Nachdem die Entlassung des ukrainischen Verteidigungsministers Mychailo Fedorow tagelange Proteste ausgelöst hatte, entließ Präsident Wolodymyr Selenskyj am Dienstag auch Fedorows größten Rivalen, Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj. Als Nachfolger ernannte er Mychailo Drapatyj, der als Verbündeter Fedorows gilt. Fedorow begrüßte Drapatyjs Ernennung als „frischen Wind“, der „neue Hoffnung“ bringe.
Mit Drapatyj hat Selenskyj bereits zum zweiten Mal in etwas mehr als zwei Jahren einen neuen Oberbefehlshaber ernannt. Anfang 2024 hatte er Walerij Saluschnyj entlassen, einen Bewunderer des ukrainischen Faschisten Stepan Bandera, der sowohl in der rechtsextremen Szene des Landes als auch in Washington, Berlin und London hervorragend vernetzt war. Saluschnyj ist mittlerweile ukrainischer Botschafter im Vereinigten Königreich.
Saluschnyjs Nachfolger Syrskyj wurde von Selenskyj nach tagelangen Protesten in Kiew und anderen großen Städten der Ukraine entlassen, die von Pro-Kriegs-Veteranen und Teilen des Kleinbürgertums dominiert waren. Syrskyjs Absetzung war eine der Hauptforderungen der Demonstranten. Zudem ist so gut wie sicher, dass führende NATO-Vertreter diese Forderung hinter verschlossenen Türen erhoben haben. Der Guardian schrieb, Fedorows Entlassung habe europäische Regierungsvertreter „aufgeschreckt“. Sie stieß zudem auf Kritik einflussreicher ukrainischer Politiker wie Witali Klitschko, der eine wichtige Rolle bei dem vom Westen unterstützten Putsch in Kiew 2014 gespielt hatte. Laut der Financial Times hatte Selenskyj versucht, Fedorow zu überzeugen, seinem Kabinett in anderer Funktion erneut beizutreten. Bislang hat Fedorow diese Vorschläge jedoch abgelehnt und beharrt darauf, nur als Verteidigungsminister zurückzukehren.
Im Konflikt zwischen Fedorow und Syrskyj stellten sich die westlichen Medien eindeutig auf Fedorows Seite. Der Guardian, die Financial Times und andere stellten Syrskyj als Vertreter der „alten Garde“ innerhalb des ukrainischen Militärs dar, dessen Methoden und Vorstellungen von Kriegsführung noch aus Sowjetzeiten stammen. Der 35-jährige Fedorow hingegen wurde von der New York Times als „Mastermind der ukrainischen Drohnenkriegsführung“ gefeiert. Die New York Times deutete an, der Konflikt zwischen Syrskyj und Fedorow sei eskaliert, nachdem Letzterer den Kauf von Artilleriemunition zugunsten von Drohnen unterband.
Drapatyj gilt allgemein als Befürworter von Fedorows Art der Kriegsführung, die auf den zunehmenden Einsatz von Langstreckendrohnen setzt, um Infrastruktur und zivile Ziele tief im russischen Staatsgebiet anzugreifen.
Laut Kiew hat die Zahl dieser Angriffe mit Langstreckendrohnen in den letzten Monaten drastisch auf durchschnittlich 300 bis 350 pro Tag zugenommen. Sie wurden ermöglicht durch KI-gestützte Angriffsdrohnen des Typs Hornet. Mit einem Preis von 5.000 Dollar pro Stück sind sie deutlich billiger als konventionelle Raketen, können aber fünf Kilogramm Sprengstoff etwa 200 Kilometer weit befördern. Das Hornet-System wurde von dem US-Rüstungskonzern Swift Beat entwickelt und von diesem vermarktet. Besitzer des Unternehmens ist der ehemalige Google-Vorstandschef Eric Schmidt, der seit langem enge Beziehungen zu US-Geheimdiensten, der Demokratischen Partei und dem militärisch-industriellen Komplex unterhält. Laut einem Bericht von Defense News war Schmidt persönlich an der Entwicklung des Hornet-Systems beteiligt.
Dass die USA Drapatyj favorisierten, verdeutlichte die Aussage von Rob Lee, einem Senior Fellow der Denkfabrik Foreign Policy Research Institute aus Washington, D.C., vor der Ernennung: „Angesichts seiner Erfahrung, seines Rufs und seines Eintretens für Reformen wäre Drapatyj eine exzellente Wahl als Oberbefehlshaber der Streitkräfte.“ Auf der Instagram-Seite des Rechten Sektors, einer der einflussreichsten Neonazi-Organisationen der Ukraine, die auch im Militär eine große Anhängerschaft hat, wurde Drapatyjs Ernennung ebenfalls unterstützt.
Drapatyjs Aufstieg innerhalb des ukrainischen Militärs ist untrennbar mit dem von der NATO unterstützten Krieg gegen Russland verbunden. Sein erster großer Einsatz war im Jahr 2014, nachdem der Putsch in Kiew und die Annektierung der Krim einen Bürgerkrieg in der Ostukraine ausgelöst hatten. Im Rahmen der so genannten „Antiterror-Operation“ war Drapatyj in den Donbass geschickt worden, um die Unterdrückung pro-russischer Separatisten zu leiten. Nach Abschluss seines Studiums an der Nationalen Verteidigungsuniversität der Ukraine im Jahr 2021 wurde er als bester Absolvent mit dem „Übergangsschwert der Königin von Großbritannien“ ausgezeichnet.
In den darauf folgenden Jahren stieg Drapatyj im Militär weiter auf. Er war stellvertretender Generalstabschef und Befehlshaber der ukrainischen Bodentruppen. In dieser Funktion spielte er eine zentrale Rolle bei der ukrainischen Invasion der russischen Region Kursk. Diese endete in einem militärischen Debakel, und Drapatyj musste als Befehlshaber der Infanterie zurücktreten. Dieser Teil seiner Biografie wurde in der westlichen Berichterstattung geflissentlich übergangen. Dennoch verdeutlicht sein Engagement seine Verbundenheit mit den Teilen des ukrainischen Militärs und Staatsapparats, die für eine aggressive Ausweitung der Militärschläge gegen zivile Infrastruktur und Energieanlagen der Russischen Föderation eintritt, sei es durch Drohnen oder Bodentruppen.
Die Angriffe richteten sich vor allem gegen Ölraffinerien, was in Russland, einem der größten Ölförderer der Welt, eine schwere Treibstoffknappheit auslöste. Anfang dieser Woche begann die russische Regierung offiziell mit Ölimporten, um dem Kraftstoffmangel zu begegnen, der Tausende von Menschen dazu gezwungen hatte, stunden- oder gar tagelang Schlange zu stehen. Fedorow spielte außerdem eine wichtige Rolle bei den jüngsten Angriffen auf die Infrastruktur der Krim, die zu massiven Stromausfällen und Treibstoffknappheit geführt haben. Diese Angriffe richten sich zunehmend auch ganz offen gegen zivile und allgemeine wirtschaftliche Infrastruktur.
Seit dem ersten Golfkrieg 1990–1991 führen die Vereinigten Staaten ununterbrochen Krieg. Gestützt auf ein marxistisches Verständnis der Widersprüche des US- und des Weltimperialismus analysiert David North die Militärinterventionen und geopolitischen Krisen der letzten 30 Jahre.
Am Wochenende wurden bei Drohnenangriffen auf Lagerhäuser des russischen Onlinehändlers Wildberries mindestens sieben Arbeiter getötet und Dutzende verletzt. Viele der Arbeiter saßen in dem Lagerhaus fest, als es von Drohnen getroffen wurde und in Brand geriet. Wildberries liefert, ähnlich wie Amazon, Haushaltswaren, Kleidung und andere Waren an Millionen von Haushalten, aber auch an russische Soldaten an der Front.
In den zwei Tagen seit Drapatyjs Ernennung hat die Ukraine ihre Angriffe auf Ziele innerhalb Russlands fortgesetzt.
Am Mittwoch traf eine Drohne ein weiteres Lagerhaus von Wildberries. Laut dem pro-westlichen russischen Medium Medusa wurden bisher zehn Prozent der Lagerkapazitäten von Wildberries – einschließlich der dort gelagerten Waren – durch ukrainische Drohnen zerstört. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow gab, was selten vorkommt, das Ausmaß der ukrainischen Drohnenangriffe auf die russische Wirtschaft zu: „Die Situation ist tatsächlich schwierig aufgrund der Verluste, die sowohl das Unternehmen [Wildberries] selbst, als auch Vertreter kleiner und mittelständischer Unternehmen“, deren Waren zerstört wurden, „erlitten haben.“
Der Kreml hat keine Zahlen über die steigende Zahl der Toten dieser Angriffe veröffentlicht. Doch russischen Berichten zufolge ist davon auszugehen, dass in diesem Jahr Hunderte von Zivilisten ums Leben gekommen sind, wenn nicht sogar mehr. Alleine in der Nacht vom 22. auf den 23. Juli wurden achtzehn Regionen in Russland durch Drohnenangriffe getroffen. Mindestens zwei Menschen starben bei Drohnenangriffen auf die Krim, in der Region Woronesch wurde ein dreijähriges Kind getötet und in der Region Belgorod ein Mann. Ebenfalls am Mittwoch, dem 22. Juli, starben in einem Krankenhaus in der Region Krasnodar zwei Personen an Verletzungen durch Drohnenangriffe, darunter ein junges Mädchen.
Neben der wachsenden Zahl ziviler Todesopfer auf russischer Seite sind ukrainische Drohnen mittlerweile auch für den mit Abstand größten Teil der russischen Opfer auf dem Schlachtfeld verantwortlich. Russland reagierte darauf mit einer Verstärkung der Raketen- und Drohnenangriffe auf die Ukraine. Am Donnerstag attackierte Russland die Hafeninfrastruktur und Drohnenfabriken in Odessa. Laut dem Menschenrechtsbüro der Vereinten Nationen wurden in den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 in der Ukraine 1.396 Zivilisten getötet, 37 Prozent mehr als in der ersten Hälfte des Jahres 2025.
