Die Aktualität von Felix Morrows „Revolution und Konterrevolution in Spanien“

Felix Morrows Revolution und Konterrevolution in Spanien sei eines der ältesten, aber auch eines der aktuellsten Bücher über den Spanischen Bürgerkrieg, sagte Peter Schwarz, Redaktionsmitglied der WSWS, auf einem Symposium in Berlin.

Es schildere nicht nur meisterhaft die Ereignisse, sondern analysiere sie auch vom marxistischen Standpunkt: „Der Spanische Bürgerkrieg bleibt so kein Ereignis der Vergangenheit, sondern wird zur strategischen Erfahrung der internationalen Arbeiterklasse, die für heute, wo faschistische Bewegungen wieder überall ihr Haupt erheben, wichtige Lehren enthält.“

Der Mehring Verlag, der Morrows Buch 2020 neu aufgelegt hat, war eingeladen worden, es auf einem zweitägigen Symposium am 18./19. Juli vorzustellen, welches das Münzenbergforum, der Verein „Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936–1939“ und die Rosa-Luxemburg-Stiftung zum 90. Jahrestags des Kriegsbeginns in Berlin durchführten. Schwarz vollständigen Beitrag geben wir hier als Video wieder.

Buchvorstellung in Berlin: Felix Morrows Buch „Revolution und Konterrevolution in Spanien“, 18. Juli 2026

Schwarz erläuterte kurz die Entstehung des Buches, das parallel zu den Ereignissen geschrieben wurde. Morrow war damals ein führendes Mitglied der Socialist Workers Party (SWP), der trotzkistischen Partei in den USA, die eng mit Leo Trotzki zusammenarbeitete. Trotzki erhielt im Januar 1937, kurz nach Beginn des Spanischen Bürgerkriegs, politisches Asyl in Mexiko, wo er sich frei äußern konnte und selbst zahlreiche Artikel, Briefe und Analysen zum Spanischen Bürgerkrieg verfasste. Morrows Buch war gewissermaßen ein kollektives Werk der Vierten Internationale.

„Marx betrachtete die Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen,“ sagte Schwarz. „So geht auch Morrow vor. Er lässt sich nicht von hohlen Etiketten blenden – ‚Republik‘, ‚Demokratie‘, ‚Volksfront‘. Er beurteilt die Akteure nicht nach dem, was sie selbst von sich behaupten. Er blickt hinter die Etiketten und untersucht die gesellschaftlichen Klassen und Interessen, die in unversöhnlichem Konflikt aufeinanderprallen.“

„Der Faschismus – in Spanien verkörpert durch General Franco – war kein Betriebsunfall“, betonte Schwarz. „Er war das Ergebnis der ausweglosen Krise des Kapitalismus, in der die Bourgeoisie keine sozialen Zugeständnisse mehr machen und ihre Herrschaft nur aufrechterhalten konnte, indem sie die Arbeiterbewegung zerschlug.“ Er zitierte aus dem Kapitel „Warum die Faschisten revoltierten“:

Francos Programm ist in den Grundzügen mit dem Mussolinis und Hitlers identisch. …

Faschismus ist jene besondere Form der kapitalistischen Herrschaft, zu der die Bourgeoisie schließlich Zuflucht nimmt, wenn das Weiterbestehen des Kapitalismus mit der Existenz von organisierten Arbeitern unvereinbar ist. Man greift auf den Faschismus zurück, wenn die Konzessionen … für die kapitalistischen Herrscher eine unerträgliche Last werden, folglich für die weitere Existenz des Kapitalismus unerträglich sind. An diesem Punkt gibt es für die Arbeiterklasse nur eine erbarmungslose Alternative: entweder Faschismus oder Sozialismus.

An diesem Punkt war der spanische Kapitalismus angekommen, als Franco putschte. (S. 129, 131)

Cover von Felix Morrows Buch

Francos faschistischem Aufstand vom 17. Juli 1936 waren fünf Jahre erbitterte Klassenkämpfe vorausgegangen, die zum Sturz der Monarchie, wiederholten Aufständen und blutigen Massakern an Arbeitern und Bauern geführt hatten. Die Weltwirtschaftskrise hatte die sozialen Spannungen weiter verschärft. Im April 1936, nach dem Wahlsieg der Volksfront in Spanien und Frankreich, entwickelte sich ausgehend von Madrid eine mächtige Streikwelle, die das ganze Land erfasste. An diesem Punkt gelangten die spanischen Kapitalisten zum Schluss, dass die Demokratie untragbar sei: „Franco putschte – und die Kapitalisten, die Großgrundbesitzer und die katholische Kirche stellten sich fast geschlossen hinter ihn“, so Schwarz.

Francos Erhebung habe nur zwei Alternativen gelassen: „Sieg des Faschismus oder Erhebung der Arbeiterklasse, die die Bauern um sich schart. Dazu brauchte sie aber ein Programm, dass die sozialen Bedürfnisse der Arbeiter und Bauern erfüllt: Enteignung des Großgrundbesitzes und Verteilung des Lands an die Bauern; Sturz des Kapitalismus und Arbeitermacht.“

Die Revolution, betonte Schwarz, sei nicht am mangelnden Kampfeswillen der spanischen Arbeiter gescheitert. Diese legten eine ungeheure Opferbereitschaft an den Tag. Rund 60.000 Freiwillige aus der ganzen Welt eilten ihnen zu Hilfe. „Wenn Franco trotzdem siegte, dann nicht wegen der mangelnden Kampfkraft der Arbeiter, sondern aufgrund des Versagens und Verrats ihrer Führer. Der entscheidende Mechanismus dabei war die Volksfront.“

Volksfront und stalinistischer Terror

Schwarz zitierte aus Trotzkis Artikel „Die Spanische Lehre – eine letzte Warnung“, der in die Neuauflage von Morrows Buch mit aufgenommen wurde. Trotzki fasst die Haltung der Volksfront-Befürworter folgendermaßen zusammen:

Nach Auffassung der Sozialisten und Stalinisten … sollte die spanische Revolution nur ihre „demokratischen“ Aufgaben lösen, und dazu sei Einheitsfront mit der „demokratischen“ Bourgeoisie erforderlich. Jeder Versuch des Proletariats, über den Rahmen der bürgerlichen Demokratie hinauszugehen, ist von diesem Gesichtspunkt aus gesehen nicht nur verfrüht, sondern auch verhängnisvoll. …

Die Forderung, nicht über die Grenzen der bürgerlichen Demokratie hinauszugehen, bedeutet in Wirklichkeit nicht eine Verteidigung der demokratischen Revolution, sondern Verzicht auf sie. Nur durch Umwälzung der Bodenverhältnisse könnte man die Bauern, die Hauptmasse der Bevölkerung, zu einem mächtigen Bollwerk gegen den Faschismus machen. Doch die Grundbesitzer sind durch unlösliche Bande mit Finanz-, Handels-, Industriebourgeoisie und der von ihr abhängigen bürgerlichen Intelligenz verknüpft. Die Partei des Proletariats stand somit vor der notwendigen Wahl: mit den Bauernmassen oder mit der liberalen Bourgeoisie? (S. 15–16)

Sozialisten, Stalinisten – und auch die anarchosyndikalistische Gewerkschaft CNT und die zentristische POUM – entschieden sich für das Bündnis mit der liberalen Bourgeoisie. Oder korrekter – wie es Trotzki ausdrückte – mit dem „Schatten der Bourgeoisie“. Denn die überwiegende Mehrheit der Ausbeuter ging offen in Francos Lager über, während sie Azaña, Companys und andere bürgerliche Politiker, die an der Spitze von Volksfrontregierungen standen, benutzten, „um die sozialistische Bewegung der Massen auf dem ‚republikanischen‘ Gebiet zu paralysieren, zu zersetzen und dann auch abzuwürgen“.

„Paralysieren, zersetzen, abwürgen“, sagte Schwarz, sei keine Übertreibung, sondern wörtlich zu nehmen. „Wo immer revolutionäre Arbeiter die Initiative ergriffen, ging die republikanische Regierung gegen sie vor. Das erreichte im Mai 1937 in Barcelona den Höhepunkt, als die Zentralregierung mit dem Versuch, den Anarchisten die Kontrolle über die Telefonvermittlung zu entreißen, einen Aufstand auslöste und blutig niederschlug.“

Die POUM wurde anschließend verboten, ihr Führer, Andrès Nin, von den Stalinisten ermordet. Es war der Wendepunkt des Bürgerkriegs. Die Unterdrückung der Arbeiterklasse durch die republikanische Regierung ebnete Franco den Weg zum Sieg und zur Errichtung einer Diktatur, die fast 40 Jahre überdauerte.

Der Stalinismus spielte in der Volksfront die zentrale Rolle. Vertreter des stalinistischen Geheimdiensts NKWD verteidigten das bürgerliche republikanische Regime mit brutalsten Unterdrückungsmethoden, die Trotzki mit den Worten schildert:

Hetze gegen ‚Trotzkisten‘, POUMisten, revolutionäre Anarchisten und linke Sozialisten; schmutzige Verleumdung, gefälschte Dokumente, Folterungen in den stalinistischen Gefängnissen, Meuchelmorde; ohne all das hätte das bürgerliche Regime unter republikanischer Flagge keine zwei Monate standgehalten. (S. 23)

Das war kein „Fehler“, sondern eine gezielte Politik. Der Stalinismus hatte sich zur wichtigsten konterrevolutionären Kraft innerhalb der Arbeiterbewegung entwickelt.

Schwarz fasste kurz zusammen, wie das Stalin-Regime in den 1920er Jahren als Interessenvertreter einer privilegierten Bürokratie die Macht usurpiert, die Perspektive der sozialistischen Weltrevolution zurückgewiesen und die Linke Opposition unterdrückt hatte und wie sie schließlich einen „politischen Völkermord“ verübte, der eine ganze Generation marxistischer Revolutionäre, ergebener Sozialisten, fähiger Ingenieure, Wissenschaftler und Offiziere der Roten Armee auslöschte. Die Zahl der Opfer des Großen Terrors der Jahre 1937 und 1938 wird auf über eine Million geschätzt.

„Man kann die Volksfrontpolitik und den Großen Terror nicht voneinander trennen,“ betonte Schwarz. „Es sind zwei Seiten ein- und derselben Medaille. Die stalinistischen Herrscher waren zum Schluss gelangt, dass jede revolutionäre Erhebung irgendwo auf der Welt ihre eigene privilegierte Herrschaft erschüttern würde, und suchten ihr Heil in Bündnissen mit den ‚demokratischen‘ imperialistischen Mächten und, als diese Illusion mit dem Münchener Abkommen platzte, im Bündnis mit Hitler.“

Die Verteidigung der bürgerlichen Herrschaft in der Todeskrise des Kapitalismus verlangte die rücksichtslose Unterdrückung jeder Form von sozialer und politischer Opposition. Die „demokratische“ bürgerliche Herrschaft konnte unter diesen Bedingungen nur dem Faschismus den Weg bereiten, indem sie die Arbeiterklasse lähmte, entwaffnete und unterdrückte. Genau das geschah in Spanien.

CNT und POUM

Schwarz ging auch auf die Rolle der anarchosyndikalistischen CNT und der POUM ein, ohne deren Verständnis man die Lehren aus Spanien nicht ziehen kann: „Indem sie sich der Volksfront anschlossen, spielten sie eine zentrale Rolle dabei, die Revolution zu unterdrücken.“

Erneut zitierte Schwarz Trotzki, der den Anarchisten vorwarf, dass sie „alles, was jenseits der Gewerkschaftsgrenzen in den Massen, in den politischen Parteien und im Staatsapparat vor sich ging, ignorierten“:

Wären die Anarchisten Revolutionäre gewesen, so hätten sie vor allem zur Bildung von Sowjets aufgerufen, in denen sich Vertreter aller Werktätigen von Stadt und Land versammeln, darunter auch die unterdrücktesten Schichten, die niemals den Gewerkschaften angehörten. In diesen Sowjets hätten die revolutionären Arbeiter natürlich die dominierende Stellung innegehabt. Die Stalinisten wären eine winzige Minderheit gewesen. Das Proletariat wäre sich seiner unüberwindlichen Kraft bewusst geworden. Der bürgerliche Staatsapparat hätte in der Luft gehangen. Ein starker Hieb würde genügt haben, um diesen Apparat vollends zu zertrümmern. …

Stattdessen erwiesen sich die Anarchosyndikalisten, die sich vor der „Politik“ in die Gewerkschaften verkriechen wollten, zum großen Erstaunen aller Welt und ihrer selbst als fünftes Rad am Wagen der bürgerlichen Demokratie. Nicht lange: Ein fünftes Rad braucht niemand. …

Da die Anarchisten das Ziel ablehnten, nämlich die Machteroberung, konnten sie letzten Endes auch nicht umhin, das Mittel abzulehnen, d.h. die Revolution. (S. 24–26)

Über die POUM schrieb Trotzki:

Politisch stand die POUM die ganze Zeit der Volksfront, deren linken Flügel sie deckte, viel näher als dem Bolschewismus. Wenn die POUM dennoch einer blutigen und gemeinen Repression zum Opfer fiel, so weil die Volksfront ihre Sendung, die sozialistische Revolution abzuwürgen, nicht anders erfüllen konnte als durch stückweises Abhauen ihres eigenen linken Flügels.

Trotz ihrer Absichten war die POUM letzten Endes das Haupthindernis auf dem Wege zur Schaffung einer revolutionären Partei. (S. 28)

Lehren für heute

Am Ende seines Beitrags ging Schwarz auf die aktuelle Bedeutung der Lehren aus Spanien ein. Die internationale Krise des Kapitalismus habe ein Ausmaß erreicht, das die Kapitalisten wieder in den Faschismus treibe, sagte er und führte als Beleg Trump, Meloni, Le Pen und das Anwachsen der AfD an.

Zwar habe sich seit dem Spanischen Bürgerkrieg vieles verändert. „Es gibt keine Arbeiterparteien mehr, die diesen Namen verdienen. Der Stalinismus ist kollabiert, die Sozialdemokratie ist eine rechte, bürgerliche Partei, die Gewerkschaften haben sich endgültig vom Klassenkampf verabschiedet. Sie bekennen sich zur Sozialpartnerschaft und organisieren in den Betrieben die Massenentlassungen und den Sozialabbau.“

Aber auch die Arbeiterklasse habe sich verändert: „Sie ist eine mächtige gesellschaftliche Kraft, so international, umfangreich und eng vernetzt wie nie zuvor. Im Weltmaßstab zählt sie Milliarden. Über die Hälfte der Menschheit leben inzwischen in Städten.“ Arbeiter würden immer offener damit konfrontiert, dass sie im Kapitalismus keine Zukunft hätten, da er ihnen außer Krieg, Unterdrückung, Armut und Arbeitslosigkeit nichts zu bieten habe.

„Eine winzige Oligarchie hat den gesamten Reichtum der Gesellschaft in ihren Händen konzentriert,“ betonte Schwarz. „Ein solches Ausmaß an sozialer Ungleichheit hat es noch nie gegeben. Und soziale Ungleichheit lässt sich nicht mit Demokratie vereinbaren. Sie treibt die Massen in den Kampf.“ Er verwies auf die Massendemonstrationen gegen den Terror der ICE in den USA, Streikwellen in Italien und Belgien und die Gen-Z-Proteste in Afrika.

„Die Tatsache, dass die ehemaligen Arbeiterparteien völlig auf den Hund gekommen sind, bedeutet nicht, dass die Gesetze des Klassenkampfs abgeschafft wurden,“ folgerte er. „Der Klassenkampf wird angetrieben durch die Unvereinbarkeit der gesellschaftlichen Produktion, die so global integriert ist wie nie zuvor, mit dem Privateigentum an den Produktionsmitteln.“

Er zitierte aus einer Perspektive über Trumps Diktaturvorbereitungen, die an diesem Tag auf der WSWS veröffentlicht worden war:

Der Zusammenbruch der Demokratie ist der politische Ausdruck des Zusammenbruchs der sozialen Ordnung – einer Gesellschaft, die gespalten ist zwischen einer Handvoll Milliardäre und der Masse der arbeitenden Menschen. Demokratische Rechte sind mit Ungleichheit in diesem Ausmaß nicht vereinbar. Der Schwenk zur Diktatur wird von der gesamten herrschenden Klasse vollzogen, einschließlich der Demokraten, die sich mit Trump zwar in der Taktik, nicht aber in der Verteidigung der Oligarchie unterscheiden.

Die Verteidigung demokratischer Rechte ist untrennbar mit dem Kampf gegen die Oligarchie und das kapitalistische System selbst verbunden. Dieselben Kräfte, die die herrschende Klasse in die Diktatur treiben – Krieg, Ungleichheit, der Zusammenbruch ihrer Legitimität –, treiben Arbeiter und Jugendliche in den Kampf, wie der Widerstand gegen die ICE, gegen den Krieg und gegen die Gewerkschaftsbürokratie bereits zeigt.

So müsse man auch den Kampf gegen die AfD verstehen, folgerte Schwarz. Das Anwachsen der rechtsextremen Partei sei Ausdruck der Hinwendung der deutschen Bourgeoisie zur Diktatur. Sie sei kein Fremdkörper in dieser Gesellschaft, sondern werde gezielt von oben gefördert und aufgebaut. „Man kann die AfD nur mit den Mitteln des Klassenkampfs bekämpfen. Der Kampf gegen den Faschismus ist keine Frage der Wahlarithmetik, sondern der Klassendynamik.“

In Bezug auf die Linkspartei sagte er: „Wer behauptet, man könne die AfD durch ein ‚Bündnis aller Demokraten‘ bekämpfen – durch ein Bündnis mit der CDU, der SPD oder den Grünen, die seit Jahren die Angriffe auf die Arbeiterklasse durchführen –, der lügt. Man kann nicht in einem Bündnis mit diesen Parteien gegen die AfD kämpfen. Der Kampf gegen die AfD fällt untrennbar mit dem Aufbau einer Bewegung in der Arbeiterklasse zusammen, die ihre sozialen Interessen vertritt und gegen Krieg und Kapitalismus kämpft. Das sind die grundlegenden Lehren, die sich aus der spanischen Revolution und ihrer Niederlage für heute ergeben.“

Lebhafte Diskussion

Im Anschluss an den Vortrag entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Vor allem Teilnehmer des Symposiums, die der Linkspartei oder dem Anarchismus nahestanden, waren offensichtlich verärgert, dass Schwarz den Verrat des Stalinismus und die Rolle des Anarchismus angeprangert hatte und aus der historischen Erfahrung Lehren für heute zog.

Der Moderator wies gleich zu Beginn darauf hin, dass Morrow sein Buch in den USA geschrieben habe und nicht persönlich in Spanien gewesen sei. Er behauptete auch, die stalinistischen Schauprozesse hätten erst viel später stattgefunden.

Schwarz wies das zurück. Trotzki sei der Hauptangeklagte in den Prozessen gewesen und habe während der gesamten Zeit des Bürgerkriegs einen Großteil seiner Arbeit darauf konzentriert, die falschen Anklagen und Verleumdungen zu widerlegen. „Der Zusammenhang zwischen den Moskauer Prozessen und dem Spanischen Bürgerkrieg war offensichtlich.“ Es sei auch allgemein bekannt gewesen, dass die Stalinisten hinter der Front folterten und mordeten. Auch Orwell und Hemingway hätten darüber geschrieben.

Reiner Tosstorff, Professor für Geschichte, der zum Spanischen Bürgerkrieg geforscht hat, präzisierte, dass der erste Moskauer Schauprozess im August 1936 und der zweite – „auf dem auch explizit über Spanien gesprochen wurde“ – im Januar 1937 stattfand. Er bestätigte, dass Morrow enge Verbindungen nach Spanien unterhielt. Er habe Morrow 1980, als er für seine Doktorarbeit recherchierte, besucht und in der New York Public Library sein Archiv studiert. Darin hätten sich umfangreiche Briefe aus Spanien sowie Sammlungen spanischer Zeitungen befunden, die Morrow zugesandt wurden.

Dieter Nelles, der unmittelbar davor einen Vortrag über den Wuppertaler Anarchosyndikalisten Fritz Benner gehalten hatte, denunzierte Morrows Buch – ohne mit einer Silbe auf seinen Inhalt einzugehen – als „Schreibtisch-Analyse am Schreibtisch der Weltrevolution, ohne konkreten Bezug auf die Verhältnisse in Spanien“. Er empörte sich, dass Schwarz dies „90 Jahre danach mit voller Überzeugung vorbringen“ könne. Dann schimpfte er auf Trotzki, weil er den Kronstädter Aufstand von 1921 niedergeschlagen habe.

Ein älterer Teilnehmer, dessen Eltern als Ärzte in den Internationalen Brigaden gearbeitet hatten, versuchte die konterrevolutionäre Rolle des Stalinismus herunterzuspielen. Das Leben in den spanischen und internationalen Brigaden sei durch „ein ungeheures Gefühl der Solidarität“ geprägt gewesen, „die alles überdeckte“, behauptete er.

Ja, es habe immer wieder Auswechslungen, Gerüchte gegeben, „Dinge, die im großen Kampf und in den Zielen wirklich nicht diese Rolle spielte, die man heute mit Wissen oder auch gemachtem Wissen und Unwissen einbringt und damals übersehen konnte“. Er wolle nicht behaupten, dass der Stalinismus keine schlimme Rolle gespielt habe, „aber diese Darstellung ist mir zu sehr aus der trotzkistischen Sicht. Man weiß nicht, wie Trotzki verfahren wäre, wenn er gesiegt hätte.“

Jetzt gehe es um den Kampf gegen die AfD, schloss er. „Und ich muss sagen, egal wie, heute müssen wir auf jeden Fall als allererstes verhindern, dass die AfD irgendwo eine Machtposition erreicht, selbst wenn man taktisch mit SPD, Grünen und – wenn es sein muss – auch mit der CDU zusammenarbeiten muss. Wir machen heutzutage keine Weltrevolution. Was wir machen können – und das versucht Mamdani in New York –, ist die Lebensverhältnisse seiner Wähler zu ändern. Wenn es Die Linke tatsächlich schaffen würde, an die Regierung in Berlin zu kommen und Veränderungen im Wohnungsmarkt durchzuführen, wäre das schon eine große Sache.“

Ein weiterer Diskussionsredner bezeichnete Schwarz als „Hardcore-Trotzkisten“. Zur „Ehrenrettung des Trotzkismus“ wolle er sagen, dass dies zum Glück nur ein minimaler Rest von dem sei, was in verschiedenen trotzkistischen Strömungen diskutiert werde. Er meinte offenbar die pseudolinken Gruppen, die sich als Trotzkisten bezeichnen und innerhalb der Linkspartei arbeiten. Die Stalinisten seien zwar rücksichtslos und skrupellos vorgegangen, aber sie hätten klare Vorstellungen gehabt und zielgerecht gearbeitet, während ihre linken Gegner keine realitätstüchtigen Alternativen gehabt hätten.

Schwarz hatte nur wenig Zeit, auf die Beiträge zu antworten. Er wies den Vorwurf, Morrow sei nicht qualifiziert gewesen, über den spanischen Bürgerkrieg zu schreiben, weil er nicht selbst in Spanien war, vehement zurück: „Wenn das wahr wäre, gäbe es keine Geschichtswissenschaft. Es gibt nur wenige Historiker, die über Ereignisse schreiben, die sie selbst miterlebt haben. Gestützt auf ein exaktes Studium der Tatsachen, von Aussagen und Dokumenten kann man sehr wohl zu einer korrekten, objektiven Einschätzung gelangen. Auf dieser Grundlage müsste man auch Marx, Lenin und viele andere disqualifizieren, die aus dem Exil internationale Ereignisse analysiert haben.“

Zum Vorwurf des „Hardcore-Trotzkisten“ sagte Schwarz, er empfinde ihn als Kompliment. Ähnliche Vorwürfe hätten sich auch Marx und Engels, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Lenin und Trotzki gefallen lassen müssen, die immer wieder als völlig unrealistisch und als Sektierer beschimpft wurden, weil sie nicht mit ihren Grundsätzen brachen.

„Ich stehe auf dem Prinzip von Karl Liebknecht, der sagte: ‚Erst Klarheit, dann Einheit‘“, erklärte Schwarz. „Ohne eine klare politische Perspektive kann die Arbeiterklasse nicht kämpfen, kann sie vor allem nicht siegen. Um diese Perspektive zu entwickeln, muss man aus der Geschichte lernen.“

Auf die Forderung, sich mit allen anderen Parteien zusammenzuschließen, um einen Wahlsieg der AfD zu verhindern, erwiderte Schwarz: „Ich will dazu nur eine Frage stellen. Wie kann man erklären, dass in Thüringen, wo die Linkspartei zehn Jahre lang den Ministerpräsidenten stellte, die AfD jetzt bei 40 Prozent liegt? Und wer hat hier in Berlin die Wohnungen privatisiert. War das nicht vielleicht die PDS im Wowereit-Senat? In Wirklichkeit erzeugt doch gerade diese Mischung von linken Phrasen und rechter Politik die Frustration, die die AfD ausschlachtet.“

Er wiederholte: „Der Kampf gegen die AfD ist keine Frage der parlamentarischen Arithmetik, sondern der Dynamik des Klassenkampfs.“ Als er und andere seiner Generation in den 1970er Jahren in die Politik kamen, seien sie von den großen Streiks in der Stahlindustrie und im Öffentlichen Dienst elektrifiziert und begeistert gewesen. „Heute wird jeder Konflikt, auch wenn es wie bei VW um 100.000 Arbeitsplätze geht, sofort begraben und hinter den Kulissen gelöst. Dann wird ein Sozialplan ausgehandelt und verhindert, dass es zu spontanem Widerstand kommt. Das stärkt die AfD.“

Auf einen Zwischenruf aus dem Publikum, es seien die Arbeiter, die nicht kämpfen wollten, antwortete Schwarz: „Das ist eine Beleidigung der Arbeiter. Man kann sie nicht für den Verrat ihrer Führer verantwortlich machen.“

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