Frankreich

Das offizielle Frankreich betrauert den Papst und verbietet den Schleier

Von Barry Grey und Antoine Lerougetel
30. April 2005

Die Reaktion der französischen Regierung und Medien auf den Tod von Johannes Paul II. hat nicht zuletzt die Heuchelei des französischen Establishments aufgedeckt, das muslimischen Mädchen das Recht abspricht, an öffentlichen Schulen ein Kopftuch zu tragen. Sein reaktionärer Kreuzzug, geführt im Namen des "Säkularismus", der Trennung von Kirche und Staat, gipfelte vor einem Jahr in einem Gesetz, das das Tragen des Kopftuchs an öffentlichen Schulen und andern Orten verbietet.

Politiker und bekannte Journalisten von links bis rechts, vom Präsidenten Jacques Chirac bis hin zur Führung der Sozialistischen Partei, entrüsteten sich, muslimische Kinder beschmutzten die von ihnen hochgehaltenen säkularen Traditionen. Sie behaupteten, das Kopftuch an Schulen stelle eine ernste Gefahr für die Grundlagen der französischen Republik dar.

Die säkulare Fassade der anti-muslimischen Kampagne wurde durch einen Appell an feministische Gefühle unterfüttert. Die Kopftuchgegner, die den muslimischen Mädchen verboten, religiöse Vorschriften zu befolgen, behaupteten, sie führten einen Feldzug gegen die Unterdrückung der Frau, für die das Kopftuchtragen ein Symbol sei. Der feministische Aspekt lieferte den Opportunisten der "extremen Linken" - wie Lutte Ouvrière und Ligue Communiste Révolutionnaire - den willkommenen Vorwand, sich am Kreuzzug der Regierung zu beteiligen und der absurden und reaktionären Behauptung Glaubwürdigkeit zu verschaffen, man könne Frauenrechte durch repressive Gesetze gegen bestimmte religiöse Gebote stärken.

Es wurde geflissentlich darüber hinweggesehen, dass diese Kampagne ausgezeichnet zum Angriff der extremen Rechten auf alles Muslimische in Frankreich und ganz Europa passte. Man schloss auch die Augen vor der langjährigen Sonderbehandlung der katholischen Kirche durch die französische Republik.

So wurde die Wirklichkeit auf den Kopf gestellt und das säkulare Prinzip der Gedanken- und Meinungsfreiheit, das auch die Religionsfreiheit beinhaltet, mit Füßen getreten. Im Namen von Demokratie und Säkularismus schuf der Staat mit dem neuen Gesetz einen bedenklichen Präzedenzfall und nahm sich das Recht, sich in die persönlichsten und privatesten Angelegenheiten von Privatpersonen einzumischen.

Aber das war letztes Jahr, und es ging um Muslime. Als nun seine römisch-katholische Heiligkeit, Papst Johannes Paul II., Anfang des Monats verschied, ergriffen Präsident Chirac und sein Premierminister Jean-Pierre Raffarin die Gelegenheit, den Leichnam mit republikanischem Wasser zu segnen.

Chirac und Raffarin nahmen in Begleitung ihrer Gattinnen und mehrerer Minister an einer Messe in der Pariser Kathedrale Notre Dame zu Ehren des Pontifex teil. Raffarin erklärte: "Die Regierung schließt sich feierlich der Würdigung Papst Johannes Paul II. an." Die Trikolore wurde auf öffentlichen Gebäuden und Schulen auf Halbmast gesetzt. Präfekte wurden angewiesen, "an Totenmessen für seine Heiligkeit teilzunehmen", und aufgefordert, "dem Bischof einen Kondolenzbesuch abzustatten". Im Fernsehen wurde der Papst des öfteren als "heiliger Vater" bezeichnet.

Es gab keinen Versuch, diesen Kniefall vor der Kirche mit dem vorangegangenen Kreuzzug für den "Säkularismus" in Übereinstimmung zu bringen. Warum auch, wusste doch jedermann "mit Rang und Namen", wie unaufrichtig die gestrigen Proklamationen zur Verteidigung des Säkularismus waren. Schon vor dem Ableben des Papstes hatten führende Persönlichkeiten der Regierung und aus ihrem Umkreis ihren katholischen Glauben penetrant zur Schau gestellt. Ex-Finanzminister Nicolas Sarkozy schlug zum Beispiel bei einem öffentlichen Stapellauf demonstrativ das Kreuz.

Auch aus dem Lager der Sozialistischen Partei, die noch vor wenigen Wochen kopftuchtragende Mädchen wortgewaltig verurteilt hatte, weil sie mit ihrer Religion angeblich das öffentliche Klima vergifteten, waren so gut wie keine Proteste zu hören.

Es gab Proteste, die auf den schreienden Widerspruch zwischen der Glorifizierung des Papstes und dem Verbot des muslimischen Schleiers hinwiesen.

So gab die FCPE, eine der beiden großen Elternvertretungen, am 4. April eine Erklärung heraus, in der es hieß: "Ein Jahr nach der Verkündung des Gesetzes vom März 2004 gegen das Tragen von religiösen Zeichen in Grund- und weiterführenden Schulen sind säkulare Aktivisten erschüttert über die - oftmals ganz ungehörige - Medienflut, besonders in den staatlichen Sendern, die dem Tod des Papstes vorherging und ihn begleitete. Was bedeutet die außergewöhnliche Halbmastbeflaggung der Schulen? Wie sollen die jungen Menschen diesen doppelbödigen Säkularismus verstehen, der das Tragen des Schleiers verbietet, aber politische und mediale Exzesse im Zusammenhang mit des Tod des Papstes gutheißt?"

Die Zeitschrift der größten Gewerkschaft der Gymnasiallehrer, der SNES, fragte: "Wenn die Regierung ein Jahr nach Verabschiedung des Gesetzes, das Schülern das Tragen religiöser Zeichen verbietet, die Gymnasien und anderen Schulen anweist, die Flaggen auf Halbmast zu setzen, kann man diese Bevorzugung einer Religion nur als Provokation verstehen."

Die Fernseh- und Radiosender erhielten jede Menge Zuschriften, die den Umfang und die Ausrichtung ihrer Berichterstattung kritisierten. Die Tageszeitung Libération berichtete von "einer Flut von Beschwerdebriefen und -emails".

Wenn das Verbot des Schleiers also nicht durch säkulare Prinzipien motiviert war, was war dann sein wirkliches Ziel? Es war ein diskriminierender Angriff auf die ärmsten und unterdrücktesten Teile der französischen Gesellschaft. Die gesamte Kampagne für das Gesetz war eine Ablenkung von der immer schärferen sozialen Krise in Frankreich, dessen arbeitende Bevölkerung mit Massenarbeitslosigkeit, sinkendem Lebensstandard und einem Angriff der Regierung auf den Sozialstaat konfrontiert ist.

Das Gesetz hat die ethnischen und religiösen Spannungen verschärft und die staatliche Unterdrückung verstärkt. Bis jetzt wurden 47 Mädchen aus ihren Schulen ausgeschlossen. Etwa 550 wurden unter Druck gesetzt, ihr Kopftuch abzulegen, und Hunderte haben die Schule verlassen und versuchen, ihre Ausbildung per Fernunterricht abzuschließen. Andere, über die es keine statistischen Zahlen gibt, haben einfach aufgegeben. Drei Sikh-Jungen sind ebenfalls ihrer Schule verwiesen worden, weil sie darauf bestanden, ihre Haare zu bedecken.

Kopftuchtragende Mütter konnten ihre Kinder bei Schulaktivitäten nicht begleiten. Verschleierte Frauen wurden gehindert, öffentliche Gebäude zu betreten, und ihr Recht, in öffentlichen und selbst privaten Unternehmen zu arbeiten, wird zunehmend in Frage gestellt.

Es ist offensichtlich, dass solche Angriffe religiöse Rückständigkeit, Intoleranz und Fanatismus fördern.

Siehe auch:
Frankreich: Nationalversammlung verbietet das muslimische Kopftuch an Schulen
(24. Februar 2004)
Das Kopftuchverbot: Stellungnahme eines Lehrers aus Frankreich
( 1. April 2004)
Ein Briefwechsel zum Kopftuchverbot in Frankreich
( 17. April 2004)