Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Mehr und mehr Beweise, dass Israel gewarnt war

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu spricht am 5. Oktober 2026 auf dem Friedhof am Herzlberg in Jerusalem bei einer staatlichen Gedenkveranstaltung für die Toten durch den Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 [AP Photo/Debbie Hill/Pool Photo]

In den israelischen und amerikanischen Medien erschienen im Verlauf des letzten Monats mehrere Berichte, laut denen der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wiederholt detaillierte Warnungen vor den Hamas-Angriffen am 7. Oktober 2023 erhalten hat.

Die Berichte untermauern die Einschätzung der World Socialist Web Site (WSWS). Die WSWS war in einer Perspektive vom 2. Dezember 2023 mit dem Titel „Dokumente enthüllen israelische Verschwörung zur Förderung des Angriffs vom 7. Oktober“ zu dem Schluss gekommen, dass „israelische Regierungsvertreter ... eine bewusste Entscheidung getroffen haben, sich zurückzuhalten, um den Angriff geschehen zu lassen.“

Weiter hieß es, ihre bewusste Untätigkeit sei Teil einer kriminellen Verschwörung mit dem Ziel, „dem seit langem geplanten Völkermord an der Bevölkerung von Gaza einen Vorwand zu verschaffen.“ Die israelische Regierung und ihr Verbündeter, der US-Imperialismus, benutzten den Angriff als Vorwand für einen Völkermord im Gazastreifen und einen Krieg, der sich seither auf den Libanon, Syrien, den Jemen, Katar und den Iran ausgebreitet hat.

Die israelische Zeitung Haaretz berichtete am 8. September unter Berufung auf drei ranghohe Quellen aus dem Ausland, der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Mohamed bin Zayed, habe Netanjahu etwa eineinhalb Wochen vor dem Angriff per Telefon gewarnt, die Hamas plane eine große Aktion. Bin Zayed habe Netanjahu, laut der Zeitung, „gedrängt, die Situation ernst zu nehmen“, doch habe der Ministerpräsident „relativ ruhig“ reagiert. Laut Haaretz habe niemand aus der Führung des Militärs, des Mossad oder des Inlandsgeheimdienstes Shin Bet von bin Zayeds Warnung gewusst.

Die New York Times berichtete am 25. September, zwei Quellen hätten der Zeitung mitgeteilt, dass bin Zayed Netanjahu vor einem umfangreichen Angriff der Hamas gewarnt habe. Netanjahu habe sich am 1. Oktober 2023 mit seinen Sicherheitschefs getroffen, um über den Gazastreifen zu sprechen, „erwähnte aber laut den Protokollen des Treffens, die von der Times eingesehen wurden, die Warnung nicht.“ Weiter hieß es, er habe erklärt, jedes israelische Vorgehen gegen den Gazastreifen könnte die Aussicht auf diplomatische Beziehungen mit Saudi-Arabien zunichte machen.

The Atlantic berichtete am 25. September, der damalige ägyptische Geheimdienstchef Abbas Kamel sei am 26. September 2023, elf Tage vor dem Angriff, nach Israel geflogen. In der Zeitung hieß es weiter: „Laut einem ehemaligen israelischen Regierungsvertreter, der später über den Besuch unterrichtet wurde, habe seine Botschaft gelautet: ‚Wenn Sie Ihren Kurs nicht ändern, wird Ihnen der Gazastreifen um die Ohren fliegen.‘“

Das Wall Street Journal berichtete am 27. September unter Berufung auf den Vertreter einer arabischen Regierung, die Ägypter hätten Israel „bis 48 Stunden vor dem Angriff weiterhin gewarnt“.

Sufian Abu Zaida, ein palästinensischer Unterhändler, erklärte am Mittwoch in einem Bericht des National Public Radio, der Anführer der Hamas im Gazastreifen Yahya Sinwar habe am 14. September 2023 eine Botschaft für Israel diktiert: „Es wird ein Erdbeben in den Verhandlungen geben, und die Israelis sollten sich bereit machen, ihre Gefängnisse zu leeren.“ Laut einem Haaretz-Bericht vom 8. September dieses Jahres habe der Leiter des Shin Bet, Ronen Bar, Netanjahu über Sinwars Drohung mit einem „Erdbeben“ am Tag darauf unterrichtet.

Netanjahus Büro bezeichnete den Haaretz-Bericht am 8. September als „absolute Lüge“. Laut einem Bericht von Associated Press vom 28. September sei Netanjahu am 27. September heimlich nach Abu Dhabi geflogen und habe bin Zayed aufgefordert, den Bericht zu dementieren. Netanjahu bestätigte die Reise, bestritt jedoch bin Zayed aufgefordert zu haben. In der gleichen Woche verklagte er Haaretz und andere israelische Medien wegen Diffamierung und bezeichnete die Berichte als „böswillige Verleumdungen“.

Netanjahu weigert sich seit drei Jahren, eine staatliche Untersuchungskommission für den Angriff einzusetzen. The Atlantic verwies auf ein Wahlkampfvideo vom August, in dem er Beamten der Sicherheitsdienste vorwarf, ihn am 7. Oktober nicht sofort geweckt zu haben: „Im Vorfeld des 7. Oktober gab es so viele Warnsignale, so viele Anzeichen für einen bevorstehenden Angriff... Hätten sie mich aufgeweckt, wäre alles anders gekommen.“

Die New York Times berichtete am 30. November 2023, Israel habe den Angriffsplan der Hamas mit dem Codenamen „Jericho-Mauer“ mehr als ein Jahr im Voraus gekannt, Regierungsvertreter hätten ihn jedoch „als ambitioniert abgetan“.

Später sah die Times E-Mails einer langjährigen Analystin des Nachrichtendienstes der israelischen Armee, Einheit 8200, vom Juli 2023 ein, in dem sie davor warnte, dass die Hamas eine umfangreiche ganztägige Übung durchgeführt habe, die dem Angriffsplan ähnelte. Ein Oberst der für den Gazastreifen zuständigen Abteilung der Armee antwortete darauf: „Kurz, wir sollten geduldig warten.“ Die Analystin schrieb zurück: „Dieser Plan zielt darauf ab, einen Krieg zu beginnen.“

Die Untersuchung des Shin Bet kam im März 2025 zu dem Schluss, dass das Massaker hätte verhindert werden können, wenn die Behörde anders gehandelt hätte. Zudem kritisierte sie eine Politik der Ruhe im Gazastreifen, die es der Hamas ermöglicht hätte, ihre Streitkräfte auszubauen. Die New York Times verwies am 25. September auf einen Bericht des staatlichen Ombudsmanns, laut dem Netanjahu das Militär und die Geheimdienste angewiesen habe, die Hamas als „wirkungsvolle, gemäßigte und mäßigenden Autorität“ an der Macht zu belassen.

In den gleichen Wochen, in denen die Warnungen eintrafen, warb Netanjahu für seine Pläne für eine Neuaufteilung des Nahen Ostens. Am 22. September 2023, fünfzehn Tage vor dem Angriff, erklärte er bei der UN-Generalversammlung, der Frieden mit Saudi-Arabien würde „wirklich einen neuen Nahen Osten“ schaffen und präsentierte eine Karte, auf der das Westjordanland und der Gazastreifen innerhalb der Grenzen Israels lagen.

Der Krieg diente als Anlass für den Beginn einer Kampagne für das, was Netanjahu den „neuen Nahen Osten“ nannte, die wiederum Teil eines größeren Ausbruchs imperialistischer Gewalt war, die sich hauptsächlich gegen den Iran richtete. Am 9. Oktober, zwei Tage nach dem Angriff, versprach Netanjahu lokalen Anführern aus Südisrael: „Wir werden den Nahen Osten verändern.“

Laut dem Gesundheitsministerium von Gaza wurden seit Oktober 2023 bis Mittwoch 74.250 Menschen durch Israel getötet, 1.467 davon seit Beginn des Waffenstillstandes am 10. Oktober 2025. Eine Untersuchungskommission der UN kam im September 2025 zu dem Schluss, dass Israel „im Gazastreifen einen Völkermord an den Palästinensern verübt hat.“ Israel überfiel den Libanon im Jahr 2024 sowie in diesem Jahr, besetzte die Pufferzone im Süden Syriens nach dem Sturz des Präsidenten Baschar al-Assad und bombardierte den Jemen und Katar. Netanjahu erklärte am 2. September 2026 gegenüber dem israelischen Sender i24NEWS: „Meine Absicht war, dass wir letztlich dem Iran, dem Kopf des Oktopus, gegenübertreten und ihm seine Tentakeln abschneiden würden.“

Nur wenige Wochen nach den Angriffen warnte die World Socialist Web Site, der US-Imperialismus bereite einen Angriff auf den Iran vor. Am 16. Oktober 2023 schrieb die WSWS in dem Perspektivartikel „USA geben Israel grünes Licht für Genozid und bereiten Krieg gegen Iran vor“: „Die USA nutzen die gegenwärtige Krise, um seit langem bestehende Pläne für einen Krieg gegen den Iran in die Tat umzusetzen. Das Land bildet die Nahostfront der US-Kriegskampagne gegen Russland und China.“

Diese Vorbereitungen wurden unter der Biden-Regierung eingeleitet und unter der Trump-Regierung umgesetzt. Amos Hochstein, ein hochrangiger Berater des ehemaligen Präsidenten Joe Biden, sprach am 19. April in der CBS-Sendung Face the Nation über die Angriffe der USA auf iranische Atomanlagen im Juni 2025. Über diese Militärschläge habe man innerhalb der Biden-Regierung als etwas gedacht, das man in einer möglichen zweiten Amtszeit werde durchführen müssen. Er fügte hinzu: „Wir haben Übungen abgehalten. Wir haben einige Testläufe gemacht, wie es aussehen würde“. Das bedeutet, dass beide US-Parteien hinter dieser Politik standen.

Am 28. Februar 2026 begannen die USA und Israel einen Krieg gegen den Iran. Bereits am ersten Tag wurde der Oberste Führer Ali Chamenei ermordet. Laut einem Al Jazeera-Bericht vom 28. August hatten die iranischen Behörden bis zu diesem Datum 3.527 Tote gezählt. Nachdem im Juli ein Waffenstillstand gescheitert war, nahmen US-Kriegsschiffe ihre Blockade iranischer Häfen wieder auf.

US-Präsident Donald Trump fragte am 22. September bei der UN-Generalversammlung, ob er „die Islamische Republik auslöschen“ solle, „und zwar schnell“. Am 25. September berichtete das Wall Street Journal unter Berufung auf US-Regierungsvertreter, Trump habe Beratern mitgeteilt, er plane die Wiederaufnahme der Luftangriffe auf den Iran nach den Zwischenwahlen im November.

Unterdessen schickt die Trump-Regierung aktuell eine dritte Flugzeugträgerkampfgruppe und eine weitere Expeditionsstreitmacht der US-Marines, insgesamt bis zu 10.000 zusätzliche Soldaten, in den Nahen Osten.

Loading