Deutschland vor 85 Jahren

1923: Die verpasste Revolution

Teil 3

Von Peter Schwarz
24. Oktober 2008

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Der folgende Artikel über den "deutschen Oktober", die verpasste Revolution des Jahres 1923, beruht auf einem Vortrag, der im Sommer 2007 gehalten wurde. Wir veröffentlichen ihn in drei Teilen.

Warum die KPD die Revolution verpasste

Warum verpasste die KPD die Revolution?

Die einfachste Antwort besteht darin, die gesamte Verantwortung auf Brandler abzuschieben. So reagierten Sinowjew und Stalin, die Brandler zum Sündenbock machten. Gleichzeitig warfen sie der KPD vor, sie habe falsche Informationen über die Lage in Deutschland geliefert und die revolutionären Möglichkeiten überschätzt.

Damit stellten Sinowjew und Stalin die gesamte Einschätzung in Frage, auf der der Plan für einen revolutionären Aufstand beruht hatte. Keine drei Wochen nach Abbruch des Aufstands begannen sie damit, die deutschen Ereignisse neu zu interpretieren. Sie vertuschten damit ihre eigene Verantwortung und verfolgten fraktionelle Ziele in der Auseinandersetzung mit der Linken Opposition, die in Russland nun voll entbrannt war. Am 15. Oktober war "Die Erklärung der 46", das erste grundlegende Dokument der Linken Opposition, veröffentlicht worden, und Ende November schrieb Trotzki "Der Neue Kurs".

Trotzki lehnte die leichtfertige Haltung Sinowjews und Stalins ab. Er war nicht mit Brandlers Entscheidung einverstanden, den Aufstand abzublasen. Aber er betrachtete sie nicht als isolierte Tat. Schließlich hatten Radek, der als Vertreter der Komintern in Chemnitz zugegen war, und die deutsche Zentrale, das führende Parteigremium, Brandlers Entscheidung zugestimmt.

Mit der Auffassung, dass die Revolution scheitern und die Kommunisten isoliert bleiben würden, wenn sie ohne Unterstützung der linken Sozialdemokraten einen Aufstand begännen, knüpfte Brandler an frühere Fehler an, die nicht nur er, sondern auch die Komintern zu verantworten hatten.

Sowohl die von Sinowjew geführte Komintern wie die Führung der KPD (Mehrheit wie linke Minderheit) hatten lange Zeit eine passive, "zentristische" Haltung zu den deutschen Ereignissen eingenommen. Obwohl sich die soziale und politische Lage nach der französischen Ruhrbesetzung im Januar dramatisch verändert hatte, arbeiteten sie weiter mit politischen Methoden, die in einem früheren Stadium entwickelt worden waren, als die Revolution nicht unmittelbar auf der Tagesordnung stand. Erst sehr spät, Mitte August, vollzogen sie einen Kurswechsel und begannen, den Aufstand vorzubereiten. Das gab ihnen nur zwei Monate Vorbereitungszeit, und die Vorbereitung war unkoordiniert, zögerlich und ungenügend.

Trotzki ging in einer Rede, die er im Juni 1924 vor dem fünften Allunionskongress der Heil- und Sanitätsarbeiter hielt, auf die Gründe für die deutsche Niederlage ein. "Was war die wichtigste Ursache für die Niederlage der deutschen Kommunistischen Partei?", fragte er. "Sie verstand nicht rechtzeitig, dass mit Beginn der Ruhrbesetzung und vor allem mit dem Abbruch des passiven Widerstands (Januar bis Juni 1923) eine revolutionäre Krise entstand. Sie verpasste den entscheidenden Moment [...] Sie setzte nach dem Ausbruch der Ruhrkrise ihre agitatorische und propagandistische Arbeit auf der Grundlage der Einheitsfrontlosung fort - im selben Tempo und in den selben Formen wie vor der Krise. Inzwischen war diese Taktik aber völlig unzureichend. Der Einfluss der Partei wuchs von selbst. Eine abrupte taktische Wende war notwendig.

Man musste den Massen und vor allem der Partei selbst zeigen, dass es diesmal um die unmittelbare Vorbereitung der Machtergreifung ging. Es war notwendig, den wachsenden Einfluss der Partei organisatorisch zu festigen und Stützpunkte für einen direkten Angriff auf den Staat zu schaffen. Es war notwendig, die gesamte Parteiorganisation auf die Grundlage von Betriebszellen zu stellen. Es war notwendig, Zellen bei der Eisenbahn aufzubauen. Es war notwendig, in aller Schärfe die Frage der Arbeit in der Armee aufzuwerfen. Es war notwendig, besonders notwendig, die Einheitsfronttaktik voll und ausschließlich auf diese Aufgaben auszurichten, ihr ein entschiedeneres und festeres Tempo und einen ausgeprägten revolutionären Charakter zu verleihen. Auf dieser Grundlage hätte die militärisch-technische Arbeit entwickelt werden müssen [...]

Die wichtigste Aufgabe aber bestand darin, rechtzeitig für die entscheidende taktische Wende in Richtung Machteroberung zu sorgen. Das wurde versäumt. Darin bestand das maßgebliche und verhängnisvolle Versäumnis. Daraus ergab sich der grundlegende Widerspruch. Einerseits erwartete die Partei eine Revolution, andererseits wich sie, weil sie sich bei den Märzereignissen [von 1921] die Finger verbrannt hatte, bis in die letzten Monate des Jahres 1923 dem Gedanken aus, eine Revolution zu organisieren, d.h. einen Aufstand vorzubereiten. Während die entscheidenden Fragen der Lösung zudrängten, entwickelte sich die politische Tätigkeit der Partei im Friedenstempo. Der Zeitpunkt für den Aufstand wurde festgelegt, als der Feind die von der Partei verlorene Zeit bereits genutzt und seine Stellung gestärkt hatte. Die militärisch-technische Vorbereitung der Partei, begonnen in fieberhaftem Tempo, fand getrennt von der politischen Aktivität der Partei statt, die sich im bisherigen Friedenstempo weiter entwickelte. Die Massen verstanden die Partei nicht und hielten nicht Schritt mit ihr. Die Partei merkte, dass sie von den Massen getrennt war, und reagierte gelähmt. Daraus ergab sich der plötzliche, kampflose Rückzug aus einer erstklassigen Stellung - die schlimmste aller Niederlagen." (18)

Wäre es im Oktober 1923 überhaupt möglich gewesen, einen erfolgreichen revolutionären Aufstand durchzuführen?

Es gibt mehrere Berichte von führenden deutschen Kommunisten und in Deutschland anwesenden Kominternführern und Militärexperten, die auf einen sehr schlechten Vorbereitungsstand hinweisen. Kampfabteilungen - die so genannten "Revolutionären Hundertschaften" - waren zwar organisiert und ausgebildet worden, aber sie verfügten kaum über Waffen. Der Propagandaapparat der KPD war durch Verbote und Unterdrückung geschwächt und befand sich in einem trostlosen Zustand. Die Verbindung und Zusammenarbeit zwischen den Parteiregionen funktionierte sehr schlecht.

Andererseits legten die in Hamburg kämpfenden Arbeiter ein außerordentliches Maß an Mut, Disziplin und Wirksamkeit an den Tag. Auf den Barrikaden kämpften nur 300 Arbeiter, aber sie fanden eine breite, positive, wenn auch weitgehend passive Resonanz unter breiten Bevölkerungsschichten.

In seiner Rede vor den Heil- und Sanitätsarbeitern betonte Trotzki, dass man die Dynamik der Revolution mit berücksichtigen müsse. "Stand die Mehrheit der arbeitenden Massen hinter den Kommunisten?", fragte er. "Diese Frage kann nicht mithilfe von Statistiken beantwortet werden. Es ist eine Frage, die durch die Dynamik der Revolution entschieden wird."

"Waren die Massen kampfbereit?" fuhr Trotzki fort. "Die gesamte Geschichte des Jahres 1923 lässt in dieser Hinsicht keinen Zweifel." Er schloss: "Unter diesen Umständen hätten die Massen nur vorwärts gehen können, wenn es eine feste, selbstbewusste Führung und Vertrauen der Massen in diese Führung gegeben hätte. Debatten darüber, ob die Massen kampfbereit waren oder nicht, sind äußerst subjektiv und bringen in erster Linie das mangelnde Selbstvertrauen der Parteiführer zum Ausdruck." (19)

Lehren des Oktober

Die kampflose Kapitulation war das denkbar schlechteste Ergebnis der deutschen Ereignisse. Sie demoralisierte und desorganisierte die KPD und verschaffte der herrschenden Elite und dem Militär die Möglichkeit, in die Offensive zu gehen und ihre Herrschaft zu konsolidieren. Trotzki beharrte deshalb darauf, die Lehren aus der deutschen Niederlage rücksichtslos zu ziehen. Er war strikt dagegen, die Verantwortung auf einzelne Sündenböcke abzuladen - denn das war nur eine andere Art, den grundlegenden politischen Fragen auszuweichen. Die Lehren dienten nicht nur dazu, die deutsche Führung auf zukünftige revolutionäre Gelegenheiten vorzubereiten, die sich unweigerlich ergeben würden. Sie waren auch für alle anderen Sektionen der Komintern von großer Bedeutung, die vor ähnlichen Herausforderungen und Problemen stehen würden.

Trotzki machte darauf aufmerksam, dass die Lehren aus der russischen Oktoberrevolution - der einzigen erfolgreichen proletarischen Revolution in der Weltgeschichte - noch nie gründlich gezogen worden waren. Im Sommer 1924 veröffentlichte er die Schrift "Lehren des Oktober", die im Lichte der deutschen Niederlage auf den erfolgreichen russischen Oktober eingeht.

Trotzki betonte, dass es nötig sei, die "Gesetze und Methoden der proletarischen Revolution" zu studieren. Es gebe Fragen, vor denen jede revolutionäre Partei stehe, wenn sie in eine revolutionäre Periode eintrete: "Die Krisen innerhalb der Partei treten im allgemeinen bei jedem ernsten Wendepunkt der Entwicklung der Partei als Vorbote oder Folgeerscheinung derselben auf. Das erklärt sich daraus, dass jede Entwicklungsperiode der Partei ihre eigenen charakteristischen Züge trägt und die Arbeit nach bestimmten Methoden und Gepflogenheiten geleistet wird. Eine taktische Neuorientierung bedeutet immer einen Bruch mit den bisherigen Methoden und Gepflogenheiten. Hier liegt die nächste und unmittelbarste Ursache zu allen innerparteilichen Reibungen und Krisen."

Trotzki zitierte Lenin, der im Juli 1917 geschrieben hatte: "Zu oft ist es vorgekommen, dass bei jähen geschichtlichen Ereignissen selbst die fortgeschrittensten Parteien längere Zeit gebraucht haben, sich in die neue Lage hineinzufinden, alte Losungen wiederholt haben, die gestern richtig waren, aber heute jeden Sinn verloren und zwar so ‚jäh‘ verloren haben, wie die geschichtliche Wendung ‚jäh‘ eintraf."

"Hierdurch erwächst die Gefahr," folgerte Trotzki, "kommt der Umsturz sehr plötzlich und hat die vorhergehende Periode viele konservative Elemente in den führenden Organen der Partei angesammelt, so wird sie sich im entscheidenden Moment als unfähig erweisen, ihre Führerrolle zu erfüllen, zu der sie sich im Laufe vieler Jahre und Jahrzehnte vorbereitet hat. Die Partei wird von Krisen zersetzt, die Bewegung geht an ihr vorüber - zur Niederlage. [...]

Die gewaltigste Umstellung ist aber die, wenn die proletarische Partei von der Vorbereitung, der Propaganda, der Organisation, der Agitation übergeht zum unmittelbaren Kampf um die Macht, zum bewaffneten Aufstand gegen die Bourgeoisie. Alles, was in der Partei vorhanden ist an unentschlossenen, skeptischen, opportunistischen, menschewistischen Elementen, erhebt sich gegen den Aufstand, sucht für seine Opposition nach theoretischen Formeln und findet sie - bei den gestrigen Feinden - den Opportunisten. Diese Erscheinung werden wir noch öfter beobachten können." (20)

Sinowjew und Stalin lehnten Trotzkis Einschätzung ab. Motiviert durch fraktionelle und subjektive Motive verfälschten sie die deutschen Ereignisse, verwischten sie ihre eigenen Spuren und machten Brandler zum Sündenbock für alles, was schief gelaufen war. Die Folgen waren katastrophal. Die Führung der KPD wurde zum fünften Mal in fünf Jahren ausgewechselt, ohne dass irgendwelche Lehren gezogen wurden.

Wie Radek während einer heftigen Auseinandersetzung mit Stalin auf einer Plenarsitzung des russischen Zentralkomitees im Januar 1924 hervorhob, wurde ein erfahrener marxistischer Kader durch Leute ersetzt, deren Hintergrund entweder die zentristische USPD war oder die überhaupt keine revolutionäre Erfahrung hatten. Brandler, ein Gründungsmitglied des Spartakusbunds mit einer 25-jährigen Geschichte in der Bewegung, wurde durch Ruth Fischer und Arkadi Maslow ersetzt, zwei junge Intellektuelle aus reichem, bürgerlichen Elternhaus ohne jegliche revolutionäre Vergangenheit. Die Mittelgruppe, die jetzt die Mehrheit der Führung bildete, war der KPD erst im Dezember 1920 beigetreten, als sich die linke Mehrheit der zentristischen USPD mit der KPD zusammenschloss.

Stalins Verbindung mit Fischer und Maslow war besonders zynisch, da er während der Ereignisse stets die rechtesten Standpunkte vertreten hatte. Stalin gewann Maslows Unterstützung - gegen den eine Untersuchung lief, weil er 1921 während der Märzaktion angeblich Informationen an die Polizei gegeben hatte -, indem er dafür sorgte, dass die Anklagen gegen ihn fallen gelassen wurden.

Das Auswechseln der Führung sowie weitere Säuberungen und Ablösungen in den folgenden Jahren sollten schließlich zur vollständigen Unterordnung der KPD unter das Diktat Stalins führen. Das hatte katastrophale Folgen, als die verheerende Linie der KPD Hitler zehn Jahre später den Weg an die Macht ebnete. Die damals vorherrschende Theorie des Sozialfaschismus, die Sozialdemokratie und Faschisten gleichsetzt, war zum ersten Mal in einem Dokument über die deutschen Ereignisse von 1923 aufgetaucht, das von Sinowjew verfasst und gegen den Widerstand der Linken Opposition im Januar 1924 von der EKKI verabschiedet wurde. Darin heißt es: "Die leitenden Schichten der deutschen Sozialdemokratie sind im gegenwärtigen Moment nichts anderes als eine Fraktion des deutschen Faschismus unter sozialistischer Maske." (21)

Nachdem es die Partei versäumt hatte, rechtzeitig von der Einheitsfrontaktik zum Kampf um die Macht überzugehen, lehnten Sinowjew und Stalin die Einheitsfronttaktik insgesamt ab. Die Theorie des Sozialfaschismus, die jede Form der Einheitsfront mit der SPD gegen die Nazis ablehnte, wurde 1929 neu belebt und entwaffnete die Arbeiterklasse im Kampf gegen den Faschismus.

Zum Abschluss seien die wichtigsten Lehren aus dem Deutschen Oktober in Trotzkis Worten noch einmal zusammengefasst. In "Die Dritte Internationale nach Lenin" schrieb er: "Die Rolle des subjektiven Faktors kann in einer Periode der langsamen organischen Entwicklung eine durchaus untergeordnete bleiben. Dann entstehen solche lauen Sprichwörter, wie: ‚Wer langsam fährt, kommt auch zum Ziel’ und ‚Man kann mit dem Kopf nicht durch die Wand rennen’ usw., welche sozusagen die ganze taktische Weisheit einer organischen Epoche zusammenfassen, die kein ‚Überspringen einer Etappe’ verträgt. Sobald aber die objektiven Voraussetzungen herangereift sind, wird der Schlüssel zu dem ganzen historischen Prozess in die Hand des subjektiven Faktors, d.h. der Partei gelegt. Der Opportunismus, der bewusst oder unbewusst im Geiste der Vergangenheit lebt, neigt immer dazu, die Rolle des subjektiven Faktors, d.h. die Bedeutung der Partei und der revolutionären Führung zu unterschätzen. Das alles trat in den Diskussionen über die Lehren des deutschen Oktober, des anglo-russischen Komitees und der chinesischen Revolution klar zutage. In allen diesen, wie auch anderen, weniger bedeutsamen Fällen äußerte sich die opportunistische Tendenz darin, dass sie sich lediglich auf die ‚Massen’ verließ und die Frage der ‚Spitze’, der revolutionären Führung völlig vernachlässigte. Eine solche Einstellung, die überhaupt falsch ist, wirkt sich in der imperialistischen Epoche direkt vernichtend aus." (22)

Anmerkungen

18) Leon Trotsky, Through What Stage Are We Passing, in The Challenge of the Left Opposition (1923-25), Pahfinder Press 1975, p. 170-171 (aus dem Englischen)

19) ebend. S.169

20) Leo Trotzki, "Lehren des Oktober", http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1924/lehren/einleit.htm

21) Bernhard H. Bayerlein u.a. Hsg., ibid., S. 464

22) LeoTrotzki, "Die Dritte Internationale nach Lenin", Essen 1993, S. 96-97

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