Dreißig Jahre seit dem Fluglotsenstreik in den Vereinigten Staaten

Teil 3

Von Tom Mackaman
26. August 2011

Der PATCO-Streik begann am 3. August 1981. Über 85 Prozent der Fluglotsen der USA stimmten für den Streik und 15.000 der 16.000 Beschäftigten erschienen nicht zur Arbeit.

Die Antwort der Reagan-Regierung machte deutlich, dass der Plan, die Fluglotsengewerkschaft zu zerschlagen, lange im Voraus ausgearbeitet worden war. Präsident Reagan berief sich auf das selten angewandte Taft-Hartley-Gesetz, ein 1947 verabschiedetes Antistreikgesetz, das eine Bestimmung für den nationalen Notfall beinhaltet. Wer als Arbeiter nicht binnen achtundvierzig Stunden wieder an die Arbeit ginge, sollte entlassen werden.

Reagan (rechts) mit Verkehrsminister Drew Lewis Reagan (rechts) mit Verkehrsminister Drew Lewis

Um den Reise- und Geschäftsluftverkehr, wenn auch stark eingeschränkt, aufrecht erhalten zu können, setzte Reagan Tausende Armeefluglotsen als Streikbrecher ein. Die Regierung verschaffte sich einen Gerichtsbeschluss, der den Streik für illegal erklärte und es ermöglichte, die Streikführer ins Gefängnis zu werfen, die einfachen Arbeiter zu bestrafen und die Auszahlung von Gewerkschaftsgeldern für die Streikenden zu verbieten. Das Staatliche Amt für Arbeitsbeziehungen (National Labor Relations Board) erhob sofort Klage gegen PATCO, um die Aufhebung ihrer Vertretungsbefugnis zu erreichen. FBI-Agenten und Bundespolizisten wurden zu den Streikposten beordert, um Fotos zu machen und die Streikenden mit anderen Schikanen einzuschüchtern.

Reagan befahl außerdem dem Sekretär für Transportwesen, Drew Lewis, keine Verhandlungen mit der PATCO zu führen. Mit anderen Worten: die Regierung zielte nur einen einzigen möglichen Ausgang des Konflikts ab – die Vernichtung der Gewerkschaft.

Die Frist, die Reagan mit seinem Zurück-zur-Arbeit-Ultimatum setzte, lief am Mittwoch, den 5. August um elf Uhr morgens ab. Als elf Uhr vorbei war, und die Massenentlassungen offiziell bekannt gegeben wurden, stimmten Tausende Fluglotsen in Gewerkschaftsversammlungen, an Streikposten und im ganzen Land Sprechchöre an: „Streik! Streik! Streik!“

Titelseite des Bulletin  Titelseite des Bulletin 

Hunderte Fluglotsen aus den Terminals von New York City sammelten sich gemeinsam mit Unterstützern in East Meadow (auf Long Island). Als die gesetzte Frist ablief, bildeten sie einen Kreis und reckten herausfordernd ihre Fäuste. In der Mitte standen sechs Streikende, die eine große Fahne hielten mit der Aufschrift: „Tritt nicht auf mich“, ein Symbol der amerikanischen Revolution. Dann marschierten die Arbeiter in die Nähe der TRANCON-Anlage, einer Luftverkehrs-Kontrolleinrichtung (Terminal Radar Approach Control).

In Detroit missachteten 132 der 134 Fluglotsen Reagans Zurück-zur-Arbeit-Anweisung. Steve Conaway, Vizepräsident der Gewerkschaft, erklärte der Menge, die sich nahe dem Metropolitan-Flughafen einfand: „Die Regierung und die FAA werden uns nicht einschüchtern. Die Missstände sind nicht eingebildet, sie sind real und wir werden ausharren, solange es nötig ist.“

In Lorain (Ohio), dem Sitz des Oberlin-Luftverkehrskontrollzentrums, dem größten der USA, begrüßten mehr als fünfhundert PATCO-Mitglieder des Ortsverbands Local 203 die Elf-Uhr-Frist mit erhobenen Fäusten und „Streik!“-Rufen. Fünfhundert Fluglotsen und Unterstützer versammelten sich zwischen den beiden Kontrolltürmen des Internationalen Twin-Cities-Flughafens von Minneapolis & Saint Paul in Minnesota.

Über 13.000 der ursprünglich 15.000 Streikenden missachteten Reagans Anweisung.

Streikende PATCO-Mitglieder demonstrieren vor dem Bundesgericht in Brooklyn, wo PATCO-Präsident Robert Poli zur Herausgabe des Gewerkschaftsvermögens verurteilt wurde Streikende PATCO-Mitglieder demonstrieren vor dem Bundesgericht in Brooklyn, wo PATCO-Präsident Robert Poli zur Herausgabe des Gewerkschaftsvermögens verurteilt wurde

Die Antwort der Regierung war, wie es Robert Poli, der Präsident der PATCO nannte, eine „Intensivierung faschistischer Taktik“. Am 10. August leitete die Regierung Maßnahmen ein, um der Gewerkschaft die Vertretungsbefugnis zu entziehen und ihre Vermögenswerte zu beschlagnahmen. Gleichzeitig erließ Reagan hohe Bußgelder gegen die Gewerkschaft, um sie in den Bankrott zu treiben. Mehrere PATCO-Streikende wurden verhaftet: Einer von ihnen, Steven Waellert, wurde dem Richter in Handschellen vorgeführt. Es wurden auch zahlreiche Schikanen des FBI, wie mitternächtliche Hausbesuche bei den Fluglotsen, gemeldet. Die Ehefrau eines PATCO-Streikenden berichtete, ein FBI-Agent habe ihr gesagt, ihre Bemühungen um eine Kindesadoption würden unterbrochen, solange ihr Ehemann nicht zurück zur Arbeit gehe.

Innerhalb einiger Wochen hat die Obrigkeit Dutzende Streikende an den Streikposten verhaftet und vielen weiteren wurden Anzeigen zugestellt. Üblicherweise bezogen sich die Anzeigen auf Teilnahme an einem „illegalen Streik“, obwohl die Fluglotsen bereits entlassen waren und, legal gesprochen, gar nicht streiken konnten.

Carl Kern war einer von sieben Fluglotsen aus dem Chicago-Bereich und wurde Mitte August angezeigt. Ebenso wie viele andere, die verhaftet oder angezeigt wurden, war Kern ein entschlossener Kämpfer. „Ich vermute, dass ich und andere wegen unserer aktiven Rolle und Entschiedenheit im Streik ausgesucht wurden“, sagte Kern. „Das Gesetz wird sehr selektiv gegen die aktivsten Mitglieder der PATCO angewandt.“

Streikende PATCO-Mitglieder demonstrieren mit Transparent Streikende PATCO-Mitglieder demonstrieren mit Transparent

Andere Beschäftigte, die ihre Unterstützung ausdrückten oder mit den PATCO-Streikenden in Verbindung standen, wurden entlassen. Harry Brown, ein Abteilungsleiter an der TRACON-Anlage in Long Island, wurde entlassen, weil er die Fluglotsen öffentlich unterstützte. Janice Wakefield, eine Bürokraft am Kontrollzentrum in Aurora (Illinois), wurde nach einem Besuch am Streikposten ebenfalls entlassen. Brian Power-Waters, ein Pilot der US Air, wurde suspendiert, nachdem er Passagieren mitgeteilt hatte, dass der Grund für ihre Flugverzögerung durch die unqualifizierten Arbeiter verursacht sei, die den Kontrollturm bedienten.

Am Montag, den 17. August, erklärte der Sekretär des Transportwesens, Lewis, den Streik für “beendet“. Das Luftfahrtskontrollsystem werde mit Angestellten, die sich aus Streikbrechern, Abteilungsleitern und Militärpersonal zusammensetzen, wiederaufgebaut werden. Die Reagan-Regierung machte deutlich, dass sie nicht nur Verhandlungen ablehnen, sondern die PATCO-Streikenden unter keinen Bedingungen wieder akzeptieren werde.

Die PATCO-Arbeiter gaben nicht nach. Tatsächlich begann der Widerstand gegen die repressive Taktik der Reagan-Regierung zwischen August und September zu wachsen. Am 23. August fand eine Massenveranstaltung mit zweitausend Teilnehmern in Houston statt. Am 26. August versammelten sich über tausend Menschen in Minneapolis & Saint Paul.

Streikende PATCO-Mitglieder auf Labor Day Kundgebung in Detroit Streikende PATCO-Mitglieder auf Labor Day Kundgebung in Detroit

Dies wurde noch weit in den Schatten gestellt, als eine Viertelmillion Arbeiter am Labor Day, dem 7. September 1981, an einer Massendemonstration in New York City teilnahmen. Die zweitausend PATCO-Mitglieder, die an der Spitze und in der Mitte marschierten, wurden unbändig bejubelt. Auch in anderen Städten im ganzen Land führten an diesem Tag PATCO-Mitglieder die großen Demonstrationen an. In Detroit marschierten mehr als dreitausend Menschen über die Woodward Avenue zum Stadtzentrum.

Am 19. September, dem “Solidaritätstag”, gingen schätzungsweise eine halbe Million Arbeiter in Washington DC auf die Straße – in einer der größten Demonstrationen in der US-Geschichte. Die Menschenmassen erstreckten sich vom Washington-Denkmal bis zum Capitol-Gebäude. Die AFL-CIO wollte ursprünglich die Demonstration davon abhalten, sich gegen die Politik der Reagan-Regierung zu wenden, und schlug vor, die Solidarnoś&; -Bewegung der polnischen Arbeiter gegen das stalinistische Regime in Warschau zu unterstützen.

Aber stattdessen nahmen die Arbeiter die Demonstration als Gelegenheit wahr, einen machtvollen Protest gegen Reagan auszudrücken. Der Anschlag auf PATCO war allgegenwärtig. Einige Arbeiter erkannten Ähnlichkeit zwischen der staatlichen Repression der polnischen Stalinisten und der Verfolgung der PATCO-Arbeiter durch die US-Regierung.

AFL-CIO-Gewerkschaften organisierten mindestens dreitausend Busladungen mit Arbeitern. Fast alle Gewerkschaften des Landes waren vertreten, ebenso Bürgerrechtsgruppen und andere von Reagans Budgetkürzungen betroffene Organisationen. Zu den größten Aufgeboten gehörten die UAW mit 30.000 Autoarbeitern, die International Association of Machinists (IAM) mit 20.000 Mitgliedern und die International Brotherhood of Electrical Workers, die 20.000 Arbeiter mobilisierte. Das Aufgebot der Bundes-, Landes- und Kommunalangestellten war so gewaltig (es wurde auf 30.000 geschätzt), „dass es über vierzig Minuten dauerte, bis die Abteilung vorbeimarschiert war, wobei die gesamte Constitution Avenue einem See aus grünen und weißen Fahnen, Plakaten und Spruchbändern glich“, wie es in einem Bericht des Bulletin heißt. PATCO brachte sechstausend Arbeiter hierher, das war etwa die Hälfte aller Streikenden.

Die gewaltige Demonstration machte deutlich, dass in der Arbeiterklasse breite Unterstützung für eine Ausweitung des Kampfes gegen Reagan vorhanden war. Dennoch lehnte die Bürokratie der AFL-CIO kategorisch ab, einen solchen Kampf aufzunehmen, wonach der Kampfgeist in breiten Schichten der arbeitenden Klassen nachzulassen begann.

Im nächsten Teil der Serie wird die Rolle der AFL-CIO bei der Isolierung und Niederschlagung des PATCO-Streiks dargelegt, sowie die Perspektive erläutert, die von den Trotzkisten der Workers League (Vorgänger der Socialist Equality Party) erarbeitet wurde. Sie schlugen vor, den Streik zu einem Generalstreik auszuweiten und in einen politischen Kampf der gesamten Arbeiterklasse umzuwandeln.

Lee Grant, Ron May and Gary Greene vor dem Bundesgericht Lee Grant, Ron May and Gary Greene vor dem Bundesgericht

Die PATCO-Arbeiter setzten ihren Kampf fort, sie hielten weiterhin die Streikposten besetzt und wurden täglich von anderen gewerkschaftlich organisierten Arbeitern aus der Luftfahrtsindustrie abgelöst. Gegen die kämpferischsten und offensten Streikführer wurde weiterhin gezielt mit staatlichen Repressionen vorgegangen. Drei Führer aus der Dallas-Region wurden im November 1981 vor ein Bundesgericht gestellt. Lee Grant, Ron May und Gary Greene wurden zu je neunzig Tagen Haft verurteilt und verloren gleichzeitig auf Dauer einige ihrer Bürgerrechte. Die Workers League, nicht die AFL-CIO, führte in der Öffentlichkeit eine Kampagne zu ihrer Verteidigung.

Am 22. Oktober 1981 entzog das Bundesamt für Arbeitsbeziehungen (Federal Labor Relations Authority) PATCO die Vertretungsbefugnis für die Fluglotsen. Jetzt war nicht allein der Streik für ungesetzlich erklärt und die Teilnehmer auf die schwarze Liste gesetzt, sondern die Gewerkschaft selbst war illegal. Die Entscheidung wurde am 11. Juni 1982 durch ein Bundesberufungsgericht bestätigt. Am 2. Juli 1982 löste ein Bundeskonkursgericht PATCO auf. Im Sommer 1983 verbüßten Greene, May und Grant ihre Haftstrafe.

Wird fortgesetzt

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