Rassenpolitik und die Ermordung von Trayvon Martin

Eine Antwort auf Sherry Wolf von der ISO

Von Joseph Kishore
20. April 2012

Der jüngst in der WSWS veröffentlichte Artikel „Der Mord an Trayvon Martin und die amerikanische Rassenpolitik“ von Joseph Kishore führte zu folgender Antwort von Sherry Wolf, Mitglied der International Socialist Organisation und Mitherausgeberin der International Socialist Review. Im Anschluss daran veröffentlichen wir Joseph Kishores Antwort.

“Danke dafür, dass Sie den Sozialisten ein besonders geschmackloses Beispiel von Vulgärmarxismus in den Händen krasser Sektierer geliefert haben. Ich habe es Mitgliedern als nützliches Beispiel hohlköpfiger Gleichgültigkeit gegenüber dem Rassismus im Namen des Sozialismus gegeben – ein Juwel pseudo-marxistischer Dämlichkeit!“

“PS. Bitte helfen Sie, eine Debatte beizulegen. Ist Ihre Unfähigkeit, die 35jährige unbeugsame Opposition der ISO gegenüber den Demokraten zu erkennen, ein Ergebnis kolossaler Idiotie oder einfach nur ganz gewöhnliche Verlogenheit?“

Sherry Wolf

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Sehr geehrte Frau Wolf,

Danke, dass Sie uns an Ihrer Haltung zu meinem jüngsten Artikel über die Rassenpolitik der ISO und anderer pseudo-linker Organisationen teilhaben lassen. Es freut uns, zu erfahren, dass Sie die World Socialist Website sorgfältig studieren und damit zu den etwa vierzigtausend täglichen Lesern unserer Publikation zählen.

Sie bezeichnen uns als “krasse Sektierer”, die “Vulgärmarxismus“ praktizieren. Aus Ihrem Mund ist das ein Kompliment. In der politischen Welt, in der Sie zu Hause sind, steht „Sektierertum“ für den Kampf für die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse von den Parteien des großen Geldes auf der Grundlage eines sozialistischen Programms. Was unseren Marxismus in Ihren Augen „vulgär“ macht, ist die Tatsache, dass die Socialist Equality Party darauf beharrt, dass die Klassenfrage und nicht die Hautfarbe, das Geschlecht oder die Sexualität die wesentliche analytische Kategorie und die entscheidende soziale Basis für revolutionäre Politik darstellt.

Dann beklagen Sie unsere “hohlköpfige Gleichgültigkeit gegenüber dem Rassismus im Namen des Sozialismus”. Sozialisten haben die Existenz von Rassismus niemals geleugnet oder gar ignoriert. Die historische Haltung der sozialistischen Bewegung war jedoch immer, dass sich der Kampf gegen den Rassismus und alle Formen der Unterdrückung auf den Kampf zur Vereinigung der Arbeiterklasse auf der Grundlage ihrer gemeinsamen Klasseninteressen gegen das kapitalistische System gründen muss.

Die Identitätspolitik der ISO – die sich auf unzufriedene, aber nichtsdestoweniger relativ privilegierte Schichten der Mittelklasse stützt – dient dazu, die Arbeiterklasse zu spalten. Das ist eine Politik, die eine Annäherung an die Demokratische Partei und eine Zusammenarbeit mit ihr erleichtert.

Das führt mich zum Postskriptum ihres Briefes. Sie fragen, ob unsere Unfähigkeit, „die 35jährige unbeugsame Opposition der ISO gegen die Demokraten zu erkennen, ein Ergebnis kolossaler Idiotie oder einfach nur gewöhnlicher Verlogenheit“ ist. Die Antwort ist weder das Eine noch das Andere. Wenn wir Ihre Organisation als linkes Anhängsel der Demokratischen Partei bezeichnen, dann stützen wir uns auf genau dokumentierte politische Fakten.

Ihr Gezeter in allen Ehren, aber es gibt auf der Website der ISO hunderte von Artikeln, die ihre Rolle als Verteidigerin der Demokratischen Partei und der Obama-Regierung belegen. Die ISO pflegt ihre Beziehungen zur Demokratischen Partei durch ihre Verbindungen mit der Gewerkschaftsbürokratie, dem reaktionären und wohlhabenden Bürgerrechts-Establishment, den zahllosen“ linken“ Think Tanks und NGOs und einer Unzahl linksliberaler Magazine wie die Nation, für die Sie ja selber auch schreiben.

Im Falle von Trayvon Martin versucht die ISO seine Ermordung aus krassesten opportunistischen Gründen als Rassenproblem zu präsentieren – eine Haltung, die der von Trayvons Eltern widerspricht. Während die Präsidentschaftswahl 2012 näher rückt, sieht die ISO eine Gelegenheit, den Widerstand gegen Rassismus mit Unterstützung für Obama zu verknüpfen.

Diese Strategie wird bereits offen verfolgt. Auf einem Treffen am 11. April, das die ISO zusammen mit der Rainbow-PUSH-Koalition unter dem Banner von „Trayvon Martin und der Kampf gegen die Wiederbelebung von Jim Crow“ veranstaltete, rief die Vertreterin von Rainbow-PUSH, Jeanette Wilson, dazu auf, „im November für ‚progressive‘ – d.h. demokratische – Kandidaten zu stimmen.

Ihre eigene Sprecherin, Keeanga-Yahahtta Taylor, passte sich Jacksons reaktionärer Politik an. Ihre Präsentation enthielt nicht einen einzigen Hinweis auf die „Klassenfrage“, „die Demokratische Partei“ oder „Obama“ und schloss mit der Verurteilung „reicher weißer Männer“, die das Land regieren.

Die ISO setzt einfach nur ihre pro-Obama-Linie fort, die sie bei der letzten Präsidentschaftswahl verfolgt hat. 2008 hat die ISO Obama unterstützt und seine Wahl bejubelt. David Walsh hat das in einem in der WSWS veröffentlichten Artikel genau dokumentiert. Die ISO hat Obamas Wahl als „transformatives Ereignis“ gefeiert, das ein Ende der „rechten Politik“ bedeute, „die die USA seit drei Jahrzehnten dominiert hat“.

Natürlich hat sich das genaue Gegenteil ereignet, wie von der World Socialist Web Site damals vorausgesagt. Obama steht an der Spitze des Angriffs auf demokratische Rechte und soziale Bedingungen der Arbeiterklasse – egal, ob schwarz oder weiß, mit Migrationshintergrund oder ohne.

Die Politik der ISO ist wie die aller opportunistischen kleinbürgerlichen Organisationen verlogen. Sozialistische Rhetorik dient dazu, eine Politik zu verschleiern, die sich ausschließlich im Dunstkreis der Demokratischen Partei bewegt. Gehässige Verleumdungen der World Socialist Web Site können diese Tatsache nicht verschleiern.

Mit freundlichen Grüßen

Joseph Kishore

Nationaler Sekretär der Socialist Equality Party