Museum Tinguely, Basel:

Tatlin – neue Kunst für eine neue Welt

Teil 2

Von Sybille Fuchs und Marianne Arens
12. Juni 2012

Wladimir Tatlin (1885-1953), dem neben Malewitsch bedeutendsten Künstler der russischen Avantgarde, widmet das Museum Tinguely in Basel zurzeit eine umfassende Ausstellung, die noch bis zum 14. Oktober 2012 zu sehen ist. Die World Socialist Web Site hatte am Tag nach der Eröffnung die Möglichkeit zu einem Interview mit Roland Wetzel, dem Museumsdirektor und Initiator der Ausstellung.

Roland Wetzel vor Vladimir Tatlin: Weibliches Modell, 1913 (Tempera auf Leinwand), Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg Roland Wetzel vor Vladimir Tatlin: Weibliches Modell, 1913 (Tempera auf Leinwand), Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg

Unsre erste Frage gilt dem Titel der Ausstellung. Sie haben sie genannt: „Tatlin, neue Kunst für eine neue Welt“. Welche neue Welt ist wohl gemeint: die von 1917, oder die von heute, oder die von morgen?

Es sind alle gleichermaßen gemeint, denn ich denke, dass alle die Vision, das Ideal einer besseren Gesellschaft (mehr oder weniger verschüttet) mit sich herumtragen. Bei Tatlin bezieht es sich natürlich auf seine Biographie.

Er wuchs im zaristischen Russland auf, hat die ganzen Umwälzungen miterlebt und war Vorstreiter der neuen gesellschaftlichen Ordnung. Er sagte ja, er sei einer der ersten gewesen, der sich nach 1917 zum Dienst an der neuen Gesellschaft gemeldet habe.

Wie sind Sie darauf gekommen, gerade jetzt eine Tatlin-Ausstellung zu machen?

Der Künstler Tatlin ist mir von meinem Kunststudium her sehr vertraut. Sein Oeuvre hat mich immer fasziniert. Vielleicht lag es auf der Hand, vielleicht nicht: Es hätte auch in zwei Jahren sein können.

Ich wollte gern einmal eine Position zeigen, die zwar vielleicht für Tinguely nicht in dem Sinn unmittelbar wichtig war, dass er Werke direkt aufnahm, sondern die zeigt, wie er sich politisch orientierte. Der russische Konstruktivismus war für ihn sehr wichtig. Er hat praktisch alle Anarchisten gelesen und konnte sie auswendig zitieren.

Teil unsres Programms ist es, Tinguelys Vorbilder vorzustellen, wie auch seine Zeitgenossen und seine Ausstrahlung in die Gegenwart. Dieses ist nun wohl eine aufwändigere Ausstellung über ein Vorbild von Tinguely. Erst jetzt fällt mir auf, wie schön sich das hier zusammenfügt, die Werke von Tatlin und die Werke von Tinguely.

Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen Jean Tinguely und Tatlin?

Es gibt mehrere Anknüpfungspunkte. Sicherlich ist es wichtig, dass sie beide an gesellschaftsrelevanter Kunst interessiert waren. Auch Tinguely hat sich stets die Frage gestellt: An wen richtet sich meine Kunst? Er war sehr daran interessiert, dass seine Kunst verstanden wurde und unmittelbare Auswirkungen haben konnte.

Ähnlich ist das bei Tatlin und seinen großen Projekten: Seine Werke haben zweifellos diese unmittelbare Kraft.

Museum Tinguely am Abend der Vernissage zur Tatlin-Ausstellung Museum Tinguely am Abend der Vernissage zur Tatlin-Ausstellung

Was, meinen Sie, ist der Grund, warum dieser zentrale Erneuerer der Kunst, Tatlin, so selten ausgestellt wird?

Ich denke, zwei Hauptgründe spielen eine Rolle. Der wohl wichtigste: Tatlin ist nicht auf dem Kunstmarkt. Es ist keine interessante Position für Galeristen, denn da gibt es praktisch nichts, was heute zu verkaufen wäre.

Der zweite Grund ist sicher, dass alle Werke in Russland sind. Es ist nach wie vor sehr aufwändig, sie als Leihgaben für eine Ausstellung zu bekommen. Umso größer unsere Freude, dass uns dies gut gelungen ist.

Was plant das Museum Tinguely als nächstes?

Nichts von vergleichbaren Dimensionen. Wir machen im Spätherbst eine große Sammlungspräsentation; es geht um Tinguely und sein Umfeld der 1960er Jahre. Wir wollen einen umfassenden Sammlungskatalog präsentieren, denn wir haben ein tolles Archiv hier im Haus, das seit der Eröffnung des Hauses vor sechzehn Jahren ständig gewachsen ist. Es gibt unglaublich viel Material, das wir mit diesem Katalog aufarbeiten und publizieren wollen. Wir hoffen, dass es ein neues Standardwerk für die Forschung sein wird.

Sie haben eben die Sechzigerjahre erwähnt. 1968 gab es die erste Tatlin-Ausstellung in Stockholm. Diese Zeit von 1968 hat offensichtlich auch Tinguely als eine Zeit des Aufbruchs sehr motiviert.

Für mich sind das besonders spannende Jahre des gesellschaftlichen Umbruchs: die Jahre um 1968 genau wie die Jahre nach 1910, in denen es einen wirklichen Einschnitt in der Zeit gab. In der Kunstgeschichte wird diese Zeit, als historisch etwas Neues passierte, nach wie vor unterbewertet. An solchen Schnittstellen sind sich die Künste sehr nahe, Theater, Kunst, Literatur stehen im fruchtbaren Dialog. Das ist bei Tatlin so, und das ist auch bei Tinguely so.

Darüber hinaus ist es für ein Verständnis von Tatlin essenziell, die Wechselwirkung zwischen der Entwicklung der Kunst und den Umwälzungen in Gesellschaft und Politik zu erfassen. Gerade bei Tatlin war beides untrennbar miteinander verbunden. Wir sind daher sehr dankbar für den Beitrag, den der Kunstkritiker der World Socialist Web Site, David Walsh, für den Ausstellungskatalog geschrieben hat, weil er hilft, diese Zusammenhänge zu verstehen und Tatlin und seine künstlerischen Auffassungen politisch und historisch einzuordnen.

Gleichzeitig mit dem Abwürgen der russischen Avantgarde durch den Stalinismus gab es eine ähnliche Entwicklung in Deutschland. Mit dem Nationalsozialismus wurden die Museen geräumt, und vieles wurde als „entartete Kunst“ verkauft oder zerstört, oder musste in den Untergrund wandern. Was bedeutet so etwas für die Geschichte und für die Gesellschaft?

Das ist ein sehr schlimmer Einschnitt, wenn die künstlerische Freiheit dermaßen beschnitten wird und die Möglichkeit, sich frei auszudrücken, nicht mehr existiert.

Für die Werke Tatlins bedeutete dies, dass vieles zerstört wurde, anderes wurde glücklicherweise zuhinterst in den Museumsarchiven versteckt und konnte, wenn auch erst viel später, wieder das Licht erblicken. Das Eck-Konterrelief war zum Beispiel bis 1990 verschollen.

Grundsätzlich stimmt die Gleichung: Eine freie Gesellschaft braucht eine freie Kunst.

War nicht in den fünfzehn bis zwanzig Jahren der russischen Avantgarde schon alles da, was in der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts aufgenommen und weiterentwickelt wurde? Oft sogar besser und fruchtbarer als später, würden Sie dem zustimmen?

Sicherlich, dem stimme ich zu.

Roland Wetzel und der Kurator Gian Casper Bott (Mitte) führen durch die Ausstellung Roland Wetzel und der Kurator Gian Casper Bott (Mitte) führen durch die Ausstellung

Ist das nicht der Grund, warum die Kunst der russischen Avantgarde immer wieder begeistert und auch über das normale, Kunst-interessierte Publikum hinaus die Menschen anzieht? Das konnte man gestern bei der Vernissage erleben, die offenbar ungewöhnlich gut besucht war.

Ja, das sehe ich genauso, wobei Tatlins Oeuvre ja auch besonders viele Anknüpfungspunkte bietet. Mit dem Turmbau spricht er die ganz großen Themen der Menschheit an und regt die Phantasie an. Daneben sind seine Kunstwerke von einer unglaublichen Kraft und Direktheit.

Das sieht man sehr gut, wenn man seine Originale neben den späteren Rekonstruktionen betrachtet: Es ist ein großer Unterschied.