Fitzgeralds The Great Gatsby gegen Prinz Harry und seine amerikanischen Polo-Freunde

Von David Walsh
22. Mai 2013

“Prinz Harry rundete seine sehr erfolgreiche einwöchige Rundreise durch die Vereinigten Staaten heute in für ihn sehr behaglicher Weise ab, indem er dem Polospiel frönte. (…) Er wurde vom Klubgründer Peter Brandt [sic] und seiner Frau, dem Model Stephanie Seymour, herzlich empfangen. Der 65-jährige Brandt (seine Frau ist 44 Jahre jung) ist ein amerikanischer Industrieller und Geschäftsmann mit einem geschätzten Vermögen von 2,7 Milliarden Dollar.“ – Daily Mail, 15. Mai 2013

“Laut dem ungenannten Freund hoffte [Prinz] Harry, den Regisseur des Großen Gatsby Baz Luhrmann (ein Freund seines Vaters [Prinz] Charles) sehen zu können, doch jegliche Vertraulichkeiten mit Hollywood sind untersagt.“ – New York Post, 9. Mai 2013

“Mrs. Buchanan. .. und Mr. Buchanan —” Nach einem winzigen Zögern fügte er [Gatsby] hinzu: “– der Polospieler. ”

“Ich möchte eigentlich nicht so gern der Polospieler sein”, sagte Tom leichthin. “Ich möchte mir all diese berühmten Leute gern völlig …inkognito ansehen. ” Der große Gatsby, F. Scott Fitzgerald

Der Mitte Mai erfolgte Amerika-Besuch des Prinzen Harry von Wales, der an dritter Stelle in der britischen Thronfolge steht, fällt mit der Veröffentlichung einer neuen Verfilmung von F. Scott Fitzgeralds Der große Gatsby (1925) zusammen. Dies wirft eine Reihe von Fragen auf.

Harry ist der jüngste Sohn von Prinz Charles und der verstorbenen Prinzessin Diana. Besondere und sehr aufschlussreiche Bekanntheit erlangte er, als er im Januar 2005 mit Hakenkreuzbinde und einer deutschen Afrikakorpsmontur auf einer Kostümparty erschien. Die Sun, ein britisches Boulevardblatt, veröffentlichte ein Foto des zwanzigjährigen Prinzen unter der wenig schmeichelhaften Schlagzeile „Harry, der Nazi.“ Vier Jahre später machte Harry erneut Schlagzeilen, als er in einem Video ein pakistanisches Mitglied seiner britischen Militäreinheit als „unseren kleinen Paki-Freund“ bezeichnete.

Die jüngste Amerika-Visite des Prinzen trägt den Charakter einer fortgesetzten Schadensbegrenzung, nachdem er bei seinem Besuch im August 2012 in Las Vegas ein Fiasko erlitten hatte: Er wurde nackt fotografiert, als er das “Saufspiel“ Strip-Billard in einer „High-Roller-Suite“ spielte, einer Räumlichkeit im Kasino, die nur Spielern zugänglich ist, die um besonders hohe Einsätze spielen.

Die Reise dieses Monats sollte Harry als verantwortungsvolle, einfühlsame und nüchterne Persönlichkeit präsentieren. Offizieller Zweck des Besuchs war die Unterstützung der Rehabilitation amerikanischer und britischer Soldaten, „unserer verwundeter Krieger“, wie sein Privatsekretär Jamie Lowther-Pinkerton den Medien sagte. Etwas außer der Reihe fuhr Harry ebenso nach New Jersey, um in Begleitung von Gouverneur Chris Christie die Schäden zu besichtigen, die Hurrikan Sandy im letzten Herbst hinterlassen hatte. Während seiner Stippvisite an die Atlantikküste, dem „Jersey Shore“, entflogen dem Prinzen die weisen Worte: „Es ist ein fantastischer amerikanische Geist: Alle tun sich zusammen und die Dinge werden richtig gehandhabt.“

Es ist indessen der letzte Halt auf Harrys Trip, der uns momentan am meisten interessiert. Am Mittwoch beteiligte er sich an einem Wohltätigkeitspolomatch in Greenwich, Connecticut, das den Charakter eines Stelldicheins mit Multimillionären und „Berühmtheiten“ hatte, Amerikas sogenannter Aristokratie.

Und dies in stilvollem Ambiente. Greenwich, im wohlhabenden Fairfield County gelegen, ist eine der reichsten Ortschaften in den Vereinigten Staaten. Mit einem durchschnittlichen Jahresfamilieneinkommen von 167.502 Dollar und einem Durchschnittshäuserpreis von 1,9 Millionen Dollar führte das Money-Magazin im Jahr 2012 Greenwich auf Platz zwei seiner Liste der „Spitzenverdiener-Städte“ (es war in früheren Jahren auch schon mal auf Platz eins). Wenn Sie sich hier („ein Magnet für Hedgefonds und eine Attraktion für Finanzdienstleister“) niederlassen wollen, empfiehlt das Magazin: „Bringen Sie ihr Scheckbuch und ihr Schweizer Bankkonto mit.“

Das Match fand im exklusiven Greenwich Poloklub statt. Ein Berichterstatter vermerkte: „Die Gäste des Polomatches dinierten zu gegrilltem Pfefferochsenfilet, serviert mit Rucola und Frühlingssalat sowie knusprig warmen Brötchen, gefolgt von Karamellcreme mit Vanillebohnen, gemischtem Beerenkompott, Zitronenquark mit verschiedenen Beeren und kleinen Trüffelplätzchen.

Insgesamt nur 400 Plätze waren verfügbar, was allerdings dazu führte, dass in der Stadt buchstäblich ein heißer Kampf um Zugang entbrannte: dutzende elegant gekleidete Damen – junge und alte – versuchten, sich eine Einladung zu erbitten, zu erborgen oder zu stehlen.“ (Der regulär zu entrichtende Betrag, um die sieben Saisonspiele des Poloklubs zu sehen, beträgt 1.000 Dollar, doch für Harrys Match wurden keine Eintrittskarten zum Kauf angeboten.)

Gastgeber des Prinzen im Poloklub war sein Begründer Peter Brant, Erbe eines Papierunternehmens und heute mutmaßlich im Besitz mehrerer Milliarden Dollar. Er hält zurzeit White Birch Paper, einen der größten Papier- und Zellstoffbetriebe Nordamerikas, und Brant Publications in Händen. Brant, Eigentümer eines Anwesens mit einer Fläche von 21 Hektar in Greenwich, hat Bekanntheit erworben aufgrund seiner Kunstsammlung im Wert von zig Millionen Dollar sowie dank seiner Ehe mit dem ehemaligen Model Stephanie Seymour. Das Paar reichte im Jahr 2010 die Scheidung ein und trug seinen unappetitlichen Beziehungskrieg öffentlich aus, wobei die beiden einander der Drogenabhängigkeit und des Kunstraubs bezichtigten. Später versöhnten sie sich wieder. Brant verbrachte außerdem im Jahr 1990 wegen Steuerhinterziehung 84 Tage in einem Bundesgefängnis.

Im Februar 2010 meldete White Birch Insolvenz an. Zu dieser Zeit beschäftigte das Unternehmen 1.300 Arbeiter in seiner Stadacona-Papierfabrik im kanadischen Quebec. Nachdem die Arbeiter ein Angebot abgelehnt hatten, das ihre Löhne und Rentenansprüche drastisch reduziert hätte, erklärte das Unternehmen im Januar 2012, es würde die Fabrik „endgültig“ schließen. „Die Gewerkschaft“, berichtete ein CBC-Beitrag, „sagte, dass gemäß Birchs letzem Angebot Arbeiter über 55 Jahre 45 und jüngere Beschäftigte 65 Prozent des Werts ihrer Renten verlieren würden.“

Im Juni 2012 erbot sich die New York Times in einem Artikel ihrer Fashion-&-Style-Sparte dazu, Brants Söhnen Peter II und Harry (!) den Staub von den Schuhen zu küssen und taufte sie „Die neuen Prinzen der Stadt“. Das Machwerk nannte das Bruderpaar „die bestbeleumdete Frucht einer vom Übermenschen [im Original deutsch] vollzogenen unbefleckten Empfängnis. (…) Trotz ihrer Jugend sind die Jungs allgegenwärtig auf der Bühne des Jetsets und Partyfotograph Patrick McMullan produziert stapelweise Bilder von ihnen. Jeder ihrer Schritte wird von verschiedenen Mode-Blogs verfolgt.“

Im November 2012 brachte es einer dieser beiden ungekrönten Prinzen, Peter, aufgrund eines unmittelbar nach Barack Obamas Wiederwahl an seinen Freund Andrew Warren verschickten Textes bis in die Nachrichten. Wie die Greenwich Time berichtet, verlief die Konversation folgendermaßen:

“Ich schätze, wir sind arm dran jetzt,“ jammert Warren.

“Ich habe einen Notfallplan,” antwortet Brant. „Bring Obama um hahaha.“

Warren schrieb darauf: “HAHA, zumindest haben Frauen Rechte. Oh warte, mich kümmert das nicht.“

Brant antwortete: “Hahahaahaha, genau.”

Es erübrigt sich zu bemerken, dass weder gegen Brant noch Warren wegen terroristischer Drohungen ermittelt worden ist.

Fitzgerald und Der große Gatsby gelangen in die Geschichte dieses schäbigen Gelichters über folgende Verkettungen.

Zunächst war es verblüffend, zu erfahren, dass die New York Post den aus Australien stammenden Filmregisseur Baz Luhrmann für „einen Freund“ von Harrys Vater, Prinz Charles, hält und dass der junge Prinz hoffte, mit dem Filmemacher in den Vereinigten Staaten zusammenzutreffen. Bei der Premiere von Luhrmanns grässlichem Moulin Rouge (2001) hatte Charles einen publikumswirksamen Auftritt.

Es kann ohne große Anstrengung gezeigt und nachgewiesen werden, dass niemand, der die persönliche Bekanntschaft eines Mitglieds der britischen Königsfamilie genießt, ein Problem damit hätte, Fitzgeralds Roman anzugreifen, der eine tiefgehende Abneigung für die reichen Müßiggänger ausdrückt.

Eine der Bemühungen des gewissenlosen Geschäftemachers Jay Gatsby, sich als Mann von Reichtum und Erziehung neu zu erfinden, beinhaltet seine kurze Episode in Oxford und eine Fotographie, die er immer mit sich trägt. Das Foto ist, erklärt Gatsby, „im Innenhof des Trinity College gemacht worden – der junge Mann links von mir ist jetzt der Earl of Doncaster.“

Der Erzähler fährt fort: “Das Foto zeigte ein halbes Dutzend junge Männer in Blazern, die in einem Torbogen herumlungerten, hinter

dem man eine Menge gotischer Türmchen erkennen konnte. Gatsby sah ein bisschen, aber nicht viel jünger aus und hielt einen Cricketschläger in der Hand.“ Der Roman braucht sich nicht zu bemühen, dasjenige auszusprechen, was der Autor über den Earl of Doncaster und seine parasitäre Sippschaft denkt.

Polo, in welchem sowohl Prinz Harry als auch Brant sich offenbar hervortun, ist ein wichtiges soziales Motiv im Gatsby. Das Spiel dient als eine Art Synonym für die Nutzlosigkeit und Hohlheit der alten vermögenden Klassen und wird eng mit Tom Buchanan identifiziert, der niederträchtigsten Figur des Buches.

Das Eingangskapitel des Romans teilt über Buchanan mit: „Seine Familie war enorm reich (…), aber die Art und Weise, wie er jetzt von Chicago nach Osten gekommen war, war schlechterdings atemberaubend: So hatte er zum Beispiel eine ganze Auswahl von Polo-Pferden aus Lake Forest mitgebracht. Es fiel einem schwer, sich vorzustellen, dass ein Mann meiner eigenen Generation reich genug war, um so etwas zu tun.“

Das Buch fährt fort mit der Beschreibung Toms und seiner Frau Daisy: „Sie hatten ohne besonderen Anlass ein Jahr in Frankreich verbracht und waren dann ruhelos überall hierhin und dorthin gezogen, wo Leute Polo spielten und zusammen reich waren.“ Wunderbar ausgedrückt: „Überall wo Leute Polo spielten und zusammen reich waren.“

In Kapitel vier finden sich Tom und Daisy auf einer von Gatsbys extravaganten Partys ein und der Gastgeber kapriziert sich darauf, seinen Rivalen Buchanan, dessen Frau er liebt und mit der er fünf Jahre lang zusammen war, auf subtile Art zu verletzen und ihn in jener Weise einzuführen, die zu Anfang dieses Artikels zitiert wurde: als „den Polospieler“. Dies stellt eine nicht besonders subtile Weise dar, Tom als bloßen Müßiggänger zu präsentieren.

Den Köder schluckend, versucht Buchanan, die Anrede zurückzuweisen. „‘Aber nein‘, widersprach Tom sofort. ‚Ich doch nicht.‘ Aber Gatsby fand offenbar, dass es gut klang, denn Tom blieb für den Rest des Abends ‚der Polospieler‘.“

Sein Leben lang war Fitzgerald fasziniert von den sehr Reichen und es wäre falsch, zu glauben, dass diese Haltung frei von Mehrdeutigkeiten war. Doch kein amerikanischer Autor hat jemals so direkt, einfühlsam und schonungslos über die Reichen geschrieben wie Fitzgerald, wenn er klarblickend und unbeeindruckt war.

In der Erzählung Der reiche Junge (1926) schrieb er die bekannten Worte: “Lassen Sie mich von den sehr Reichen erzählen. Sie sind anders als Sie und ich.“ Der Erzähler stellt fest, dass die einzige Möglichkeit, seinen Protagonisten (den reichen Jungen im Titel) einzuführen, darin besteht, „sich ihm zu nähern, als sei er ein Fremder und sich eng an meinen Blickwinkel zu halten.“

In einem Brief aus dem Jahr 1938 schrieb Fitzgerald: “Das war stets meine Erfahrung: ein armer Junge in einer reichen Stadt; ein armer Junge in einer Schule für reiche Jungs; ein armer Junge in einem Klub für reiche Männer in Princeton (…) Ich war niemals in der Lage, den Reichen zu verzeihen, dass sie reich waren, und dies färbte sich ab auf mein gesamtes Leben und Arbeiten.“

In ihrem autobiographischen Werk College of One [Lehrgang für einen Einzelnen] erinnert sich Sheilah Graham, die Gefährtin Fitzgeralds in seinen letzten Lebensjahren, dass „Scotts Bibliothek zwei große Bände von [Marxens] Das Kapital enthielt.“ Marx Bemerkung über „[Die Vereinigung] alle[r] Fraktionen der herrschenden Klassen, Grundeigentümer und Kapitalisten,

Börsenwölfe und Krämer, Protektionisten und Freihändler, Regierung und Opposition, Pfaffen und Freigeister, junge[r] Huren und alte[r] Nonnen, unter dem gemeinschaftlichen Ruf zur Rettung des Eigentums, der Religion, der Familie, der Gesellschaft“, entlockte Fitzgerald die Äußerung: „ Große Prosa.“

Graham teilt weiter mit, dass der Autor “immerzu ganz entschieden auf Seiten der Armen und Unterdrückten stand. Er verabscheute Leute wie [die Erbinnen] Barbara Hutton, [Mary] Woolworth Donahue und insbesondere Tycoons aus der Geschäftswelt. ‚Ich kenne nicht einen Geschäftsmann, den ich in der anderen Welt wiedersehen möchte – wenn es denn eine andere Welt gibt,‘ sagte Scott.“

Es ist klar, was Fitzgerald über “Harry, den Nazi” und Mr. Brant, „den Polospieler“, gedacht haben würde. Und es ist gleichermaßen unwahrscheinlich, dass er Luhrmann, dem Freund des Mannes, der Erster in der Nachfolge des englischen Königsthrones ist, viel seiner Zeit widmen würde.

Die immer weiter um sich greifende Vorliebe der Superreichen in Amerika für das britische Königshaus hat unmissverständliche soziale Wurzeln, wie wir im Dezember 2012 bemerkten: „Die Vereinigten Staaten werden heute von einer Großfinanz- und Wirtschaftsaristokratie regiert, die unendlich mehr mit George III. und Jefferson Davis gemein hat als mit [Thomas] Paine, [Thomas] Jefferson, [Abraham] Lincoln, den Abolitionisten, [Mark] Twain und jeglicher anderer fortschrittlichen Person der US-Geschichte.

Amerikas Multimillionäre und Milliardäre sowie deren Mitläufer beneiden die „Legitimität“ des britischen Königtums und die Mistgrube der Aristokratie. Sie begehren höchstselbst nach solchen Rängen und verachten den „einfachen Mann“ mit derselben Inbrunst, wie die Aristokraten früherer Zeitalter.“

Daher das Gedränge in Greenwich, bei dem sich der menschliche Unrat dieser beiden Länder durchmengte.