Sozialismus in einem Land oder Permanente Revolution

Teil 1

Von Bill Van Auken
26. November 2005

Dies ist der erste Teil des Vortrags "Sozialismus in einem Land oder Permanente Revolution" von Bill Van Auken. Van Auken ist Mitglied der WSWS-Redaktion und hielt seinen Vortrag im Rahmen der Sommerschule der Socialist Equality Party/WSWS, die vom 14. bis 20. August in Ann Arbor stattfand. Wir veröffentlichen den Vortrag als dreiteilige Serie.

20 Jahre seit der Spaltung im Internationalen Komitee

Der Gegensatz von Sozialismus in einem Land und Permanenter Revolution gehört zu den theoretischen Grundlagen der trotzkistischen Bewegung. Die wesentlichen theoretischen Fragen, die in der Auseinandersetzung um diese zwei entgegen gesetzten Perspektiven aufkamen, wurden bereits in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre geklärt, als Trotzki seinen Kampf gegen die stalinistische Bürokratie führte. Doch sie tauchten auch in späteren Kämpfen innerhalb der Vierten Internationale selbst immer wieder auf und spielten darin eine wichtige Rolle.

Es sind heute zwanzig Jahre vergangen, seitdem das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) mit der Führung der britischen Workers Revolutionary Party (WRP) brach.

Die Bedeutung dieser Spaltung kann man nur begreifen, wenn man die Auseinandersetzungen kennt, die zur Entstehung des Internationalen Komitees führten. Das IKVI wurde 1953 im Kampf gegen den pablistischen Revisionismus gegründet.

Das IKVI widersetzte sich der von Pablo und seinen Anhängern entwickelten These, dass der Stalinismus eine Selbstreform durchlaufen und sogar eine revolutionäre Rolle spielen könne. Desgleichen lehnte es die damit verbundene Konzeption ab, dass der bürgerliche Nationalismus in den kolonialen Ländern in der Lage sei, den Kampf gegen den Imperialismus anzuführen. Zusammengenommen ergab sich aus diesen Theorien eine Liquidierung des Kaders, der historisch auf Basis der revolutionären Perspektive aufgebaut worden war - eine Perspektive, die von Leo Trotzki ausgearbeitet worden war und für die er kämpfte, als er die Vierte Internationale gründete.

Im Jahre 1963 war es die Führung der britischen Sektion, die damalige Socialist Labour League (SLL), die den Kampf gegen die Wiedervereinigung der amerikanischen Socialist Workers Party mit den Pablisten führte. Diese Vereinigung basierte auf der Annahme, dass die kleinbürgerlich-nationalistische Guerilla-Bewegung Fidel Castros auf Kuba einen Arbeiterstaat geschaffen und dadurch angeblich bewiesen habe, dass nicht-proletarische Kräfte eine sozialistische Revolution anführen könnten.

Entgegen der damals sehr beliebten Verherrlichung von Che Guevara, Guerilla-Truppen und der Dritten-Welt-Revolution, verteidigte die SLL kompromisslos Trotzkis Theorie der permanenten Revolution.

Ich möchte einen kurzen Überblick über die wesentlichen Punkte dieser grundlegende Analyse revolutionärer Dynamik des modernen, globalen Kapitalismus geben, wie sie von Leo Trotzki entwickelt wurde: Der Ausgangspunkt der Permanenten Revolution sind nicht der ökonomische Entwicklungsstand oder die inneren Klassenbeziehungen in einem gegebenen Land, sondern der weltweite Klassenkampf und die internationale Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft. Die nationalen Bedingungen sind ein spezifischer Ausdruck dieser Tendenzen. Dies ist die welthistorische Bedeutung dieser Perspektive, die das Fundament für den Aufbau einer wirklich internationalen revolutionären Partei bildete.

In Hinblick auf die unterentwickelten und ehemals kolonialen Ländern zeigte diese Perspektive, dass die Bourgeoisie - die mit dem Imperialismus verbunden ist und Angst vor ihrer eigenen Arbeiterklasse hat - nicht länger in der Lage ist, ihre eigene "bürgerliche" Revolution durchzuführen.

Lediglich die Arbeiterklasse kann diese Revolution durchführen und sie nur durch die Errichtung ihrer Diktatur des Proletariats vollenden. Der permanente Charakter dieser Revolution liegt darin begründet, dass sich die Arbeiterklasse, sobald sie an der Macht ist, nicht allein auf demokratische Aufgaben beschränken kann, sondern auch zur Durchführung von Maßnahmen mit sozialistischem Charakter gezwungen ist.

Die Grenzen beim Aufbau des Sozialismus, die sich aus Rückschrittlichkeit und Isolation ergeben, können nur die Entfaltung der Arbeiterrevolution in den entwickelten kapitalistischen Ländern überwunden werden. Dieser Prozess gipfelt schließlich in der weltweiten sozialistischen Umgestaltung und macht die Revolution folglich in einem zweiten Sinne permanent.

Die wesentlichen politischen Prinzipien, die sich aus dieser Perspektive ergeben - proletarischer Internationalismus und die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse - wurden von den Pablisten zurückgewiesen, als sie sich an den Stalinismus und den bürgerlichen Nationalismus anpassten.

Bevor das IKVI 1985 mit der WRP brach, hatte sich die Führung der WRP über ein Jahrzehnt hinweg scharf von den theoretischen Errungenschaften abgewandt, die sie zuvor in der Verteidigung des Trotzkismus gegen die pablistischen Revisionisten erkämpft hatten.

In den frühen 1980-er Jahren sorgte die Abwendung von dieser Perspektive für wachsende Unruhe innerhalb der Workers League, der amerikanischen Sektion des Internationalen Komitees.

Wie zuvor die Pablisten verwarf die WRP-Führung die wissenschaftliche Einschätzung, dass Stalinismus, Sozialdemokratie und bürgerlicher Nationalismus letztlich Agenturen des Imperialismus innerhalb der Arbeiterbewegung darstellen. Stattdessen schrieben sie zumindest einigen Elementen dieser politischen Tendenzen eine potenziell revolutionäre Rolle zu.

1982 begann die Workers League einen Kampf innerhalb des Internationalen Komitees und erarbeitete eine umfassende Kritik an der politischen Degeneration der WRP, in deren Kern die Frage der permanenten Revolution stand.

Im November 1982 fasste Genosse David North seine Kritik an Gerry Healys Studien im Dialektischen Materialismus zusammen und gab einen Überblick über die politischen Beziehungen, die die WRP-Führung in der jüngeren Vergangenheit im Nahen Ostens entwickelt hatten. Er schrieb: "Marxistische Verteidigung von nationalen Befreiungsbewegungen und der Kampf gegen den Imperialismus wurden auf opportunistische Weise ausgelegt, nämlich als unkritische Unterstützung verschiedener bürgerlicher nationalistischer Regime."

"Trotz aller Absichtserklärungen", fuhr er fort, "ist die Theorie der permanenten Revolution als für die gegebenen Umstände nicht anwendbar behandelt worden." [1]

Die Reaktion der WRP-Führung, die wegen ihres Kampfes für den Trotzkismus zu diesem Zeitpunkt noch immer ein hohes Ansehen innerhalb des ICFI genoss, bestand nicht darin, ihre Standpunkte politisch zu verteidigen, sondern mit einer sofortigen Spaltung der Organisation zu drohen.

Trotzdem warf die Workers League 1984 diese Fragen erneut auf. In einem Brief an den Generalsekretär der WRP Michael Banda brachte David North die wachsende Beunruhigung der Workers League zum Ausdruck und verwies dabei auf die Verbindungen der WRP zu nationalen Befreiungsbewegungen und bürgerlich-nationalistischen Regimes:

"Der Inhalt dieser Bündnisse hat immer weniger eine klare Orientierung auf die Entwicklung unserer eigenen Kräfte widergespiegelt, den zentralen Punkt für den Kampf, die Führungsrolle des Proletariats im antiimperialistischen Kampf in den halbkolonialen Ländern durchzusetzen. Die gleichen Auffassungen, die wir bei der SWP in bezug auf Algerien und Kuba Anfang der sechziger Jahre so heftig angriffen, erscheinen immer häufiger in unserer eigenen Presse." [2]

Und im Februar 1984 gab North dem Internationalen Komitee einen politischen Bericht. Er begann mit einer Kritik an einer Rede des SWP-Führers Jack Barnes, der explizit die Theorie der permanenten Revolution zurückgewiesen hatte, und schloss mit einem Überblick über die opportunistischen Beziehungen der WRP zu bürgerlichen Nationalisten, Labour-Führern und der Gewerkschaftsbürokratie, die in der Praxis auf ein ähnliches Ergebnis hinausliefen.

Die WRP-Führung widersetzte sich erneut einer Diskussion und drohte mit Spaltung. Doch kaum ein Jahr später riss eine interne Krise ihre Organisation auseinander und führte dazu, dass alle Fraktionen der alten Führung sich vom IK abwandten und den Trotzkismus zurückwiesen.

Dem Kurs der WRP-Führung lag eine gegen den Internationalismus gerichtete Perspektive zugrunde. Im Zuge der Spaltung 1985 trat Cliff Slaughter für die nationale Autonomie der britischen Sektion ein und weigerte sich, anzuerkennen, dass der Fraktionskampf innerhalb der WRP einer Klärung der Fragen und dem Aufbau der Weltpartei untergeordnet werden musste.

In einem Brief vom Dezember 1985 lehnte Cliff Slaughter dementsprechend die Autorität des Internationalen Komitees ab und erklärte: "Der Internationalismus besteht genau darin, solche Klassenlinien festzulegen und sie durchzukämpfen." [3]

In ihrer Antwort stellte die Workers League folgende Frage: "Aber wie werden diese ‚Klassenlinien’ bestimmt? Erfordert dieser Vorgang die Existenz der Vierten Internationale? Genosse Slaughters Definition legt nahe - und das ist der ausdrückliche Inhalt seines gesamten Briefes - daß sich jegliche nationale Organisation auf die Ebene des Internationalismus erheben kann, indem sie es von sich aus unternimmt, die ‚Klassenlinien festzulegen und sie durchzukämpfen’" [4]

Dies sind Kernfragen der Perspektive der trotzkistischen Bewegung. Jene Tendenz, die mit dem Trotzkismus brach, reproduzierte die nationalistische Anschauung, die den Stalinismus von Anfang an charakterisierte, während diejenigen, die die historisch entwickelten Perspektiven der Vierten Internationale verteidigten, dies vom Standpunkt des Internationalismus taten.

Stalinismus und Sozialreformismus

Es ist wichtig zu verstehen, dass die Perspektive, die dem Stalinismus zugrunde lag, kein einzigartiges politisches Phänomen Russlands war.

Der Ursprung des Stalinismus selbst liegt in der widersprüchlichen Entstehung des ersten Arbeiterstaats in einem isolierten und rückständigen Land.

Die Erschöpfung der Arbeiterklasse nach dem Bürgerkrieg trug zusammen mit den Niederlagen der europäischen Arbeiterklasse und der zeitweiligen Stabilisierung des Kapitalismus dazu bei, dass eine nationalistische Perspektive innerhalb des sowjetischen Staates und seiner führenden Partei aufkam.

Diese Perspektive war Ausdruck bestimmter materieller Interessen der Bürokratie. Diese selbst war als Verwalterin einer sozialen Ungleichheit entstanden, die den ersten Arbeiterstaat aufgrund seiner wirtschaftlichen Rückständigkeit und Isolation kennzeichnete.

Dennoch waren der Stalinismus und seine nationalistische Perspektive zweifelsfrei mit einer breiteren internationalen politischen Tendenz verbunden, und seine Ideologie wurzelte in früheren Formen des Revisionismus. Letztlich verkörperte er eine bestimmte Form des Sozialreformismus, der als Reaktion auf die Oktoberrevolution einen einzigartigen und üblen Charakter annahm und sich innerhalb des Sowjetstaats entwickelte.

Der Stalinismus teilte mit der offiziellen Arbeiterbewegung der kapitalistischen Länder allerdings die Ansicht, dass der Nationalstaat und die Entwicklung der nationalen Wirtschaft und Industrie - und nicht die internationale revolutionäre Bewegung der Arbeiterklasse - die Quelle von Fortschritt und Reform sei.

Die Konzeption des "Sozialismus in einem Land" entstand nicht in Russland sondern in Deutschland. 1879 veröffentlichte der rechte bayrische Sozialdemokrat Georg von Vollmar einen Artikel unter dem Titel "Der isolierte sozialistische Staat", mit dem er eine ideologische Grundlage für das spätere Anwachsen des Sozialpatriotismus in der deutschen Sozialdemokratie schuf. Schließlich unterstützte die SPD die eigene Regierung im Ersten Weltkrieg mit der Begründung, in Deutschland gebe es die besten Bedingungen für den Aufbau des Sozialismus. Vollmar sah eine Periode der "friedlichen Koexistenz" zwischen dem isolierten sozialistischen Staat und der kapitalistischen Welt voraus, in der der sozialistische Staat seine Überlegenheit durch die technologische Entwicklung und der Verminderung von Produktionskosten beweisen werde.

Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

[1] David North, Ein Beitrag zu einer Kritik von G. Healys "Studien im Dialektischen Materialismus", in: Vierte Internationale, Jg. 13, Nr. 2, Essen 1986, S. 24.

[2] Brief von David North an Mike Banda, 23. Januar 1984, in: ebd., S. 35.

[3] Brief von Cliff Slaughter an David North, 26. November 1985, in: ebd., S. 61.

[4] Brief des Politischen Komitees der Workers League ans Zentralkomitee der Workers Revolutionary Party, 11. Dezember 1985, in: ebd., S. 75.

Siehe auch:
Weitere Vorträge der SEP-Sommerschule

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen