Reifenhersteller Bridgestone will Werk in Bari schließen

Von Marianne Arens
16. März 2013

Der Reifenhersteller Bridgestone will seine Werk mit 950 Beschäftigten in Bari (Apulien) schließen, um sich auf Kosten der süditalienischen Arbeiter für den geschrumpften europäischen Reifenmarkt fit zu machen.

Das Werk für PKW-Reifen war 1962 in Bari-Modugno gegründet worden und produzierte bis 1988 für Firestone, seither für den japanischen Konzern Bridgestone. Am 4. März erhielt die italienische Direktion über eine kurze Videobotschaft die Nachricht, das Werk werde bis Mitte 2014 geschlossen.

In Bari befindet sich einer von acht europäischen Produktionsstandorten von Bridgestone. Der nach Absatzmenge weltgrößte Reifenhersteller betreibt außer in Italien auch in Spanien, Frankreich, Polen und Ungarn Fabriken. In Europa sind 13.000, weltweit knapp 140.000 Menschen bei Bridgestone beschäftigt.

Der globale Konzern hat gerade sein bestes Ergebnis seit Jahren erreicht und peilt einen Achtjahres-Rekordgewinn an, wie die Finanznachrichten Mitte Februar meldeten. Bridgestone will seinen Nettogewinn dieses Jahr um 37 Prozent auf die Rekordmarke von 1,9 Milliarden Euro steigern. In Europa erzielt Bridgestone etwa zehn bis fünfzehn Prozent seines Umsatzes.

Wie die Europazentrale in Zaventem, Brüssel, mitteilte, ist der Verkauf von Autoreifen in den letzten zwei Jahren um dreizehn Prozent, von 300 Millionen Einheiten (2011) auf 261 Millionen Einheiten (2012) gefallen, eine Erholung sei erst ab 2020 zu erwarten. Das Werk in Bari-Modugno habe im Vergleich mit anderen Standorten eine ungünstige Logistik, und die Kosten sowohl für Energie als auch für die Fabrikation seien zu hoch.

Bridgestone ist nicht der einzige Reifenproduzent, der die Auswirkungen der Autokrise auf die Beschäftigten abwälzt. Auch Michelin, Continental und Goodyear haben mit Werksschließungen, Entlassungen und Lohnkürzungen reagiert. Im französischen Amiens befinden sich die Arbeiter von Goodyear gerade in einem erbitterten Kampf um ihre Rechte.

Auch in Bari haben die Bridgestone-Arbeiter mit Wut und Erbitterung auf die Nachricht von der bevorstehenden Schließung reagiert. Als sie eintraf, war die Fabrik gerade wegen Kurzarbeit geschlossen, doch sofort versammelten sich hunderte Arbeiter vor den Fabriktoren, die über Mobilfunk, Facebook oder Twitter von der bevorstehenden Schließung erfahren hatten.

Ein älterer Arbeiter berichtete der Zeitung Repubblica, er selbst sei seit 25 Jahren bei Bridgestone, sein Sohn habe bis vor einem halben Jahr als Zeitarbeiter hier gearbeitet, und zwei weitere Söhne seien ohne Arbeit. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Apulien bei über vierzig Prozent. „Wenn die wirklich schließen, dann sind hier zusammen mit der ILVA zwanzigtausend Arbeiter auf der Straße“, sagte er. Beim Stahlriesen ILVA in der Nachbarstadt Tarent sind die Arbeitsplätze seit letzten Oktober akut gefährdet.

Die Arbeiter waren empört darüber, dass ihre Arbeit als „zu teuer“ bezeichnet wurde. „Wir haben hier sehr oft auch samstags, sonntags und feiertags gearbeitet und verdienen gerade mal 1.500 Euro. In den letzten Jahren haben wir einen dramatischen Teil unseres Einkommens verloren“, berichtete ein ältere Arbeiter. Mehrmals habe man von ihnen in letzter Zeit Lohnverzicht verlangt, „einmal war es für die Beschäftigung, das andere Mal für die Umwelt, – einen Grund finden die immer“.

Bis vor kurzem sei die Fabrik immer gut ausgelastet gewesen und habe an Wochenenden sogar zusätzlich Studenten eingestellt. Doch seit einigen Monaten sei sie oft Tage und Wochen lang geschlossen worden.

„Erst vor kurzem haben die hier 120 junge Männer entlassen, die viele Monate hindurch mit uns gemeinsam als Zeitarbeiter, für wenig Geld, geschuftet und Blut gespuckt hatten“, sagte einer. „Jetzt sind wir selbst in der gleichen Lage wie diese Zeitarbeiter.“

Andere Arbeiter schimpften auf die neuen Rentengesetze der Regierung Monti und meinten, wegen des „verfluchten Fornero-Gesetzes“ sei es älteren Kollegen nicht einmal mehr möglich, in Rente zu gehen.

Seit Anfang März versammeln sich die Arbeiter praktisch täglich im Werk, und keine Reifen verlassen die Lager. Zum ersten Mal seit fünfzig Jahren beteiligen sich auch Angestellte aktiv an den Protesten. Am 5. März schickten die Arbeiter eine Delegation zu einer Sitzung des Unternehmerverbandes Confindustria, an der auch Vertreter der Gewerkschaften teilnahmen, und wo es zu tumultartigen Szenen kam.

Regionale und lokale Politiker fürchten, dass die Wut der Arbeiter außer Kontrolle geraten könnte. Deshalb haben sie öffentlich gegen die Entscheidung, das Werk zu schließen, protestiert.

Doch ihre Antwort auf die Schließungspläne ist völlig nationalistisch. Sie läuft darauf hinaus, die Arbeiter in Bari gegen ihre Kollegen an den anderen Standorten auszuspielen und dem milliardenschweren Unternehmen öffentliche Gelder in den Rachen zu werfen.

Regionalpräsident Nichi Vendola von der Partei SEL (Linke, Umwelt, Freiheit) bezeichnete die „Entscheidung der Japaner“ als “vulgar und gewalttätig”. Das Werk in Bari sei seit fünfzig Jahren ein Vorzeigeprojekt, wo exzellente Reifen, unter anderem für BMW in Deutschland, hergestellt würden.

Bridgestone hätte sich nur melden müssen, um bessere Bedingungen zu erhalten. „Unser Büro ist immer offen, um die Bitten anzuhören“, sagte der frühere KPI- und Rifondazione-Funktionär, der als Regionalpräsident von Apulien erhebliche soziale Kürzungen durchgesetzt hat.

Vendola lobte die (noch amtierende) Regierung Monti und Wirtschaftsminister Corrado Passera, weil diese zwölf Stunden nach Ankündigung der Schließung von Bridgestone für den 14. März zu einem Gespräch im Wirtschaftsministerium in Rom eingeladen hatten: „Eine Regierung, welche die Angelegenheiten der Arbeitswelt und unserer Fabriken ernst nimmt, ist sehr wichtig.“

Am 14. März fuhren dann über zweihundert Bridgestone-Arbeiter und Angehörige in fünf Bussen nach Rom, um mehrere Stunden vor dem Ministerium auf der Straße zu warten. Schließlich trat Vendola gemeinsam mit Wirtschaftsminister Passera und dem Bürgermeister von Bari, Michele Emiliano (PD), auf die Straße und verkündete, Bridgestone verzichte nun auf das Adjektiv „unwiderruflich“ im Zusammenhang mit der Schließungsentscheidung.

Passera stellte 140 Millionen Euro als Hilfe für Bridgestone in Aussicht und kündigte für den 5. April einen Runden Tisch mit dem Konzern und Gewerkschaftsvertretern an. Er betonte, dass die Regierung „die Marktmotive, die das Unternehmen leiten, zweifellos als triftig“ anerkenne, jedoch versuchen werde, Arbeitsplätze zu retten.

Die anwesenden Politiker und die Presse bezeichneten dies unverzüglich als großen Sieg. Vendola erklärte die Kampagne zum Boykott von Bridgestone-Reifen, zu der er selbst am 5. März aufgerufen hatte, für beendet.

In Wirklichkeit ist überhaupt nichts gelöst. Selbst wenn der Standort Bari erhalten bleibt, ist völlig ungewiss, wie viele Arbeiter bleiben können und zu welchen Bedingungen. Auch Abfindungen für die Entlassenen, die zudem aus Steuermitteln bezahlt werden, sind keine Lösung. In der Krise kann keine noch so gute Abfindung den Arbeitsplatz ersetzen.

Wie die Politiker signalisierten auch die Gewerkschaften, dass sie bereit sind, auf Kosten der Arbeiter auf alle Wünsche des Unternehmens einzugehen. So sagte Filipello Lupelli, Generalsekretär der Gewerkschaft UIL von Bari: „Es gibt Spielraum für einen neuen Anfang. Wir sind bereit, auch über Opfer zu diskutieren.“

Giuseppe Gesmundo von der Gewerkschaft CGIL dankte Bürgermeister Emiliano und Regionalpräsident Vendola „für ihre Anteilnahme und ihre Unterstützung für den Kampf der Arbeiter und der Gewerkschaft“. Die im Werk vertretenen Gewerkschaften arbeiten eng mit dem Bürgermeister und dem Regionalpräsidenten zusammen und werden alles akzeptieren, was man den Arbeitern aufbürdet.