Mehr als zwei Wochen seiner Verurteilung und nur 13 Tage vor Ablauf der Frist, in der seine Berufung eingereicht werden muss, wächst die weltweite Unterstützung für Bogdan Syrotjuk, den jungen ukrainischen Sozialisten, der wegen seines Widerstands gegen den Krieg inhaftiert wurde. Seit letzter Woche Samstag hat eine Gruppe von etwa 200 kalifornischen Akademikern an die ukrainischen Gerichte geschrieben und Syrotjuks Freilassung gefordert. Sozialistische Organisationen in Russland und der Türkei haben Aufrufe veröffentlicht, und linke Publikationen in Deutschland, Frankreich und der Türkei sowie eine mexikanische Gruppe haben über seinen Fall berichtet.
Ein Gericht in der südukrainischen Stadt Perwomajsk hatte den 27-jährigen Syrotjuk am 10. August zu 15 Jahren Haft verurteilt. Es bestrafte ihn für seinen sozialistischen Widerstand gegen den Krieg und seine Appelle an ukrainische und russische Arbeiter, sich zu weigern, einander zu töten. Als Beweis dienten seine veröffentlichten Artikel.
Innerhalb der letzten Woche haben 520 Menschen aus 57 Ländern, darunter Russland, Kenia, Nigeria und El Salvador, die englischsprachige Petition für seine Freilassung unterzeichnet. Damit stieg die Zahl der Unterzeichner, die sich seit seiner Verurteilung am 10. August auf diesem Weg beteiligt haben, auf mehr als 1.400.
Die Gruppe California Scholars for Academic Freedom, die sich auf ihrer Website beschreibt als „eine Gruppe von etwa 200 Akademikern, die an 20 Einrichtungen in Kalifornien unterrichten“, forderte das Bezirksgericht in Perwomajsk und das Berufungsgericht in Nikolajew schriftlich auf, das Urteil aufzuheben.
Die Gruppe hatte sich als Reaktion auf die Angriffe auf die akademische Freiheit formiert, die auf den 11. September 2001 folgten und von denen viele gegen Wissenschaftler arabischer, muslimischer oder nahöstlicher Herkunft gerichtet waren.
Die Akademiker schrieben: „Der Vorwurf des ,Hochverrats unter Kriegsrecht‘ ist eine politische Konstruktion. Er wurde wegen eines ,Gedankenverbrechens‘ verurteilt. Bitte wahren Sie die demokratischen Prinzipien und lassen Sie Syrotjuk frei.“
Die Gruppe, deren erklärtes Prinzip lautet, dass „Verstöße gegen die akademische Freiheit irgendwo die akademische Freiheit überall bedrohen“, wird von Stephen Roddy, Professor für Asienwissenschaften der Universität San Francisco, und Sang Hea Kil, Professorin für Justizwissenschaft an der San Jose State University, gemeinsam angeführt. Zu ihren Mitgliedern gehören der Historiker Mark LeVine von der Unversity of California, Irvine, und der emeritierte Soziologe Howard Winant von der University of California, Santa Barbara.
Auch aus Russland, wo Widerstand gegen den Krieg ebenfalls verfolgt wird, kam eine weitere Erklärung. Die Kommunistische Arbeiterpartei schrieb am 24. August auf ihrem Telegram-Kanal, Bogdan habe „kommunistische und internationalistische Positionen vertreten“ und „zur Einheit von ukrainischen und russischen Arbeitern aufgerufen“ (übersetzt aus dem Russischen).
In Mexiko schrieb die Liga Comunista Internacionalista am Dienstag auf ihrer Website, Krieg und Unterdrückung würden sich „auf beiden Seiten der Front verschärfen“. Dabei stellte sie Bogdans Verurteilung auf eine Stufe mit dem Urteil des russischen Obersten Gerichts gegen die „Antikriegspartei“ Jabloko, die am gleichen Tag von der Wahlteilnahme ausgeschlossen wurde.
Weiter hieß es: „Was war sein Verbrechen? Er hat lediglich Artikel gegen den Krieg geschrieben, für die ihn das Gericht zu einem vermeintlichen ,russischen Agenten‘ erklärt hat – offenbar ohne den geringsten Beweis vorzulegen.“ (Übersetzung aus dem Spanischen)
In Deutschland schrieb Klasse Gegen Klasse, die Zeitung der Revolutionären Internationalistischen Organisation, am Samstag: „… mit den Zuständen in ukrainischen Gefängnissen und der Verwehrung von medizinischer Hilfe kommt das einer Todesstrafe nahe“.
Die französische Gruppe Révolution Permanente schrieb am Mittwoch, das Verfahren gegen Bogdan beruhe auf Artikeln, in denen er „die Zwangsrekrutierung ukrainischer Männer und die offizielle Rehabilitierung des antisemitischen Kollaborateurs Stepan Bandera verurteilte, zur Einheit zwischen der ukrainischen und russischen Arbeiterklasse aufrief und Putins reaktionäre Invasion der Ukraine ablehnte“. (Übersetzung aus dem Französischen).
Die entsprechende Ankündigung auf X, wo die Gruppe 97.800 Follower hat, wurde mehr als 3.600 Mal angesehen. Beides sind Publikationen von Sektionen der internationalen Tendenz, die La Izquierda Diario veröffentlicht.
In der Türkei erklärte die Sozialistische Partei der Türkei am Donnerstag: „Sozialistische Ansichten sind kein Verbrechen. Widerstand gegen Krieg ist kein Verbrechen. Lasst Bogdan Syrotjuk frei!“ (Übersetzung aus dem Türkischen)
Muzir.org, ein türkischer digitaler Kanal, der sich selbst als Vertreter eines auf Menschenrechten basierenden Journalismus bezeichnet, berichtete am gleichen Tag auf seiner Website und seinem Instagram-Account über den Fall.
The Bolshevik Tendency schrieb am 24. August an die beiden ukrainischen Gerichte: „Es ist kein Verbrechen, die Regierung der Ukraine zu kritisieren. Es ist kein Verbrechen, die Wahrheit über die Organisation Ukrainischer Nationalisten und Stepan Bandera zu sagen. Es ist kein Verbrechen, den Krieg der Ukraine und der NATO gegen Russland abzulehnen.“
Neben den Erklärungen von Organisationen gehen weiterhin auch einzelne Zuschriften ein. In den vier Tagen bis zum 26. August erreichten die Gerichte und die Kampagne mehr als ein Dutzend solcher Schreiben, u.a. von einem Lehrer in Sri Lanka, einer Studentin in der Schweiz, einem Naturschutzmitarbeiter in Australien sowie einem Universitätsangestellten in Piliyandala (Sri Lanka).
Jonathan Hall schrieb: „Es ist zudem bittere Ironie, dass das Gericht einer Stadt, die nach dem Internationalen Tag der Arbeit benannt ist (1. Mai – Perwomajsk) einen Bürger anklagt, der den Prinzipien, denen die Stadt ihren Namen verdankt, treu ergeben ist.“
Lalitha Hettipathira, eine Studentin aus der Schweiz, schrieb: „Als junge Europäerin bin ich zutiefst verstört darüber, dass ein 27-Jähriger eine 15-jährige Haftstrafe bekommen kann, nur weil er politische Ansichten gegen den Krieg äußert.“
Unter den Arbeitern wächst der Rückhalt weiterhin. In einer Facebook-Gruppe von Mitgliedern der Gewerkschaft Unite im englischen Greater Manchester schrieb ein Mitglied: „Unsere Ortsgruppe hat die Petition für Bogdans Freilassung unterstützt“ und bezeichnete das Urteil als „einen Angriff auf den Antikriegs-Internationalismus der Arbeiterklasse“.
Die britische Stop the War Coalition veröffentlichte am Dienstag eine Erklärung, in der sie Premierminister Andy Burnham aufrief, Bogdans Freilassung zu fordern. Sie wurde bisher mehr als 5.300 Mal auf X angesehen, und der Facebook-Post der Koalition wurde mehr als 100 Mal geteilt.
Der Instagram-Post des britischen linken Accounts Fight For A Future mit etwa 780.000 Followern vom 19. August erhielt 40.000 Likes, der Post von MintPress News vom 20. August mehr als 7.700.
Die Medien setzen ihre Nachrichtensperre trotz der wachsenden Unterstützung für Bogdan fort. Siebzehn Tage nach dem Urteil haben weder die New York Times, die Washington Post, die BBC oder irgendeine andere Mainstreamzeitung oder Nachrichtenagentur in den USA oder Europa auch nur ein Wort über den Fall veröffentlicht.
Die World Socialist Web Site fordert ihre Leser auf: Unterschreibt die Petition unter wsws.org/freebogdan und sendet Protestschreiben an das Stadtbezirksgericht Perwomajsk (inbox@pm.mk.court.gov.ua) sowie das Berufungsgericht Nikolajew (inbox@mka.court.gov.ua) mit Kopie an freebogdan@wsws.org. Fordert, dass das Urteil aufgehoben und Bogdan sofort freigelassen wird.
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