Seit einer Woche erschüttert eine Welle von Schülerprotesten den französischsprachigen Teil Belgiens. Am Donnerstag, dem 1. Oktober, blockierten mehrere hundert Schüler rund ein Dutzend weiterführende Schulen in Lüttich. Inzwischen hat sich die Bewegung auf große Teile der Wallonie ausgebreitet, u.a. auf Charleroi, Mons, Arlon, Virton, Hannut, Herstal, Verviers, Tournai und Huy sowie auf Brüssel. Am 7. Oktober schlossen sich auch Studenten in Lüttich und Seraing der Bewegung an.
Der Ausbruch von Jugendprotesten in Belgien verdeutlicht die rasche internationale Ausbreitung von Protesten in ganz Europa, vor dem Hintergrund einer bedeutenden Streikwelle in den USA. In Belgien begannen die Schülerproteste eine Woche nach Frankreich, wo die Proteste die Regierung von Präsident Emmanuel Macron herausfordern. Dies wiederum ist Teil einer weitaus breiteren Bewegung, zu der auch die Massenproteste gegen die Wohnungsnot in Spanien, die Streiks im öffentlichen Dienst in Portugal und die Ablehnung der Wehrpflicht in Deutschland gehören.
Die Ausbreitung der Proteste bis nach Brüssel, der Hauptstadt der Europäischen Union und des Militärbündnisses NATO, unterstreicht, dass sich diese Bewegung grundlegend gegen Sparpolitik, imperialistischen Krieg und deren Ursache, das kapitalistische System, richtet.
Die belgischen Schulproteste begannen in Lüttich. Einen Tag später zogen 500 bis 600 Jugendliche durch die Stadt. Am 5. Oktober berichtete L' Avenir, dass an Schulen in der ganzen Stadt „Tausende“ protestierten. Mehrere hundert Schüler zogen durch Verviers, Tournai, Virton und Hannut. In Brüssel blockierten etwa 100 Schüler eine Woche lang die Athénée Charles Janssens in Ixelles, und am 7. Oktober zogen etwa 250 Jugendliche vom Hauptbahnhof aus durch die Stadt. In Mons besuchten laut La Libre protestierende Schülerdelegationen „alle Schulen der Stadt“.
Die belgischen Schüler protestieren gegen das Sparpaket „Programmdekret“, das am 5. Juni von der Föderation Wallonie-Brüssel verabschiedet wurde – einer Regierungskoalition aus der liberalen Reformbewegung (MR) und der christdemokratischen Partei „Les Engagés“. Es sieht Kürzungen in Höhe von 500 Millionen Euro bis 2029 vor. Oberschullehrer sollen für das gleiche Gehalt 22 statt 20 Unterrichtsstunden pro Woche halten, wodurch 1.300 Vollzeitstellen vernichtet würden.
Die Studiengebühren in der Wallonie und Brüssel, das sogenannte Minerval, soll von 835 auf 1.194 Euro steigen, wobei 58 Prozent der Schüler den vollen Satz zahlen müssen. Der Etat für kostenlose Mahlzeiten in der Schule soll von 21 Millionen auf 14 Millionen Euro gekürzt werden und für Schulmaterialien von 24 Millionen Euro auf 11 Millionen. Hinzu kommt die geplante Abschaffung des Jahrestickets für Busse in der Wallonie, das für Jugendliche bisher 12 Euro gekostet hat.
Die Schüler solidarisieren sich bei ihren Protesten ausdrücklich mit ihren Lehrern, die seit Herbst 2025 immer wieder gestreikt haben. Ein Schüler erklärte gegenüber dem Sender RTBF: „Meine Lehrer haben gestreikt, ich wollte sie unterstützen.“ Sie fordern kleinere Klassen – oft ist von 35 Schülern pro Lehrer die Rede – sowie die Renovierung baufälliger und mit Asbest verseuchter Gebäude, die Wiedereinführung von Schulmahlzeiten und außerschulischen Projekten sowie bezahlbare Busfahrkarten.
Bei einer Demonstration in Lüttich verurteilten die Teilnehmer die belgische Regierung auch, weil sie Kürzungen im Bildungswesen durchsetzt, um „in den Krieg zu investieren“.
Jugendliche erkennen den entscheidenden Zusammenhang: Die Sparpolitik und die Milliarden, die für Krieg und die Aufrüstung der NATO ausgegeben werden, sind zwei Seiten der gleichen Politik.
Belgische Schülerorganisationen haben zugegeben, dass es sich um eine weitgehend spontane Bewegung handelt, die sich außerhalb ihrer Kontrolle entwickelt. Aufrufe zu Aktionen breiteten sich über Snapchar, Instagram und TikTok von Schule zu Schule aus. Der Präsident des Komitees frankophoner Schüler (CEF), Logan Verhoeven, erklärte gegenüber RTBF: „Es ist wirklich dezentral. Niemand steckt hinter diesen Mobilisierungen.“
Diese Aussagen widerlegen die Behauptungen von Bildungsministerin Valeire Glatigny (MR) und MR-Parteichef Georges-Louis Bouchez, die Schüler würden von „radikalen Bewegungen“ und „Linksextremisten manipuliert“. Mit dieser Propaganda versucht die Regierung, eine echte soziale Bewegung zu delegitimieren, deren Ursachen in der massiven Opposition gegen ihre eigene reaktionäre Politik liegen.
Der Staat reagierte mit massenhafter Unterdrückung. In der ersten Woche wurden mehr als 200 Personen verhaftet, die überwiegende Mehrheit davon Minderjährige. Alleine in Lüttich gab es bis zum 7. Oktober 107 Verhaftungen; in Charleroi waren es am 2. Oktober 49, darunter 42 Minderjährige.
Die Polizei ging mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die Demonstranten vor und kesselte sie ein. Nach den Verhaftungen wurden sie unter unerträglichen Bedingungen festgehalten, um andere Jugendliche in Angst zu versetzen und von einer Teilnahme an der Bewegung abzuhalten. Minderjährige wurden fast zwölf Stunden in überfüllten Zellen festgehalten – u.a. 24 Personen in einer Zelle, die für 16 ausgelegt war, und ein 13-Jähriger in Einzelhaft. Ein 17-Jähriger erklärte gegenüber RTBF, er habe mit einer Gruppe an einer gewaltlosen Blockade vor seiner Schule teilgenommen, als sie eingekesselt und verhaftet wurden.
Die Staatsanwaltschaft von Lüttich kündigte eine „systematische Reaktion“ zur Eröffnung von Strafverfahren an und ermittelt gegen Nutzer sozialer Medien. Ein 13-Jähriger wurde wegen eines Posts verhaftet, in dem laut der Staatsanwaltschaft zu Brandstiftungen gegen eine Schule aufgerufen wurde. Die CEF erklärte auf einer Pressekonferenz, Sachbeschädigung sei „nicht vergleichbar mit der realen institutionellen Gewalt“, die Schüler täglich erleben.
Die wahre Gewalt geht jedoch vom kapitalistischen Staat aus – Kinder, die keine warme Mahlzeit mehr bekommen, Klassen mit 35 Schülern, Asbest in den Gebäuden und systematische militärische Eskalation der NATO gegen Russland und im Nahen Osten.
Die entscheidende Frage, die sich durch das Anwachsen der Bewegung in Belgien und international stellt, ist die nach der politischen Perspektive und der Führung.
Die Lehrergewerkschaften CSC-Enseignement, CGSP-Enseignement und SEL-SETCa haben ihre Streikgenehmigungen bis zum 16. Oktober verlängert. Zusammen mit der CEF und der Schülervereinigung FEF bereiten sie einen „Jugendblock“ für einen landesweiten Streiktrag der Gewerkschaftsverbände am 9. Oktober vor. Doch diese Bürokratien haben in Belgien eine dokumentierte Vorgeschichte: Sie organisieren Streiks, um sie zu kanalisieren und zu beenden. Nach dem dreitägigen Generalstreik gegen den Austeritätskurs im November 2025 stellten die Gewerkschaftsbürokratien weitere Aktionen ein.
Die CEF wiederum führte am 7. Oktober die Schülerdelegationen zu Gesprächen mit Bildungsministerin Glatigny an, obwohl sie bereits jede Art von Zugeständnissen ausgeschlossen hatte. Allerdings gibt es keinen Grund, die Wut und die revolutionäre Energie der Jugend in sinnlose Verhandlungen mit einer Regierung zu lenken, die entschlossen ist, um jeden Preis ihre Kriegs- und Kürzungspolitik durchzusetzen.
Die Schüler können den Polizeistaatsapparat nicht alleine besiegen. Um ihre Forderungen nach einem Ende von Austerität und Krieg durchzusetzen, sind grundlegende Änderungen der sozialen und politischen Ordnung im internationalen Ausmaß notwendig. Ein solcher Kampf erfordert eine Hinwendung zur Arbeiterklasse in ganz Europa und international und systematische Bemühungen der Jugend und Schüler, die Arbeiterklasse im Kampf zu mobilisieren, unabhängig von den Hinhaltetaktiken der nationalen Gewerkschaftsbürokratien.
Es müssen unabhängige Aktionskomitees an Schulen, Universitäten und Betrieben in Belgien und ganz Europa aufgebaut werden – demokratisch von den Kämpfenden gewählt und unabhängig von den Bürokratien und Establishment-Parteien. Nur damit kann die Jugendbewegung mit der Kraft der Arbeiterklasse vereint werden und sich zu einer bewussten politischen Bewegung gegen Austerität, Neofaschismus und Krieg sowie für Arbeitermacht und Sozialismus entwickeln.
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