Dritter Vortrag: Die Ursprünge des Bolschewismus und Was tun?

Teil 1

Von David North
27. September 2005

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Von David North
27. September 2005

Die Socialist Equality Party (USA) und die World Socialist Web Site veranstalteten vom 14. bis 20. August in Ann Arbor, Michigan, eine Sommerschule. Die dort gehaltenen Vorträge veröffentlichen wir im Laufe der kommenden Wochen jeweils in mehreren Teilen. Der vorliegende Vortrag stammt von David North, dem Chefredakteur der WSWS.

Die Ursprünge des russischen Marxismus

Unser heutiger Vortrag beschäftigt sich mit einem der wichtigsten, tiefgründigsten und fraglos revolutionärsten Werke politischer Theorie, die jemals geschrieben wurden: Lenins Was tun? Kaum ein anderes Werk ist derartig oft falsch ausgelegt und verfälscht worden. Für die unzähligen Lenin-Hasser im bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb - von denen sich einige bis 1991 als große Bewunderer Lenins bezeichnet hatten - ist dieses Buch letztlich für viele, wenn nicht alle Übel des 20. Jahrhunderts verantwortlich. Ich möchte auf diese Verleumdungen antworten und auch erklären, warum dieses Werk - das im Jahre 1902 für eine kleine sozialistische Bewegung geschrieben wurde, die ihre politische Arbeit unter den Bedingungen des zaristischen Russlands leistete - auch für die sozialistische Bewegung im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts von außergewöhnlich großer, theoretischer und praktischer Bedeutung ist.

Als ich über die Entwicklung der marxistischen Bewegung in Deutschland im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts sprach, betonte ich den stürmischen und scheinbar unaufhaltsamen Charakter ihrer Entwicklung. Innerhalb einer erstaunlich kurzen Zeitspanne entwickelte sich die Sozialdemokratische Partei zur Massenorganisation der Arbeiterklasse. Ihre Erfolge wären ohne Kämpfe und Opfer nicht möglich gewesen, dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die deutschen Sozialisten in einem Umfeld arbeiteten, das im Vergleich zu den Umständen, denen die russischen Revolutionäre ausgesetzt waren, relativ günstig war.

In einem seiner späteren Werke versuchte Lenin zu erklären, warum gerade in Russland die - wie sich herausstellen sollte - mächtigste revolutionäre sozialistische Organisation entstand. Er schrieb, den "Marxismus als die einzige richtige revolutionäre Theorie hat sich Russland wahrhaft in Leiden errungen, durch ein halbes Jahrhundert unerhörter Qualen und Opfer, beispiellosen revolutionären Heldentums, unglaublicher Energie und hingebungsvollen Suchens, Lernens, praktischen Erprobens, der Enttäuschungen, des Überprüfens, des Vergleichens mit den Erfahrungen Europas." [1]

Ab dem Jahre 1825, als eine Gruppe hochrangiger Offiziere in der russischen Armee den untauglichen Versuch unternahm, die zaristische Autokratie zu stürzen, entwickelte sich in Russland eine Tradition der Selbstaufopferung, Unbestechlichkeit und furchtlosen Leidenschaft. Die Suche nach einem Weg, um die schreckliche und erniedrigende Wirklichkeit der zaristischen Selbstherrschaft und die gesellschaftliche Rückständigkeit, über der sie thronte, zu überwinden, nahm die Form eines Kreuzzugs an. Daraus ging das außergewöhnliche gesellschaftliche und kulturelle Phänomen der russischen Intelligenzija hervor. Mit ihr entstand der russische Roman und die Literaturkritik ebenso wie die russische revolutionäre Bewegung.

In seiner Biografie Der junge Trotzki beschreibt Max Eastman (der damals noch Sozialist war) in einer sehr schönen Passage die Persönlichkeit des russischen Revolutionärs:

"Eine wundervolle Generation von Männern und Frauen war dazu bestimmt, diese Revolution in Russland zu vollbringen. Man kann in einem beliebigen, entlegenen Teil des Landes reisen und man sieht ein stilles, starkes, nachdenkliches Gesicht in einem Bahnabteil oder Omnibus - einen Mann mittleren Alters mit einer weißen philosophischen Stirn und einem sanften braunen Bart, oder eine ältere Frau mit scharf geschnittenen Augenbrauen und einem strengen mütterlichen Zug um den Mund, oder vielleicht einen Mann mittleren Alters oder eine jüngere Frau, die immer noch sinnlich schön ist, aber ihrem Verhalten nach einen schweren Weg hinter sich hat - man wird nachfragen und herausfinden, dass sie ‚alte Parteiarbeiter’ sind. Erzogen in der Tradition der terroristischen Bewegung, einem strengen und erhabenen Erbe des Märtyrerglaubens, schon als Kind dazu angehalten, die Menschheit zu lieben, unsentimental zu denken, ihr eigener Herr zu sein und den Tod als Begleiter zu akzeptieren, lernten sie in ihrer Jugend etwas weiteres hinzu - praktisch zu denken. Sie wurden im Feuer des Kerkers und des Exils gehärtet. Sie wurden fast zu einem adligen Orden, zu einer auserlesenen Gruppe von Männern und Frauen, auf deren Heroismus man sich verlassen konnte, wie die Ritter der Tafelrunde oder die Samurai, mit dem Unterschied, dass ihr Adelsnachweis in der Zukunft lag, und nicht in der Vergangenheit." [2]

Die russische revolutionäre Bewegung wandte sich anfangs nicht der Arbeiterklasse zu. Sie war vielmehr an der Bauernschaft orientiert, die den allergrößten Teil der Bevölkerung ausmachte. Die formale Befreiung der Bauern aus der Leibeigenschaft, im Jahre 1861 von Zar Alexander II angeordnet, verschärfte die Widersprüche in der sozioökonomischen Struktur des Russischen Reiches. In den 1870-er Jahren entstand eine bedeutende Bewegung der studentischen Jugend, die aufs Land und zu den Bauern ging, um sie zu erziehen und in das bewusste gesellschaftliche und politische Leben zu führen. Der wichtigste politische Einfluss in dieser Bewegung ging von den Theorien des Anarchismus aus, insbesondere von Lawrow und Bakunin. Vor allem Letzterer hoffte auf die revolutionäre Umgestaltung Russlands durch eine Erhebung der Bauernmassen. Das Zusammenspiel von bäuerlicher Gleichgültigkeit und staatlicher Repression brachte die Bewegung dazu, sich konspirativer und terroristischer Kampfmethoden zu bedienen. Die wichtigste dieser terroristischen Organisationen war Narodnaja Wolja, der ‚Volkswille’.

Anmerkungen:

[1] Lenin, Der "linke Radikalismus", die Kinderkrankheit im Kommunismus, in: Werke Bd. 31, Berlin 1964, S. 10.

[2] Eastman, The Young Trotsky, London 1980, S. 53f. (aus dem Englischen)

Siehe auch:
Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts - Teil 1
(14. September 2005)
Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts - Teil 2
( 16. September 2005)
Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts - Teil 3
( 17. September 2005)
Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts - Teil 4
( 20. September 2005)
Zweiter Vortrag: Marxismus gegen Revisionismus am Vorabend des 20. Jahrhunderts - Teil 1
( 21. September 2005)
Zweiter Vortrag: Marxismus gegen Revisionismus am Vorabend des 20. Jahrhunderts - Teil 2
( 22. September 2005)

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