialistischen Hochtisch, an dem die Beute aus Aggression und Krieg aufgeteilt wird.
Seit dem ersten Golfkrieg 1990–1991 führen die Vereinigten Staaten ununterbrochen Krieg. Gestützt auf ein marxistisches Verständnis der Widersprüche des US- und des Weltimperialismus analysiert David North die Militärinterventionen und geopolitischen Krisen der letzten 30 Jahre.
Wie die Socialist Equality Party und die World Socialist Web Site erklärt haben, stellt sich die kanadische herrschende Klasse nur insofern gegen Trump, als sie ihr „souveränes“ Recht auf den Löwenanteil der Profite aus der Ausbeutung kanadischer Arbeiter und der Ressourcen des Landes verteidigen will.
Die Arbeiter in Kanada haben allen Grund, Trump und alles, wofür er steht – Krieg, Oligarchie, Diktatur – abzulehnen. Doch wird ihnen dies nur gelingen, wenn sie sich gegen alle rivalisierenden Fraktionen der kanadischen Bourgeoisie und all ihre politischen Vertreter stellen – von den MAGA-freundlichen Separatisten in Alberta und den Ethno-Chauvinisten der Parti Québécois bis hin zur Carney-Regierung und den patriotischen, immer lauter den Krieg befürwortenden Gewerkschaftsbürokraten. Sie müssen ihre Kämpfe mit denen der Arbeiter in den Vereinigten Staaten, Mexiko und auf der ganzen Welt vereinen und für Arbeitermacht und Sozialismus kämpfen.
Der Kampf der Arbeiterklasse für den sozialistischen Internationalismus ist in erster Linie ein Kampf gegen die korporatistischen Gewerkschaftsapparate, ihre Verbündeten in der sozialdemokratischen NDP und deren pseudolinke Befürworter und Verteidiger. Jahrelang haben diese Kräfte rechtsgerichtete liberale Minderheitsregierungen gestützt und behauptet, diese seien eine progressive Alternative zu den Konservativen. Gleichzeitig haben sie die Kämpfe der Arbeiterklasse, auch eine massive Streikwelle von 2022 bis 2024, systematisch unterdrückt.
Heute agitieren sie für die „nationale Einheit“ im Zollkrieg gegen die USA. Im sich anbahnenden Weltkrieg schüren sie den kanadischen und Quebec-Nationalismus. Damit spalten sie systematisch die kanadischen Arbeiter von ihren Klassenbrüdern und -schwestern in ganz Nordamerika und weltweit und verschaffen der herrschenden Klasse gleichzeitig die politische Deckung und Unterstützung, die sie für ihre Agenda der Sparmaßnahmen und des Kriegs benötigt.
In der Erkenntnis, dass die Arbeiterklasse auf Konfrontationskurs mit der Carney-Regierung ist, versuchen Teile der Gewerkschaftsbürokratie und der Pseudolinken heute, die NDP unter ihrem neuen Bundesvorsitzenden, dem selbsternannten „linken Populisten“ und glühenden kanadischen Nationalisten Avi Lewis, neu zu positionieren. Das ist ein erbärmlicher Betrug, der darauf abzielt, die Arbeiterklasse in den Grenzen der Establishment-Politik gefangen zu halten. Lewis spielt sich als Kriegsgegner auf, lobte jedoch Carneys Rede in Davos und unterstützt Kanadas führende Rolle im Krieg gegen Russland. Er verurteilt den Krieg gegen den Iran, arbeitet aber mit der Gewerkschaftsbürokratie zusammen, um die Mobilisierung der Arbeiterklasse gegen den Krieg zu blockieren. Und er verbreitet die Lüge, der kanadische Imperialismus könne in der Weltpolitik eine friedensstiftende Kraft sein.
An diesem 1. Mai 2026 muss der sozialistische, internationalistische Schlachtruf „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ lauter denn je durch die Welt hallen. Nur das vereinte revolutionäre Handeln der internationalen Arbeiterklasse kann den sich entwickelnden Weltkrieg stoppen, die faschistische Bedrohung besiegen und den Reichtum der Gesellschaft in den Dienst der gesamten Menschheit stellen.
