Massenentlassungen in neuer Dimension

Telekom plant Streichung von 55.000 Stellen in drei Jahren

Von Hendrik Paul
11. Oktober 2002

Seit einer Woche etwa überschlagen sich die Meldungen über den geplanten Stellenabbau bei der Deutschen Telekom AG. Dabei nimmt der Umfang der angekündigten Streichungen in rasantem Tempo zu.

Ende August sprach der amtierende Vorstandsvorsitzende Helmut Sihler noch von 22.000 Stellen, die innerhalb von drei Jahren abgebaut werden müssten. Mittwoch vergangener Woche war bereits von 29.000 Mitarbeitern die Rede, davon mehr als 7.000 noch in diesem Jahr und 14.000 im nächsten Jahr.

Am Dienstag dieser Woche war die Zahl auf 46.000 angestiegen und einen Tag später bei vorerst 55.000 Stellen angekommen. Damit ist mehr als jeder fünfte der weltweit 256.216 Mitarbeiter des Konzerns betroffen. Bis zu 40.000 Stellen sollen allein in Deutschland gestrichen werden. Bei den ausländischen Beteiligungen in Ungarn, der Slowakei und Kroatien stehen 11.000 Arbeitsplätze auf der Abschussliste.

Der am stärksten betroffene Konzernteil ist die Festnetzsparte T-Com, wo jeder dritte der 120.000 Beschäftigten abgewickelt werden soll. Hinzu kommen bei T-Systems, dem Technologiedienstleister des Konzerns, ein Abbau von 3.500 Stellen und in der Mobilfunksparte T-Mobile weitere 1.000 Arbeitsplätze. Die beiden letzten Zahlen wiegen umso schwerer, als in diesen beiden Zweigen eigentlich geplant war, einen Teil der bei T-Com von Streichung betroffenen Mitarbeiter aufzufangen.

Als Begründung für diesen Kahlschlag in der Personalpolitik wird angeführt, den Schuldenberg von 64,2 Milliarden Euro abzuarbeiten und bis Ende 2003 auf wenigstens 50 Milliarden Euro zu senken. Doch wie immer in solchen Fällen dient der Verweis auf die Schulden vor allem der Verschleierung der Tatsachen. Es bleibt unbeantwortet, wer auf der einen Seite die Verantwortung für eine derart hohe Verschuldung trägt und wer auf der anderen Seite letztendlich die Suppe auslöffeln wird.

Der Boom an den Börsen in den letzten zehn Jahren, besonders im Technologiesektor, führte gegen Ende des letzten Jahrzehnts zu maßlosen Investitionen und grenzenloser, von den Banken tolerierter Verschuldung der Konzerne. Allein für Technik und Lizenzen der nächsten Mobilfunkgeneration UMTS haben die Telekommunikations-Unternehmen, darunter die Deutsche Telekom, in Europa zusammen 200 Milliarden Euro hingeblättert, ohne sicher sein zu können, dass diese gigantische Summe jemals wieder zurückfließen wird.

Zusätzlich hat die Telekom versucht, durch die Übernahme des Mobilfunkanbieters Voicestream einen Fuß in die Tür des US-Mobilfunk-Marktes zu bekommen. Dies hat sie sich immerhin 39 Milliarden Euro kosten lassen. Dass die Verschuldung schließlich auf 64 Milliarden steigen konnte, ist vor diesem Hintergrund kein Rätsel mehr.

Doch der Absturz der Börsen und gerade der Technologiebörsen in diesem Jahr hat nicht nur die Hoffnungen auf fette Profite gedämpft, sondern panikartige Reaktionen zur Schadensbegrenzung hervorgerufen. Der Kahlschlag bei der Deutschen Telekom ist nur eine dieser Reaktionen, mit der die Verantwortung für den ungestillten Profithunger der oberen Konzernetagen und der Großaktionäre, deren größter die deutsche Regierung mit einem Anteil von 43% ist, auf die Schultern der Beschäftigten abgeschoben wird.

Dieser Prozess ist nicht auf die Deutsche Telekom beschränkt, sondern vollzieht sich sowohl branchenübergreifend als auch international.

Im Nachbarland Frankreich ist der dortige Telekommunikationskonzern France Télécom (FT) ebenfalls mit einem Schuldenberg von 70 Milliarden Euro belastet. So wie in Deutschland der bisherige Telekom-Chef Ron Sommer von seinem Amt zurücktreten musste, um dem "hart durchgreifenden" Sihler Platz zu machen, wurde auch in Frankreich der bisherige, langjährige Vorstandsvorsitzende Michel Bon durch einen "Sanierer", Thierry Breton, ersetzt, der noch im kommenden Jahr 15 Milliarden Euro an Schulden zurückzahlen will. Und auch dort stehen entsprechend massenhaft Arbeitsplätze zur Disposition.

In Deutschland gerät die Telekom verstärkt durch die über weite Strecken zusammenbrechende IT-Industrie in Bedrängnis. Dort werden am Ende des Jahres zum ersten Mal seit zehn Jahren weniger Menschen beschäftigt sein als noch ein Jahr zuvor. Der Branchenverband Bitkom schätzt, dass Ende 2002 von den 819.000 Beschäftigten, die Ende 2001 in der IT-Industrie beschäftigt waren, nur noch 791.000 übrig bleiben werden.

So gehen in den Telefon-Sparten von Siemens in ganz Deutschland Tausende Arbeitsplätze verloren, allein in München in den nächsten Wochen 2.300. Der Computerkonzern IBM wird im nächsten Jahr 1.500 Mitarbeiter in Mainz an die Luft setzen und Hewlett-Packard baut in Deutschland rund 1.100 Stellen ab.

Im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts hat die Arbeitsproduktivität im Bereich der Kommunikationstechnik gewaltige Steigerungen erfahren. Diese Produktivitätssteigerungen gehen mit der Verlagerung von möglichst viel Arbeit auf möglichst wenige Schultern einher. Für einen Teil der Arbeiter nimmt der Arbeitsumfang mit fortschreitender Rationalisierung unerträgliche Ausmaße an, der Rest wird überflüssig gemacht und findet sich dann in den Schlagzeilen über den Stellenabbau ein letztes Mal öffentlich wahrgenommen.

Zwei Aspekte sind in den Plänen der Telekom noch bemerkenswert. Der erste Aspekt ist die neue Dimension der geplanten Stellenstreichungen. Obwohl die Deutsche Telekom in den vergangenen Jahren beim Übergang von einem Staatskonzern in private Hände bereits über 100.000 Arbeitsplätze abgebaut hat und damit den vergleichbaren ehemaligen Staatsunternehmen Deutsche Post und Deutsche Bahn in nichts nachsteht, bedeutet die Abschaffung von über 50.000 Stellen in nur drei Jahren eine neue Qualität. Vor allem die bisher übliche Abfederung der Entlassenen über Sozialpläne oder die Verschiebung in andere, zum Teil ausgegliederte Unternehmensteile ist immer weniger möglich. Für einen Großteil der Betroffenen gilt aber über Tarifverträge oder den Beamtenstatus ein besonderer Kündigungsschutz. Die Telekom geht daher neue Wege.

Das führt uns zu dem zweiten Aspekt. In der Behandlung der "freigesetzten" Arbeitskräfte finden nämlich zum ersten Mal die Vorschläge der Hartz-Kommission Anwendung, noch bevor diese in Regierungsbeschlüssen ihren Niederschlag gefunden haben. Sie kann daher als eine Art Testlauf für die künftige Arbeitsmarktpolitik der neuen Regierung dienen. Über eine eigens dafür geschaffene Personalservice-Agentur (PSA) sollen diejenigen, die nicht freiwillig über Altersteilzeit, eigene Kündigung oder andere Wege den Konzern verlassen wollen, an andere Arbeitgeber ausgeliehen oder vermittelt werden. Wer dann zweimal nicht bereit ist, einen so vermittelten, in Art, Umfang und Einkommen wesentlich schlechter gestellten Job anzunehmen, der darf direkt von der Telekom gekündigt werden.

Siehe auch:
Die Vorschläge der Hartz-Kommission - SPD und Gewerkschaften fördern Niedriglohnarbeit
(20. September 2002)
Nachlassende Konjunktur führt zu Entlassungswelle in Deutschland
( 20. November 2001)

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