Historiker, Ärzte und Arbeiter auf fünf Kontinenten fordern Freilassung des inhaftierten ukrainischen Sozialisten Bogdan Syrotjuk

Die Opposition gegen die Inhaftierung von Bogdan Syrotjuk wächst international. Am letzten Montag hatte ein ukrainisches Gericht den 27-jährigen Sozialisten zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, weil er zur Einheit ukrainischer und russischer Arbeiter gegen den Krieg aufgerufen hatte.

Die Petition für seine Freilassung erhielt bereits mehr als 6.000 Unterschriften. Fast 500 Personen aus mehr als 40 Ländern auf fünf Kontinenten haben sich seit der Urteilsverkündung eingetragen. Zudem haben die Richter in Perwomajsk Briefe von Historikern, Ärzten, Lehrern und Arbeitern erhalten, die alle die Aufhebung der Strafe forderten.

In den letzten vier Tagen hat das Gericht Stellungnahmen von einer bekannten Geschichtsprofessorin aus Texas, einem Historiker für sowjetische Landwirtschaft in West Virginia, einem Anthropologen am Forschungszentrum der slowenischen Akademie der Wissenschaften und Künste und von einem Arzt aus Sri Lanka bekommen. Weitere Schreiben kamen von einem pensionierten Lehrer aus Australien, einem Leser aus Großbritannien und weiteren Personen aus Frankreich, der Türkei und den USA.

Victory Bynum, eine emeritierte Ehrenprofessorin für Geschichte an der Texas State University und Autorin von The Free State of Jones, schrieb:

Als Historikerin und emeritierte Ehrenprofessorin bin ich empört darüber, dass der ukrainische Sozialist Bogdan Syrotjuk zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil er seine politischen Ansichten in historischen Kritiken geäußert hat, die auf der World Socialist Web Site veröffentlicht wurden. Ich beschwöre das Bezirksgericht von Perwomajsk, dieses Urteil aufzuheben und Syrotjuk sein Recht auf freie Meinungsäußerung zu gewähren.

Mark B. Tauger, emeritierter Professor für Geschichte an der Universität von West Virginia und Historiker für sowjetische Landwirtschaft, schrieb, Bogdan „hat nichts Falsches getan, indem er gegen den wahnsinnigen russisch-ukrainischen Krieg Stellung bezogen hat“. Ihn zu verurteilen sei „vor allem ein schwerer Verstoß gegen seine Bürger- und Menschenrechte“. Weiter schrieb er:

Wie bereits viele vor mir erklärt haben, erinnert dieses Vorgehen an die Unterdrückung von Kriegsgegnern in Russland. Deswegen sind mir Zweifel an meiner Unterstützung für die Ukraine in diesem Konflikt gekommen. (...) Viele Ukrainer teilen Syrotjuks Ansichten, deshalb sollten diese nicht unterdrückt werden, und er sollte nicht eingesperrt werden, weil er sie geäußert hat.

Miha Kozorog, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für slowenische Ethnologie des Forschungszentrums der Slowenischen Akademie der Wissenschaften und Künste und außerordentlicher Professor für Anthropologie an der Universität Ljubljana, schrieb:

Ich verfolge den Niedergang der Demokratie in der Ukraine mit Sorge und Wut. Das Urteil gegen Bogdan Syrotjuk, das ich über das Komitee zur Freilassung Bogdans verfolge, ist ein Sargnagel für die Demokratie und ein weiterer Beweis vor der ganzen Welt dafür, zu welcher Art Land die Ukraine sich entwickelt. Als Mitmensch ersuche ich Sie: Heben Sie das Urteil auf und lassen Sie Bogdan frei.

K.T. Dhammika, der sich an das Gericht als Arzt am Kandy Hospital in Sri Lanka wandte, schrieb am Samstag einen Brief, in dem er betonte, dass die Anweisung zur Vernichtung von Bogdans sozialistischen Büchern, Flugblättern und Dokumenten „den politischen Charakter dieses Urteils zeigt. Das sind die Methoden des Faschismus, nicht die eines Staates, der behauptet, die Demokratie zu verteidigen.“ Er fügte hinzu:

Als Arzt betrachte ich die vorsätzliche Vorenthaltung von medizinischer Behandlung für einen Gefangenen als schwerwiegenden Verstoß gegen die Menschenrechte und direkte Bedrohung seines Lebens. Eine 15-jährige Haftstrafe unter solchen Bedingungen kommt einem Todesurteil gleich.

Der ukrainische Sicherheitsdienst hat Bogdan am 25. April 2024 – vor mehr als 27 Monaten – festgenommen, seither befindet er sich in Haft. Mehr als ein Jahr lang hat ihm das Gefängnis eine notwendige medizinische Behandlung vorenthalten.

Bei dem Prozess wurden keine Beweise für Spionage oder Sabotage vorgelegt. Die einzigen Beweismittel, die der Staat vorlegte, waren seine Artikel, in denen die Invasion Putins ebenso verurteilt wird wie die Bewaffnung Kiews durch die NATO-Mächte, und in denen er die Arbeiter in beiden Ländern zum gemeinsamen Kampf gegen den Krieg aufruft. Außerdem verwendete man gegen ihn die Kommunikation zwischen Bogdan und den Redakteuren, die seine Texte veröffentlicht hatten.

Adnan Çelik, der aus der Türkei sowohl auf Ukrainisch als auch auf Englisch schrieb, wies darauf hin, dass das Gericht wiederholt die „gesellschaftlich gefährlichen Konsequenzen“ von Bogdans Ansichten angeführt hat, und schrieb: „Das zeigt, dass es bei dem Verfahren gegen Bogdan nicht um seine Unterstützung für Russland geht, sie ist nur ein konstruierter Vorwand.“

Er forderte das Gericht auf, das Urteil aufzuheben und Bogdan freizulassen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte solle den Fall umgehend eröffnen, und alle politischen Gefangenen aus den ukrainischen Gefängnissen sollten entlassen werden.

Tim Pearson schrieb an das Gericht: „Die staatlichen Sachverständigen haben 14 von Bogdans Artikeln untersucht und davon sieben in die Anklage aufgenommen. Das Gericht musste dann einen der sieben Artikel – über die gewaltsamen Entführungen von Wehrdienstverweigerern durch das Militärkommissariat – fallenlassen, nachdem seine eigene Sachverständigenkommission nichts Verbrecherisches darin feststellen konnte. Daher wurde Bogdan für das Verfassen von sechs Artikeln zu 15 Jahren Haft verurteilt.“

Riley Ward aus Michigan zitierte Artikel 34 der ukrainischen Verfassung: „Jedem ist das Recht auf Gedanken- und Meinungsfreiheit und die freie Äußerung seiner Ansichten und Überzeugungen garantiert“ und fügte hinzu: „Um das klarzustellen: Ich unterstütze weder das Putin-Regime noch seine reaktionäre Invasion. Der Krieg (…) muss enden, aber dies lässt sich nur durch den grenzüberschreitenden Zusammenschluss der Arbeiter erreichen.“

Frank Gaglioti, ein pensionierter Lehrer aus Australien, schrieb:

Die Gefängnisse sind voll von Gegnern Selenskyjs und seines Regimes, die unter barbarischsten Bedingungen leben. Da es Bogdan sehr schlecht geht, bedeutet seine Verurteilung, dass er Folterbedingungen ausgesetzt wird, bei denen ihm selbst die grundlegendste medizinische Versorgung verweigert wird.“

Am Samstag unterzeichnete Grzegorz Rossoliński-Liebe die Petition. Der Berliner Historiker hatte 2014 die Biografie Stepan Bandera: Leben und Nachleben eines ukrainischen Nationalisten veröffentlicht, die sich mit der Verwandlung des Nazi-Kollaborateurs in einen ukrainischen Nationalhelden befasst. Das Urteil nennt als eins von Bogdans Vergehen die „Neuinterpretation von Nationalhelden und historischen Persönlichkeiten“.

Jeremy Kuzmarov, der leitende Redakteur des CovertAction Magazin, der im Mai 2024 über Bogdans Verhaftung berichtet hatte, unterzeichnete am Freitag. Der Mitbegründer von Pink Floyd, Roger Waters, unterzeichnete am Samstag erneut und schrieb dazu: „Free Bogdan“.

Ein Unterzeichner aus Russland schrieb am Sonntag auf Russisch: „Bogdan Syrotjuk hat nur gesagt, was die Mehrheit der Ukrainer denken. Dafür hat er 15 Jahre Gefängnis bekommen. Und das nennt man in der Ukraine Demokratie?“

Cezar Turcanu, einer der 18 Unterzeichner aus Rumänien, die seit dem Urteilsspruch dazugekommen sind, schrieb am Sonntag: „Eine andere Meinung über Dinge zu haben als die Regierung, ist kein Hochverrat.“

Die meisten Unterschriften seit der Urteilsverkündung kamen aus den USA, Großbritannien, Australien, Deutschland und Kanada, gefolgt von Rumänien, Italien, Sri Lanka, Irland, Neuseeland und Frankreich. Eine kleinere Anzahl kam aus 30 weiteren Ländern, darunter der Ukraine, Russland, China, Indien, der Türkei, Brasilien, Peru und den Philippinen.

Die deutsche Tageszeitung Junge Welt berichtete am Samstag unter der Überschrift „Hochverrat unter Kriegsrecht“ über das Urteil. Am Sonntag veröffentlichte die ungarische linke Nachrichtenseite Pólus einen Artikel mit dem Titel „Gondolatbűn Ukrajnában“ („Gedankenverbrechen in der Ukraine“), und die russischsprachige unabhängige Seite SVTV berichtete am gleichen Tag über den Fall.

Der Journalist Aaron Maté, der auf der Nachrichtenplattform The Grayzone die Videoreihe Pushback moderiert, schrieb am Samstag auf X:

Sowohl Russland als auch die Ukraine haben Antikriegsaktivisten verfolgt. Boris Kagarlitzki, einer der führenden linken Intellektuellen Russlands, verbüßt eine fünfjährige Haftstrafe, weil er die Invasion der Ukraine kritisiert hat. Kiews hartes Durchgreifen gegen ukrainische Dissidenten wird vom Westen viel weniger Beachtung geschenkt. Der ukrainische Sozialist Bogdan Syrotjuk wurde gerade wegen ,Hochverrats‘ zu 15 Jahren Haft verurteilt, weil er sechs Artikel für die WSWS geschrieben hat, in denen er die Selenskyj-Regierung kritisierte.

Bis zum Sonntag haben weder Reuters noch Associated Press, Agence France-Presse, CNN, BBC, die Washington Post, die New York Times, die Süddeutsche Zeitung oder Der Spiegel ein Wort über den Fall veröffentlicht. Auch Amnesty International, Human Rights Watch, Reporter ohne Grenzen, das Komitee zum Schutz von Journalisten und PEN International haben sich nicht geäußert.

Am Freitag erfuhr das Publikum des russischen Staatssenders RT von Johannes Stern, dem Redakteur der deutschen Ausgabe der World Socialist Web Site, von dem Fall. Er stellte fest, dass Bogdan „für sozialistische Ansichten, für eine internationale Haltung gegen den Krieg verurteilt“ wurde.

Bogdans Anwälte müssen innerhalb von 30 Tagen nach dem Urteil vom 10. August Berufung einlegen. Zudem lies der Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Frühjahr 2025 eine Beschwerde wegen seiner Inhaftierung zu. Alle Briefe an das Gericht und alle Unterschriften unter die Petition stärken diese Berufung.

Die World Socialist Web Site ruft ihre Leser in allen Betrieben, an Universitäten, in den Newsgruppen, Laboren oder Studios auf, sich mit ihrem Namen unter wsws.org/freebogdan einzutragen und die Petition zu verbreiten. Schickt Briefe, in denen ihr die Aufhebung des Urteils und Bogdans sofortige Freilassung fordert, an das Bezirksgericht von Perwomajsk unter inbox@pm.mk.court.gov.ua, mit Kopie an die WSWS unter freebogdan@wsws.org.

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