Deutschland vor 85 Jahren

1923: Die verpasste Revolution

Teil 2

Von Peter Schwarz
23. Oktober 2008

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Der folgende Artikel über den "deutschen Oktober", die verpasste Revolution des Jahres 1923, beruht auf einem Vortrag, der im Sommer 2007 gehalten wurde. Wir veröffentlichen ihn in drei Teilen.

Der Ruhrkampf

Eineinhalb Jahre nach dem Dritten Kominternkongress waren die Konflikte innerhalb der KPD nicht wirklich gelöst. Als französische Truppen die Ruhr besetzten, entbrannte der Streit zwischen der Führungsmehrheit und der linken Opposition wieder mit voller Kraft. Es gab Differenzen über den Kurs, der im besetzten Ruhrgebiet verfolgt werden sollte, und über die Frage, ob die KPD eine linke SPD-Regierung in Sachsen unterstützen solle.

An der Spitze der KPD stand nun Heinrich Brandler, ein Gründungsmitglied des Spartakusbunds. Während viele frühere Linke scharf nach rechts geschwenkt waren, hatte sich unter der Führung von Ruth Fischer, Arkadi Maslow und - in geringerem Maße - Ernst Thälmann ein neuer linker Flügel herausgebildet. Fischer und Maslow waren junge Intellektuelle, die der Bewegung erst nach dem Krieg beigetreten waren. Hinter ihnen stand die Mehrheit der einflussreichen Berliner Organisation. Thälmann war Arbeiter und durch die USPD zur KPD gestoßen. Er führte die Partei in Hamburg.

Am 10. Januar fiel die SPD-Regierung in Sachsen und die KPD warb für eine Einheitsfront und eine Arbeiterregierung. Während die Mehrheit der SPD eine Koalition mit bürgerlichen Parteien bevorzugte, trat eine linke Minderheit für ein Bündnis mit der KPD ein. Die KPD führte eine energische Kampagne für ein "Arbeiterprogramm", das neben anderen die folgenden Forderungen enthielt: Beschlagnahmung des Eigentums der früheren königlichen Familie, Bewaffnung der Arbeiter, Säuberung der Justiz, der Polizei und der Verwaltung, Einberufung eines Betriebsrätekongresses und Kontrolle der Preise durch gewählte Komitees.

Dieses Programm fand in der SPD Unterstützung, wo der linke Parteiflügel schließlich die Mehrheit gewann. Die SPD akzeptierte das "Arbeiterprogramm" mit einer Ausnahme: der Auflösung des Parlaments und der Einberufung eines Betriebsrätekongresses. Auf dieser Grundlage bildete die SPD eine Regierung, die von der KPD unterstützt wurde.

Die KPD-Führung und Radek, der mittlerweile eine Führungsfunktion in der Komintern ausübte, unterstützten diesen Schritt. Die KPD-Linke lehnte ihn dagegen entschieden ab. In ihren Augen war die Unterstützung der sächsischen Regierung kein zeitweiliger taktischer Schritt, um sozialdemokratische Arbeiter zu gewinnen, sondern eine politische Anpassung an die linken Sozialdemokraten, die sie als ebenso verräterisch wie die rechten einschätzten. Ihr Misstrauen war nicht unbegründet, wie die späteren Ereignisse zeigen sollten: Am 21. Oktober blies Brandler den vorbereiteten Aufstand ab, weil ihn die linken Sozialdemokraten nicht unterstützten.

An der Ruhr, wo sich die SPD uneingeschränkt hinter die Kampagne des "passiven Widerstands" der Cuno-Regierung stellte, distanzierte sich die KPD hingegen deutlich von ihr. Die Cuno-Regierung ihrerseits arbeitete mit paramilitärischen, heimlich von der Reichswehr unterstützten Gruppen und mit faschistischen Banden zusammen, die sie zu Sabotageakten gegen die französischen Besatzer ermutigte. Aus ganz Deutschland strömten rechte und faschistische Kräfte an die Ruhr, mit denen sich die SPD in einer faktischen Allianz wieder fand.

Die KPD wandte sich gegen den Nationalismus der SPD und verurteilte ihn scharf. Sie sah darin eine Wiederholung ihrer Haltung im Jahr 1914, als die SPD die Kriegskredite für den Ersten Weltkrieg unterstützt hatte. Die KPD rief zum Kampf gegen die französischen Besatzer und die Berliner Regierung auf. Eine Schlagzeile der Roten Fahne lautete: "Schlagt Poincaré an der Ruhr und Cuno an der Spree". Diese Linie fand ihre Bestätigung, als Arbeiter gegen die unerträglichen sozialen Zustände rebellierten und gegen die Besatzer, die örtlichen Unternehmer und die Berliner Regierung gleichermaßen protestierten.

Doch bald mischten sich die Führer der KPD-Linken ein und agitierten auf Parteiversammlungen an der Ruhr. Ruth Fischer verlangte, die KPD solle die Arbeiter zur Übernahme der Betriebe und Bergwerke, zur Ergreifung der politischen Macht und zur Errichtung einer Arbeiterrepublik an der Ruhr aufrufen. Diese Arbeiterrepublik werde dann "die Basis sein, von der aus eine Arbeiterarmee nach Mitteldeutschland marschieren, die Macht in Berlin ergreifen und ein- für allemal die nationalistische Gegenrevolution erledigen sollte". (8)

Das war ein abenteuerlicher Kurs, vergleichbar mit der Märzaktion von 1921. Ein Aufstand an der Ruhr wäre isoliert geblieben, da es im übrigen Deutschland keine Vorbereitungen zu seiner Unterstützung gab. Außerdem wimmelte es im Ruhrgebiet von paramilitärischen und faschistischen Kräften und die französische Besatzungsarmee hätte einem proletarischen Aufstand kaum ruhig zugesehen. Die französischen Besatzer verfolgten zwar die Streiks mit einer gewissen Sympathie, solange sie sich gegen die deutsche Regierung richteten, aber ein proletarischer Aufstandsversuch wäre eine völlig andere Sache gewesen.

Als die Fraktionskämpfe innerhalb der KD immer bitterer wurden, lud Sinowjew, der Sekretär der Komintern, beide Seiten nach Moskau ein, wo ein Kompromiss erzielt wurde. Die Komintern erklärte sich mit der Unterstützung der sächsischen SPD-Regierung durch die KPD einverstanden, kritisierte aber Formulierungen, die andeuteten, es handle sich um mehr als um eine zeitweilige Taktik. Fischers Pläne für die Ruhr wies sie zurück.

Die einstimmig verabschiedet Kompromissresolution enthält keinerlei Hinweise, dass sich die Kominternführung über das wachsende Tempo der Ereignisse in Deutschland bewusst war und Schlussfolgerungen daraus zog. Es heißt darin im Gegenteil: "Die Differenzen in der Partei haben zur Grundlage den langsamen Gang der revolutionären Entwicklung in Deutschland und die durch ihn erzeugten objektiven Schwierigkeiten, die aus der Partei rechte wie linke Abweichungen erzeugen." (9)

Der Schlageterkurs

Im Juni führte Radek einen neuen Schwenk ein, der die ohnehin verwirrte KPD noch weiter desorientierte - den Schlageterkurs.

Die KPD hatte sich seit einiger Zeit Sorgen über das Anwachsen des Faschismus in Deutschland gemacht. Im Oktober 1922 hatte Mussolini in Italien die Macht übernommen, nachdem seine bewaffneten Stoßtrupps, die Fasci, eine Terrorkampagne gegen Arbeiterorganisationen und militante Arbeiter geführt hatten.

In Deutschland war die extreme Rechte bisher auf Überreste der kaiserlichen Armee und kleine antisemitische Parteien beschränkt geblieben. Doch 1923 begann sie zu wachsen und ihre soziale Basis zu verbreitern, allerdings noch nicht in dem Ausmaß wie später in den dreißiger Jahren. Die Agitation gegen die "Novemberverbrecher", gegen Juden und Ausländer fand Resonanz unter deklassierten kleinbürgerlichen Elementen und einigen verarmten Arbeitern, die unter den Auswirkungen der Inflation litten. Insbesondere Bayern mit seinen weiten ländlichen Gebieten entwickelte sich zur Hochburg der extremen Rechten. Nach der blutigen Unterdrückung der Münchner Räterepublik 1919 hatte es sich zu einer Brutstätte nationalistischer, faschistischer und paramilitärischer Organisationen verwandelt.

An der Ruhr stellten sich Mitglieder der extremen Rechten als heroische Kämpfer gegen die französische Besatzung dar. Am 7. April verhaftete die französische Armee in Düsseldorf Albert Schlageter, ein Mitglied der Freikorps, weil er sich an einem Bombenanschlag auf eine Eisenbahnlinie beteiligt hatte. Er wurde von einem Militärgericht zum Tode verurteilt und am 26. Mai hingerichtet. Die Rechten machten aus ihm sofort einen Märtyrer.

Im Juni schlug Radek auf einer Sitzung der Exekutive der Komintern (EKKI) vor, die KPD solle sich dieser Kampagne anschließen und sich an den Nationalismus der Faschisten anpassen, um von ihnen verführte Arbeiter und kleinbürgerliche Elemente auf ihre Seite zu gewinnen. Die kleinbürgerlichen Massen, Intellektuellen und Techniker, die eine große Rolle in der Revolution spielen würden, befänden sich im nationalen Gegensatz zum Kapitalismus, behauptete Radek. Um als Arbeiterpartei den Kampf um die Macht zu führen, müsse man Zugang zu diesen Massen finden. Die KPD dürfe dieser Verantwortung nicht ausweichen, sondern müsse deutlich machen, dass nur die Arbeiterklasse die Nation retten kann.

Im späteren Verlauf des Treffens pries Radek Schlageter dann als "mutigen Soldaten der Konterrevolution", der es verdiene, "von uns Soldaten der Revolution männlich-ehrlich gewürdigt zu werden". "Die Geschicke dieses Märtyrers des deutschen Nationalismus sollen nicht verschwiegen, nicht mit einer abwerfenden Phrase erledigt werden", rief Radek. "Wir werden alles tun, dass Männer wie Schlageter, die bereit waren, für eine allgemeine Sache in den Tod zu gehen, nicht Wanderer ins Nichts, sondern Wanderer in eine bessere Zukunft der gesamten Menschheit werden." (10)

Der Schlageterkurs wurde von der Roten Fahne aufgegriffen und war wochenlang das beherrschende Thema. Sie verwirrte die einfachen Parteimitglieder, die dem nationalistischen Druck bisher widerstanden hatten. Dagegen gibt es keinerlei Hinweise, dass er die Reihen der Faschisten geschwächt hätte - abgesehen von einigen nationalbolschewistischen Wirrköpfen, die sich der KPD anschlossen und ihr eine Menge Ärger bereiteten, bevor sie sie wieder los wurde. Die Schlageter-Kampagne lieferte der SPD Munition für eine antikommunistische Kampagne und erschwerte es der französischen Kommunistischen Partei, unter den französischen Soldaten im Ruhrgebiet Solidarität mit den deutschen Arbeitern zu organisieren.

Die Cuno-Streiks

Während Radek den Schlageterkurs entwickelte, verschärfte sich der Klassenkampf in Deutschland. Im Juni und Juli brachen im ganzen Land Unruhen und Streiks gegen die hohen Preise aus. Oft beteiligten sich Hunderttausende daran, darunter viele Arbeiter, die noch nie zuvor an einem Arbeitskampf teilgenommen hatten. So traten Anfang Juni 100.000 schlesische Landarbeiter und 10.000 brandenburgische Tagelöhner in den Ausstand.

Am 8. August forderte Kanzler Cuno vor dem Reichstag weitere Opfer und Einsparungen und stellte die Vertrauensfrage. Die SPD versuchte, ihm die nötige Mehrheit zu verschaffen, indem sie sich der Stimme enthielt. Doch ausgehend von Berlin entwickelte sich eine spontane Welle von Streiks, die den Rücktritt der Regierung Cuno forderte.

Am 10. August lehnte eine Versammlung führender Gewerkschafter unter dem Druck der SPD einen Generalstreik ab. Nun ergriff ein von der KPD eilig zusammengerufener Betriebsrätekongress die Initiative und rief zum Generalstreik auf. Rund 3,5 Millionen Arbeiter befolgten den Aufruf. In mehreren Städten kam es zu blutigen Kämpfen mit der Polizei mit mehreren Dutzend Toten. Am folgenden Tag trat die Regierung Cuno zurück.

Die bürgerliche Herrschaft hing in der Luft. "Es hat nie in der neueren deutschen Geschichte einen Zeitabschnitt gegeben, der für eine sozialistische Revolution so günstig gewesen wäre wie der Sommer 1923," schreibt Rosenberg. (11) Vorerst rettete die SPD die bürgerliche Herrschaft. Gegen erheblichen Widerstand in den eigenen Reihen trat sie einer Koalitionsregierung unter Gustav Stresemann von der großkapitalistischen Deutschen Volkspartei (DVP) bei.

Vorbereitung der Revolution

Erst nach den Cuno-Streiks vom August wurde der KPD und der Komintern klar, welch revolutionäre Gelegenheit sich in Deutschland entwickelte. Nun änderten sie ihren Kurs. Am 21. August - exakt zwei Monate bevor Brandler den Aufstand absagen sollte - entschied das Politbüro der russischen Kommunistischen Partei, eine Revolution in Deutschland vorzubereiten. Es bildete eine "Kommission für internationale Angelegenheiten", die sich mit der Arbeit in Deutschland befasste. Sie bestand aus Sinowjew, Kamenew, Radek, Stalin, Trotzki und Tschitscherin. Später kamen noch Dscherschinski, Piatakow und Sokolnikow hinzu.

Währen der nächsten Tage und Wochen ab es zahlreiche Diskussionen und eine ständige Korrespondenz mit den Führern der KPD, die häufig nach Moskau reisten. Es gab finanzielle, logistische und militärische Unterstützung zur Bewaffnung der proletarischen Hundertschaften, die in den vorangegangenen Monaten gebildet worden waren. Im Oktober wurden Radek, Piatakow und Sokolnikow nach Deutschland gesandt, um den Aufstand zu unterstützen.

Vor allem Trotzki bemühte sich unermüdlich, den Fatalismus und die Selbstzufriedenheit zu überwinden, die sowohl in der deutschen Sektion wie in der russischen Partei grassierten. Stalin hatte noch am 7. August - einen Tag vor Ausbruch der Cuno-Streiks - an Sinowjew geschrieben: "... für uns ist es von Vorteil, wenn sie [die Faschisten] als erste angreifen. ... Meiner Meinung nach muss man die Deutschen zurückhalten und nicht ermuntern." Trotzki dagegen bestand darauf, dass der Aufstand im Laufe weniger Wochen, und nicht Monaten, vorbereitet und ein Zeitpunkt dafür festgelegt werden müsse. (12)

Was auf den ersten Blick wie ein organisatorischer Vorschlag aussah - die Festlegung eines Zeitpunkts für den Aufstand -, war in Wirklichkeit eine hochpolitische Frage. Nach Trotzkis Auffassung bestand nun die wichtigste Aufgabe darin, die gesamte Energie und Aufmerksamkeit der Partei auf die praktische Vorbereitung der Revolution zu konzentrieren. Von einer eher allgemeinen, propagandistischen Vorbereitung musste sie zur praktischen Vorbereitung des Aufstands übergehen.

Am 21. August argumentierte er auf einem Treffen des Politbüros der russischen Partei: "Was die Stimmung der revolutionären Massen Deutschlands betrifft, das Gefühl, dass sie sich auf dem Weg zur Macht befinden - eine solche Stimmung gibt es. Hier stellt sich aber die Frage der Vorbereitung. Das revolutionäre Chaos darf nicht abgesegnet werden. Die Frage lautet - entweder die Revolution entfachen oder sie organisieren." Trotzki warnte vor der Gefahr, dass die hervorragend organisierten faschistischen Banden unkoordinierte Aktionen der Arbeiter zerschlagen könnten, und forderte: "Die KPD muss eine Frist setzen, in der man sich vorbereitet, in militärischer Hinsicht und - in entsprechendem Tempo - in der politischen Agitation." (13)

Dem widersetzte sich am heftigsten Stalin. Er lehnte einen Zeitplan ab und behauptete, "die Arbeiter glauben noch an die Sozialdemokratie" und die Regierung halte noch acht Monate durch. (14)

Auch Brandler setzte sich in einem Brief an die Exekutive der Komintern vom 28. August für einen längeren Vorbereitungszeitraum ein. "Die Lebensdauer der Stresemannregierung wird nicht allzu groß sein", schrieb er. "Trotzdem glaube ich nicht daran, dass die nächste Welle, die bereits im Anzug ist, schon die Machtfrage entscheidet. ... wir versuchen, unsere Kräfte so zusammenzureißen, dass wir, wenn wir nicht ausweichen können, in 6 Wochen den Kampf aufnehmen können, gleichzeitig stellen wir uns aber so ein, dass wir mit solider Arbeit in einem Zeitraum von fünf Monaten fertig sind." Er fügte hinzu, dass er eine Frist von sechs bis acht Monaten für wahrscheinlich halte. (15)

Einen Monat später kam Trotzki in einer weiteren Diskussion zwischen der russischen Kommission und der deutschen Führung auf die Frage des Zeitplans zurück. Er unterbrach eine Diskussion über die Ruhrfrage und sagte, er verstehe nicht, warum man sie so oft berühre. "Es gilt jetzt, die Macht in Deutschland zu ergreifen. Das ist die Aufgabe, alles andere wird sich daraus ergeben."

Er ging dann auf Bedenken ein, die deutsche Arbeiterklasse sei nur bereit, für ökonomische, nicht aber für politische Ziele zu kämpfen. "Die politischen Hemmungsprozesse sind nichts anderes als gewisse Zweifel, durch Niederlagen geschaffen, im Gehirn der Massen hinterlassen", sagte er. "Aber die deutsche Arbeiterklasse für den entscheidenden revolutionären Kampf bekommen - und die Situation ist jetzt da -, kann die Partei nur, glaube ich, in dem Falle, wenn sie große Schichten der Arbeiterklasse, ihre führenden Schichten, überzeugt, dass sie auch organisatorisch fähig ist, im konkretesten Sinne des Wortes sie zum Sieg zu führen. ... Wenn die Partei in einer solchen Situation fatalistische Tendenzen bemerken lässt, so ist es die größte Gefahr. "

Trotzki erläuterte dann, dass der Fatalismus verschiedene Formen annehmen könne: Erstens könne man sagen, die Situation sei revolutionär, und das von Tag zu Tag wiederholen. "Man gewöhnt sich daran, und die Politik besteht darin, dass man auf die Revolution wartet." Dann bewaffne man die Arbeiter und sage, es müsse zum Konflikt kommen. Doch dies sei "bewaffneter Fatalismus".

Aus den Informationen, die er von den deutschen Genossen erhalten hatte, schloss Trotzki, dass sie die Aufgabe viel zu leicht auffassten. "Aber wenn die Sache so ist, dass die Revolution nicht eine konfuse Perspektive sein soll, sondern die Hauptaufgabe ist", sagte er, " so muss man sie zur praktischen organisatorischen Aufgabe machen. ... dann heißt es, die Frist fixieren, vorbereiten und schlagen." (16)

Am 23. September veröffentlichte Trotzki sogar einen Artikel in der Prawda, der die Überschrift trug: "Kann man eine Konterrevolution oder eine Revolution auf einen bestimmten Tag ansetzen?" Trotzki diskutiert die Frage allgemein, ohne Deutschland zu erwähnen, da der Aufruf eines Führungsmitglieds der Sowjetunion, einen Zeitpunkt für die deutsche Revolution festzusetzen, eine internationale Krise oder sogar einen Krieg ausgelöst hätte. Dennoch ist der Artikel ein Beitrag zur Diskussion über Deutschland.

Die verpasste Revolution

Schließlich wurde ein Aufstandstermin für den 9. November ins Auge gefasst. Doch nun beschleunigten sich die Ereignisse.

Am 26. September verkündete Kanzler Stresemann das Ende des passiven Widerstands gegen die französische Ruhrbesetzung. Anders, so die Begründung, sei die rasende Inflation nicht unter Kontrolle zu bringen. Das provozierte die Wut der Ultrarechten. Die bayrische Regierung verhängte noch am selben Tag den Ausnahmezustand und errichtete eine offene Diktatur unter Ritter von Kahr. Von Kahr arbeitete mit Hitlers Nationalsozialisten zusammen und plante - nach dem Vorbild von Mussolinis Marsch auf Rom - einen Marsch auf Berlin, um eine Diktatur in ganz Deutschland zu errichten. Kahr wurde vom Kommandanten der in Bayern stationierten Reichswehrtruppen unterstützt.

Die Berliner Regierung reagierte, indem sie ihrerseits eine Art Diktatur errichtete. Sie übertrug die Exekutivgewalt im ganzen Reich dem Reichwehrminister, der sie an den Oberbefehlshaber der Reichswehr, General von Seeckt, delegierte. Seeckt sympathisierte mit der äußersten Rechten und weigerte sich, die bayrischen Kommandeure zur Ordnung zu rufen. Führende Industrielle, wie Hugo Stinnes, unterstützten deren Forderung nach einer nationalen Diktatur, wobei ihnen Seeckt selbst als Diktator vorschwebte.

Am 13. Oktober verabschiedete der Reichstag mit den Stimmen der Sozialdemokraten nach tagelangen Auseinandersetzungen ein Ermächtigungsgesetz, das die Regierung bevollmächtigte, die sozialen Errungenschaften der Novemberrevolution von 1918 (insbesondere den gesetzlichen Acht-Stunden-Tag) abzuschaffen. Während also die Gefahr eines Staatsstreichs über Berlin hing, der die sozialdemokratischen Minister und Abgeordneten das Leben kosten konnte, beschlossen diese weitere Angriffe auf die Arbeiterklasse.

Sachsen und Thüringen bildeten das Zentrum des Arbeiterwiderstands gegen diese konterrevolutionären Machenschaften. Dort trat die KPD am 10., bzw. am 16. Oktober in linke SPD-Regierungen ein. Die Regierungsbeteiligung war Teil des in Moskau ausgearbeiteten Revolutionsplans. Sie sollte der KPD einen Stützpunkt und Zugang zu Waffen verschaffen.

Obwohl beide Regierungen völlig legal gebildet worden waren und über eine parlamentarische Mehrheit verfügten, weigerte sich der Reichswehrbefehlshaber in Sachsen, General Müller, ihre Autorität anzuerkennen. In Absprache mit der Berliner Regierung unterstellte er die sächsische Polizei seiner Befehlgewalt.

Angesichts der Bedrohung aus Bayern, das südlich an Sachsen und Thüringen angrenzt, und aus Berlin, das nördlich der beiden Länder liegt, zog die KPD ihren ursprünglich für den November terminierten Aufstandsplan vor. Für den 21. Oktober berief sie einen Betriebrätekongress nach Chemnitz, der zum Generalstreik aufrufen und damit das Signal zum deutschlandweiten Aufstand gegen sollte.

Doch als sich die linken Sozialdemokraten widersetzten, trat der KPD-Vorsitzende Brandler den Rückzug an und sagte den Aufstand ab. Die Mehrheit der Delegierten hätte den Generalstreikaufruf unterstützt, wie Brandler in einem privaten Brief an Clara Zetkin, eine enge Vertraute, berichtete. Aber er wollte nicht ohne die Unterstützung der linken Sozialdemokraten handeln.

"Dennoch erkannte ich im Verlaufe der Chemnitzer Konferenz, dass wir den Entscheidungskampf unter keinen Umständen aufnehmen konnten, nachdem wir die linke VSPD nicht zur Unterschrift für den Generalstreikbeschluss bekommen konnten", schrieb Brandler. "Ich habe gegen große Widerstände den Karren herumgerissen und verhindert, dass wir als Kommunisten allein den Kampf aufgenommen haben. Natürlich hätten wir auf der Chemnitzer Konferenz eine Zweidrittelmehrheit für den Generalstreik zustande gebracht. Aber die VSPD hätte teilweise die Konferenz verlassen und die Verwirrungsparolen, dass die angekündigte Reichsintervention gegen Sachsen nur eine Verschleierung der Reichsexekutive gegen Bayern darstellen sollte, hätte unserer Kampfstimmung das Genick gebrochen. Ich habe bewusst auf ... diesen faulen Kompromiss hingearbeitet." (17)

Die Entscheidung, die Revolution abzusagen, erreichte Hamburg nicht rechtzeitig. Hier fand ein Aufstand statt. Aber er blieb isoliert und wurde innerhalb von drei Tagen besiegt.

Noch während der Betriebsrätekongress tagte, begann die Reichswehr Sachsen zu besetzen. Es kam zu Schießereien mit Arbeitern, die mehrere Tote forderten. Am 28. Oktober ordnete Reichspräsident Ebert, ein Sozialdemokrat, die Reichsexekution an: Er ließ die sächsische Regierung unter Erich Zeigner, ebenfalls ein Sozialdemokrat, gewaltsam durch die Reichswehr absetzen. Die Empörung darüber war so groß, dass sich die SPD schließlich aus der Großen Koalition in Berlin zurückziehen musste. Kurz danach rückte die Reichswehr auch in Thüringen ein und erzwang den Rücktritt der dortigen Regierung.

Das Vorgehen Eberts und Seeckts gegen die linken Regierungen in Sachsen und Thüringen ermutigte die extreme Rechte in Bayern. Am 8. November rief Adolf Hitler in München die "nationale Revolution" aus. Ziel seines Putschversuchs war es, Diktator Kahr zu einem Marsch auf Berlin zu bewegen. General Ludendorff, ein ranghoher General aus dem Ersten Weltkrieg, der Hitler unterstützte, sollte die Führung übernehmen.

Der Putsch brach schnell zusammen, da Berlin inzwischen so weit nach rechts gerückt war, dass sich die bayrischen Konservativen nicht mehr einer windigen Gestalt wie Hitler zu bedienen brauchten. Präsident Ebert kam ihnen entgegen, indem er General von Seeckt von sich aus zum Diktator ernannte. In der Nacht nach dem Putsch übertrug er ihm den Oberbefehl über alle Streitkräfte und die Ausübung der vollziehenden Gewalt. Obwohl die Institutionen der Weimarer Republik nach wie vor existierten, gab es in Deutschland bis zum März 1924 faktisch eine Militärdiktatur.

Anmerkungen

8) Ruth Fischer, "Stalin und der deutsche Kommunismus", Frankfurt am Main, S. 310

9) "Resolution zu den Differenzen in der KPD", in "Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung", Reihe II, Band 7/2, Teil 2, S. 302 (9)

10) Die Rote Fahne, 26. Juni 1923

11) Arthur Rosenberg, op.cit., S. 401

12) Bernhard H. Bayerlein u.a. Hsg., "Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern", Berlin 2003, S. 100

13) ebd. S. 122

14) ebd. S. 124

15) ebd. S. 135-136

16) ebd. S. 165-167

17) ebd. S. 359-360 (unsere Hervorhebung)

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