Deutsche Kriegsverbrechen in Italien

Teil 1: 60 Jahre seit dem Massaker von Sant' Anna di Stazzema

Von Elisabeth Zimmermann
3. September 2004

Diese Artikelserie basiert auf zwei in den neunziger Jahren erschienenen Büchern, auf die sich die Darstellung der Ereignisse weitgehend stützt: Friedrich Andrae, "Auch gegen Frauen und Kinder - Der Krieg der deutschen Wehrmacht gegen die Zivilbevölkerung in Italien 1943-1945" (erschienen im Piper-Verlag München Zürich, 1994) sowie Gerhard Schreiber, "Deutsche Kriegsverbrechen in Italien - Täter, Opfer, Strafverfolgung" (Beck'sche Reihe, Verlag C.H. Beck, München, 1996).

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Im vergangenen Monat jährte sich zum 60. Mal eines der brutalsten Kriegsverbrechen, die deutsche Soldaten und SS-Truppen während der Besetzung Italiens verübt haben. 560 Frauen und Kinder sowie Männer, die nicht fliehen konnten, wurden in Sant' Anna die Stazzema in den Apuanischen Alpen innerhalb weniger Stunden auf bestialische Weise ermordet.

Am 12. August 1944 fiel die Panzer-Aufklärungsabteilung 16 der 16. SS-Panzergrenadier-Division,Reichsführer SS', geführt von SS-Sturmbannführer Walter Reder, im Rahmen einer sogenannten Säuberungsaktion in die in der Provinz Lucca gelegene Gemeinde Stazzema ein und hinterließ eine Spur der Verwüstung.

Die Wehrmacht hatte eine Woche zuvor die Räumung der Ortschaft Sant' Anna angeordnet, die zur Gemeinde Stazzema gehört, aber nur ein Teil der Bevölkerung hatte den Befehl befolgt. Aufgrund von beruhigenden Gerüchten waren zudem viele Frauen und Kindern in ihre Wohnungen zurückgekehrt. Hinzu kamen Flüchtlinge aus anderen Gemeindeteilen, deren Räumung am 8. August befohlen worden war.

Wehrmachts- und SS-Truppen sowie italienische SS-Männer bewegten sich in vier Stoßrichtungen auf Sant' Anna zu und verübten bereits auf dem Weg mehrere Massaker. In Vaccareccia sperrte die Truppe 70 aufgegriffene Personen in einen Stall, ermordete sie dann mit Handgranaten und Maschinenpistolen und setzte zum Schluss Flammenwerfer ein. Der gesamte Ort wurde gleichsam eingeäschert. Das Gleiche passierte in Franchi und Pero. Wer nicht rechtzeitig fliehen konnte, wurde erbarmungslos niedergemacht.

"In Sant' Anna selbst drängten Himmlers Panzergrenadiere die Einwohner und Flüchtlinge auf dem von einer Mauer umschlossenen Platz vor der Kirche zusammen," schildert Gerhard Schreiber die dann folgenden Ereignisse. "Da es nur einen einzigen Zugang gab, befanden sich die Menschen in einer perfekten Falle. Die Mörder begannen nun ihr Werk, danach bildeten die sterblichen Überreste von 132 Männern, Frauen, Kindern und Kleinkindern einen Leichenberg. Nunmehr waren die Flammenwerfer an der Reihe, weshalb viele der Toten nie identifiziert werden konnten. Als sich der Verband anschließend wieder ins Tal nach Valdicastello begab, ließen die SS-Männer, die in Mulino Rosso noch einmal 14 und in Capezzano di Pietrasanta sechs Menschen umbrachten, insgesamt 560 Ermordete zurück. Nur bei 390 Toten, unter denen sich 75 Kinder im Alter bis zu zehn Jahren befanden, vermochten die Behörden später die Identität festzustellen. Das jüngste Opfer zählte drei Monate, das älteste 86 Jahre."

So schlimm das Massaker von Sant' Anna die Stazzema war, es stand nicht allein. Es war nur eines von zahlreichen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die Einheiten der Wehrmacht, der SS und andere deutsche Verbände während des Zweiten Weltkriegs beim Feldzug gegen die Sowjetunion, im besetzten Osteuropa und anderen besetzten Gebieten verübten. In Italien reihte sich dieses Massaker in unzählige andere Kriegsverbrechen ein, die umso brutaler, grausamer und rücksichtsloser wurden, je mehr die deutschen Truppen durch den Vorstoß der Alliierten und den Wiederstand von Partisanen in Bedrängnis gerieten.

Historischer Hintergrund

Das Wüten deutscher Truppen in Italien wurde nach Ende des Zweiten Weltkriegs viele Jahre lang weitgehend tot geschwiegen. Kaum einer der Verantwortlichen für diese grausamen Kriegsverbrechen wurde zur Rechenschaft gezogen, auch nicht für das Massaker von Sant' Anna di Stazzema.

Der Grund war der Kalte Krieg gegen die Sowjetunion. Die Aufarbeitung deutscher Kriegsverbrechen sollte die Wiederbewaffnung und Aufnahme der Bundesrepublik in die NATO nicht gefährden. Die italienische Justiz stellte die Aufklärung der Verbrechen bald ein, während die deutsche ohnehin nie Interesse daran gezeigt hatte.

Erst im Laufe der letzten zehn Jahre wurden die Ereignisse einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht. Unabhängig voneinander veröffentlichten 1994 und 1996 zwei Historiker, Friedrich Andrae und Gerhard Schreiber, Studien, die die deutschen Kriegsverbrechen gestützt auf die Auswertung von Militärarchiven, Kriegstagebüchern und Schilderungen von Zeugen detailliert dokumentieren. Auch verschiedene Journalisten und Überlebende haben immer wieder recherchiert und versucht, die Verantwortlichen zu benennen und vor Gericht zu bringen.

Am 20. April dieses Jahres wurde vor dem Militärtribunal von La Spezia der Prozess gegen drei Angehörige der Waffen-SS - Gerhard Sommer, Ludwig Sonntag und Alfred Schönenberg - eröffnet. Es handelt sich um Offiziere der 16. Panzergrenadierdivision "Reichsführer SS", die für das Massaker in Sant' Anna di Stazzema verantwortlich ist. Die hochbetagten Angeklagten erschienen allerdings nicht vor Gericht, und es ist höchst unwahrscheinlich, dass sie von Deutschland nach Italien ausgeliefert oder in Deutschland selbst noch vor Gericht gestellt werden.

Doch zunächst zu der Frage: Wie kam es zu diesen grausamen Kriegsverbrechen und Massakern an der Zivilbevölkerung?

Das faschistische Italien Mussolinis war eng mit dem nationalsozialistischen Deutschland verbündet. Gemeinsam mit Japan bildeten Italien und Deutschland die sogenannten Achsenmächte. Bereits im Sommer 1943 zeichnete sich deren Niederlage ab. Alliierte Truppen hatten im Oktober 1942 mit dem Angriff auf deutsche und italienische Stellungen in Nordafrika begonnen. Am 2. November 1942 gelang ihnen der Durchbruch bei El Alamein.

Kurze Zeit später landeten britische und amerikanische Truppen im französisch besetzten Nordafrika und setzen sich nach anfänglichem Widerstand gegen die Truppen der deutschlandhörigen Vichy-Regierung durch. Ende Januar hatten sie Marokko und Algerien unter Kontrolle. Am 13. Mai wurde der letzte Widerstand der Achsenmächte in Nordafrika gebrochen. General von Arnim kapitulierte bei Tunis, 250.000 Deutsche und Italiener gelangten in Kriegsgefangenschaft.

Etwa zur gleichen Zeit begann an der Ostfront die Gegenoffensive der Roten Armee südlich von Stalingrad. Die 6. Armee wurde eingekesselt. Am 2. Februar 1943 kapitulierte Feldmarschall Paulus mit dem Rest seiner Armee in der zerstörten Stadt.

Im Sommer 1943 landeten britische Truppen im Südosten von Sizilien und amerikanische etwas weiter westlich davon im Golf von Gela. Die italienische Elite versuchte ihre Haut zu retten, indem sie Mussolini am 25. Juli 1943 nach über zwanzig Jahren Diktatur absetzte und verhaften ließ. König Vittorio Emanuele III. ernannte Marschall Badoglio zu seinem Nachfolger im Amt des Ministerpräsidenten. Am 3. September 1943 unterzeichnete General Castellano die Kapitulation Italiens.

Die deutschen Machthaber waren aber nicht bereit, sich von der italienischen Front zurückzuziehen. Sie reagieren wutentbrannt auf die italienische Kapitulation, die in ihren Augen Verrat bedeutete. Am Abend des 8. September 1943 ließ General Jodl, Chef des Wehrmachtführungsstabes, auf Weisung Hitlers durch seinen Adjutanten das Stichwort "Achse" auslösen. Italien, das aus dem Krieg aussteigen wollte, wurde zum Kriegsschauplatz.

Hitler ließ in den folgenden Tagen Mussolinis Haftort auskundschaften und dessen spektakuläre Befreiung durchführen. Allerdings wurde Mussolini klar gemacht, dass er unter Bewachung der SS stand. Am 22. September 1943 ließ er die neu gegründete Republica Sociale Italiano ausrufen, die aber nur noch Norditalien und die von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebiete kontrollierte.

Repressionen gegen Juden, Zivilisten und italienische Armeeangehörige

In Mussolinis Herrschaftsgebiet konnten deutsche Truppen und SS-Einheiten ungestört ihren Terror gegen die Zivilbevölkerung entfalten. Zu den dabei begangenen Verbrechen gehört die Gefangennahme und Deportation von Juden aus Rom. Friedrich Andrae schildert in seinem Buch eine Nacht-und-Nebel-Aktion vom Oktober 1943:

"Gegen vier Uhr in der Frühe des 16. Oktober, das jüdische Laubhüttenfest hatte eben begonnen, umstellt eine aus drei Kompanien deutscher Polizeiregimenter gebildete Sondereinheit in aller Heimlichkeit und unter Vermeidung von Lärm das römische Getto, sperrt alle Zugänge, durchkämmt das Getto Haus für Haus; nach zehn Stunden ist die Aktion beendet. Von rund 8000 in Rom, aber nicht alle im Getto lebenden Juden werden 1259 festgenommen, von denen 1007 zwei Tage später nach Auschwitz deportiert werden, wo sie am 23. Oktober eintreffen."

Von Antonio Origo stammt ein Zeitzeugenbericht über die Repressionen und Verhaftungswellen in Rom, das von den Folgen der deutschen Besatzung ganz besonders schwer betroffen war: "Die Stadt quillt über von deutschem Militär, viele Gebäude sind beschlagnahmt, nicht nur die großen Hotels. Viele Familien, die aus unterschiedlichen Gründen das Licht der Öffentlichkeit scheuen müssen, verlassen Haus und Wohnung, verwischen ihre Spuren nach allen Regeln der Kunst, verstecken sich bei Freunden, werden mit gefälschten Ausweisen und Lebensmittelkarten versehen. Offiziere, oppositionelle Politiker und vor allem Juden müssen am meisten um ihre Sicherheit fürchten. Man nennt sie die sepolti vivi, die Lebendig-Begrabenen. Verstecke bieten Klöster, Katakomben, Dachböden, sogar Kuppeln und Gewölbe von Kirchen. Die Untergetauchten treffen sich heimlich in Gotteshäusern, Kellern und Höhlen, um den Widerstand zu formieren."

Zu den unter dem Stichwort "Achse" ausgegebenen Maßnahmen gehörte auch die Demobilisierung und Entwaffnung der italienischen Armee und, wo immer möglich, die Übernahme ihrer militärischen Einrichtungen und Waffen. Aufgrund der weitverbreiteten Kriegsmüdigkeit der italienischen Soldaten und Bevölkerung wurde diesen Aktionen am Anfang wenig Widerstand entgegen gesetzt. Dazu kam das ungeheuer brutale Vorgehen der deutschen Wehrmacht. "Die oberste Wehrmachtführung und auch die Befehlshaber in Italien, die Feldmarschälle Rommel und Kesselring," schreibt Friedrich Andrae, hätten die ihnen unterstellten Soldaten mit "rabiaten völkerrechtswidrigen Befehlen" entsprechend aufgeputscht.

So erließ die Wehrmachtführung am 15. September 1943 Weisungen, wie mit entwaffneten italienischen Soldaten zu verfahren sei: Diese müssten erklären, wo sie stehen. "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns." Drei Gruppen seien zu unterscheiden: Erstens die bündnistreuen Soldaten, die an der deutschen Seite weiterkämpfen; zweitens solche, die nicht weitermachen wollen; drittens Soldaten, die Widerstand leisten oder mit dem Feind oder Banden paktieren. Von letztgenannter Gruppe seien die Offiziere zu erschießen, die übrigen zum Arbeitseinsatz an die Ostfront zu deportieren.

Ein besonders brutales Kriegsverbrechen ereignete sich bei der Entwaffnung italienischer Soldaten auf der griechischen Insel Kefalonia. Über die am 15. September erteilten Weisungen hinaus gab das Oberkommando der Wehrmacht am 18. September 1943 den Befehl aus, auf Kefalonia ab sofort keine Gefangenen mehr zu machen. Darauf wurden mindestens 5170 italienische Soldaten niedergemetzelt, obgleich sie sich großenteils schon ergeben hatten. Andere Gefangene wurden in überfüllten, nicht als Kriegsgefangenentransporte gekennzeichneten Schiffen auf das Festland überführt. Dabei kamen weitere 13.288 Italiener ums Leben, weil Schiffe durch gegnerischen Beschuss versenkt wurden und die Deutschen alle Rettungsmaßnahmen für die Gefangenen verweigerten.

Insgesamt verfuhren die deutschen Truppen bei ihrem Rückzug vor den Alliierten in Italien nach dem Prinzip der verbrannten Erde. Bereits am 12. September 1943, wenige Tage nach der italienischen Kapitulation, hatte Hitler befohlen, den Vormarsch der alliierten Streitkräfte so hinhaltend zu verzögern, dass Zeit für Räumung und Zerstörung gewonnen werde, die rücksichtslos durchzuführen sei. Dem Gegner sollte eine Wüste hinterlassen werden.

Fortsetzung

Siehe auch:
Deutsche Kriegsverbrechen in den Niederlanden
(6. Januar 2004)
Die Debatte über die Verbrechen der Wehrmacht
( 26. Juli 2001)
Das heilsame Ende einer Legende
( 14. April 1995)

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