Neunzig Jahre Russische Revolution: Die Aussichten des Sozialismus im 21. Jahrhundert

Teil 2

Von Nick Beams
4. Dezember 2007

Im Folgenden veröffentlichen wir den zweiten Teil eines Vortrags von Nick Beams. Beams ist der Vorsitzende der Socialist Equality Party in Australien und hielt den Vortrag im Rahmen von Wahlveranstaltungen der Partei in Sydney, Perth und Melbourne (18.-21.November). Der erste Teil seiner Rede ist bereits am Samstag erschienen, den dritten und abschließenden Teil veröffentlichen wir im Laufe der Woche.

Die Wurzeln des Bolschewismus liegen nicht im Wunsch Lenins nach einer Diktatur, wie verschiedene rechte Historiker behaupten. Vielmehr zog Lenin weit reichende Schlussfolgerungen aus dem Kampf, der innerhalb der sozialistischen Bewegung gegen die Konzeptionen Bernsteins und der so genannten Ökonomisten (die Revisionisten in der russischen Bewegung) geführt wurde.

In Folge des industriellen Booms der 1890er Jahre war die russische Arbeiterklasse gewachsen und zunehmend militanter geworden. Die Ökonomisten meinten, die Aufgabe der Partei bestehe darin, die ökonomischen Kämpfe zu organisieren und ihnen, wenn nötig, einen politischen Charakter zu verleihen und Reformforderungen zu stellen. Mit anderen Worten bestand die Perspektive der russischen Ökonomisten darin, die sozialistische Bewegung in Russland ins Fahrwasser des Gewerkschaftertums zu lenken.

Dies war allerdings mit einer völlig gegensätzlichen Klassenorientierung und -perspektive verbunden. Schließlich geht das Gewerkschaftertum - der Kampf der Arbeiter, ihren Arbeitgebern bessere Löhne und Arbeitsbedingungen abzutrotzen und auch Gesetze zum Schutz ihrer Interessen durchzusetzen - nie über den Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft hinaus.

In seinem Werk Was tun? legte Lenin dar, dass sich die Notwendigkeit der Partei und der Charakter ihrer politischen Aufgaben aus der Struktur der kapitalistischen Gesellschaft selbst ergeben.

Obwohl die Arbeiterklasse spontan dem Sozialismus zuneige, setze sich die Ideologie der Bourgeoisie ebenso spontan immer wieder durch. Das sei so, weil diese Ideologie seit Jahrhunderten existiere, weil sie von den gesellschaftlichen Verhältnissen im Kapitalismus immer wieder genährt werde und weil die herrschende Klasse die materielle Basis der Kultur kontrollierte.

Deswegen sei es nötig, betonte Lenin, den Sozialismus von außen in die Arbeiterklasse zu tragen - 'von außen' insofern, als er sich nicht aus dem unmittelbaren Kampfs der Arbeiterklasse gegen die Unternehmer ergibt. Hierin besteht die historische Aufgabe der Partei.

Kein Bestandteil des Marxismus ist je stärker unter gegnerischen Beschuss geraten als dieser. Das hat sich auch in hundert Jahren nicht geändert. "Linke" weisen mit Vorliebe darauf hin, dass für Marx die Befreiung der Arbeiterklasse die Aufgabe der Arbeiterklasse selbst ist. Dann behaupten sie, Lenin habe die Arbeiterklasse durch professionelle Revolutionäre ersetzt, die dann eine Diktatur über die Arbeiterklasse ausübten.

In Wirklichkeit gibt es keinen Gegensatz zwischen Marx und Lenin. Die sozialistische Revolution kann nur von der Arbeiterklasse gemacht werden. Aber die Arbeiterklasse kann sich selbst und die ganze Menschheit nur befreien, wenn sie als eine politisch unabhängige Kraft handelt. Diese politische Unabhängigkeit wird immer wieder durch den Kampf der revolutionären Partei gegen alle Tendenzen hergestellt, die in der einen oder anderen Weise versuchen, die Arbeiterklasse der bürgerlichen Herrschaft unterzuordnen.

Lenins Gegner in der sozialistischen Bewegung kritisierten ihn wiederholt wegen seiner "streitsüchtigen" Haltung, seiner "Haarspaltereien", seines "Sektierertums" und seines "Dogmatismus" - d.h. wegen all der Dinge, die seither immer wieder von Opportunisten gegen die Marxisten ins Feld geführt werden.

Lenins Unnachgiebigkeit beruhte auf einem ganz klaren politischen Verständnis: Nämlich, dass die Differenzen in der sozialistischen Bewegung nicht ein Streit um Worte waren, sondern eine Form, in der sich der Druck unterschiedlicher Klassenkräfte und Tendenzen äußerte. Diese Auffassung erfuhr eine machtvolle Bestätigung im Verlauf der Ereignisse, die zur Russischen Revolution führten.

Bernsteins Angriff auf die marxistische Perspektive - indem er die Zusammenbruchstendenz im Kapitalismus verneinte und daraus ableitete, dass keine Notwendigkeit zur sozialistischen Revolution besteht - entsprang dem Aufschwung des Kapitalismus seit Mitte der 1890er Jahre.

Aber es gab eine weitere, nicht weniger mächtige Veränderung in der Struktur der Weltwirtschaft und Weltpolitik, die auch einen starken Einfluss ausübte. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts fanden zwei zusammenhängende Entwicklungen statt: Das Nationalstaatensystems in Westeuropa bildete sich heraus und konsolidierte sich und parallel dazu wuchs die Industrieproduktion und mit ihr die Arbeiterklasse innerhalb der neuen politischen Strukturen.

Marx sah die Quelle der sozialistischen Revolution in dem Konflikt zwischen dem Wachstum der Produktivkräfte im Kapitalismus und den überkommenen gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen sie eingepfercht waren. Obwohl er den Kapitalismus als Weltsystem analysiert hatte, wurde seine Analyse zunehmend auf mechanische Weise interpretiert. Der Ausgangspunkt war dann nicht mehr die Weltwirtschaft, sondern die Rahmenbedingungen der existierenden Nationalstaaten.

Trotzki erklärte später, dass die sozialistischen Parteien der zweiten Internationale die sozialistische Revolution aus diesem Blickwinkel betrachtet hatten. Aus dieser Sicht war die Stunde des Sozialismus dann gekommen, wenn die Produktivkräfte in jedem Nationalstaat ihren höchsten Entwicklungsstand erreicht hätten. Die wichtigsten Länder Europas - Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien und Russland - wurden als eigenständige Einheiten gesehen, die sich in unterschiedlicher Geschwindigkeit auf dasselbe Ziel hinbewegten. Deutschland stand demnach an der Spitze, die anderen folgten nach und Russland, das immer noch von einer feudalen Aristokratie beherrscht wurde und noch auf die bürgerliche Revolution wartete, lag noch weit zurück.

Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution

Die erste russische Revolution von 1905 erschütterte die Grundlagen dieser schematischen Geschichtsauffassung. Streiks und Demonstrationen von bis dahin ungekanntem Ausmaß brachen gegen die zaristische Selbstherrschaft aus und verkündeten den Beginn einer neuen Ära. Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution, die im Verlauf dieser stürmischen Ereignisse selbst entstand, lieferte ein Verständnis der Vorgänge und eine Perspektive zum Eingreifen. Wie alle Entwicklungen in der marxistischen Theorie beruhte auch seine schöpferische Antwort auf die Ereignisse auf einer gründlichen historischen Analyse.

Alle Marxisten waren sich einig, dass für Russland die bürgerlichen Revolution auf der Tagesordnung stand - mit anderen Worten, dass die zentrale politische Aufgabe in der Zerschlagung der zaristischen Selbstherrschaft und der Einführung demokratischer Freiheiten bestand, wie sie in Westeuropa schon existierten. Aber wie sollte das geschehen? Russland war nicht das Frankreich von 1789. Dort war die Revolution von der Bourgeoisie geführt worden, die an der Spitze der Massen von Paris und der Bauern stand, als noch keine Arbeiterklasse existierte. Es war auch nicht das Deutschland von 1848, wo das erste Auftreten der Arbeiterklasse ausreichte, um die Bourgeoisie vor Schreck in das Lager der Reaktion zu treiben, die Arbeiterklasse aber noch nicht einflussreich genug war, die Macht selbst in die Hand zu nehmen.

Russland stand vor einer bürgerlichen Revolution... aber wo waren die russischen Revolutionäre à la Danton und Robespierre? Es gab sie nicht. Und es gab auch keine Klasse von Handwerkern und Kleinproduzenten in den Städten, wie es sie in Paris gegeben hatte. Stattdessen gab es Massen von Industriearbeitern.

Plechanow, der Vater des russischen Marxismus, verlangte nachdrücklich, dass die russische Entwicklung dem Weg Westeuropas folgen müsse. Ihm zufolge musste die Arbeiterklasse daher "taktvoll" vorgehen, um die Bourgeoisie nicht zu erschrecken und sie nicht von der Erfüllung ihrer historischen Aufgabe - der bürgerlichen Revolution - abzuhalten.

Lenin stimmte zwar mit Plechanow in der Frage des bürgerlichen Charakters der russischen Revolution überein, verstand aber ihre Klassendynamik viel besser. Er betonte, die Bourgeoise sei unfähig, die Rolle auszufüllen, die ihr nach Plechanows Schema zugedacht war. Die Arbeiterklasse müsse die bürgerlich-demokratische Revolution bis zum Äußersten vorantreiben.

Im Herzen der russischen Revolution stand die Agrarfrage - d.h. die Beseitigung der letzten Reste des feudalen Staates. Das bedeutete, dass der Landbesitz des Adels, auf dem der Staat ruhte, enteignet werden musste. Lenin argumentierte, dass die bürgerlich-demokratische Revolution deswegen die Gestalt einer "demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" annehmen werde. Das Proletariat und die Bauernschaft würden gemeinsam die Staatsmacht übernehmen und die bürgerlich-demokratische Revolution so weit wie möglich voranbringen.

Trotzkis Ansichten unterschieden sich von den Auffassungen Lenins und Plechanows. Sie beinhaltete einen grundlegenden Perspektivwechsel. Lenin und Plechanow gingen trotz aller Differenzen von der gleichen Voraussetzung aus: Sie schätzten die Revolution gemäß dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte und der Klassenverhältnisse in Russland ein. Trotzki dagegen betonte, die Revolution sei vor dem Hintergrund der Weltsituation einzuschätzen, in der sie stattfinde.

Trotzki teilte die Einschätzung Lenins zur russischen Bourgeoisie und seine Kritik an Plechanow in dieser Frage. Aber er ging weiter und wies auf die Schwäche in Lenins Position hin. Die Formulierung "demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" ließ die Frage offen, welche Klasse die führende Rolle spielen werde.

Lenins Perspektive kam ihm zufolge einer Anweisung zur Selbstverleugnung gleich: Das Proletariat an der Macht müsste sich auf rein demokratischen Maßnahmen beschränken und dürfte die Herrschaft der Bourgeoisie nicht in Frage stellen. Aber dieses Schema werde mit der Dynamik der Revolution selbst in Konflikt geraten. Die Arbeiterklasse werde durch die Logik ihres eigenen Kampfes gezwungen sein, die politische Macht zu ergreifen und die Bourgeoisie zu stürzen. Das war eine der Lehren aus der Revolution von 1905, als die Bourgeoisie rein demokratische Forderungen wie die nach dem Acht-Stunden-Tag mit Fabrikschließungen und Aussperrungen beantwortete. Um solche demokratische Forderungen durchzusetzen, müsse die Arbeiterklasse der Bourgeoisie die Macht entreißen und zu sozialistischen Maßnahmen übergehen.

Aber dann stellte sich die Frage: Wie konnte die Arbeiterklasse die Macht halten, wenn sie doch nur eine Minderheit der russischen Bevölkerung darstellte und der Bauernschaft zahlenmäßig weit unterlegen war?

Von der Lage in Russland ausgehend war Trotzkis Perspektive unhaltbar. Aber gerade das war der Knackpunkt... Die Revolution konnte vom rein russischen Standpunkt aus nicht korrekt eingeschätzt werden, sondern war nur im internationalen Kontext zu verstehen. Daraus ergaben sich allerdings völlig andere Schlussfolgerungen.

Die Anhänger von Plechanows Schema pflegten die Bemerkung von Marx zu zitieren, dass die Entwicklung des Kapitalismus in England jedem Land seine Zukunft zeige. Damit wollten sie sagen, dass Russland noch einen langen Weg vor sich habe, bevor es für die sozialistische Revolution reif sei.

Trotzki antwortete, es handele sich dabei um eine ganz und gar mechanische Interpretation von Marx. Die Entwicklung des Kapitalismus in England sei keineswegs eine Stereotype, die jedes andere Land in der gleichen Weise durchlaufen müsse. Ihm zufolge war es notwendig, den Prozess der kapitalistischen Entwicklung im Geiste von Marx zu analysieren. Dann werde schnell klar: Die Entwicklung des Kapitalismus in England war nicht ein Modell für andere Länder, sondern der Startpunkt eines ökonomischen Prozesses, der längst den Rahmen gesprengt hatte, in dem er einst begann - Großbritannien - und nun die ganze Welt umspannte.

Im Juni 1905 arbeitete Trotzki seine Perspektive aus: "Indem der Kapitalismus allen Ländern seine Wirtschafts- und Verkehrsweise aufdrängt, hat er die ganze Welt in einen einzigen ökonomischen und politischen Organismus verwandelt. Wie der moderne Kredit Tausende von Unternehmern durch ein unsichtbares Band verknüpft und dem Kapital eine erstaunliche Beweglichkeit verleiht, viele kleine Privatbankrotts verhindert, damit aber zugleich die allgemeinen Wirtschaftskrisen zu unerhörten Ausmaßen steigert - so hat auch die ganze ökonomische und politische Arbeit des Kapitalismus, sein Welthandel, sein System monströser Staatsschulden sowie die politischen Gruppierungen von Nationen, die alle Kräfte der Reaktion in eine Art weltweite Aktiengesellschaft einbeziehen, nicht nur allen einzelnen politischen Krisen entgegengewirkt, sondern auch den Boden für eine soziale Krise von unerhörten Ausmaßen bereitet.

Das verleiht den sich entwickelnden Ereignissen von Anfang an einen internationalen Charakter und eröffnet eine große Perspektive: die politische Emanzipation, geleitet von der Arbeiterklasse Russlands, hebt diese ihre Führerin auf eine in der Geschichte bisher unbekannte Höhe, legt kolossale Kräfte und Mittel in ihre Hand, lässt sie die weltweite Vernichtung des Kapitalismus beginnen, für die die Geschichte alle objektiven Voraussetzungen geschaffen hat." (Trotzki, Die permanente Revolution und Ergebnisse und Perspektiven, Essen 1993, S. 267-268)

Erster Weltkrieg

Alle Programm- und Perspektivfragen, die in der Revolution von 1905 aufgetaucht waren, stellten sich im August 1914 in noch explosiverer Form, als sich die unterschwelligen Spannungen zwischen den kapitalistischen Großmächten im Ersten Weltkrieg entluden. Der Ausbruch des Kriegs markierte das Ende der historisch progressiven Phase kapitalistischer Entwicklung und eröffnete eine neue Epoche, in der die Menschheit, wie Friederich Engels gewarnt hatte, vor der Alternative Sozialismus oder Barbarei gestellt wurde.

Es ist schwierig sich das Ausmaß an Gewalt bildlich vorzustellen. Junge Männer, einige fast noch Kinder, wurden tagtäglich in das Maschinengewehrfeuer geschickt. Aus der Zelle, in die sie von der deutschen Reichsregierung gesteckt worden war, beschrieb Rosa Luxemburg die Katastrophe, die sich um sie herum entfaltete.

"Die Szene hat gründlich gewechselt. Der Marsch in sechs Wochen nach Paris hat sich zu einem Weltdrama ausgewachsen; die Massenschlächterei ist zum ermüdend eintönigen Tagesgeschäft geworden, ohne die Lösung vorwärts oder rückwärts zu bringen. Die bürgerliche Staatskunst sitzt in der Klemme, im eigenen Eisen gefangen; die Geister, die man rief, kann man nicht mehr bannen.

Vorbei ist der Rausch. ... Die Regie ist aus. ... Die Reservistenzüge werden nicht mehr vom lauten Jubel der nachstürzenden Jungfrauen begleitet, sie grüßen nicht mehr das Volk aus den Wagenfenstern mit freudigem Lächeln; sie trotten still, ihren Karton in der Hand, durch die Straßen, in denen das Publikum mit verdrießlichen Gesichtern dem Tagesgeschäft nachgeht.

In der nüchternen Atmosphäre des bleichen Tages tönt ein anderer Chorus: der heisere Schrei der Geier und Hyänen des Schlachtfeldes. ... Das im August, im September verladene und patriotisch angehauchte Kanonenfutter verwest in Belgien, in den Vogesen, in den Masuren in Totenäckern, auf denen der Profit mächtig in die Halme schießt. ...

Geschändet, entehrt, im Blute watend, von Schmutz triefend - so steht die bürgerliche Gesellschaft da, so ist sie. Nicht wenn sie, geleckt und sittsam, Kultur, Philosophie und Ethik, Ordnung, Frieden und Rechtsstaat mimt - als reißende Bestie, als Hexensabbat der Anarchie, als Pesthauch für Kultur und Menschheit -, so zeigt sie sich in ihrer wahren, nackten Gestalt." (Luxemburg, Junius-Broschüre, 1916)

Mit dem Ausbruch des Krieges vertiefte Trotzki seine Analyse von 1905. Der Krieg war das Ergebnis des Widerspruchs zwischen der Weltwirtschaft - der Entwicklung des Kapitalismus zu einem Weltsystem, in dem jeder Teil mit dem Ganzen verbunden war - und der Aufteilung der Welt in rivalisierende und sich bekämpfende Nationalstaaten. Jede kapitalistische Großmacht versuchte diesen Widerspruch aufzulösen, indem sie sich die Weltherrschaft anstrebte. Das führte zu einem Kampf aller gegen alle. Die Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaft konnten nur durch die sozialistische Weltrevolution auf fortschrittliche Weise gelöst werden, und zwar nicht in einer fernen Zukunft sondern als einzig realistische Antwort auf die Barbarei des Imperialismus.

Der Ausbruch des Kriegs bestätigte die objektive Bedeutung von Lenins unnachgiebigem Kampf gegen den Opportunismus innerhalb der russischen Sozialdemokratie.

Die Parteien der Zweiten Internationale, vor allem die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, verrieten die Arbeiterklasse, als sie für die Kriegskredite stimmten. Dieser historische Verrat zeigte, dass die Tendenzen, gegen die Lenin gekämpft hatte, kein russisches Phänomen waren, sondern international existierten.

Aber diese Tendenzen hatten ihre Wurzeln in der historischen Entwicklung des Kapitalismus selbst. Die gleichen Entwicklungen, die zu dem weltumspannenden Kampf der kapitalistischen Großmächte führten, hatten auch die führenden Vertreter einer höheren Schicht innerhalb der Arbeiterbewegung verdorben. Die in den Kolonien geraubten Reichtümer und die Herausbildung des parasitären Finanzkapitals waren die materielle Grundlage für die Entstehung einer Arbeiteraristokratie.

Verantwortlich für den Sozialchauvinismus, die offene Ablehnung des Internationalismus und die Zusammenarbeit der sozialdemokratischen Führer mit ihrer jeweils "eigenen" Bourgeoisie waren nicht einfach die individuellen Schwächen einzelner Führer. Der Verrat war nicht ein individuelles sondern ein gesellschaftliches Phänomen. Es war notwendig, seine materiellen Ursachen offen zu legen.

"Die Bourgeoisie aller Großmächte führt den Krieg wegen der Aufteilung und Ausbeutung der Welt, wegen der Unterjochung der Völker. Einem kleinen Kreis der Arbeiterbürokratie, Arbeiteraristokratie und kleinbürgerlicher Mitläufer können Brocken von den großen Profiten der Bourgeoisie zufallen. Die Klassengrundlage des Sozialchauvinismus und des Opportunismus ist dieselbe; das Bündnis einer kleinen bevorrechteten Arbeiterschicht mit "ihrer" nationalen Bourgeoisie gegen die Masse der Arbeiterklasse, das Bündnis der Lakaien der Bourgeoisie mit ihr gegen die von ihr ausgebeutete Klasse." (Lenin, Gesammelte Werke, Bd. 22, S. 111

Die Führer der Zweiten Internationale hatten die Arbeiterklasse mit der Unterstützung des Kriegs verraten und die Internationale konnte nicht wiederbelebt werden. Für die Zwecke der sozialistischen Revolution war sie tot. Es war notwendig, eine neue Internationale aufzubauen, die Dritte Internationale, um die internationale Arbeiterbewegung neu zu organisieren und neu zu orientieren.

Lenin machte diesen Vorschlag nicht erst nach der Russischen Revolution, sondern schon 1914/15 unter Bedingungen äußerster Isolation. Trotzki erklärte später, dass der Internationalismus "im Feuer und Rauch des internationale Gemetzels verschwunden zu sein schien". Und als er "als schwaches flackerndes Licht" von unterschiedlichen Gruppen in verschiedenen Ländern wiederbelebt wurde, wurde er von Vertretern der Bourgeoisie als absterbendes Wetterleuchten einer utopischen Sekte abgetan.

Aber die revolutionären Internationalisten gingen im Unterschied zu allen Opportunisten ihrer (und unserer) Tage nicht von dem aus, was unmittelbar realisierbar erschien oder was große Unterstützung genoss. Sie stützten sich auf die objektive Logik der Ereignisse. Die Massen waren von der Bourgeoisie betäubt worden, die jedes üble, reaktionäre nationale Vorurteil mobilisiert hatte, um für ihre Kriegsziele Unterstützung zu gewinnen. Von ihrer eigenen Führung waren sie verraten worden. Aber die Bourgeoisie konnte den Bedürfnissen der Massen nicht gerecht werden, deren Desillusionierung schon bald in soziale und politische Unruhen von internationalem Ausmaß umschlagen sollte.

Wird fortgesetzt.

Siehe auch:
Neunzig Jahre Russische Revolution - Teil 1
(1. Dezember 2007)
Vorträge in Glasgow Cardiff und Berlin: David North widerlegt Fälschungen von Trotzkis Leben
(3. Mai 2007)
Geschichte der Linken Opposition gegen den Stalinismus: "Weltrevolution und Weltkrieg" - ein neuer Band von Wadim Rogowin in deutscher Sprache
(15. Oktober 2002)