Opel-Bochum: „Die IG Metall hat uns verraten und verkauft”

Von unseren Korrespondenten
10. Mai 2013

Die Stimmung am Werktor 4 der Adam Opel AG in Bochum ist angespannt. Knapp sechs Wochen nach der Ablehnung des Mastervertrags schwelen Wut und Empörung unter den Beschäftigten über die beschlossene Stilllegung des Werkes, das die meisten von ihnen einmal als „ihres” angesehen haben.

Neben einem Parkplatz hat sich eine Gruppe von Arbeitern vor der Schicht zu einer kleinen Runde zusammengefunden. Auf ihre Situation angesprochen, sprudelt es förmlich aus ihnen heraus: „Sie haben uns total verschaukelt”, sagt einer und ein zweiter stimmt ihm zu. „Erst haben sie uns nicht informiert, dann haben sie uns bewusst hintergangen.”

Arbeiter verlassen das Opel-Werk

Die Worte der Männer gelten weder der Betriebsleitung, noch dem Mutterkonzern General Motors, von denen sie in eigenen Worten „seit Jahren nur Lügen und falsche Versprechungen gewohnt sind”. Sie gelten der IG Metall.

„15 Jahre lang haben sie uns gedrängt, ein Zugeständnis nach dem anderen zu machen”, sagt ein Arbeiter und nennt Zahlen. „Wenn ich die letzten zehn Jahre betrachte, habe ich insgesamt 50.000 bis 70.000 Euro eingebüßt.”

Ein Kollege nickt zustimmend. „Erst verzichtest du auf 1,25 Prozent deines Lohnes, um den Standort zu sichern. Dann verzichtest du auf 60 Prozent deines Weihnachtsgelds, damit die Jugendlichen übernommen werden. Dann geht es darum, Entlassungen zu verhindern. Schließlich stundest du ihnen sogar die Urlaubsgeldzahlungen. Und was hast du am Ende davon…?”

„Berthold Huber (der Chef der IG Metall) ist in meinen Augen ein Krimineller. Er und seine Truppe haben uns verraten und verkauft”, schnaubt einer und erhält von allen Seiten Zustimmung.

Einen Tag zuvor haben in Hessen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Thüringen Warnstreiks stattgefunden. „Glaubt ihr, irgendjemand hätte uns darüber informiert? Solidarität ist für die IG Metall doch ein Fremdwort!” sagt einer und ergänzt: „Einstündige Warnstreiks sind doch lachhaft!”

Das habe sich schon bei der Organisation der Abstimmung über den Mastervertrag gezeigt. „Die Kollegen aus den anderen Werken hatten den gesamten Vertrag gar nicht zu sehen bekommen, nur einen Zettel mit ihren Produktionszusagen“, berichtet ein Arbeiter. So hätten die Opelaner in Rüsselsheim, Kaiserslautern und Eisenach gar nicht gewusst, dass sie mit ihrer Zustimmung das Todesurteil für Bochum unterzeichnen. „Die [von der IGM] wollen uns bewusst spalten“, sagt Andreas, der in der Logistik arbeitet.

Es ist eine Mischung aus Bitterkeit, Enttäuschung und Wut, die einem an diesem Tag vor dem Werkstor entgegenschlägt. Und sie gilt nicht nur der Gewerkschaft.

„Der Betriebsrat hat uns genauso hintergangen wie die IG Metall”, sagt ein Lackierer, seit 30 Jahren Opelaner. „Der hat sich mehrmals in Frankfurt mit der Geschäftsleitung getroffen und uns kein Wort darüber gesagt, was da hinter verschlossenen Türen verhandelt wurde.” Viele Arbeiter geben diese Einschätzung ab. „Der Einenkel (der Bochumer Betriebsratsvorsitzende) hat bestimmt schon längst einen Deal gemacht, nur uns erzählt er nichts.“ Sie vermuten ein Stillhalteabkommen zwischen Betriebsrat und Geschäftsleitung.

Ein fast sechzigjähriger Kollege bleibt kurz an seinem Auto stehen. „Mich betrifft das alles bald nicht mehr”, sagt er in Anspielung auf sein Alter, „Aber die Jungen, die haben ihr Leben noch vor sich. Die bräuchten jemand an ihrer Seite, der für sie kämpft und sie nicht im Stich lässt, so wie der Betriebsrat uns im Stich gelassen hat.”

Ein Monteur der Endfertigung nennt Namen: „Der (Gesamtbetriebsratsvorsitzende) Schäfer-Klug lässt sich hier seit Wochen nicht mal mehr blicken. Und der Einenkel unternimmt einfach gar nichts.” Ein junger Kollege mischt sich ein. „Der Einenkel hat die Werksschließung doch längst akzeptiert! Nur uns erzählt er ständig was anderes.”

Eine halbe Stunde später verlassen die ersten Arbeiter der Frühschicht das Werk. Vor etwa zwei Stunden hat eine Informationsveranstaltung des Betriebsrates stattgefunden. Viele von ihnen sind gar nicht hingegangen. „Was haben wir von denen noch zu erwarten?” fragen sie und winken ab.

Andere waren da. Auf die Frage, was es Neues gibt, zucken sie mit den Schultern. „Ausreden, wie immer.” „Hinhaltetaktik“ nennen dies die meisten. Einenkel verweise immer wieder auf „Verhandlungen“, nun endlich auch auf lokaler Ebene. Doch viele sind sich sicher: Da geht es nur noch um die Abwicklung Ende 2014. Im Opelaner-Forum wird berichtet, dass kritische Nachfragen nicht möglich waren.

„Viele wollen hier nur noch raus“, sagt ein Opel-Arbeiter. Ein älterer Beschäftigter erzählt, wie viele der Kollegen durch die drastisch gestiegene Arbeitsbelastung krank geworden sind. Ein Mann von der Bandmontage schildert, wie er pro Schicht etwa zehn Kilometer neben dem Band herlaufen muss, um sein Arbeitspensum zu schaffen – mit 55 Jahren.

Ein junger Arbeiter kommt hinzu und überrascht alle Anwesenden mit der Nachricht, dass er erst vor zwei Tagen eingestellt wurde. Die Details sind enthüllend: Die Betriebsleitung muss wegen des hohen Krankenstandes Aushilfen beschäftigen. Der junge Mann ist Leiharbeiter und verdient pro Stunde 8,19 Euro.

„Das Leben hier hat nichts mehr mit dem zu tun, was die meisten von uns sich vorgestellt haben, als wir vor dreißig oder vierzig Jahren hier mit der Arbeit begonnen haben.”

Auf einem Flugblatt der Partei für Soziale Gleichheit (PSG) werden die Arbeiter mit Bob Kings Vorschlag konfrontiert, erneut über den Mastervertrag abzustimmen. Jerry Whites Artikel von der World Socialist Website trifft ins Schwarze. In diesem Punkt sind sich alle einig. Keiner der Arbeiter ist bereit, von seinem „Nein” abzurücken. „Wenn tatsächlich noch einmal abgestimmt würde, wäre die Ablehnung noch größer als beim ersten Mal”, sagt einer und erntet allgemeine Zustimmung.

„Was würdet ihr uns denn in dieser Situation ganz konkret raten?” fragen einige Arbeiter, die das Flugblatt gelesen haben und vom Team der PSG über die sozialistische Perspektive der Partei informiert wurden.

Über die Frage eines Arbeitskampfs diskutieren die Arbeiter schon lange. „Wenn wir streiken, stehen wir allein da. Die IGM unterstützt uns darin nicht“, sagt einer. „Und der Betriebsrat auch nicht“, ergänzt sein Kollege. Mehrere Arbeiter weisen auf die finanziellen Verluste bei einem Streik hin.

Als sie den Vorschlag hören, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, Betriebsgruppen und Basiskomitees zu gründen, reagieren sie zurückhaltend. Sie wissen: Wenn sie für ihre Interessen kämpfen wollen, müssen sie dies gegen IGM und Betriebsrat tun.

„Die letzten Monate haben viele von uns zermürbt”, sagt ein jüngerer Monteur fast entschuldigend „Aber ich sage euch – eure Flugblätter liegen überall aus und werden heftig diskutiert.”