Weltweit wächst die Opposition gegen die Inhaftierung des 27-jährigen Sozialisten Bogdan Syrotjuk, der von einem ukrainischen Gericht wegen „Hochverrats“ zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde, weil er in seinen Artikeln geschrieben hat, russische und ukrainische Arbeiter sollten sich gegen den Krieg vereinen, und weil er sich gegen die offizielle Glorifizierung von Nazi-Kollaborateuren gewandt hat.
Arbeiter, Akademiker und bekannte Intellektuelle von vier Kontinenten haben die Petition für seine Freilassung unterzeichnet oder Protestschreiben an das Bezirksgericht in Perwomajsk geschickt, welches das Urteil gefällt hat.
In den vergangenen Tagen haben hunderte Menschen weltweit die Petition für seine Freilassung unterzeichnet, die seit ihrer Veröffentlichung mehr als 5.700 Unterschriften erhalten hat.
Die Unterzeichner seit der Bekanntgabe des Urteils kommen aus den USA, Großbritannien, Australien, Kanada, Deutschland, Italien, Neuseeland, Sri Lanka, Spanien, Frankreich, Österreich, Irland, Finnland, der Türkei, Belgien, Schweden, Portugal, Indien, China, Taiwan, Polen, Norwegen, Dänemark, Südkorea, Rumänien, den Niederlanden, Litauen, den Philippinen, Brasilien, Kroatien, der Schweiz, Peru – und aus der Ukraine selbst.
Die Anklage stützte sich ausschließlich auf Bogdans Artikel, die sich sowohl gegen die russische Invasion als auch gegen den Stellvertreterkrieg von USA und NATO richten, und auf seine Kommunikation mit den Redakteuren der WSWS. Das Gericht ordnete an, Bogdans Eigentum zu beschlagnahmen und die Bücher und Schriften der von ihm angeführten Jungen Garde der Bolschewiki-Leninisten zu zerstören.
Bogdan sitzt in Haft, seit er am 25. April 2024 vom Sicherheitsdienst der Ukraine verhaftet und zu einem russischen Agenten erklärt wurde. Diese Behauptung hat der ukrainische Staat zu keinem Zeitpunkt belegt.
Mario Kessler, ein auf den Kommunismus spezialisierter Historiker und leitender Wissenschaftler am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, schickte am Mittwoch ein Protestschreiben, in dem er erklärte: „Ich, Professor Dr. Mario Keßler, Historiker in Berlin, protestiere hiermit entschieden gegen die Verurteilung von Herrn Bogdan Syrotiuk...
Muss ich daran erinnern, dass Leo Trotzki als Volkskommissar für Verteidigung den Aufbau der Roten Armee sicherstellte, die in der Lage war, dem Massenmord an ukrainischen Juden während des Bürgerkriegs Einhalt zu gebieten? Muss ich außerdem daran erinnern, dass Trotzki 1939 die Teilung der Westukraine zwischen Deutschland und der Sowjetunion entschieden verurteilte und für eine von der Sowjetunion – einschließlich Stalins Sowjetunion – unabhängige Ukraine eintrat? Wie passt dies zu dem Vorwurf, Herr Syrotiuk, der sich selbst als Sozialist und Trotzkist bezeichnet, spiele Putins Spiel mit?
Marta Hawryschko, eine ukrainische Holocaust-Historikerin, die am Strassler Center for Holocaust and Genocide Studies der Clark University in Worcester (Massachusetts) unterrichtet, verbreitete am Mittwochmorgen auf X den Bericht der WSWS über das Urteil und zwar unter ihrer eigenen Überschrift: „Politische Unterdrückungen in der Ukraine unter Selenksyj.“ Der Post wurde binnen weniger Stunden mehr als 10.000-mal angesehen und erhielt 500 Likes.

Kerby Miller, ein emeritierter Professor der Universität Missouri und führender Historiker zur irischen Emigration, schrieb dem Gericht:
Ich unterstütze Bogdan Syrotjuk, einen mutigen Gegner der Tyrannei, uneingeschränkt ungeachtet der Ursprünge des Falls. Das grausame, ungerechte und überzogene Urteil, das das ukrainische Gericht gegen ihn verhängt hat, macht die Behauptungen, die Ukraine kämpfe für „Freiheit“ und „Demokratie“, zur Farce. Ich fordere Sie auf, ihn sofort zu begnadigen und freizulassen, wenn nicht aus Gerechtigkeit und Mitgefühl (er befindet sich in schlechtem Gesundheitszustand), dann um dabei zu helfen, die potenziellen Unterstützer der Ukraine davon zu überzeugen, dass Ihr Land nicht nur ein nazifiziertes Werkzeug des US-Imperialismus ist, wie es oft behauptet wird.
William Briggs, ein an der Deakin University im australischen Geelong tätiger politischer Ökonom und Autor von Classical Marxism in an Age of Capitalist Crisis, schrieb, er habe den Fall seit Bogdans Verhaftung verfolgt und wolle sich dem „globalen Protest gegen diesen offensichtlichen Schauprozess“ anschließen. Er schrieb:
Sein „Verbrechen“ bestand darin, sich entschlossen gegen den Krieg zu stellen. Dies wurde dazu verdreht, er würde den russischen Einmarsch in die Ukraine unterstützen. Er hat nicht dazu aufgerufen, dass das eine oder das andere Land siegen sollte, sondern dass sich die arbeitende Bevölkerung über nationale Grenzen hinweg vereinen muss. Seine Position war eine prinzipielle marxistische Position, und dafür soll er für 15 Jahre ins Gefängnis.
Briggs fügte hinzu: „Es ist schwer, sich dem Vorwurf auszusetzen, man würde ,demokratische Prozesse‘ nicht anerkennen, wenn diese außer Kraft gesetzt wurden.“
Bruce Allen, ein Rechtsassistent aus St. Catharines (Ontario), schrieb dem Gericht: „Eine Verfolgung wie die, die er erlebt, würde man in Putins Russland erwarten. Es zeigt, dass Sie nicht besser sind als Putin.“
Am Donnerstag veröffentlichte Pungolo Rosso, der Blog der italienischen Revolutionären Internationalistischen Tendenz, die Erklärung der WSWS auf Italienisch und erklärte dazu: „Trotz der tiefgreifenden Differenzen, die wir mit der Socialist Equality Party haben, ist es unsere elementare Pflicht als Internationalisten, unsere uneingeschränkte Solidarität und Unterstützung für den Genossen Bogdan Syrotjuk zu erklären.“
Steven Pollock schreib am Dienstag zu der Petition: „Als pensionierter Umweltchemiker und Sprinkler-Mechaniker aus Melbourne (Australien) fordere ich, sämtliche Anklagen gegen Bogdan Syrotjuk, die das von faschistischen Kräften unterstützte Selenskyj-Regime erhoben hat, sofort fallenzulassen.“
Daniel Berkley aus Kanada schrieb am Mittwoch: „Jeder Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle!“
Jelena Baischanski aus Frankreich schrieb am Mittwochabend: „Es ist Faschismus, jemanden (für 15 Jahre!!!) einzusperren, nur weil er von der Pressefreiheit Gebrauch gemacht hat. ... [Es ist] unglaublich ironisch, dass er verurteilt wird wegen ,Vergleichen mit dem Faschismus‘.“
Bogdan Syrotjuk, ein junger ukrainischer Sozialist, wird seit April 2024 im Gefängnis festgehalten. Die ukrainische Regierung wirft ihm »Hochverrat« vor. Er lehnt den Ukrainekrieg vom Standpunkt des sozialistischen Internationalismus ab und kämpft für die Einheit der ukrainischen und russischen Arbeiterklasse.
Stephen Parsons aus Dänemark schrieb am Donnerstagmorgen: „Das drakonische Urteil gegen Bogdan Syrotjuk ist ein direkter Angriff auf den sozialistischen Internationalismus und den Kampf zur Vereinigung der Arbeiterklasse über Landesgrenzen hinweg im Kampf gegen Krieg. Es ist vergleichbar mit der Inhaftierung von Rosa Luxemburg durch die deutschen Behörden während des Ersten Weltkriegs. Genau wie Luxemburgs Schicksal macht es das Gerede, der Krieg habe irgendetwas mit der Verteidigung der Demokratie zu tun, zur Farce.“
John Woodford, der ehemalige Chefredakteur der Michigan Today, schrieb am Montag, dem Tag der Urteilsverkündung: „Wir in den USA können regelmäßig über Ukrainer in russischem Gewahrsam lesen, aber unsere Medien berichten so gut wie nichts über Syrotiuk und andere Ukrainer, die eingesperrt wurden, oder denen Schlimmeres passiert ist, weil sie die Führung ihres Landes kritisieren und öffentlich verurteilen...“
Arbeiter, Jugendliche, Fachkräfte und Rentner haben Kommentare in Englisch, Deutsch, Türkisch, Portugiesisch, Spanisch und anderen Sprachen verfasst. Ein Unterzeichner aus Bern in der Schweiz stellte drei Forderungen: die Aufhebung des Urteils und die sofortige Freilassung Bogdans, die beschleunigte Bearbeitung des Falls durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und die Freilassung aller vom ukrainischen Staat inhaftierten politischen Gefangenen. Ein Unterzeichner aus Porto schrieb auf Portugiesisch, wenn Bogdan seine Ansichten nicht öffentlich äußern dürfe, „ist das ukrainische System ein repressives und
faschistisches System.“ Ein türkischsprachiger Unterzeichner aus Deutschland schrieb, das Vorenthalten medizinischer Versorgung für einen schwer kranken Gefangenen würde „seine Strafe faktisch in ein Todesurteil umwandeln.“
Ein australischer Unterzeichner forderte nicht nur Bogdans Freilassung, sondern auch die Rückgabe seines Eigentums und eine Entschädigung für die jahrelange ungerechtfertigte Inhaftierung. Bei einigen hat der Fall das Vertrauen in alles erschüttert, was man ihnen bisher erzählt hat. Ein Unterzeichner aus dem irischen County Wicklow schrieb: „Da fragt man sich, warum. Es gibt mir das Gefühl, dass uns nicht die ganze Wahrheit über diesen Krieg in der Ukraine erzählt wurde.“ Ein Arbeiter aus Sri Lanka schrieb: „Die Art der Unterdrückung, die Arbeiter und Unterdrückte in Sri Lanka jetzt erleben, macht deutlich, dass es sich hierbei nicht um eine Situation handelt, die auf die Ukraine beschränkt ist. So sieht es auf der ganzen Welt aus.“
Die Briefe und Unterschriften kamen trotz des Schweigens der westlichen Presse zusammen. In den 27 Monaten seit Bogdans Verhaftung hat keine der folgenden Publikationen auch nur eine Zeile seinem Fall gewidmet: die New York Times, die Washington Post, das Wall Street Journal, der Guardian, der Telegraph, die Times of London, der Economist, die BBC, CNN, NBC, ABC, CBS, Fox News und Politico sowie die Nachrichtenagenturen Agence France-Presse, Associated Press und Reuters.
Am Tag des Urteils veröffentlichte die Washington Post zwei Artikel über das Urteil des russischen Obersten Gerichts, die Partei Jabloko von den Parlamentswahlen im September auszuschließen. Über Bogdan hat sie kein einziges Wort verloren. David North, der Vorsitzende der Internationalen Redaktion der WSWS, schrieb am Dienstag an den internationalen Redakteur der New York Times, Philip Pan, und forderte die Zeitung auf, über Bogdans Fall zu berichten. Es gab keine Antwort.
Bogdans Verteidigung hat ab dem Urteilsspruch 30 Tage Zeit, Berufung einzulegen. Eine Beschwerde wegen seiner Inhaftierung ist beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte seit Frühjahr 2025 anhängig.
Die WSWS hat Arbeiter, Jugendliche, Journalisten, Wissenschaftler, Künstler und alle Verteidiger demokratischer Rechte dazu aufgerufen, ihre Erklärungen zu Bogdans Fall so weit wie möglich zu verbreiten – unter Kollegen, Klassenkameraden und Freunden sowie in den sozialen Netzwerken.
Schickt dem Bezirksgericht von Perwomajsk unter inbox@pm.mk.court.gov.ua Erklärungen und fordert die Aufhebung des Urteils sowie Bogdans sofortige Freilassung. Schickt der WSWS Kopien an freebogdan@wsws.org.
