Noch gibt es sie in einigen Stadtzentren: die Galeria-Kaufhäuser, in denen von Winterjacken über Dampfkochtöpfe und Brettspiele bis hin zu Lebensmitteln fast alles zu finden ist, und deren Restaurants als Treffpunkte dienen. 83 dieser Häuser sind noch übrig – doch was nach Weihnachten geschieht, ist völlig offen. Viele von ihnen oder alle könnten geschlossen werden.
Galeria hat am 2. Oktober beim Amtsgericht Düsseldorf erneut einen Insolvenzantrag gestellt, den bisher vierten in sechs Jahren. Wie die WSWS seit Jahren dokumentiert, wird der Konzern systematisch ausgeplündert und Schritt für Schritt demontiert und zerschlagen.
Offiziell werden noch 11.250 Stellen bei Galeria gezählt, aber weil viele Verkäuferinnen in Teilzeit arbeiten, sind es noch etwa 12.000 Beschäftigte. Für 9.650 Arbeitsplätze fließt „Insolvenzgeld“ bis zum Januar 2027, d.h. das Bundesamt für Arbeit (BfA) bezahlt die Löhne, doch nur bis Ende Dezember, d.h. rund um das Weihnachtsgeschäft.
Für weitere mindestens 1.600 Beschäftigte, die bei den Lebensmitteln und in den Restaurants arbeiten, ist die Bezahlung ab November völlig offen. Von den noch 83 Filialen sollen bis zu 33 im Januar 2027 geschlossen werden; von Schließung bedroht sind aber letztlich alle.
In mehreren Filialen sind schon Restaurants geschlossen, und Gutscheine werden nicht mehr angenommen. Einzelne Abteilungen sind mit Flatterband abgesperrt, da die Waren als Sicherheit für laufende Kredite gelten. „Diese Marke steht vorübergehend nicht zum Verkauf“, heißt es auf den Schildern. Angeblich fehlt das Geld, um die Filialen weiterzuführen.
Warum fehlt das Geld?
Als Ursachen werden der überhandnehmende Online-Handel, der den Umsatz einbrechen lässt, und die teuren Innenstadtmieten angegeben. Allerdings sind da auch die Schulden infolge der horrenden Summen, die windige Investoren seit Jahren von Galeria abziehen, um sich selbst zu bereichern.
Vor allem der Investor René Benko hatte sein Modell Signa bei Galeria perfektioniert: Er übereignete die Immobilien in bester Innenstadtlage seiner Holding und vermietete diese dann zu völlig überteuerten Wuchermieten an die Filialen zurück. Infolge astronomischer Mietzahlungen (teilweise von 20 oder 30 Prozent des Filialumsatzes) stieg auf dem Papier gleichzeitig der Wert der Signa-Immobilien.
Mit diesen künstlich aufgeblähten Werten lieh sich Benko immer neue Milliardenkredite – bis das System schließlich platzte. Signa machte bankrott und der Multimilliardär landete wegen Betrugs vor Gericht und im Gefängnis. Seit Mitte Oktober ist er mit einer Fußfessel wieder frei.
Nach Benkos Abgang wurde Galeria vom Unternehmer Bernd Beetz und der US-amerikanischen Investmentgesellschaft NRDC übernommen, die dem einstigen Kaufhof-Eigner Richard Baker gehört. Sie entwickelten ihre eigene Methode zur Plünderung des Konzerns.
Schon in der Zeit von 2015 bis 2019, als ihm Kaufhof gehörte, hatte Baker durch Verkauf von luxuriösen Immobilien Millionen aus dem Konzern herausgezogen. Seit Sommer 2024, als Baker und Beetz Galeria übernahmen, haben sie nur sehr wenig Eigenkapital investiert, ihr Privatvermögen geschont und das Haftungsrisiko damit sehr kleingehalten. Um die laufenden Rechnungen zu zahlen, organisierten sie Wucherkredite von Heuschrecken wie Bain Capital und Gordon Brothers mit astronomischen Zinsen von bis zu 15 Prozent. Die Zeche für die neue Insolvenz zahlen heute die Angestellten, die Gläubiger, die Lieferanten und die Steuerzahler.
Eins ist klar: Verantwortlich ist nicht das Galeria-Personal – im Gegenteil: Es wird seit Jahr und Tag für diese Art Bereicherung zur Kasse gebeten und verzichtet seit über zehn Jahren auf Tariflöhne und Urlaubs- und Weihnachtsgeld, ganz zu schweigen von den vielen tausend Fällen, in denen Beschäftigte ihre Stelle und Lebensgrundlage verloren haben.
Verantwortlich ist das zutiefst kranke, verrottete kapitalistische Gesellschaftssystem, in dem Profit und Reichtum alles, das Schicksal und Leben einfacher Arbeiter dagegen nichts sind. Von den einst 160.000 Beschäftigten in 300 Kaufhäusern sind heute noch 12.000 oder noch gut sieben Prozent übrig. Und ältere Verkäuferinnen und Verkäufer, die schon die Insolvenzen von Galeria-Vorläufern wie Karstadt, Kaufhof, Metro, Hertie, Horten, Quelle, Arcandor etc. miterlebt haben, können bestätigen, dass noch jede Insolvenz mit Stellenstreichung und Lohneinbußen einherging.
Verantwortlich ist in erster Linie die Organisation, die den Beschäftigten seit Jahren die Hände bindet, ihre Gegenwehr lähmt und sie diesen Angriffen immer aufs Neue ausliefert: die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi.
Verdis Strategie
Wenn dieses katastrophale, anhaltende Trauerspiel überhaupt etwas „Gutes“ haben kann, dann vielleicht dies: Die Galeria-Insolvenz hat ein für alle Mal den Beweis für den völligen Bankrott von Verdis Strategie erbracht. Die Dienstleistungsgewerkschaft ist mit ihrer Strategie bei Galeria nicht ein- oder zweimal, sondern schon mindestens viermal gescheitert. Kein einziges Mal haben ihre endlosen Zugeständnisse und „Sanierungstarifverträge“ die Gier der Investoren gestoppt oder auch nur gemäßigt.
Die Rolle von Verdi bei Karstadt, Kaufhof und Galeria ist die eines Co-Managements, das jeden neuen Investor in rosigen Farben malt und vom Personal weitgehende Zugeständnisse für den Neustart erpresst. Wenn der „Retter“ dann die nächste Insolvenz anrichtet, wenn sich also zeigt, dass alle Opfer des Personals die Arbeitsplätze nicht retten konnten, dann werden dem einst hochgelobten Investor von Verdi „haarsträubende Managementfehler“ bescheinigt. Genau das waren die Worte von Silke Zimmer, dem für Handel zuständigen Verdi-Bundesvorstandsmitglied, über die Ursache der neusten Insolvenz.
Zwar hat Verdi über seine Gewerkschaftsvertreter im Aufsichtsrat frühzeitig Einblick in die Bücher. Aber ihre Funktionäre reagieren auf die Insolvenz mit empörter Rhetorik und ohnmächtigem Händeringen. Gleichzeitig bereiten sie hinter verschlossenen Türen schon den nächsten Sanierungsvertrag mit den neuesten Grausamkeiten vor.
Hauptsächlich fordert Verdi: „Es braucht einen Eigentümer, der Verantwortung für Galeria und seine Beschäftigten übernimmt.“ Auch wenn die Eigentümer sich jedes Mal als Betrüger und Abzocker erweisen: Das kapitalistische Eigentum ist für Verdi sakrosankt. Nach dem ersten Gespräch mit Insolvenzverwalter Frank Kebekus und der Unternehmensberatung Roland Berger schreibt Verdi, der Gesamtbetriebsrat sei „vorsichtig optimistisch“.
Aber Verdis Strategie ist gescheitert, das zeigt schon ein kurzer Rückblick auf die Geschichte des Konzerns.
Ab März 2019 gehörten die noch 174 Filialen von Karstadt und Kaufhof dem österreichischen Investor René Benko (Signa). Er hatte zuvor bei einem Treffen in Berlin sein „Zukunftskonzept“ vorgestellt. Unter den Teilnehmern waren außer den Gesamtbetriebsratsvorsitzenden beider Ketten auch der damalige Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske und Stefanie Nutzenberger vom Verdi-Vorstand. Die Folge war ein Sanierungstarifvertrag, der Benko 70 Millionen Euro einbrachte und die Vernichtung von 2.000 Stellen vorsah. Galeria-Karstadt-Kaufhof trat aus dem Flächentarifvertrag aus. Die langfristige Folge: Die Galeria-Löhne liegen heute bis zu 30 Prozent unter dem marktüblichen Flächentarifvertrag im Einzelhandel.
Schon im April 2020 erfolgte darauf die erste Galeria-Insolvenz. Aufgrund der Corona-Pandemie bekam der Konzern ein Schutzschirmverfahren, das den guten Beziehungen von Verdi zur Bundesregierung zu verdanken war. Bis zum Sommer 2022 kassierte der Signa-Konzern 680 Mio. Euro aus dem staatlichen Wirtschaftsstabilisierungsfonds. 42 Warenhäuser wurden aufgrund eines neuen Sozialtarifvertrags geschlossen, den Verdi hinter dem Rücken der Belegschaften abschloss. Bis zu 7.500 Mitarbeiterstellen wurden vernichtet.
Als Benko im Oktober 2022 die nächste Insolvenz anmeldete, erwiesen sich die Standortgarantien aus dem mit Verdi abgeschlossenen Sanierungstarifvertrag als Makulatur. Die Schließung von weiteren 40 Warenhäusern begann. Dennoch bemühte sich der Verdi-Vorstand sofort um den Abschluss eines neuen Sanierungstarifvertrags mit demselben windigen Multimilliardär. In Berlin ermöglichte der damalige Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) Benko die Verwirklichung umstrittener Immobilienprojekte am Hermannplatz, am Alexanderplatz und am Kurfürstendamm.
Wie die WSWS damals schrieb, „können Arbeiter ihre Interessen nicht durchsetzen, ohne dem Kartell aus Gewerkschaften, Regierung und Linkspartei entgegenzutreten und die kapitalistische Profitwirtschaft insgesamt in Frage zu stellen“.
Doch auch im Januar 2024, als Benko nach der Signa-Pleite in Innsbruck vor Gericht gestellt wurde, arbeitete Verdi eng an der neuen Radikalkur im Zuge der dritten Insolvenz. Von den verbliebenen 92 Warenhäusern wurden weitere neun geschlossen und 1.400 weitere Stellen abgebaut. Jürgen Ettl, Gesamtbetriebsratsvorsitzender, sagte damals der Wirtschaftswoche zur Schließung der Essener Zentrale und dem geplanten Arbeitsplatzabbau: „Für mich als Betriebsrat ist das hart“, (aber) „in unserer Lage darf es auch für Betriebsräte keine Denkverbote geben“.
Und selbst heute, wo im Herbst 2026 alles auf dem Spiel steht, ändert die Gewerkschaft ihre Strategie nicht. Schon seit dem Sommer 2026 verhandeln ihre Funktionäre hinter verschlossenen Türen über die Schließung von 33 Häusern. Und erneut setzt Verdi alles auf die Hoffnung nach einem neuen Investor und schreibt: „Vor allem braucht Galeria einen Eigentümer, der Verantwortung für das Unternehmen und seine Beschäftigten übernimmt.“
Profitiert haben von dieser Strategie immer nur die Investoren, die heute Millionäre und Milliardäre sind, und ihre Berater und Lakaien. Eine „Vielzahl von prominenten Juristen und Beratern“, schreibt die Westdeutsche Allgemeine (WAZ), suche derzeit für den Warenhauskonzern nach neuen Investoren. Ein Handelsexperte, Gerrit Heinemann, kommentierte schon vor Jahren: „Kaum ein Unternehmen hat in den letzten 20 Jahren so viel Honorar an Berater gezahlt wie Karstadt und Kaufhof.“
Roland Berger war schon 2009 bei der Arcandor-Pleite tätig, als man den Milliardär Nicolas Berggruen aus dem Hut zauberte. Berggruen übernahm den Konzern Karstadt Quelle für einen symbolischen Euro – nur um ihn später an René Benko zu verkaufen. Laut WAZ kassierte der damalige Insolvenzverwalter für seine Vermittlung im Arcandor-Verfahren 50 Millionen Euro. Im Insolvenzverfahren 2020 flossen 80 Millionen Euro an die Berater, 36 Millionen davon an Frank Kebekus, der auch heute wieder tätig wird, und den Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz. Unbekannt ist, wie viel Roland Berger für seine jüngste Mission bei Galeria erhalten wird.
Profitiert haben auch die Verdi-Funktionäre, die dafür fürstlich bezahlt werden, dass sie hinter dem Rücken der Beschäftigten immer neue „Sozialtarifverträge“ für die Stellenstreichungen und Lohnsenkungen vorbereiten und diese anschließend durchsetzen.
Keine weiteren Entlassungen!
Wirtschaftsvertreter fordern inzwischen schon offen die Schließung des ganzen Galeria-Konzerns. In der Wirtschaftszeitung Handelsblatt heißt es: „Im Fall des Warenhauskonzerns wäre nach vier Pleiten in sechs Jahren ein Ende mit Schrecken inzwischen einfach sinnvoller als ein Schrecken ohne Ende.“
Derweil erkennen immer mehr Beschäftigte und Arbeiter inzwischen, wie der Hase läuft: Eine dünne Oberschicht scheffelt märchenhafte Gewinne, während die Arbeiterklasse auf Diktat „ihrer eigenen“ Vertreter in der Gewerkschaftsbürokratie die Zeche bezahlt.
Einen Ausweg gibt es nur, wenn die Galeria-Beschäftigten beginnen, sich unabhängig von Verdi in Aktionskomitees zusammenschließen und den Kampf um jeden Arbeitsplatz aufzunehmen. Keine weiteren Entlassungen! Kein neuer „Sanierungsplan“! Jeder Arbeitsplatz muss verteidigt werden! Das Prinzip muss gelten: Die Bedürfnisse der Beschäftigten und ihrer Familien und auch der Kunden stehen höher als die Profitinteressen des Kapitals und seiner Lakaien.
Verbündete für diesen Kampf finden die Beschäftigten in der gesamten internationalen Arbeiterklasse – bei den Kolleginnen und Kollegen von Amazon, Ikea, Rewe, Aldi und Lidl, die ebenfalls gegen Lohndumping kämpfen, und unter den Auto- und Zuliefererarbeitern, die massiv angegriffen werden. Notwendig ist eine neue Strategie, international und sozialistisch, und eine Führung, die bereit ist, die Konzerne und Banken zu enteignen und unter Arbeiterkontrolle zu stellen.
Schließt euch deshalb dem Aufbau unabhängiger Aktionskomitees an! Nehmt mit uns Kontakt auf: über das untenstehende Kontaktformular oder per WhatsApp an +49 163 3378340.
