Die Kehrseite des holländischen Modells

18 Tote und 946 Verletzte nach Explosion einer Feuerwerksfabrik in Enschede

Von Hendrik Paul
26. Mai 2000

Am 13. Mai explodierten in der Feuerwerksfabrik von S.E. Fireworks mitten in der Arbeiterwohnsiedlung Mekkelholt im Norden des holländischen Enschede nach einem Brand etwa 100 Tonnen Feuerwerkskörper und Sprengstoffe. Der Knall war noch in 30 Kilometer Entfernung zu vernehmen. In Sekundenbruchteilen wurden 400 Häuser teilweise bis auf die Grundmauern zerstört und 1000 weitere beschädigt. Dabei fanden 18 Menschen den Tod. 946 Personen wurden verletzt, von denen noch immer 23 in umliegenden Krankenhäusern behandelt werden, vier sogar auf der Intensivstation liegen. Drei Menschen werden noch vermisst und es ist nicht ausgeschlossen, dass sich die Zahl der Opfer noch erhöhen wird. Die weitere Suche nach Opfern unter den Trümmern im Zentrum der Explosion wurde aber am zwölften Tag nach dem Unfall aufgegeben.

Bei der Forschung nach den Ursachen ist eine ganze Latte von Fakten zutage gefördert worden, die die Rücksichtslosigkeit der Betreiber und Behörden erweisen.

Allein der Umstand, dass sich die Fabrik seit über zwanzig Jahren mitten in einer Wohnsiedlung befand, hat für Aufregung gesorgt. Die anfängliche Behauptung, die Fabrik hätte zuerst dort gestanden und das Wohngelände wäre erst später herumgebaut worden, wurde schnell wiederlegt. Es handelte sich um eine als sozial schwach geltende, meist von Arbeitslosen, Ausländern und Studenten bewohnte Siedlung, die bereits in den zwanziger Jahren erbaut worden war. 2500 Menschen aus zehn Nationen, darunter der Türkei, Ghana, Marokko und der ehemaligen niederländischen Kolonie Surinam, hatten dort ihr Zuhause. Man beachte aber die Dreistigkeit einer solchen Behauptung, mit der die Verantwortung für das Leid der Betroffenen diesen untergeschoben werden sollte. Als ob es für die Gefährdung einen Unterschied machte, ob man nun eine Feuerwerksfabrik in einem Wohngebiet genehmigt, oder umgekehrt eine Wohnsiedlung um eine schon bestehende Anlage herum bauen lässt.

Dass aber offensichtlich kaum jemand von der Existenz einer solchen Zeitbombe eine Ahnung hatte, weder die örtlichen Behörden, schon gar nicht die Bewohner der Umgebung, das ist schon beinahe kriminell. Noch nicht einmal die Feuerwehr wusste, worauf sie sich einließ, als sie nach einer Feuermeldung auszog, um in routinierter Weise den Brand eines scheinbaren Papierlagers zu löschen.

Es wird nicht ausgeschlossen, dass die Katastrophe erst durch diesen fatalen Irrtum ein solches Ausmaß annehmen konnte. So wurden weder schaulustige Passanten gewarnt, noch wurden Maßnahmen ergriffen, um die anliegenden Häuser zu evakuieren. Am schwersten aber wiegt, dass möglicherweise versucht wurde, brennendes Magnesium und andere Chemikalien mit Wasser zu löschen, und dass auf diese Art der Katalysator für die Explosion geschaffen wurde. Magnesium, das bei Verbrennung eine Temperatur von über 1000 Grad Celsius entwickelt, spaltet das Löschwasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff. Knallgas und der entsprechende Knall sind das Ergebnis. Das berühmte Öl ins Feuer zu gießen, hätte in diesem Falle kaum folgenschwerer sein können. Vier Feuerwehrleute mussten ihren Einsatz mit dem Leben bezahlen.

Doch, selbst wenn sich dies bestätigen sollte, wäre lediglich das auslösende Moment des tödlichen Feuerwerks erschlossen. Die wirklichen Ursachen liegen in dem Umstand begründet, dass die verantwortliche Firma offenbar ungehindert große Mengen gefährlicher Stoffe auf engstem Raum lagern und verarbeiten konnte, ohne dabei die simpelsten Sicherheitsstandards beachten zu müssen.

Die S.E. Fireworks erhielt im Jahre 1977 die Genehmigung, bis zu 16 Tonnen Feuerwerkskörper der Klassen I und II zu lagern. Zwanzig Jahre später erhielt die Firma die Erlaubnis, Großfeuerwerk zu lagern und zusammenzustellen. Dies brachte eine Erweiterung der Lagerkapazitäten mit Genehmigung in den Jahren 1997 und 1999 mit sich. Am Unglückstag lagerten 158 Tonnen Material bis zur pyrotechnischen Klasse IV auf dem Gelände.

Die Sicherheitsmaßnahmen hielten mit dieser Entwicklung keineswegs Schritt, wurde das Material doch nicht, wie in solchen Fällen üblich und auch vorgeschrieben, in unterirdischen Bunkern gelagert, sondern in Schiffscontainern zu ebener Erde mit geringem Abstand zueinander und ohne trennende Erdwälle oder entsprechende Abgrenzungen.

Zu allem Überfluss standen die Türen der Container auch häufig offen, wie aus Luftaufnahmen des Geländes kurz vor dem Unglück ersichtlich wurde und auch der Aussage eines Feuerwehrmannes zu entnehmen war. Dass dies eher die Regel war, geht aus Berichten verschiedener Zeitungen hervor, in welchen der ehemalige Chef-Pyrotechniker des Landeskriminalamtes Berlin, Martin Volk, Gelegenheit hatte, seine Eindrücke darzulegen, die er bei einem Besuch der S.E. Fireworks im November vergangenen Jahres gewonnen hatte. Auch er bemerkte die offenen Türen wie auch die unmittelbare Nachbarschaft von Lager- und Arbeitsräumen, was in dieser Branche ebenfalls ungewöhnlich ist. Es fehlten Blitzableiter, Fluchtwege, Schutzbauten aller Art. Die gelagerten Artikel waren obendrein noch falsch etikettiert, um eine geringere Gefahr als die tatsächliche auszuweisen. "Das ganze Lager strotzte vor eindrucksvoller Ungewöhnlichkeit", und "Das war ein reiner Umschlagplatz mitten in einem Wohngebiet", so seine Kommentare.

Doch teilt auch er mit anderen Fachleuten die Auffassung, dass selbst diese Nachlässigkeiten nicht ausreichen, um eine Detonation von der Art, wie sie Enschede erleben musste, zu erklären. Der Verdacht, dass die Besitzer von S.E. Fireworks auch große Mengen illegaler Materialien lagerten und verarbeiten ließen, wurde inzwischen auch von der Staatsanwaltschaft aufgegriffen. Ruud Bakker und sein Partner Willem Pater wurden mit internationalem Haftbefehl gesucht und stellten sich am vergangenen Wochenende der Polizei.

Es wäre allerdings zu kurz gegriffen, wollte man die Katastrophe und die Verantwortung dafür auf ein paar kriminelle Subjekte reduzieren, die ihr Spiel mit dem Feuer auf die Spitze getrieben haben. Für Bakker und Pater mögen die Gesetze dazu da sein, dass man sie übertritt. Aber diese Auffassung erhielt nicht geringe Nahrung durch die Praxis sowohl der örtlichen Behörden als auch durch die Richtung der Politik als ganzer.

Bei der Lagerung des Sprengstoffs in großen Mengen und in Containern konnten sie sich auf jährlich erneuerte Genehmigungen von niemand geringerem als dem niederländischen Verteidigungsministerium stützen. Die zuständige Kommission hatte noch wenige Tage vor dem Unglück das Gelände inspiziert und für unbedenklich gehalten. Dabei hatte sie erst im Dezember letzten Jahres den Chefkontrolleur der Behörde, Major W. Ceelen, wegen Bestechungsverdacht vom Dienst suspendiert. Ceelen hatte Feuerwerkern Betriebsgenehmigungen gegen "Bares" erteilt, und in seinen Unterlagen war auch die S.E. Fireworks zu finden. Eine gründlichere Inspektion wäre unter diesen Bedingungen mehr als angebracht gewesen.

Auch waren die Vorschriften zum Betrieb solch gefährlicher Anlagen und Lager, wie sie eine Feuerwerksfabrik nun einmal darstellt, kaum angemessen für ein Land, dass man eigentlich auf der Höhe europäischen Standards vermutet. Jedenfalls war auch die Lagerung in Containern genehmigt. Solche Container wurden schon 1997 in einem anderen Fall vom staatlichen technischen Untersuchungsinstitut TNO als völlig ungeeignet eingeschätzt, Sprengstoffe, wie sie bei Großfeuerwerken zum Einsatz kommen, sicher einzulagern. Halten sie doch einem eventuellen Brand nur ganze vier Minuten stand und nicht, wie ebenfalls vorgeschrieben, mindestens eine Stunde. Der Kommentar des stellvertretenden Bürgermeisters Eric Helder dazu: "Wir mussten genehmigen, es gab innerhalb des gesetzlichen Rahmens keine Alternative."

Wir wollen ergänzen, dass diese gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht vom Himmel gefallen, sondern das Ergebnis selbstgeschaffener Beschränkungen der Politik gegenüber der Wirtschaft sind, wie sie im Zuge des "Poldermodells" seit 1982 mehr und mehr in die Gesellschaft Einzug gehalten haben, und wie sie auch hierzulande unter dem Begriff der "Sachzwänge" als Rechtfertigung herhalten müssen, wenn Unternehmer tun und lassen was sie wollen.

Wenn die Regierung jetzt zum Zwecke der Untersuchung der Umstände der Katastrophe eine "unabhängige" Kommission einsetzt, so ist das weniger als Wille zur Aufklärung denn als Indiz zu werten, das es etwas zu verbergen gibt. Wie schon im Jahre 1992, als in dem Amsterdamer Vorort Bijlmermeer eine israelische Frachtmaschine abstürzte und 43 Menschen in den Tod riss, wird diese Kommission dazu dienen, Zeit zu gewinnen und jede peinliche Anfrage mit Hinweis auf die noch laufenden Untersuchungen, mit deren Abschluss nicht vor Ende des Jahres gerechnet wird, abzublocken. Inzwischen hat ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss der letzten Kommission schwere Verfehlungen nachweisen können, allerdings ohne Konsequenzen für die Verantwortlichen. Die öffentliche Aufmerksamkeit war längst auf andere Dinge gerichtet.

Auch die Staatsanwaltschaft hat in Bezug auf die beiden verhafteten Besitzer von S.E. Fireworks eine Nachrichtensperre verhängt, weil sie "Ruhe brauchen".

Wenn auch die genauen Umstände der Explosion noch eine Weile im Dunkeln bleiben werden, kristallisiert sich doch ein Aspekt immer deutlicher heraus: Die fortschreitende Befreiung des Kapitals von ökonomischen und sozialen Beschränkungen geht einher mit einer wachsenden Verantwortungslosigkeit der Unternehmer und Behörden gegenüber dem Leben und den Bedürfnissen der Bevölkerung. Deregulierung und vollständige Unterordnung unter die Markterfordernisse wie sie in den Niederlanden seit 1982 unter dem Namen des "Poldermodells", der holländischen Variante des Bündnisse für Arbeit, vollzogen werden, bringen nicht etwa Wohlstand für alle, ja noch nicht einmal eine Beschränkung der Arbeitslosigkeit, sondern Billiglohnarbeit, unbeherrschbare Katastrophen und massenhaftes Leid hervor.

Noch ein Wort vielleicht zu den bei internationalen Katastrophen stets wiederkehrenden Behauptungen, in Deutschland seien solche Ereignisse auf Grund der schärferen Gesetzeslage ausgeschlossen; so auch in diesem Falle verbreitet durch den Geschäftsführer des Verbandes der pyrotechnischen Industrie in Deutschland, Klaus Gotzen.

Einmal abgesehen davon, dass auch in Deutschland die Existenz eines Gesetzes Übertritte nicht ausschließen kann oder dass Sicherheitsvorschriften bei der Bahn das ICE-Unglück von Eschede nicht verhindern konnten, geht die größte Gefahr letztlich davon aus, dass auch die deutsche Regierung schon jahrelang dem "Niederländischen Modell" nacheifert und der Rückzug des Staates aus der Verantwortung zum Leitfaden für die Handlungen aller Politiker geworden ist. Deregulierung ist die drängendste Forderung der Wirtschaft. Deregulierung ist der Maßstab für die "Modernität" eines Politikers auch in Deutschland.

Seit dem Unglück von Enschede vor nicht einmal zwei Wochen wurden allein in Niedersachsen drei illegale Feuerwerkslager geräumt, eines davon nur zwanzig Kilometer von Enschede entfernt. In Berlin stellte sich heraus, dass im Stadtbezirk Neukölln, einem vergleichbaren, mit sozialen Randgruppen besiedelten Wohngebiet ein Lagerbunker für Feuerwerke existiert, von dem weder die Bewohner noch die Feuerwehr eine Ahnung hatten.

Siehe auch:
Das "niederländische Modell"
(1. Mai 1998)