Weitere Anzeichen für eine Rezession in Japan

Von Peter Symonds
29. Oktober 2008

Nach wochenlangen extremen Schwankungen der japanischen und der globalen Börsen, mehrten sich in der letzten Woche die Anzeichen, dass sich die zweitgrößte Wirtschaft der Welt in einer Rezession befindet. Die Einschätzungen der Regierung und der Bank of Japan (BoJ) über den Zustand der japanischen Wirtschaft sind sehr pessimistisch.

Am Montag wurde eine Beurteilung des Kabinetts herausgegeben, laut der "sich die Wirtschaft noch weiter abgeschwächt hat", nachdem sie letzten Monat bereits als "schwach" bezeichnet worden war.

Sechs Faktoren der Gesamtbeurteilung, die höchste Anzahl seit 1998, wurden schwächer eingestuft: Exporte, industrielle Produktion, die Stimmung am Markt, Konkurse, der Arbeitsmarkt und das Verbraucherverhalten.

Der Minister für Wirtschafts- und Steuerpolitik, Kaoru Yosano, berichtete Reportern: "Japans Wirtschaft wird während des globalen Abschwungs in diesem rückläufigen Trend bleiben. Wir müssen jetzt durchhalten." Der Direktor für makro-ökonomische Untersuchungen im Kabinett, Fumihara Nishizaki, kommentierte vorsichtig: "Die Risiken eines Niedergangs werden deutlicher. Dies ist keine offizielle Beurteilung, aber Japan befindet sich in einer Rezession."

Der Kabinettsbericht warnte, die Aussichten der japanischen Wirtschaft könnten "wegen der sich vertiefenden Krise in Amerika und Europa und den starken Schwankungen der Börse und des Devisenmarktes" noch schlimmer werden. Die USA befänden sich schon "in einer Rezession" und es bestehe das Risiko, dass sich die amerikanische Wirtschaft durch die Kreditkrise weiter abschwäche. Der Bericht warnte ebenfalls vor dem steigenden Risiko einer Rezession in Europa.

Eine Rezession in Amerika und Europa, wie sie auch der internationale Währungsfonds vorhersagt, wird unvermeidbar Einfluss auf Japans Exporte und die Gesamtwirtschaft haben. Im zweiten Quartal schrumpfte die Wirtschaft im jährlichen Vergleich um drei Prozent des BIP - der rapideste Abschwung seit sieben Jahren.

Japan wird zusätzlich noch durch den Rückgang der Wirtschaft in China getroffen, das für das dritte Quartal nur noch eine Wachstumsrate von neun Prozent angab - niedriger als die Vorhersagen von 9,7 Prozent und unter der Zahl des zweiten Quartals von 10,1 Prozent. China übertraf im Juli die USA als Japans größten Exportmarkt.

Ein Gutachten der Bank of Japan vom Montag stufte alle Einschätzungen der neun Regionen des Landes zurück - das erste Mal seit dieser Regionalbericht im April 2005 gestartet wurde. Der Vorsitzende der Bank of Japan, Masaaki Shirakawa, berichtete den Medien, dass die Wirtschaft aufgrund hoher Energie- und Materialpreise und des internationalen Abschwungs stagniere. Er fügte hinzu, es sei "sehr wahrscheinlich, dass die Wirtschaft rückläufig bleiben wird, da es offensichtlich ist, dass die Auslandsmärkte weiterhin absinken."

Der Manager der Geschäftstelle der BoJ in Osaka, Masahiro Samejima, sprach gegenüber Reuters davon, dass Aufträge für Werkzeugmaschinen und Bauteile aus den Schwellenländern zurückgingen. Er verwies speziell auf China und andere Teile Asiens und bemerkte, dass der Anstieg des Yen die Exporteure stark treffe. Am 21. Oktober erreichte die japanische Währung ein Dreijahreshoch gegenüber dem Euro und stieg gegenüber dem US-Dollar und andere Währungen weiter an.

Genau wie ihre Gegenspieler in den USA und Europa sind die wichtigsten Autohersteller in Japan mittlerweile von dem Ausmaß des globalen Abschwungs betroffen. Toyota, Japans größter Autohersteller, gab, verglichen mit dem letzten Jahr, ein Absinken des Verkaufsvolumens von 16 Prozent für August an -- der schärfste Rückgang seit Mai 1998. Seine Inlandsverkäufe fielen um 19 Prozent und die Exporte um 7,5 Prozent. Der Niedergang setzte sich im September in den USA mit einem Rückgang der Verkaufszahlen um 10 Prozent und schleppenden Verkäufen in Europa fort. Die letzten Zahlen stellen die Pläne Toyotas in Frage, die Verkäufe in China in diesem Jahr um 40 Prozent anzukurbeln.

Nissan, der drittgrößte Autohersteller Japans, hat Kürzungen in der Produktion in Amerika, Japan, Großbritannien und Spanien angekündigt. Nissans Verkäufe fielen in Nordamerika im September um 37 Prozent, 27 Prozent in Großbritannien und 5,5 Prozent in ganz Europa. In Spanien, wo die Verkäufe um 23 Prozent zurückgingen, kündigte das Unternehmen an, im Montagewerk Barcelona 1.680 Stellen zu streichen.

Der Vorsitzende Wirtschaftswissenschaftler des Mizuho Forschungs-Institutes, Yasuo Yamamoto, meinte gegenüber Reuters: "Wenn die Exporte und die Kapitaleinfuhren weiter heruntergehen, wird Japan in eine noch schlimmere Rezession kommen. Die Auswirkung der globalen Kreditkrise auf das japanische Finanzsystem ist begrenzt, doch es ist sehr wahrscheinlich, dass sie die Wirtschaft zum Ende des Jahres hin sehr stark treffen wird."

Beruhigungen der Regierung und der Bank of Japan aufgrund der Stärke der Banken des Landes und des Finanzsystems sind verfrüht. Der Zusammenbruch der Yamato Lebensversicherung am 10. Oktober schürte Ängste, dass Japans kleinere Banken, Geldinstitutionen und Versicherer gefährdet seien. Yamato, eine Versicherung der mittleren Ebene, meldete Konkurs an, nachdem sie kein Kapital zur Deckung schwerer Verluste aus Anteilen der US-Subprime Anlagen aufbringen konnte.

Es ist nicht zu vermuten, dass japanische Institutionen in starkem Maße den faulen US-Schulden ausgesetzt sind, aber ein Rückgang und ein Anstieg der Konkurse könnten einige Banken treffen. Wirtschaftsminister Yosano spielte den Yamato-Zusammenbruch als einen "Sonderfall" herunter. Ein Kreditanalyst meinte jedoch zur Financial Times: "Dies scheint ein Vorbote der Entwicklungen in Japan zu sein."

Pakete zur Wirtschaftsstimulierung

Um die Rezession abzufangen brachte der Premierminister Taro Aso letzte Woche ein 19,8 Billionen Dollar schweres Stimulierungspaket durch das Parlament und kündigte sofort ein zweites Paket für die nächste Woche an. Das nächste Paket zielt hauptsächlich auf die Entlastung kleiner und mittlerer Unternehmen und regionaler Geldinstitute ab, wird aber auch Einkommenssteuerkürzungen und Abstriche für Leute mit Hauskrediten beinhalten.

Kritiker führen jetzt an, das Paket vermehre nur die öffentliche Verschuldung, die sich zurzeit auf 180 Prozent des BIP beläuft, die höchste der Industriestaaten. "Das erste Paket war nicht ausreichend, um der Wirtschaft wirklich zu helfen, und das zweite wird es auch nicht sein," erklärte Yasuhide Yajima, leitender Volkswirt des NLI Forschungsinstitutes zu Bloomberg.com.

Soichi Okuda, leitender Wirtschaftswissenschaftler des Sumitomo Forschungsinstituts, sagte, dass die Regierung in einem Dilemma stecke: Sie könne ihr Ziel der finanzpolitischen Sanierung nicht ganz aufgeben, aber es müssten Wege gefunden werden, die Wirtschaft zu stimulieren. Die regierende Liberaldemokratische Partei (LDP) hat kürzlich versprochen, das Haushaltsdefizit bis 2010 oder 2011 abzubauen. Okuda fügte hinzu, dass Steuerkürzungen der Wirtschaft nicht helfen könnten, vielmehr hätten sie eher die Funktion "einer politischen Show, die Wählern vor einer Wahl vorgespielt wird".

Aso, der seit 24. September im Amt ist, versucht nicht nur die Wirtschaft zu stützen, sondern auch seine politische Popularität anzuheben. Sein Vorgänger Yasuo Fukuda war nach nur einem Jahr wegen seiner zunehmenden Unbeliebtheit und der Anzeichen eines stärkeren wirtschaftlichen Rückgangs aus seinem Amt zurückgetreten. Die Führer der LDP hatten damit gerechnet, dass die Benennung Asos die Umfragewerte der Regierung ankurbeln und die Basis für eine vorgezogne Wahl verbessern könnte. Jedoch war Asos erstes Umfrageergebnis nur 48,6 Prozent - viel niedriger als Fukudas 60 Prozent im letzten Jahr.

Die letzte Zeitungsumfrage der Mainichi zeigt, das Asos Popularität in einem Monat um ein Drittel gefallen ist, um 9 Prozent auf 36 Prozent. Der Anteil derjenigen, die Asos Kabinett nicht unterstützen, stieg um 15 Prozent auf 41 Prozent. Fast die Hälfte davon klagte über die Politik des Premierministers. Die Amtsführung Asos hat gerade ihre erste Niederlage erlebt. Verkehrsminister Nariaki Nakayama trat zurück, nachdem er einen öffentlichen Eklat auslöste, als er eine Lehrergewerkschaft ein "Krebsgeschwür" nannte und Japan als "ethnisch homogen" beschrieb - was eine Kränkung der Minderheit der Ainu bedeutet.

Viel bemerkenswerter jedoch ist, dass der Rückgang der Bewertung der Regierung eine weitgehende Entfremdung von der LDP widerspiegelt, die abgesehen von einer kurzen Pause seit mehr als 50 Jahren regiert. Gestiegene Arbeitslosenzahlen, Inflation und wirtschaftliche Unsicherheit haben zu diesem wachsenden Misstrauen geführt. Unter jungen Menschen sind viele, die eine unsichere Zukunft als Teilzeitbeschäftigte oder Zeitarbeitsarbeiter haben - die Unzufriedenheit mit dem politischen Establishment, einschließlich der oppositionellen Demokratischen Partei Japans (DPJ) steigt.

In Wirtschaftskreisen gibt es die Befürchtung, dass Aso und die Stimulierungspakete der Regierung einen Rückgang zur der traditionellen Politik der LDP bedeuten, zu hohen Ausgaben für die Infrastruktur und andere öffentliche Projekte, die politischen Verbündeten besonders in ländlichen Gebieten nutzen. Bedeutende Teile der Wirtschaftselite sehen in der DPJ das Mittel, jene Art von wirtschaftlichen Reformen zu fördern, der unter dem ehemaligen Premierminister Junichiro Koizumi begannen, jedoch unter seinem Nachfolger gestoppt wurde.

Eine vorgezogene Unterhauswahl im gegenwärtigen Klima der wirtschaftlichen Unruhe auszurufen, ist für Aso ein großes Lotteriespiel. Die DPJ hat bereits die Kontrolle über das Oberhaus gewonnen. Die Mainichi- Umfrage über die Wahlabsichten ergab, dass die DPJ die LDP in einer vorgezogenen Wahl mit 48 Prozent zu 36 Prozent schlagen würde. Legt man die Umfragewerte der letzten Regierung zu Grunde, dann wäre es noch riskanter zurückzutreten und eine Neuwahl auszurufen. Wenn sich die Rezession verschärft, würde die Popularität Asos in Tiefen absacken, die ihn unwählbar machen.

Siehe auch:
Taro Aso: Der dritte japanische Regierungschef in zwei Jahren
(10. Oktober 2008)
Japanischer Premierminister gibt Amt angesichts wirtschaftlichen Rückgangs auf
( 13. September 2008)

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